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Raumnot in Ödgebiet

Mitten im Kulturhauptstadtjahr droht das Ruhrgebiet eine ganze Generation junger Künstler und Künstlerinnen zu  verlieren. In einer Region, in der Leerstand eines der größten Probleme ist, finden sie keinen Raum. Und weder die Kulturhauptstadtfunktionäre noch die Politik  interessiert sich für sie.

Nach nur wenigen Stunden war die zweite Hausbesetzung von Künstlern im Ruhrgebiet beendet. Die alte Kronenbrauerei wurde von der Polizei geräumt. Wenige Wochen zuvor endete die Besetzung eines leerstehendes DGB-Hauses in Essen mit der Aufgabe  des Gebäudes durch die Besetzer. Sie waren damit der Räumung durch den DGB zuvorgekommen.

In Dortmund hatte der Besitzer der alten Kronenbrauerei, ein CDU-Politiker, das Gebäude sofort räumen lassen. Dabei steht die Kronenbrauerei seit Jahren leer.

Im Ruhrgebiet stehen zahlreiche Gebäude leer. Das Revier ist kein Boomland, eher ein Ödgebiet: Die Menschen ziehen weg, Betriebe schliessen. Ob Bürogebäude, Wohnhäuser oder Hallen – im Ruhrgebiet ist Leerstand ein Alltagsphänomen. Eigentlich gute Bedingungen für Künstler, die Räume suchen. Vor allem im Jahr der Kulturhauptstadt. Deren Planer hatten sich ja vorgenommen, Räume für Künstler zu besorgen. Natürlich ohne Erfolg. Was, ebenso natürlich, für die Verantwortlichen ohne Konsequenzen bleibt. Bernd Fesel, zuständig für Kreativimmobilien bei der Ruhr2010, darf auch im kommenden Jahr auf Kosten der Steuerzahler zeigen, dass er nichts kann. Dann wird er als stellvertretender Direktor von ECCE für Kreativimmobilien zuständig sein.

Es wird Zeit die Frage der Immobilien für Künstler nicht mehr Typen wie Fesel zu überlassen. Das Ruhrgebiet sollte sie selbst in die Hand nehmen und den Versagern zeigen dass sie Versager sind. Es gibt zahlreiche leerstehende Gebäude in öffentlicher Hand. Sie gehören den Städten, dem Land oder stadtnahen Betrieben. Für viele gibt es kein kurz- oder mittelfristiges Nutzungskonzept. Es gibt für all die freien Flächen und leerstehenden Büros schlicht und ergreifend keine Interessenten. Sie werden im schrumpfenden Ruhrgebiet nicht gebraucht. Aber was wir hier brauchen sind Menschen wie die Besetzer aus Dortmund und Essen. Verlässt diese Generation von Kreativen  das Ruhrgebiet, und sie wird es tun,  ist dieser Verlust  nicht auffangbar.

In den Städten des Ruhrgebiets  sollte jetzt schnell nach Räumen gesucht werden, die  sich für eine Zwischennutzung  durch Kreative eignen. Dabei sollten Politiker und Bürger den Verwaltungen Druck machen  und mit den Kreativen zusammen arbeiten. Das Problem der Raumnot von Künstlern lässt sich innerhalb weniger Wochen lösen. Dazu braucht man weder Fesel noch Gorny. Deren notorische Erfolgslosigkeit  disqualifziert sie als Ansprechpartner für Künstler wie für Kommunen. Ein Beispiel: Nach Wochen der von Gorny moderierten Gespräche zwischen den ehemaligen Besetzern des DGB-Hauses in Essen und dem DGB geht es nur noch um eine eventuelle Galerienutzung im Parterre des DGB-Hauses. Über Arbeitsräume für die Künstler wird nicht mehr gesprochen.

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15 Kommentare zu “Raumnot in Ödgebiet

  • #1
    Thomas

    Was es auch braucht, um sich selbstbestimmte Räume anzueignen, ist Know-how.

    Seinerzeit, in den Hochzeiten des Krakens, also der Hausbersetzerbewegung der Niederlanden in den Achtzigern in der Randstad, vornehmlich in Amsterdam, haben sich da Konzepte durch Erfahrung entwickelt.

    Darauf kann zurück gegriffen werden, ist alles bestens dokumentiert.

