4

Rückkehr aus Corona-Risikogebiet: Bananen-Republik Deutschland

Heiko Poerz (Foto: Photodesign Volker Schäffner)
Heiko Poerz (Foto: Photodesign Volker Schäffner)
Heiko Poerz (Foto: Photodesign Volker Schäffner)

Rückkehrer aus Corona-Risikogebiet: Heiko Poerz (Foto: Photodesign Volker Schäffner)

Wer aus einem Corona-Risikogebiet nach Deutschland einreist, muss sich einem festgelegten Prozedere unterwerfen. Man denkt, dass Ankömmlinge gründlich untersucht und registriert werden. Schließlich soll ja die Allgemeinheit vor eingeschleppten Sars-CoV-2-Viren geschützt werden. Aber wie sieht es tatsächlich an unseren Flughäfen aus? Nicht gut, sagt ein Reiserückkehrer aus Nordmazedonien, einem der ärmsten und am stärksten betroffenen Länder Europas. Er hätte auch unbeobachtet einreisen können. Ohne Test, ohne Nachverfolgung. Ruhrbarone hat ihn interviewt.

Heiko Poerz (59) ist ein erfolgreicher Unternehmer aus Castrop-Rauxel, einer 70.000-Einwohner-Industriestadt im nördlichen Ruhrgebiet. Er stellt High-End-Reisekoffer im oberen Luxussegment her und vertreibt sie meist persönlich direkt an seine weltweite Klientel. Außerdem handelt er mit edlen Zigarren und hat sogar eine eigene Zigarrenlinie entwickelt.

Poerz ist beruflich bedingt ein erfahrener Vielflieger. Wegen der Corona-Pandemie musste er seine Reisen jedoch mehrere Monate stark einschränken. Erst letzte Woche flog er seit längerem zum ersten Mal wieder nach Nordmazedonien, wo er an einem Start-Up beteiligt ist.

Nordmazedonien: Arm und Corona-gebeutelt

Nordmazedonien ist eines der kleinsten und ärmsten Länder Europas mit gerade einmal zwei Millionen Einwohnern. Es ist von COVID-19 stark betroffen und weist hohe Infektionszahlen auf. In den letzten sieben Tagen haben sich laut WHO rund 800 Menschen neu infiziert und 32 sind an COVID-19 gestorben. Zum Vergleich: Deutschland hat im gleichen Zeitraum ca. 13.000 Neuinfektionen und 71 Tote bei einer 40mal größeren Bevölkerungszahl. Bundesregierung und RKI warnen vor Reisen nach Nordmazedonien.

 

Ruhrbarone: Sie sind vor zwei Tagen aus der Hauptstadt Nordmazedoniens, aus Skopje, zurück nach Deutschland geflogen. Wie wurden Sie am Dortmunder Flughafen kontrolliert?

Heiko Poerz: Es gab lediglich die übliche Passkontrolle, keine weiteren Fragen, keine Fieberkontrolle, wie es in anderen Ländern, auch ärmeren Ländern, üblich ist. Das ist auch so in Frankfurt und Düsseldorf. Ich weiß das von Kollegen, die kürzlich aus Ländern wie zum Beispiel Mexiko zurückgekommen sind.

Ruhrbarone: Wie sieht die Corona-Situation in Skopje aus?

Heiko Poerz: Die Zahlen sehen nicht gut aus, sie steigen. Das liegt daran, dass Nordmazedonien an Kosovo und Albanien grenzt. In Skopje sind 20 Prozent der Einwohner Albaner und die reisen häufig hin und her in ihr Heimatland. Es sind viele Muslime dabei und sie haben eine Sondergenehmigung, trotz Sperrstunde in die Moscheen gehen zu dürfen. Nach dem Gottesdienst fallen sich alle um den Hals und rauchen dann gemeinsam die Shisha. Wenn sie krank werden, stehen sie bei den Krankenhäusern in Skopje an der Tür, weil es in Albanien nicht genügend vernünftige Krankenhäuser und Ärzte gibt.

Ruhrbarone: In der Hauptstadt Skopje befinden sich laut Statistik die Hälfte aller Infizierter Nordmazedoniens. Erhält man diesen Eindruck auch vor Ort?

Heiko Poerz: Nein, vor Ort hat man gar keinen schlechten Eindruck. Überall stehen Desinfektionsmittel und am Flughafen wird bei Ein- und Ausreise Fieber gemessen. Alle Leute tragen eine Maske.

Ruhrbarone: Werden Masken auch auf den Straßen getragen?

