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Rubinstein verlässt Duisburg

Zum 1. Juli 2015 kommt es zu einem Wechsel in der Geschäftsführung der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr Oberhausen. Der bisherige Geschäftsführer Michael Rubinstein (42) verlässt nach elf Jahren auf eigenen Wunsch die Gemeinde. Zum Abschied haben wir mit ihm gesprochen. Über Antisemitismus und über Duisburg. Über Integration und über Versöhnung. Und über ein Quentchen Düsseldorf. 

Letztens in Duisburg. Die Nacht der offenen Gotteshäuser. Im jüdischen Gemeindezentrum am Innenhafen mussten Ausweise vorgezeigt werden, um die Besichtigung vorzunehmen. Muss das sein?

Unterlegener OB-Kandidat Rubinstein in Duisburg-Hochfeld

Unterlegener OB-Kandidat Rubinstein in Duisburg-Hochfeld

Wenn es nicht nötig gewesen wäre, hätten wir sehr gerne darauf verzichtet. Aber die aktuelle Sicherheitslage lässt uns keine Wahl. Was in diesem Zusammenhang vielleicht nicht beachtet wird: Wir schützen damit nicht nur uns selbst, sondern in diesem speziellen Fall auch alle Besucherinnen und Besucher unserer Gemeinde.

Für unsere Gäste haben wir eine Fürsorgepflicht – und zu der gehört bei uns leider auch diese strenge Einlasskontrolle. Wir würden uns wünschen, es wäre anders, aber wir können und dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen: Auch wenn wir in Duisburg wohl eher weniger im Fokus terroristischer Anschläge sein dürften – eine Gewährleistung für diese Einschätzung gibt es nicht.

Und keiner von uns möchte sich nachher Vorwürfe gefallen lassen müssen, wir hätten die Gefahr auf die leichte Schulter genommen.

Elf Jahre warst Du bestallt als Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde
Duisburg-Mülheim/Ruhr Oberhausen.

Während dieser Zeit wurde Duisburg weltweit als antisemitisch bekannt: In der Jerusalem Post wurde die hiesige Linkspartei als „hotbed of antisemitism“ bezeichnet. Später erwählte das Simon Wiesenthal Center den damaligen Duisburger Fraktionsvorsitzenden der Duisburger Linkspartei unter die Top Ten der Antisemiten weltweit: Hermann Dierkes rief zum Boycott israelischer Waren auf und bezeichnete das Existenzrecht Israels als „läppisch“. – Kein Vergeben, kein Vergessen?

Also es würde doch ziemlich sehr zu weit führen, Duisburg als antisemitisch zu bezeichnen. Sicher gibt es auch hier Antisemitismus, gar keine Frage.

Aber insgesamt sind wir in den vergangenen Jahren glücklicherweise von größeren antisemitischen Vorfällen verschont geblieben, was gerne so bleiben darf.

Aber klar, wir waren international in den Schlagzeilen damit – und mal wieder im negativen Sinn.

Aber mal ganz ehrlich: Haben wir das so in Duisburg mitbekommen? Ging ein Aufschrei durch die Gesellschaft? Ich habe zumindest nicht das Gefühl gehabt.

Klar, es gab kritische Stimmen, insbesondere gegenüber Hermann Dierkes, aber was ist denn das größere Problem? Einzelne Politiker, die ihre persönliche Meinung kund tun?

Oder eher ein latent vorhandener Antisemitismus, den man so nicht greifen und bekämpfen kann. Mir macht vielmehr Sorge, was sich in den Köpfen der schweigenden Mehrheit abspielt. Und das meine ich in Bezug auf Antisemitismus, wie auch beispielsweise in Sachen Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie.

Mich beschleicht das unangenehme Gefühl, dass beispielsweise aktuell die Zuwanderer aus Süd-Ost-Europa, Asylsuchende und Flüchtlinge, dazu missbraucht werden, um ein Klima der Angst zu schaffen.

Wir sehen es an der Ratszusammensetzung hier in Duisburg.

