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Ruhrtriennale: „Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter dem Deckmantel der Kunst“

Verbrechen des Osmanischen Reiches: Genozid an den Armeniern Foto: Hanay Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im Programmheft der Ruhrtriennale wird der Genozid an den Armeniern heruntergespielt. Die Welt hat darüber heute ausführlich berichtet. Eine Initiative, die sich für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch das Osmanische Reich einsetzt, fordert nun in einem Brief an die Sponsoren und Förderern, darunter die RAG-Stiftung und die NRW-Bank Konsequenzen: 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind „Anerkennung Jetzt“, eine zivilgesellschaftliche Initiative von zumeist jungen Aktivisten aus dem gesamten Bundesgebiet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Debatte um den Genozid an den Armeniern in Politik und Gesellschaft kritisch und konstruktiv zu begleiten und Bildungsarbeit zu leisten. Wir sind die Nachfahren der Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern und kämpfen seit Jahren um die Anerkennung dieses Menschheitsverbrechens, wider der Verharmlosung und Leugnung. Dass diese Debatte auch nach der offiziellen Anerkennung der Vernichtung der Armenier durch den Bundestag als Völkermord weiterhin erforderlich ist, zeigt die Ruhrtriennale 2018.

Die Ruhrtriennale kündigt ihr Programm in diesem Jahr unter anderem wie folgt an:

“Wir wollen in offenen Gesellschaften leben, mit gleicher Beteiligung aller. Wir werden vieles ändern müssen, wir werden teilen müssen, wenn wir die Offenheit behalten, autokratische Regierungen, neue Nationalismen und Rassismus verhindern und nicht in Verteilungs- und Klimakriegen untergehen wollen. Die Ruhrtriennale 2018 wird neue ästhetische Formen und Zwischenformen erkunden, Stoffe und Themen suchen, Formate des Vorläufigen erfinden für ein Lebensgefühl der Zwischenzeit.”

Zu einer offenen Gesellschaft gehört es, dass die Wahrheit seinen Platz erhält. Zu einer Beteiligung aller gehört es, dass nicht den vermeintlichen Machthabern und Tätern zugehört wird, sondern den Minderheiten und Opfern.

In der Ankündigung der Ruhrtriennale haben wir besorgniserregende Einordnungen lesen müssen. Am 15.08.2018 findet das Konzert „Music of Displacement“ des Istanbuler „Hezarfen Ensemble“ auf der Ruhrtriennale statt. Hiermit möchten wir gegen die Ankündigung zu dieser Veranstaltung protestieren und appellieren an alle Sponsoren und Partner der Ruhrtriennale.

Wenn von

„… den Umsiedlungen von Armeniern, Griechen und Türken zwischen 1915 und 1923 aufgrund der Folgen des Ersten Weltkrieges und des türkischen Freiheitskampfes,….“ (Website Ruhrtriennale)

gesprochen wird, und es zudem heißt

„with of course the Armenian exodus to begin the century.“ (Programmheft Hezarfen Ensemble)

wird nicht nur die planmäßige und rassistisch motivierte Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich zur einer Umsiedlung, gar zu einer freiwilligen Auswanderung heruntergespielt und verharmlost, sondern der Genozid am armenischen Volk im Osmanischen Reich als solches geleugnet.

Dies, weil die Ruhrtriennale sich mit den Begrifflichkeiten „Exodus“ bzw. „Umsiedlung“, genau den Schlüsselwörtern bedient, die von den Leugnern des Genozids an den Armeniern und des türkischen Staates propagiert werden. Genozidleugnung ist ein integraler Bestandteil und die letzte Stufe eines Völkermordes. Der Holocaustüberlebende Eli Wiesel bezeichnete die Leugnung des Genozids an den Armeniern als „double killing“ – die Opfer werden durch die Leugnung ein zweites Mal getötet. In Bochum hat diese Leugnung wohl einen Platz gefunden.

Wie glaubwürdig ist die Ankündigung der Verantwortlichen der Ruhrtriennale und ihren Partnern, die „autokratische Regierungen, neue Nationalismen und Rassismus verhindern“ wollen, wenn zugleich der Genozid an den Armeniern negiert wird?

