
Wenn Tel Aviv im Juni wieder in Regenbogenfarben leuchtet, geht es nicht nur um Feiern. Der Christopher Street Day, kurz CSD, ist hier ein starkes Zeichen für Würde und Sicherheit. Er macht sichtbar, dass Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans oder intergeschlechtlich sind, ihren Platz im öffentlichen Raum nicht nur behaupten, sondern selbstbewusst einnehmen. Für viele Gäste ist es ein Urlaubshöhepunkt. Für viele Israelis nicht nur aus der LGBTQ-Community ist es der seltene Moment, in dem sich der Alltag leichter anfühlt.
Die Wurzeln reichen dabei bis in die späten siebziger Jahre zurück. Als frühes Pride-Ereignis gilt eine Demonstration in Tel Aviv im Jahr 1979 auf dem heutigen Rabin Square. In den neunziger Jahren wurde daraus Schritt für Schritt eine regelmäßige Veranstaltung. Rund um die Parade wuchs eine Pride-Woche mit Kultur, Gesprächen, Treffpunkten und Beratungsangeboten. Die Route führt häufig aus der Innenstadt in Richtung Meer. Ein wichtiger Startpunkt ist dabei der Meir Park. Seit Jahren gehört der Abschluss am Wasser dazu. Dort endet der Tag in der Regel mit einem bunten Programm auf der Bühne und mit vielen Begegnungen, die aus einem politischen Ereignis auch einen sozialen Anker machen.
Dass ausgerechnet Tel Aviv zum Zentrum wurde, hat mit der Stadt selbst zu tun. Sie ist international, jung und geprägt von Kultur und Tourismus. Gleichzeitig ist die Szene gut organisiert und in der Stadt sichtbar. Der CSD ist deshalb immer beides. Er ist Demonstration, weil Rechte und Sicherheit nicht selbstverständlich sind. Er ist auch Feier, weil es guttut, einmal im Jahr eine Stadt zu erleben, die offen zeigt, wie bunt sie sein kann (und es tatsächlich auch ist). Ganz besonders in einer Region, in der queere Menschen, in vielen Nachbarländern Israels, mit dem Tod rechnen müssen, wenn sie sich outen.
2019 nahmen 250.000 Menschen am CSD in Tel Aviv teil
Die Dimensionen des CSD in Tel Aviv sind absolut beeindruckend, auch wenn Teilnehmerzahlen je nach Quelle und Zählweise schwanken. Für 2019 berichtete Haaretz von rund 250.000 Menschen bei der Parade. Für 2023 meldete The Times of Israel mehr als 150.000 Teilnehmer. Damit gehört Tel Aviv seit Jahren zu den größten Pride-Events der Region und ist zugleich ein internationaler Magnet für Gäste, die Sommer, Strand und Kultur mit einer klaren Botschaft verbinden wollen.
Gerade diese Sichtbarkeit erklärt, warum die Absagen der vergangenen Jahre so viel Gewicht hatten. 2024 wurde die große Parade gestrichen. Begründet wurde die Entscheidung mit der angespannten Lage nach dem Überfall auf Israel durch die Terrororganisation Hamas – viele Geiseln befanden sich, tot oder lebendig, noch in der Gewalt der Islamisten. Statt des Umzugs gab es kleinere, zurückhaltendere Formate, die Pride eher als ein Zeichen der Solidarität verstanden.
Angriffe des Iran befürchtet
2025 kam es erneut zur Absage, diesmal sehr kurzfristig. Dieses Mal war die generelle Sicherheitslage dafür verantwortlich – die Spannungen zwischen Israel und dem islamistischen Regime im Iran waren gewachsen, Angriffe der Mullahs konnten nicht ausgeschlossen werden. In Tel Aviv wurden in der Zeit generell größere Versammlungen untersagt. Für viele, die die Reise geplant hatten, war das ein harter Schnitt. Für viele in der Community war es trotzdem auch ein Moment, in dem Zusammenhalt spürbar blieb, nur leiser und ohne die großen Bilder.
Und wie sieht es 2026 aus? Nach Angaben der Stadtverwaltung Tel Aviv-Jaffa ist die Pride-Parade in diesem Jahr vorgesehen. Auf der offiziellen Veranstaltungsseite ist Freitag, 12. Juni, als Termin genannt. Geplant ist ein Umzug entlang der Promenade von Shlomo Lahat bis zum Charles Clore Park. Die Veranstaltung ist von 12 bis 17 Uhr angekündigt. Ob alles wie vorgesehen umgesetzt wird, hängt wie immer von der Sicherheitslage ab. Stand jetzt ist die Botschaft dennoch klar: Tel Aviv will Pride wieder als große öffentliche Veranstaltung möglich machen.