Solche Parolen ziehen leider immer noch, das ist für unsere Gesellschaft gefährlich. Und ich bin nicht so naiv zu meinen, im worst case bleiben wir als jüdische Bürger davon verschont.

Nun gilst Du als Versöhner.

Aber die Gemeinde hat sich verändert, die Russen kommen.

Zugewanderten russischstämmigen Gemeindemitgliedern wurde mangelnder Integrationswille in die deutsche Gesellschaft vorgeworfen. Was sagst Du?

Also, aktuell gibt es keine Zuwanderung in unsere Gemeinde. Und zum anderen ist es völlig falsch, von den Russen zu sprechen.

Unsere Gemeinde hatte zum Stichtag 31.12.1989 gerade noch 118 Mitglieder. Und anschließend setzte die Zuwanderung von jüdischen Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS-Staaten) unter Anwendung des Kontingentflüchtlingsgesetzes nach Deutschland ein. Wir als Gemeinde waren dann zwischendurch fast 3.000 Mitglieder.

Wer hätte sich das je träumen lassen können, dass wir hier wieder eine große und lebendige jüdische Gemeinde haben würden? Kein Mensch!

Und von daher können wir froh und glücklich darüber sein, dass all diese Menschen zu uns gekommen sind.

Natürlich bringt das Veränderungen und auch Schwierigkeiten mit sich, gar keine Frage. Und ja, an der einen oder anderen Stelle frage ich mich auch, warum es in der Integration manchmal nicht so klappt wie es wünschenswert wäre.

Aber Integration funktioniert nur dann, wenn beide Seiten dazu bereit und offen dafür sind. Es gibt jede Menge positiver Beispiele, die ich auflisten könnte. Es ist aber auch völlig verständlich, wenn insbesondere ältere Zuwanderer versuchen, sich hier ein Stück sprachliche, kulturelle und soziale Heimat zu erhalten. Dagegen spricht meiner Meinung nach nichts.

Natürlich sollte das nicht zu einer totalen Abgrenzung führen, aber wenn ich die Möglichkeit hätte, im Ausland mich in einem mir vertrauten Umfeld zu bewegen, würde ich das wohl auch tun. Wer mag denn gerne Fremder sein? Und ob jemand integrationswillig oder unwillig ist, bleibt eine individuelle Sache.

Fakt ist: Ja, die Gemeinde hat sich verändert durch die Zuwanderung. Und Fakt ist auch: Ohne Zuwanderung gäbe es diese Gemeinde wohl nur noch auf dem Papier. Von daher: Ich finde, das Glas ist mindestens halb voll, nicht halb leer.

Relevante Stadtpolitik in Duisburg hast Du auch gemacht. Als viel
beachteter Oberbürgermeisterkandidat.

Das stimmt, und wenn ich dem olympischen Geist folgen würde, dann könnte ich wohl damit zufrieden sein. Aber mich ärgert nach wie vor die vergebene Chance, die sich geboten hatte. Gar nicht mal auf meine Person bezogen, sondern auf die Sache an sich. Es wurde von einem unabhängigen Kandidaten gesprochen – und was passierte dann?

Die SPD benennt ihren Kandidaten, die anderen Parteien – mit Ausnahme von FDP und PIRATEN folgen, als ob nichts gewesen oder versprochen worden wäre. Die unabhängigen Kandidaten haben sich, unabhängig ihrer jeweils realistischen Chancen, gegenseitig Konkurrenz gemacht. Und dann gehen  70% der Wahlberechtigten nicht wählen.

Von daher: Eine sehr spannende Zeit, die ich nicht missen möchte, aber für die Stadt kein gutes Ergebnis.

Da fragt sich doch: Welche Chancen hat Duisburg noch zur Versöhnung? Das Duisburg mit drei rechten Parteien im Stadtrat, das Duisburg, in dem das Haus eines Bezirksbürgermeisters, der eine geplante Asylbewerberunterkunft verteidigt, mit Eiern beworfen wird.

Es ist aus meiner Sicht keine Frage von Versöhnung, sondern von einer Aufnahmebereitschaft einerseits und offener, ehrlicher Politik andererseits.

