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Ruhrgebiet: Fröhliches Kannibalisieren

Das Ruhrgebiet schrumpft. Gleichzeitig nehmen die Einzelhandelsflächen zu. Die Konsequenz: Fast alle Einkaufsstandorte werden schwächer.

Im Ruhrgebiet leben immer weniger Menschen. Diese Erkenntnis ist weder überraschend noch neu: Es gibt zu wenige Jobs, die Arbeitslosigkeit ist hoch und das Bildungsniveau zu niedrig   und dazu kommt obendrauf ein ordentliches Imageproblem.

Eigentlich wissen das alle, nur die Stadtplaner nicht. Sie haben dafür gesorgt dass die Einzelhandelsflächen im Ruhrgebiet gewachsen sind. Mehr Ladenfläche für immer weniger Menschen mit immer weniger Kaufkraft. Eine Studie der IHK aus  Duisburg zeigt das. Allein seit 2001 sind die Einzelhandelsflächen um sportliche 15,6 Prozent gestiegen. Die Zahl der Ruhrgebietler nahm hingegen um 3,6 Prozent ab. Vor allem neue und erweiterte Einkaufszentren wie der Limbecker Platz in Essen haben diese Entwicklung verursacht.

Und der Wahnsinn geht weiter: In Bochum ist ein neues Einkaufszentrum in der Innenstadt geplant. In Dortmund wird auf dem ehemaligen Thier-Gelände bald eins eröffnet. In Duisburg wird auf dem Gelände neben dem Hauptbahnhof kein Büroquartier entstehen sondern wahrscheinlich ein Möbel-Bunker. In Recklinghausen soll auch ein Center kommen.

Opfer dieser Entwicklung sind die Innenstädte. Die waren im Ruhrgebiet noch nie attraktiv. Was an schöner Architektur den Krieg überdauerte vernichteten die Stadtplaner. Nun drohen sie endgültig zu veröden, denn gegen die Center werden sie in den meisten Fällen den Kürzeren ziehen. Es gibt eine erfolgreiche Kooperation der Städte? Der Blick auf die Tabelle zeigt, dass es sich dabei um eine Legende handelt. Nur beim betteln hält man zusammen. Ansonsten bestimmt die Kirchturmpolitik nach wie vor den Alltag.

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18 Kommentare zu “Ruhrgebiet: Fröhliches Kannibalisieren

  • #1
    Malte

    Wenn dann wenigstens die Läden/Gewerbeeinheiten in den Citys, die seit Ewigkeiten leer stehen, günstig zu mieten wären, aber nein! 4-6000 Euro [+Heizung,Strom usw.] für 30-40 qm sind keine Seltenheit! Vermieter schreiben das lieber ab oder wollen für die größte Schrott-Immobilie in 1C Lage noch horrende mieten.
    So kann das halt nix werden!

  • #2
    Arnold Voss

    Städte können sich gesund oder auch kaputt schrumpfen. Das Ruhrgebiet hat offensichtlich die zweite Alternative gewählt.

    Hintergrund ist ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb im Einzelhandel selbst, der im Ruhrgebiet durch die Konkurrenz vieler Kommunen auf engstem Raum noch einmal zusätzlich verschärft wird.

    Gleichzeitig reagiert der Immobilienmarkt auf Grund seiner Eigentumsstruktur und er Steuergesetzgebung so gut wie gar nicht oder zumindest sehr verspätet auf diese Entwicklung.

    So können junge kreative Unternehmen die laut allen einschlägigen Untersuchungen belebte Innestadtlagen bervorzugen die Situation nicht zu ihrem Vorteil nutzen bzw. müssen weiter in der vorstädtischen Diaspora bleiben.

    Selbst das wieder zunehmend beliebtere Wohnen in der Innenstadt wird so unmöglich gemacht, obwohl gerade gewerbliche Leerstände in den Obergschossen auf Grund ihrer Raumhöhen und ihrer überdurchschnittlichen Außenbelichtung sich nach entsprechendem Umbau dazu hervorragend eignen.

  • #3
    Eva

    Und die Städte selbst helfen noch kräftig mit bei der Verödung der Innenstädte. In den Einkaufszentren auf dem grünen Rasen ist das Parken kostenlos, in den Innenstädten jedoch werden Autofahrer kräftig zur Kasse gebeten. Eine Stadt, die ihre Einzelhändler im Citybereich halten und unterstützen möchte, müsste auf Parkgebühren in der Innenstadt verzichten, um Chancengleichheit herzustellen. Aber nein, da nimmt man doch lieber das schnelle Geld mit, auch wenn dies die Innenstadt auf Dauer kaputt macht.

  • #4
    Arnold Voß

    Eva, im Prinzip hast du recht. Aber der bessere und vor allem ökologischere Weg zu einer belebteren Innenstadt wäre, dass auch in den Einkaufszentren auf der sogenannten grünen Wiese Parkgebühren zu bezahlen wären. Und zwar mindestens so hoch wie die in der Innenstadt.

