Schlaflos vor dem Zugriff

Teil der Beute der Bande aus Bosnien. Foto: Polizei Dortmund
Teil der Beute der Bande aus Bosnien. Foto: Polizei Dortmund

Nach monatelanger Kleinarbeit gelang es der Ermittlungskommission Engel, eine bosnische Einbrecherbande festzunehmen. Ein Einbruch brachte die Dortmunder Ermittler auf die richtige Spur.

Es lebt sich idyllisch in Berghofen. Der Dortmunder Vorort liegt auf den Ruhrhöhen, umgeben von Wäldern. Von hier aus ist es nicht weit ins idyllische Ruhrtal, und auch zum Phoenixsee in Hörde mit seinem kleinen Hafen und den vielen schicken Restaurants und Cafés ist es nicht weit.

Wer hier wohnt, hat es geschafft. Einfamilienhäuser bestimmen das Bild, hier wohnt der Mittelstand der Ruhrgebietsstadt.

Das wusste auch ein Einbrecher, der sich an einem Septemberabend des vergangenen Jahres daran machte, in eines der schmucken Häuser einzubrechen. Doch er hatte Pech. Obwohl im Haus kein Licht zu sehen war, waren seine Bewohner anwesend. Sie bemerkten den Einbruch und riefen die Polizei, die den Verbrecher kurz darauf festnahm.

„Mit dieser Festnahme“, sagt Roland Brüss, „begann unsere Arbeit.“ Der Kriminalhauptkommissar ist Leiter der Ermittlungskommission Engel, die wenige Wochen später gegründet wurde, denn bei dem festgenommenen Bosnier fanden die Beamten ein Handy. „Mit den Namen und Nummern, die wir dort fanden, begann unsere Arbeit.“

Brüss und seine Kollegen begannen die Nummern zu analysieren und zu überwachen. Schnell wurde klar, dass der festgenommene Einbrecher kein Einzeltäter war, sondern zu einer Bande gehörte. Einer Bande, die nicht nur in Dortmund, sondern im gesamten Ruhrgebiet, in ganz Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen aktiv war.

62.262 Wohnungseinbrüche gab es 2015 alleine in Nordrhein-Westfalen. Eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von über 18 Prozent. Es ist ein Saisongeschäft, das vor allem von Banden aus Ost- und Südosteuropa betrieben wird. Wenn die Tage kürzer werden, reisen die Täter an, kundschaften Häuser aus und schreiten zur Tat, wenn sie glauben, die Bewohner wären außer Haus. Sie können dabei auf eine ausgefeilte Infrastruktur zurückgreifen, sagt Brüss: „Die Einbrechergruppen mieten sich für mehrere Monate in Wohnungen ein, die ganz normal möbliert sind. Die Vermieter kassieren eine deutlich höhere Miete als sonst auf dem Markt üblich und legen keinen Wert auf Ummeldungen oder ähnliches.“ Auch für die Mobilität ist gesorgt. Ziehen die Banden los, um Häuser auszuspähen, oder gehen sie auf ihre Raubzüge, können sie auf ebenso aktuelle wie unauffällige Fahrzeuge der Kompakt- und Mittelklasse wie Golf oder Audi A3 zurückgreifen. „Wie bei den Wohnungen gibt es Vermieter, die sich auf diese Klientel spezialisiert haben“, sagt Brüss. Die Fahrzeugmieten sind doppelt so hoch wie üblich, dafür wird bei den Papieren nicht so genau hingeschaut. „Die Autos stammen oft von den bekannten, großen Autovermietern und werden langfristig gemietet. Dann werden sie von einem Vermieter zum anderen weiter gereicht, bis sie schließlich bei einem Unternehmen landen, dass sich auf die Vermietung von Fahrzeugen für Kriminelle spezialisiert hat.“

