
Europa steht vor einem selbstverschuldeten Desaster. Während in Nordostsyrien – in Rojava – ein demokratisches Projekt zerbricht, zerbricht zugleich das moralische Fundament europäischer Außenpolitik. Was dort geschieht, ist kein ferner regionaler Konflikt. Es ist der Anfang einer Kettenreaktion, deren Auswirkungen wir hier spüren werden: politisch, gesellschaftlich, sicherheitspolitisch. Wer das ignoriert, handelt fahrlässig. Unser Gastautor Sercan Celik ist Vorsitzende der SPD in Kierspe.
Seit Jahren kämpfen die Kurden und andere Minderheiten in Rojava an vorderster Front gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Sie haben Städte verteidigt, Massaker verhindert, den IS territorial zerschlagen – nicht aus abstraktem Idealismus, sondern weil sie wussten: Wenn wir hier verlieren, verliert die Welt. Und genau das haben sie getan: Sie haben für unsere Sicherheit gekämpft. Für unsere Demokratie. Für Europa.
Tausende haben ihr Leben verloren, Zehntausende wurden verwundet, ganze Generationen traumatisiert. Und nun, da sie Schutz, politische Anerkennung und Stabilität bräuchten, werden sie fallengelassen.
Was wir erleben, ist kein tragisches Versehen. Es ist politischer Verrat.
Europa hat die Kurden benutzt – und entsorgt sie jetzt. Jahrelang galten sie als „Partner im Kampf gegen den Terror“, heute sind sie ein Störfaktor in neuen diplomatischen Rechnungen. Plötzlich gelten islamistische Akteure als „Gesprächspartner“, während jene, die den IS bekämpft haben, politisch marginalisiert werden. Das ist nicht Realpolitik. Das ist Zynismus.
Besonders deutlich wird das an der neuen diplomatischen Annäherung an Akteure wie Ahmed al‑Scharaa. Man muss nicht behaupten, er sei „der Teufel“, um festzustellen: Diese Politik dient nicht den Menschenrechten, nicht der Stabilität und nicht der Sicherheit. Sie dient Interessen. Und sehr wahrscheinlich auch einem Ziel, über das man in Berlin und Brüssel lieber nicht laut spricht: der Vorbereitung von Abschiebungsdeals, der politischen „Normalisierung“ Syriens, um unbequeme Verantwortung loszuwerden.
Nicht, weil sich die Lage vor Ort verbessert hätte – sondern weil Europa die Lage hier innenpolitisch nicht mehr aushält.
Währenddessen bricht in Rojava die Sicherheitsarchitektur zusammen. IS‑Gefängnisse geraten außer Kontrolle, Gefangene fliehen, Netzwerke reaktivieren sich. Das ist keine Spekulation, sondern Realität. Wer glaubt, diese Menschen verschwinden einfach wieder im syrischen Wüstensand, verkennt die Gefahr vollkommen.
Denn viele dieser entkommenen IS‑Anhänger haben nicht Syrien als Feind. Ihr Feind ist Europa. Ihre Ideologie richtet sich gegen westliche Gesellschaften, gegen Demokratie, gegen Freiheit. Und ja – das ist der unbequeme Teil, den niemand gern ausspricht:
Ein Teil dieser Kämpfer wird versuchen, unter dem Deckmantel von Fluchtbewegungen nach Europa zu gelangen. Nicht als klassische Geflüchtete, sondern als ideologisch gefestigte Extremisten, getarnt im Chaos von Krieg und Vertreibung.
Darunter befinden sich auch Menschen mit europäischem Pass. Deutsche Staatsbürger. Franzosen. Belgier. Menschen, die genau wissen, warum sie in syrischen Gefängnissen saßen. Menschen, deren Radikalisierung nicht zufällig ist – und deren Rachefantasien sich nicht gegen Damaskus richten, sondern gegen Berlin, Paris oder Brüssel.
Das ist keine Panikmache. Das ist die logische Folge einer Politik, die Sicherheitsrisiken ignoriert, weil sie unbequem sind.
Parallel dazu erleben wir neue Vertreibungen in Rojava. Familien fliehen vor Angriffen, vor Milizen, vor islamistischen Gruppen. Frauen, Kinder, Alte – Menschen, die nichts anderes wollen als Sicherheit. Diese Fluchtbewegungen sind real, sie sind bereits im Gange, und sie werden wachsen. Wer jetzt glaubt, man könne die humanitäre Katastrophe dort aussitzen und gleichzeitig hier „Ordnung schaffen“, lebt in einer Illusion.
Und während all das passiert, zeigt Europa eine Doppelmoral, die kaum noch zu übersehen ist. Wir verteidigen zu Recht die Ukraine, sprechen von Völkerrecht, von Selbstbestimmung, von Unverletzlichkeit von Grenzen. Aber wenn dieselben Prinzipien in Syrien, in Rojava, mit Füßen getreten werden – dann schweigen wir oder relativieren. Kein Whataboutism, sondern eine einfache Feststellung: Werte gelten offenbar nur dort, wo sie geopolitisch bequem sind.
Die Menschen merken das. Deshalb gibt es Proteste in europäischen Städten. Deshalb wächst die Wut. Nicht, weil Menschen „pro‑kurdisch“ oder „anti‑europäisch“ wären – sondern weil sie spüren, dass hier etwas fundamental falsch läuft. Dass wir unsere eigenen Prinzipien verraten.
Und dieser Verrat wird Folgen haben. Politische. Gesellschaftliche. Sicherheitspolitische.
Die Kurden haben jahrelang eine Front gehalten, die sonst wir hätten halten müssen. Sie haben den IS bekämpft, während Europa diskutiert hat. Sie haben verhindert, dass Terroristen ungehindert nach Europa zurückkehren. Jetzt, da sie geschwächt, angegriffen und isoliert sind, bricht diese Front weg – und wir tun so, als ginge uns das nichts an.
Doch das tut es. Es betrifft uns alle.
Wenn Rojava fällt, fällt nicht nur ein autonomes Gebiet in Syrien. Dann fällt ein Schutzschild. Dann kehren Gewalt, Terror, Radikalisierung und Instabilität zurück – nicht irgendwann, sondern absehbar. Und dann wird man hier überrascht tun, Untersuchungsausschüsse einsetzen, Sicherheitskonzepte überarbeiten.
Dabei wäre die Warnung längst da gewesen.
Europa muss sich entscheiden: Will es weiter kurzfristige Deals machen, Verantwortung auslagern, Werte relativieren – oder will es endlich anerkennen, dass Sicherheit nicht ohne Moral zu haben ist?
Die Kurden haben für unsere Demokratie gekämpft. Sie haben dafür geblutet. Wer sie jetzt verrät, verrät nicht nur sie – sondern die eigene Zukunft.
Rojava fällt.
Und mit ihm ein Stück europäischer Sicherheit.