    Raumplaner, grundlegend dazu:

    http://www.ikzm-d.de/infos/pdfs/Partizipation_und_Raumplanung.pdf

    Zur Idee der Zwischennutzung gibt es auch viele Konzepte.

    http://www.zwischennutzung.net/anleitung.htm

    Eine geniale Zwischennnutzung ist etwa der Campingplatz Tentstation in Berlin, direkt am neuen Hauptbahnhof und am Reichstag.

    http://www.tentstation.de/deutsch/index.php

    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/291761

  • #2
    Manfred Michael Schwirske

    Ganz recht, Stefan. Eine neoliberale Lösung der Raumnot z.B. für Künstler gibt es nicht. Und die weitgehend neoliberalisierte öffentliche Hand ist – selbst bei guter Absicht – strukturell längst nicht mehr in der Lage zu handeln.

    Die Erklärung des Problems mit persönlicher Unfähigkeit – was ich nicht beurteilen kann, Dir aber glauben will – greift viel zu kurz.

  • #3
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Manfred: So bekommst Du mich nicht :-). Ohne Subventionen für die Industriekultur etc. wäre der Vermarktungsdruck höher und die Preise niedriger.Ergo: Es gäbe mehr Flächen für kleineres Geld. Oder ein Interesse an einer Immobilienerhaltenden Zwischennutzung wäre da. Und so neoliberalsisiert ist die öffentliche Hand leider auch nicht: In dem vernünftigen Unternehmen würde jemand wie Fesel wegen Erfolgslosigkeit rausfliegen. Genau deswegen tummeln sich doch solche Gestalten immer dort, wo öffentliches Geld fließt und Leistung nicht zählt.

  • #4
    Helmut Junge

    @Autor,
    Form den Satz mal so, daß ich den kapiere: „Verlässt von Kreativen diese Generation das Ruhrgebiet, und sie wird es tun, ist dieser Verlust nicht auffangbar.“
    Übrigens sehe ich den Zusammenhang etwa so:
    1. Es gibt mittlerweile eine größer werdende Gruppe Personen, die so viel Immobilien besitzen, daß sie damit überhaupt nichts anfangen können.
    2. Es gibt aber auch eine immer größer werdende Gruppe Personen, die so wenig Einkommen haben, daß sie nicht mal ein Dach für sich und ihre Arbeitsergebnisse haben. Dabei handelt es sich um Künstler, deren Arbeitsergebnisse ihnen selber ein gewisses Maß an Lebenserhaltssicherung gäbe, falls sie arbeiten könnten.
    Außerdem würde ihr Schaffen das kuturelle Leben, und damit die Lebensqualität aller Menschen verbessern.
    Die Kommunen bieten Lösungen an, die keine sind, und eher Scheinlösungen sind.
    Ich gehöre weder zur ersten Gruppe Personen, noch zur zweiten Gruppe.
    Aber ich finanziere alles über meine Steuern.
    Und zwar bezahle ich auf drei bis vierfache Weise.
    Erstens die Stütze für die Künstler.
    Zweitens die Gehälter dieser sonderbaren Vermittler.
    Drittens den Polizeieinsatz, den die Immobilienbesitzer anfordern, wenn ihr ihr plötzlich ans Herz gewachsenes Eigentum durch die Künstler vorübergehend ohne ihre Zustimmung genutzt wird.
    Dafür, daß ich das alles bezahle, entgeht mir ein wichtiges Stück Kultur und ich muß auf immer mehr, langsam verfallende Ruinen gucken.
    Wenn die kommunalen Politiker ihren Job wirklich machen würden, bekäme ich, für viel weniger Geld, mehr Kultur, und weniger Polizeieinsätze.

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  • #6
    Beate

    Der Unterhalt der Gebäude kostet viel Geld. Und sie stehen in den Geschäftsbüchern der sie Besitzenden zu Mondpreisen.

    Ich denke viele Gebäude würden zum symbolischen Euro liebend gern verschenkt werden, wenn die neuen Besitzer für die Unterhaltskosten von vielen tausend Euro pro Monat aufkommen würden.

    Dafür haben die Besetzer aber kein Geld.

  • #7
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Beate: Sowohl in Essen als auch in Dortmund ging es um eine Zwischennutzung der Gebäude – die Unterhaltskosten wollten die Besetzer übernehmen. Der Besitzer hätte also keinen Nachteil gehabt – im Gegenteil: Die Immobilie wäre vor Vandalismus geschützt gewesen.

  • #8
    Manfred Michael Schwirske

    Ist recht, Stefan. Du konzentrierst Dich auf die Erklärung mit der Unfähigkeit. Die ist empirisch meist gedeckt. Ist also nicht falsch. Aber die Ursachen sind damit nicht erfasst.