  • #5
    TomD

    Herr Laurin!!

    Zitat: „Die Zahl der Ruhrgebietler nahm hingegen um 3,6 Prozent ab. Vor allem neue und erweiterte Einkaufszentren wie der Limbecker Platz in Essen haben diese Entwicklung verursacht.“

    Nein, das ist falsch. Einkaufszentren sind weder empfängnisverhütend noch sind sie für ihre Besucher tödlich. Solche Sätze wie oben schon, denn sie führen beim Leser zu spontaner Hirnfreiheit.

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  • #7
    Arnold Voß

    Hallo Herr TomD

    „Einkaufszentren sind weder empfängnisverhütend noch sind sie für ihre Besucher tödlich. Solche Sätze wie oben schon, denn…“

    Haben sie schon Jemaden gesehen, der einen Satz oder sogar mehrere davon besucht hat?

  • #8
    Angelika

    „…Es gibt zu wenige Jobs, die Arbeitslosigkeit ist hoch und das Bildungsniveau und dazu kommt…“ (siehe Artikel oben)

    Da fehlt noch was – die Arbeitslosigkeit sei hoch, steht oben, „und das Bildungsniveau“, tja, wie es darum steht, darf der Leser einsetzen.

  • #9
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  • #11
    Patricia

    Es wäre von Vorteil, wenn Innenstadt-Einkaufscenter mit offener Architektur geplant würden. In den meisten Centern findet der Besucher kaum noch den Ausgang. Diese Center schlucken wie Fallen sämtliche Kunden den anderen Geschäften weg.

  • #12
    XY

    Man, soll’n se doch endlich diese elenden Fußgängerzonen einreißen.
    Kennt einer die Fußgängerzone von Wanne-Eickel? Da sollte man lieber wieder die Autos durchfahren lassen.

  • #13
    crusius

    Die Aussagekraft der Statistik als solcher ist begrenzt. Im Jahr 2009 standen ca. 81 Millionen Bewohnern der Bundesrepublik insgesamt 121 Millionen qm Einzelhandelsfläche gegenüber – was einen Schnitt von ca. 1,5 qm pro Einwohner bedeutet. Ausweislich der Statistik liegt dieser Schnitt im Ruhrgebiet bestenfalls bei 1,2 qm pro Einwohner. Außerdem muß man wohl berücksichtigen, daß einige Städte über das Ruhrgebiet hinausreichende Funktionen als Oberzentrum haben (Sauerländer in Dortmund usw.). Und schließlich muß man die zur Verfügung stehende Einzelhandelsfläche auch noch ins Verhältnis setzen zur Kaufkraft der Einzugsregion. Der Logik des Beitrags folgend müßte man Gelsenkirchen und Herne für ihre vorausschauende Stadtentwicklung loben, weil in diesen Städten die Einzelhandelsfläche geschrumpft ist. Ob das wirklich angebracht ist? 😉

  • #14
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Crusius: Man sollte Gelsenkirchen und Herne tatsächlich loben, weil sie bei diesem Wettrüsten nicht mitmachen. Es geht darum Schrumpfungsprozesse zu moderieren. Die hohe Zahl an Leerständen in vielen Städten zeigt, dass es im Ruhrgebiet bereits heute einen Überschuss an Ladenflächen gibt. Im Ruhrgebiet ist, im Vergleich zu anderen Ballungsräumen, auch die Kaufkraft niedriger. Der Vergleich mit dem bundesweiten Durchschnitt hilft also nur teilweise weiter und deutet Überhänge auch in anderen Regionen an.

  • #15
  • #16
    amo

    Hallo Eva,

    ich stimme Dir nicht zu. Parkgebüren abzuschaffen ist kein Weg.
    Bei amazon zahlt man ja auch keine. Weshalb gibt es überhaupt dann noch Parkgebüren auf der Welt?!
    Was wir brauchen sind attraktive Innenstädte, in denen es ein gutes, nicht nur billiges Angebot gibt und das Einkaufen Spaß macht.

  • #17
    Wolfram Obermanns

    Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung sind für das Ruhrgebiet alles andere als einheitlich.
    Den großen Einwohnerschwund wird es vor allem im Westen und Norden geben, Mitte, Ost und Süd bewegen sich im (zum Teil niedrigen) einstelligen Prozentbereich.
    Aber es stimmt auch, die einzige Gemeinde der Region überhaupt, für die ein Bevölkerungszuwachs erwartet wird, ist Breckerfeld.

  • #18
    Arnold Voß

    @ Patrizia #11

    Ja das wäre es, und es gibt seit einigen Jahren dafür , wenn auch leider nur sehr wenige, gelungene Beispiele. Im niederländischen Maastricht haben die Stadtväter den Investoren entsprechende Auflagen gemacht, die Architekten haben gute Arbeit geleistet und die Bevölkerung/Kunden ist/sind sehr angetan. Überhaupt ein sehr interessanter und besuchenswerter Ort.

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