Heiko Poerz: Ja, auch auf den Straßen, obwohl es da noch nicht Pflicht ist. Aber wenn du in einen Supermarkt rein willst, dann steht einer an der Tür und lässt dich nur mit Maske rein.

Ruhrbarone: Machen die Corona-Regeln einen strengeren Eindruck als bei uns in Deutschland?

Heiko Poerz: Ich denke, es ist strenger. Es wird viel mehr Maske getragen, auch in Restaurants.

Nordmazedonien in Europa (Quelle: Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Nordmazedonien in Europa (Quelle: Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Ruhrbarone: Aber Corona-Risikogebiet, das klingt schon nach einer ernsten Geschichte. Wenn die Bundesregierung und das RKI für ein Land eine Reisewarnung aussprechen, dann werden einem ja bestimmte Pflichten auferlegt, wenn man zurückkommt. Womit muss man rechnen, was passiert da?

Heiko Poerz: Ich muss mich beim Gesundheitsamt melden und muss innerhalb von 72 Stunden einen Corona-Test abgeben. Den habe ich gleich am Flughafen gemacht, da er mir angeboten wurde. Aber verpflichtend war er dort nicht. Das Testergebnis muss ich dann hochladen auf der Webseite des Gesundheitsamts.

Ruhrbarone: Gab es damit irgendwelche Schwierigkeiten oder lief alles problemlos?

Heiko Poerz: (lacht) Im Flugzeug habe ich bereits ein Formular des deutschen Staates bekommen, das ich ausfüllen musste. Gefragt war mein Name, meine Heimatadresse und wo ich gesessen habe im Flugzeug. Ich dachte, ich müsse das Formular am Flughafen abgeben, aber nein, die Stewardessen sammelten es wieder ein. Bei der Ankunft dann die Passkontrolle, durch die ich unbehelligt kam, und an der Gepäckausgabe konnte ich meinen Koffer mitnehmen. Ich hätte danach frei und undgefragt rausgehen können. Da steht zwar ein Hinweisschild „Corona-Testzentrum“, aber man wird nicht aufgefordert, da automatisch hinzugehen.

Ruhrbarone: Das heißt, man muss nicht am Flughafen einen Corona-Test machen, obwohl man gerade aus einer Maschine ausgestiegen ist, die aus einem deklarierten Risikogebiet kommt? Sie hätten einfach gehen können?

Heiko Poerz: Ja, man wird nicht gefragt „Wo kommen Sie her?“, man kann auch ungehindert und ungetestet das Flughafengebäude verlassen. Es steht einem frei, den Test vor Ort am Flughafen zu machen oder sich später bei seinem Hausarzt zu melden.

Ruhrbarone: Aber wie wird denn dann die Pflicht, sich testen zu lassen, überprüft? Wenn man einfach so den Flughafen verlassen darf…

Heiko Poerz: Wenn jemand auf den Formularen einen falschen Namen, eine falsche Adresse und eine falsche Telefonnummer angibt, dann ist das nicht zu überprüfen. Die Daten im Formular werden nicht mit dem Personalausweis abgeglichen. Und wenn sich der Mensch dann verdünnisiert, dann findest du ihn halt nicht mehr.

Ruhrbarone: Es ist also nicht schwer, sich dem ganzen Prozedere zu entziehen?

Heiko Poerz: Ich denke, dass ist sehr gut möglich. So wie es sehe, wird es überhaupt nicht nachverfolgt. Normalerweise müsste es so sein, dass das mein ausgefülltes Formular zuerst überprüft und dann automatisch an das Gesundheitsamt an meinem Wohnort geschickt wird, damit die den Fall weiter verfolgen. Das passiert aber nicht.

"Heiko": Unvollständig ausgefülltes Corona-Formular

“Heiko”: Unvollständig ausgefülltes Corona-Formular

 

Ich habe mich aber beim Testcenter am Flughafen testen lassen. Dort nahm ein Mitarbeiter zunächst meine Daten auf, die ich ihm diktierte. Er tat dies händisch mit allen möglichen Fehlerquellen, die vorkommen können. So hat er auf meinem Formular nur meinen Vornamen Heiko eingetragen, meinen Nachnamen aber nicht. Es wäre doch ideal gewesen, mein Formular aus dem Flugzeug zu nehmen statt nochmal alles auszufüllen. Und auch hier überprüfte keiner meine Daten, es fiel nicht mal auf, dass er vergessen hat, meinen Nachnamen einzutragen. Nach dem Test sagte man mir noch, ich solle mich bei meinem Gesundheitsamt in Castrop-Rauxel melden.

Ruhrbarone: Wie ging es dann weiter? Wie hat ihr Gesundheitsamt in Castrop-Rauxel reagiert?