    Auch der Hinweis auf die Subventionen ist rein ideologisch, da für Immobilien und Mieten keine eigentlichen „Märkte“ existieren. Fakt ist, dass hier Gruppen und Menschen mit Räumen und Dienstleistungen versorgt werden sollen, die weder über Geld noch über politische oder ökonomische Macht verfügen.

    Die ignoriert und eliminiert die neoliberale Wirklichkeit. Wie geschehen.

  • #9
    Arnold Voß

    Für Immobilien und Mieten gibt es sehr wohl Märkte, Michael. Nachfragemärkte und auch Angebotsmärkte. Es gibt allerdings beim Angebot objektive Mengen und Lagegrenzen, was Preise respektive Mieten in bestimmten Lagen unter bestimmten Nachfragebedingungen in enorme Höhen schrauben kann.

    Das Steuer- und Baurecht unterstützt allerdings das Leerstehenlassen von Gebäuden und unterläuft damit den Angebotsmarkt zusätzlich. Wäre dies nicht so, wären mehr Gebäude zu wesentlichen niedrigeren Mieten am Markt. Dabei würde sich für die Vermieter auch eine reine Kostenmiete lohnen, weil durch die so gegebene Nutzung das Gebäude zumindest instandgehalten werden kann.

    Wer aber mit Grundstücken und Gebäuden spekuliert, wird schon deswegen keine Zwischenutzungen zu lassen, weil diese den schnellen Verkauf des Gebäudes/Grundstücks erschweren bzw. den Verkaufspreis senken. Auch Zwischennutzer brauchen nämlich eine Mietmindestzeit, wenn sich das selbst bei niedrigster Miete für sie lohnen soll. Menschen die einen Mietvertrag haben sind aber auch bei seiner zeitlichen Begrenzung juristisch weitaus schwerer/langwieriger aus Gebäuden zu vertreiben als Besetzer.

    Ach ja, in unserem Staat werden auch Menschen mit wenige Geld und Macht zumindest mit einer Wohnung versorgt, und das ist gut so.

  • #10
    Manfred Michael Schwirske

    Stimme ich zu, Arnold. Die Märkte zerfallen allerdings in politisch erzeugte Teilmärkte, wobei Subventionen Regel und nicht Ausnahme sind.

    Stefan unterstellte – wenn ich sein Argument richtig verstehe – dass Gegenteil und vermutete, dass die „Unterversorgung“ der Künstler eine Folge unerwünschter Subvention sei.

    Eher trifft das Gegenteil zu. Die abgeräumten Künstler haben kein Geld (um sich am Markt zu bedienen) und sie haben auch keine Lobby, um an den Teilmärkten versorgt zu werden. Zweiteres liegt nicht an unfähigen „Moderatoren“ sondern an einer „Politik“ der kommunalen Verelendung.

  • #11
    Dirk Haas

    @All
    Es ist ganz anders: „Überall an der Ruhr (und am Rhein) sprießen, oft öffentlich gefördert, Kreativ-Quartiere und Kreativ-Zentren hervor“.

    So jedenfalls lautet die aktuelle Lagebeurteilung aus dem situation room der Kultur- und Kreativwirtschaft in NRW.

  • #12
    Arnold Voß

    Dirk, danke für den Hinweis. Da fallen mir sofort die Besucherzahlen zur Loveparade ein, die Adolph Sauerland und die zuständigen Kulturhauptstadtfuzzis vor der Veranstaltung genannt haben. Wie hat Sauerland jetzt so schön dazu gesagt:Das sind die Marketing Zahlen gewesen. Sprich:Lügen gehört zum Geschäft.

  • #13
    ch_we

    @Dirk

    Im Blütestadium sind die Sprößlinge aber noch nicht angekommen, oder? Andererseits ist blumige Metaphorik ja auch ein Statement.

  • #14
    Dirk Haas

    Christian (#13), ich vermute, Kreativquartiere verbreiten sich wie Indisches Springkraut (-:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Drüsiges_Springkraut

    Eine Bemerkung noch zum Beitrag selbst: Die Debatte gewinnt nicht, wenn man falsche Zuschreibungen („Metropole“) durch genauso so falsche („Ödgebiet“) ersetzt. Dieses Denken, dass es nur Metropole oder Provinz gibt, nichts anderes und nichts dazwischen, ist der tiefere Grund für Kampagnen wie „Metropole Ruhr“. Solange man sich in diesen Kategorien bewegt, trampelt man konzeptionell auf der Stelle.

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