Die Adressen und Telefonnummern bekommen die reisenden Einbrecher von Mittelsmännern, die sie in ihren Heimatländern anwerben und ihren Anteil von der Beute bekommen. „Wir haben es bei diesen Banden nicht mit einer organisierten Kriminalität wie bei der Mafia zu tun“, erklärt Brüss. „Für so etwas haben wir bei unseren Ermittlungen keine Beweise gefunden. Es sind eher lockere Strukturen. Erfahrene Einbrecher fahren mit großen Autos durch Städte wie Zenica, wo die Bande herkam, mit der wir es zu tun hatten, und sprechen junge Männer an, ob sie nicht Lust hätten, in ein paar Monaten in Deutschland als Einbrecher viel Geld zu verdienen.“

Während die erfahrenen Bandenmitglieder dann durch Deutschland fahren und nach passenden Häusern suchen, überlassen sie dem Nachwuchs das riskante Geschäft dem angeworbenen Einbrechernachwuchs: „Die lernen, wie sie schnell eine Tür oder ein Fenster aufbrechen. Ob es laut ist oder nicht, ist egal, Hauptsache, es geht schnell.“

Die Nummern vieler dieser Einbrecher und ihrer Anführer fanden sich auf dem beschlagnahmten Handy. Brüss und seine Kollegen überwachten die Handys der anderen Verbrecher und hörten mit Hilfe von Übersetzen die Gespräche der Bandenmitglieder untereinander ab. „Sie redeten nie über die Tat, sondern verabredeten sich oft nur. Auf diesen Treffen in Wohnungen oder Kneipen wurden dann die Diebestouren geplant.“ Schnell wurde Brüss klar, das die meisten Mitglieder der Bande nicht in Dortmund wohnten, sondern in Essen und Gelsenkirchen. „Als wir die Ermittlungskommission gegründet haben, holten wir deshalb Kollegen aus diesen Städten dazu.“ Die Ermittlungskommission bezog Räume in den Gebäuden der Dortmunder Polizei neben der Bundestraße 1.

Eine Arbeit begann, die man aus Serien wie The Wire kennt: Alle Informationen wurden an eine Wand geklebt: Namen, Orte Fotos. Bindfäden zeigten die Verbindungen auf. Erst zwischen zwei Telefonnummern, dann zwischen den Spitznamen, die ihnen zugeordnet werden konnten. Ein Puzzle, das erst langsam ein Bild ergab. Fotos der Verdächtigen wurden gemacht und ihre Namen ermittelt. Treffpunkte konnten ausgemacht werden, Vermieter, Wohnungen, Autos. Die Überwachung wurde ausgeweitet und brachte immer mehr Erkenntnisse. Die Beamten wussten immer öfter, wo sich die Täter befanden und erfuhren viel darüber, wie sie arbeiteten: „Oft stiegen sie in den Wagen und entschlossen sich erst dann, wohin sie fahren. Sie hatten eine Liste mit Zielen, aber es gab keinen großen Plan, wann sie wo einbrechen.“

Eine Gruppe nahm die Polizei im Januar nach Hinweisen aus der Bevölkerung direkt nach einem Einbruch in Essen fest. Gebannt schauten die Beamten in den folgenden Tagen, wie die gesamte Bande darauf reagierte: „Wir waren erleichtert, als sie glaubten, die Festnahmen seien ein Zufall gewesen. Wir hatten keine Anzeichen dafür, dass sie glaubten, verfolgt zu werden.“

Wenige Wochen später wurde es ernst. Die Einsatzkommission um Roland Brüss hatte genug Beweise gesammelt. Der Zugriff wurde geplant, immer mehr Polizeibeamte hinzugezogen. Die Nervosität stieg: „Wir haben damals alle nahezu rund um die Uhr gearbeitet. Zeit zum Schlafen blieb kaum, denn wir wussten, dass sich die Bande darauf vorbereitete, aus Deutschland abzureisen. Wir hatten alle die Sorge, dass wir in die Wohnungen kommen, und die sind weg.“