Heiko Poerz: Noch auf dem Weg vom Flughafen nach Hause habe ich aus dem Auto das Amt angerufen. Aber keiner ging ans Telefon. Ich habe es sechs, sieben Mal probiert innerhalb der normalen Öffnungszeiten. Es klingelte, aber keine Antwort. Dann habe ich am nächsten Morgen endlich jemanden erreicht. Und die gute Dame sagte mir, wir sind gar nicht zuständig, Sie müssen sich an das Gesundheitsamt des Kreises in Recklinghausen wenden.

Ruhrbarone: Von Pontius nach Pilatus geschickt…

Heiko Poerz: In Recklinghausen lief am Telefon ein Band: „Wir sind derzeit überlastet. Wenn Sie Fragen haben, fragen Sie Ihren Hausarzt oder schauen Sie auf unsere Webseite oder rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt nochmal an.“

Ruhrbarone: Das war also bei der Kreisverwaltung Recklinghausen, immerhin der zweitgrößte Kreis Deutschlands…

Heiko Poerz: … ja, und dann habe ich irgendwann gegen Mittag dort tatsächlich doch noch jemanden ans Telefon bekommen: Eine Dame erklärte mir, dass ich das Ganze nicht telefonisch machen kann, sondern dass ich auf die Webseite gehen und mein Testergebnis hochladen muss. Damit hätte ich meine Schuldigkeit getan. Ich gehe davon aus, dass ich das Testergebnis morgen früh haben werde und dann trage ich es dort ein.

Ruhrbarone: Wie lange ist der Test jetzt her?

Heiko Poerz: Ich habe ihn am Dienstagnachmittag gemacht [29. September 2020]. Mit dem QR-Code auf dem Formular vom Flughafen konnte ich überprüfen, wo der Test gerade ist. Der Code auf der Vorderseite des Formulars funktioniert nicht, der auf der Rückseite schon. Heute Morgen war mein Test noch in Bearbeitung im Labor, ich muss also noch warten.

Ruhrbarone: Dann ist es ja im Moment für Sie ja doch spannend, das kann man sagen. Haben Sie irgendwelche Corona-Symptome, merken Sie etwas Besonderes an sich?

Heiko Poerz: Außer altersbedingten Wehwehchen merke ich nichts… Ich habe in Nordmazedonien auch nur Leute getroffen, die ich schon jahrelang kenne und das an Lokalitäten, wo ich denke, dass da kein Risiko ist. Und wenn man mit Nicht-Familienmitgliedern im Auto fährt, trägt man in Nordmazedonien Maske.

Ruhrbarone: War diese Reise eine wirklich notwendige Reise oder hätten Sie sie verschieben können? Sind Sie ein unnötiges Risiko eingegangen?

Heiko Poerz: Das war die erste mögliche Reise. Ich bin normaler Weise jeden Monat ein bis zwei Mal in Nordmazedonien seitdem ich dort ein Unternehmen habe. Ich musste am Montag noch den letzten Vertrag für ein wichtiges, neues Projekt unterschreiben.

Ruhrbarone: Was ist Ihr Fazit aus diesem Rückkehr-Abenteuer in Corona-Zeiten?

Heiko Poerz: Ich hätte erwartet, dass am Dortmunder Flughafen zumindest mein Fieber gemessen wird als erster Indikator für eine mögliche Corona-Erkrankung. Und im Fall hohen Fiebers hätte ich erwartet, dass man mich nicht so einfach gehen lässt. Aber dass die Vorgänge zwischen Flughafen und Gesundheitsämter so unkoordiniert sind, habe ich mir nicht träumen lassen. Ich dachte, das sind alles festgelegte und streng abgestimmte Prozeduren in festen Bahnen. Dem ist aber nicht so. Das hat mich schon an eine Bananenrepublik erinnert. Stellenweise fehlten mir die Worte…

Anmerkung: Inzwischen hat Heiko Poerz sein Testergebnis erhalten. Es ist negativ ausgefallen, daher muss er auch nicht in Quarantäne gehen. Das Ergebnis hat er problemlos auf der Webseite des Kreises Recklinghausen hochladen können.

 

Robert-Koch-Institut (RKI) Risikogebiete weltweit:
Liste

Corona-Einreiseverordnung Nordrhein-Westfalen, gültig ab 1. Oktober 2020:
Download PDF

 

RuhrBarone-Logo

4 Kommentare zu “Rückkehr aus Corona-Risikogebiet: Bananen-Republik Deutschland

  • #1
    Tagedieb

    So etwas habe ich mir gedacht. Eigentlich müsste die Bundespolizei bei der Kontrolle der Ausweisdokumente fragen, wo der Reisende herkommt, der vor dem Bundespolizisten steht, und dann im Falle der Einreise aus einem Risikogebiet direkt zu einer Teststelle weiter leiten müssen. Hier sollte der Test erfolgen, und gleichzeitig das zuständige Gesundheitsamt über die erfolgte Einreise und die Testentnahme informiert werden müssen.