Es ist ein Skandal, dass die Ruhrtriennale den Genozid an den Armeniern mit ihrem Ankündigungstext relativiert, herunterspielt und leugnet und die Taten der Täter verharmlost, insbesondere vor dem Hintergrund der im Juni 2016 verabschiedeten Bundestagsresolution.

Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner historischen Rede im April 2015, anlässlich des 100. internationalen Gedenktages des Genozids an den Armeniern, folgendes gesagt:

»Als Adolf Hitler in seinem Einsatzbefehl vom 22. August 1939 den Oberbefehlshabern der deutschen Heeresgruppen den Überfall auf Polen befahl und dabei seine Pläne erläuterte, „mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken“, da schloss er in Erwartung eines kollektiven Desinteresses mit der rhetorisch gemeinten Frage: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Wir reden davon! Wir! Noch heute, einhundert Jahre später, reden wir ganz bewusst davon – davon und von anderen Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenwürde: Wir tun dies, damit Hitler nicht Recht behält. Und wir tun es, damit kein Diktator, kein Gewaltherrscher und auch niemand, der ethnische Säuberungen für legitim hält, erwarten kann, dass man seine Taten ignoriert oder vergisst.«

Die Ruhrtriennale bleibt mit ihrer relativierenden Einordnung des Schicksals der Armenier 1915 als „Exodus“ und „Umsiedlung“ ganz in der Tradition von dem, was sich Hitler 1939 erhofft hatte: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ – auf der Ruhrtriennale anscheinend niemand!

Wir appellieren hiermit an die Verantwortlichen der Ruhrtriennale und an Sie als Partner und Sponsoren sich nicht mit Leugnern des Genozids an den Armeniern gemein zu machen.

Die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter dem Deckmantel der Kunst darf auch auf der Ruhrtriennale keinen Platz haben!

Mit freundlichen Grüßen

Anerkennung Jetzt

www.anerkennung-jetzt.de

 

 

 

 

 

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9 Kommentare zu “Ruhrtriennale: „Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter dem Deckmantel der Kunst“

  • #1
    Thomas Wessel

    2015 haben die Dresdener Sinfoniker eine Produktion zum Gedenken an den Völkermord heraus gebracht – "Aghet / Agit". Daraufhin hat Erdogan alle Räder gedreht, um das Projekt zu stoppen, die EU fing an zu lavieren usw. Mal sehen, was jetzt passiert.

    Auch das Hezarfen-Ensemble selber hat seine Produktion als "Music of Displacement (Agit)" oder umgekehrt "Agit – Music of Displacement" betitelt. Ließe sich zuerst denken, das sei ein großer Schritt auf die Armenier zu, Aghet ist ja der armenische Begriff für den Genozid, die Katastrophe. Im Text des Hezarfen-Ensembles fällt dann aber alles unter "Agit", was in und rund um die Türkei geschehen ist, "there is Syria, and before that Kosovo, and before that Kurdish forced migrations to cities, and Cyprus, and Palestine and of course the extremely painful Greece-Turkey population exchange in 1923, with of course the Armenian exodus to begin the century".

    Alles Agit. Nur die wirkliche Aghet ist keine mehr, sondern "Exodus", also: Befreiung.

    Dass Palästina als eine Gegend "around Turkey" in diese Denke einbezogen wird, dann aber in der Aufzählung just alle Juden fehlen, die 1948 aus der Türkei, aus Syrien, dem Libanon und dem Irak vertrieben wurden, passt dazu.

  • #2
    ke

    So wie ich es verstanden habe, will die Gruppe auf Vertreibung aufmerksam machen und gibt wohl auch die Sichten von versch. Künstlern von Gruppen von Vertriebenen wider.

    Mit der Auswahl und der Bewertung von versch. historischen Situationen stellt die Gruppe dann natürlich auch ihre Sichtweise dar. Hierbei bleibt zu beachten, dass es eine türkische Gruppe ist und die Texte, die ich gelesen hatte, in Deutsch und Englisch vorlagen. Es kann also in sensiblen Bereichen Übersetzungs-/Interpretationsfehler geben.

    Natürlich hätte man den Völkermord an den Armeniern, wenn man ihn schon auswählt und in das für die Türkei sensible Feld geht, auch als solchen bezeichnen müssen.