Dass in Duisburg drei rechte Parteien im Stadtrat sitzen, ist weder deren Schuld noch deren Erfolg. Es ist das kollektive Versagen der etablierten Parteien, die erst das Thema Zuwanderer hartnäckig ignoriert haben, dann das ganze Thema so angegangen sind, dass es Ängste bei den Bürgern geschaffen hat, anstatt frühzeitig an Lösungen zu arbeiten bzw. deeskalierend zu wirken.

Klar, bei den hiesigen Rahmenbedingungen ist der verstärkte Zuzug in vielerlei Hinsicht eine Belastung. Aber wir sprechen einerseits von Menschen, die als EU-Bürger das Recht haben, hierhin zu kommen. Und anderseits von Menschen, die wegen Krieg, Terror und Vertreibung hierhin geflüchtet sind. Über genau diese Aspekte ist mir viel zu wenig gesprochen worden. Es geht schließlich um Menschen. Und dann auch noch Wahlkampf mit diesem Thema. Schlimmer geht immer.

Aber all das rechtfertigt nicht das teilweise aggressive Verhalten mancher Menschen. Wer Politiker, die sich der Diskussion stellen, mit Eiern bewirft, feindliche Stimmungen bewusst schürt oder jegliche Regung von Mitmenschlichkeit vermissen lässt, disqualifiziert sich selbst.

Und es beweist auch wieder meine These: Es ist leicht, gegen etwas zu sein. Für etwas zu stehen oder einzustehen hingegen fällt vielen schwer bis unmöglich. Und daran krankt unser Miteinander. Was aber nicht abqualifizieren soll, was viele Menschen tagtäglich leisten, haupt- und ehrenamtlich.

Letzte Frage: Hast Du Dich verbessert? Dienstsitz Deines
neuen Amtes als Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein ist immerhin
Düsseldorf.

Sagen wir es mal so – es ist sicherlich kein Abstieg.

Aber darum ging es mir nicht. Ich habe den Wunsch verspürt, nach elf Jahren eine berufliche Luftveränderung zu haben und ich freue mich, dass ich mich in einem aufwendigen Auswahlverfahren durchgesetzt habe. Wo der Dienstsitz nun ist, spielt für mich eine untergeordnete Rolle.

Beziehungsweise es schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Ich wäre gerne in Duisburg geblieben, für mich ist mittlerweile Königsstraße „mehr ich“ als Königsallee. Aber emotional ist es nach Hause kommen, denn mein neues Büro liegt innerhalb des Gebäudes der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, in der ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens großgeworden bin.

Die Duisburger Gemeinde ist übrigens Mitglied des Landesverbandes, von daher ist der Plan, doch halbwegs regelmäßig hier vor Ort zu sein. Niemals geht man so ganz sagt man wohl dazu. Oder auch: So schnell werdet ihr mich hier nicht los.

‚Mit Alexander Drehmann (36) hat sich die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr Oberhausen für einen erfahrenen Nachfolger entschieden. Seit 2010 ist der in der Ukraine geborene und Mitte der neunziger Jahre nach Deutschland ausgewanderte Alexander Drehmann Büroleiter der Jüdischen Gemeinde Aachen und daher mit der leitenden Position innerhalb einer Jüdischen Gemeinde bestens vertraut. Durch seine langjährige Tätigkeit für verschiedene jüdische Organisationen verfügt er über entsprechendes Netzwerk, das er in seine Arbeit einbringen wird.

Die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr Oberhausen verfügt mittlerweile über vier Standorte in drei Städten sowie einen eigenen Kindergarten. In Oberhausen ist sie darüber hinaus seit 2013 staatlich anerkannte Integrationsagentur. Mit der nunmehr getroffenen Personalentscheidung setzt die Gemeinde ein bewusstes Zeichen der Kontinuität – sowohl in der eigentlichen Gemeindearbeit wie auch in der Zusammenarbeit mit Gesellschaft, Kirchen, Verbänden, Verwaltung und Politik.‘ –  (PM der Gemeinde)

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