    Ich fasse es einfach nicht, wie öffentliches Auftreten, angefangen bei den obersten Verwaltungsbehörden, und praktische Umsetzung so radikal auseinandergehen. Hier werden wahrscheinlich wieder Verwaltungsbeamte des BMI im Zusammenspiel mit Personalräten der Bundespolizei gemeinsam die Hände gehoben und die Nichtzuständigkeit wie die Ungeeignetheit lautstark proklamiert haben.

    Entweder man nimmt diese neue Infektion ernst und handelt auf allen Ebenen konsequent und vor allem koordiniert, oder man lässt es gleich bleiben.

    PS: Manchmal frage ich mich, der zwischenzeitlich sehr oft in Nicht-Schengen-Ländern gereist ist, wofür die Bundespolizei an der Grenze überhaupt sitzt? Nur um Ausweisdokumente zu kontrollieren und um verängstigte Reisende mit Visum, die in den meisten Fällen schon gegenüber den Servicedienstleistern der deutschen Botschaften die Hosen runterlassen mussten, noch mal mit selten dämlichen Fragen zu quälen?

  • #2
    ke

    Traurig. Unsere Verwaltungen und Politiker werden total überschätzt. Seit dem Lockdown haben sie doch kaum strukturelle Verbesserungen der Abläufe innerhalb der Pandemiebekämpfung oder der Datenlage realisieren können.

    Vor ein paar Monaten wurden die Hinterzimmer-Angestellten der Verwaltung gelobt, die genau solche Krisenzeiten vorbereiten. Nach nur 2 Wochen waren die Schutzmittel nicht mehr vorhanden.

    Dass es immer noch Zettel ohne Kontrolle gibt, zeigt einfach die Gleichgültigkeit der Verantwortlichen auf Kommunaler Ebene. Auch jetzt , wo die Zahlen in NRW steigen, denkt man über Kontrollen nach. Jeder Änderung, jeder Einsatz wirkt für den Staat als anstrengender Marathon Lauf.

    Jetzt geht VERDI in den Arbeitskampf. Hier muss einfach auch mal transparenter geklärt werden, für welche Job der Steuerzahler welche Summen zahlen soll. Mehr Personal? Damit dann noch mehr nicht brauchbare Formulare in gegenderter Sprache erstellt werden, die keiner braucht und keiner lesen kann?

    Ich bin total enttäuscht von den staatlichen Strukturen und auch von der Pandemie Bekämpfung.
    Schon bei den Masseneinwanderungen von vor ein paar Jahren zeigte es sich, dass der Staat selbst mit der Identifikation von Menschen überfordert war. Viele internationale Flughäfen messen Temperaturen, erfassen biometrische Merkmale der Einreisenden. Alles klein Problem. Nur in Deutschland konnte sich eine Person mehrfach anmelden.

    Ja, die Wellness Oase Verwaltung mit ihren hohen Krankheitsständen scheint in einer anderen Zeit zu leben. Dienstleistungsmentalität ist immer noch ein Fremdwort.

  • #3
    ccarlton

    Das sollte Pflichtlektüre werden für alle werden, die sich wegen privater Feiern oder Demonstrationen vor einem zweiten Lockdown fürchten und nach der starken Hand es Staates rufen!

    Und neu ist das auch nicht! Nachdem im Frühling die Grenzen dicht gemacht wurden, waren Einreisen aus dem Hochrisikogebiet Iran trotzdem noch möglich und das ohne irgendwelche Tests, Aufnahme der Personalien, Quarantäne usw.

  • #4
    ke

    @3 ccarlton
    Der Staat hat wenig mit der Corona Bekämpfung zu tun. Das ist eine Leistung der Bürger!
    Der Staat muss die Bürger mitnehmen. Das schafft er eigentlich auf den meisten Ebenen eher schlecht.
    Ebenso reagiert ein Staat. Dass es Ferien gibt, dass man im Winter lüften können muss, dass es Schule geben muss etc. war für die Administration alles überraschend.
    Für mich ist das eine riesige Enttäuschung.

    Wer sich auf den Staat verlässt, hat verloren. Das sieht man auch beim ÖPNV. Keine Masken, Streiks, Samstag Fahrplan während der Pandemie …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.