    Wenn die Gruppe ihre Sicht darstellt, hätte sie zitiert werden können. Dann hätte im Programm auf den Widerspruch hingewiesen werden müssen.
    Entweder wird Displacement exemplarisch angesprochen, oder es wird eine Geschichtsstunde mit den Geschichtsbüchern der Türkei aufgeführt. Der 2. Fall geht nicht.

    Wenn dann noch 1948 nur mit Bezug auf "Palestinian tragedies in Israel in 1948" in der Beschreibung von "Music of Displacement" der Gruppe eingegangen wird, frage ich mich, wie unter diesen Voraussetzungen überhaupt das Thema Vertreibung/Flucht etc. angesprochen werden soll.

    Es ist gut, dass es engagierte junge Leute gibt, die "Fake History" aufspürt und dass es Blogs gibt, die dies auch veröffentlichen.

    BTW:
    https://www.ruhrtriennale.de/de/agenda/52/Hezarfen_Ensemble/Music_of_Displacement
    schreibt aktuell:
    "des türkischen Unabhängigkeitskampfes"
    wurde hier die Übersetzung geändert? Freiheitskampf -> Unabhängigkeitskampf

    —-
    Warum landen meine STeuergelder nur bei einer solchen Veranstaltung???????????

  • #3
    Thomas Wessel

    @ke | Mglw landen Steuergelder da, um umzusteuern. Die Ruhrtriennale demonstriert gerade das Problem, das Politkunst hat: sie reproduziert.

  • #4
    Klaus Lohmann

    Es ist mittlerweile ja schon mehr als merkwürzig, dass Carp sich jetzt 2 mal gegen relativ junge Beschlüsse und Resolutionen des Bundestags und der Bundesregierung gestellt bzw. sie komplett ignoriert hat. Geht da noch was?? Sind evt. auch ein paar "Reichsbürger" unter ihren "Künstlern"?

  • #5
    discipulussenecae

    Ich denke mal. daß die gute Frau in ihrem Job völlig überfordert ist. Wobei es genug schlechte Männer gab/gibt, denen es genauso ergeht/ging …

  • #6
    ke

    @5 discipulussenecae
    Eine Veranstaltung mit einem großen Budget hat jetzt das Interesse von Gruppen außerhalb der Kunst-Filterblase geweckt.
    Für mich ist es durchaus offen, ob die Strategien und Schlagwörter, die man benötigt, um in der Kunstszene erfolgreich zu sein, nicht einfach gar nicht mit der Mehrheitsmeinung kompatibel sind.
    Generell muss das nicht so sein. Kunst soll ja neue Ideen transportieren etc.
    In diesem Fall wurden jedoch ein paar rote Linien überschritten.

    Wer konnte denn erwarten, dass das gesellschaftlich relevante Thema Vertreibung/Flucht plötzlich jenseits des Schlagworts im Detail betrachtet wurde. Das findet auch in der öffentlichen Diskussion kaum statt.

    Eine typische Stakeholder Analyse würde vermutlich zu dem Ergebnis kommen, dass die Aussagen in der Filterblase durchaus ankommen, nur nicht in der Mehrheitsgesellschaft. Aber interessiert die, wenn es um Karriere etc. im Kunstbetrieb geht?
    Die Entscheidungsträger stehen ja offensichtlich auch weiterhin zur Intendantin, sonst hätten sie schon lange gehandelt.

  • #7
    Arnold Voss

    Ke, die Entscheidungsträger wollen den Skandal nicht noch größer werden lassen, und das genau würde eine Entlassung Carps zur Folge haben. Deswegen werden sie die Sache in Merkelscher Manier aussitzen. Das weiß auch Frau Carp und kann deswegen ganz gelassen bleiben. Dem Publikum ist das mehrheitlich alles ziemlich egal. Dazu kommen die vielen stillen Sympathiesanten des BDS, die Carps "Haltung" gut finden, weil es gegen Israel geht. Was gibt es für die besserers, als ihren Antisemitsimus durch Carp als „Kunstfreiheit“ gefeiert zu wissen.

  • #8
    ke

    @7 Arnold Voss
    Kann der Skandal noch größer werden? Das ist doch ein Schrecken ohne Ende.

  • #9
    Arnold Voss

    Ke, ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal in Deutschland ein Intendant oder eine Intendantin eines so großen und etablierten Kulturfestivals während der Spielzeit entlassen wurde.

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