Sie waren nicht weg. Vom 17. bis zum 25. Februar nahmen die Beamten eine Gruppe nach der anderen in Essen und Gelsenkirchen fest – insgesamt 13 Täter, die für 250 Wohnungseinbrüche verantwortlich sind. Sie erwarten zwischen drei und fünf Jahre Haft. Auf die Festnahme reagierten sie unterschiedlich: „Die alten Hasen waren abgebrüht und ließen sich nichts anmerken. Andere waren sichtlich geschockt. Die gingen davon aus, in den kommenden Tage und nicht erst in vielen Jahren ihre Familien wiederzusehen.“ Einige Täter hatten auf Bestellung für die Lieben daheim geklaut: Mal eine Playstation, mal einen Staubsauger. Weitere zwöf Einbrecher konnten inzwischen identifiziert werden, sind aber noch nicht festgenommen worden. Sie haben Deutschland verlassen. Sollten sie in diesem Herbst wiederkommen, werden sie festgenommen.

Keiner der Täter hat in den Wochen seit seiner Festnahme ausgepackt. Sie schweigen, haben Angst, dass ihren Familien in Bosnien etwas geschieht, wenn sie mit der Polizei zusammenarbeiten. Brüss und seine Beamten werten jetzt alle Spuren aus, auch jene, die sie während der EK Engel nicht verfolgen konnten. „Wir werden dabei sicher Hinweise auf weitere Banden finden, und wir werden ihnen nachgehen.“ Wenn im Herbst die Banden wieder nach Deutschland kommen, werden einige ihrer Mitglieder vielleicht bereits im Visier der Polizei sein. Die meisten jedoch werden auch im kommenden Winter für steigende Einbruchszahlen sorgen.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt.

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12 Kommentare

  1. #1 | kE sagt am 21. Mai 2016 um 12:58 Uhr

    Der hier beschriebene große Erfolg ist eigentlich nicht vorhanden.

    Wenn der Staat in der Lage ist, eher einzugreifen und früher zu handeln, kommt es nicht zu 250 Einbrüchen und damit zu einer enorm hohen Zahl von Opfern.
    Die Folgen haben wir alle über Versicherungsbeträge etc. zu zahlen.

  2. #2 | Michael sagt am 21. Mai 2016 um 18:14 Uhr

    Sind wir ehrlich: Wir sind doch selber schuld! Wir lassen unser Grenzen sperrangelweit offen stehen, sodaß jeder unkontrolliert herein und heraus kann. Bei den in der Summe eher linken Politbonzen die das verbrochen haben und die sich aufführen wie der Sheriff von Nottingham wenn das Kind beim Namen genannt wird, wird natürlich nicht eingebrochen, in deren Straße fährt alle 15 Minuten gut sichtbar ein Streifenwagen auf und ab. Wir Bürger haben dieses Glück nicht, wir zahlen mit unserem Geld oder unserer Gesundheit wenn wir uns gegen einbrecher zur Wehr setzen. Halt – nicht ganz, im Sauerland wurde ein 18-jähriger osteuropäischer Einbrecher von einem Hausbesitzer und passionierten Jäger erl… äh, erschossen:
    http://www.welt.de/vermischtes/article154777312/Hausbesitzer-erschiesst-18-jaehrigen-Einbrecher.html
    Nach all den vielen Polizeiberichten über straffrei entkommene Täter endlich einmal eine gute Nachricht, wie ich finde (ja, ich weiß, das ist böse und politisch nicht korrekt. Aber ich bin nunmal so). Denn wer lebt wie ein Gangster und bei den Mädels Eindruck machen will wie ein Gangster, muß damit rechnen dass er auch stirbt wie ein Gangster (*kicher*).

  3. #3 | ke sagt am 22. Mai 2016 um 13:01 Uhr

    Hier ist auch noch ein interessanter Artikel zu den Einbruchszahlen inkl. einer Analyse bzgl. der hohen Einbruchszahlen in NRW:

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/einbrecher-wo-die-meisten-einbrueche-stattfinden-a-1092820.html

  4. #4 | Arnold Voss sagt am 24. Mai 2016 um 17:53 Uhr

    @ Michael # 2

    Sie sind hier offensichtlich auch ganz unkontrolliert hereingekommen. Wie schön, dass sie kein passionierter Jäger aus dem Sauerland sind. Denn wer lebt wie ein Jäger und bei den Mädels Eindruck machen will wie ein Jäger, muß damit rechnen dass er auch stirbt wie ein Jäger. 🙂

  5. #5 | thomas weigle sagt am 24. Mai 2016 um 20:22 Uhr

    @ Arnold Wie stirbt denn ein Jäger?

  6. #6 | Klaus Lohmann sagt am 25. Mai 2016 um 08:49 Uhr

    @#5 thomas weigle: Von hinten?

  7. #7 | Arnold Voss sagt am 25. Mai 2016 um 18:31 Uhr

    Durch andere Jäger wegen derer aus verschiedensten Gründen bis zur Zielverwechslung geminderten Zielgenauigkeit (von hinten und von der Seite) . Durch eigene Zielungenauigkeit in Kombination mit der schnellen und vom Überlebenstrieb befeuerten Angriffslust des nicht getroffenen Tieres (in der Regel von vorne). Im Falle von Förstern und Wildhütern aber auch durch die Zielgenauigkeit eines Wilderers (in der Regel von hinten). 🙂

  8. #8 | thomas weigle sagt am 25. Mai 2016 um 19:39 Uhr

    Aber eine Selbstausrottung der deutschen Jägerschaft steht nicht auf der Tagesordnung, oder? Und "Wildschützen" a la Jennerwein sind doch wohl auch nicht mehr unterwegs? Oder verschweigt die Lügenpresse diese Art des Jagens und des Freiheitskampfes a la Robin Hood?

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 25. Mai 2016 um 22:11 Uhr

    Lügenpresse und Jägerlatein, lieber Thomas Weigle sind so alt wie die Welt. Aber Jäger gibt es immer noch. Und sie werden auch nicht von hinten erschossen, auch nicht von der Seite, wie Arnold schreibt, sondern von unten. Danach macht man Schnitzel daraus. Da bin ich ganz sicher.

  10. #10 | Arnold Voss sagt am 26. Mai 2016 um 10:22 Uhr

    @ thomas weigle # 8

    Um das zu verhindern weicht der deutsche Jäger und die deutsche Jägerin (soll es auch geben), sofern er/sie über das entsprechende Kleingeld verfügt, zielführend nach Afrika aus. Dort wir unter Mithilfe von Wildhütern und Wildtierzüchtern dafür gesorgt, dass er/sie immer, und immer nur, die Tiere trifft. In ganz schwierigen Fällen, sprich bei permanent grober Zielungenauigkeit der Schützen, werden die tierischen Zielobjekte sogar unter sie extrem verlangsamende Drogen gesetzt. (Kein Scherz!).

  11. #11 | thomas weigle sagt am 26. Mai 2016 um 12:04 Uhr

    Ja @Helmut, das berüchtigte Jäger- und Anglerlatein hatte ich tatsächlich nicht auf dem Schirm. @Arnold#10 das ist ja nicht zu fassen!!!

  12. #12 | Helmut Junge sagt am 26. Mai 2016 um 14:54 Uhr

    Hier ist das oft nicht anders als in Afrika. Da wo Spaziergänger am Waldteich Enten füttern, werden diese Enten, zutraulich wie sie sind, auch geschossen. Dabei könnte man sie mit der Hand fangen. Aber dann beißen sie evtl. in den Finger. Jäger sind da vorsichtiger. Vom Hochstand aus, gut getarnt, Rehe schießen, hat mit dem, was ich unter Jagd verstehe sowieso nichts zu tun. Helden sind sie nun mal nicht, unsere Jäger.

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