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Serie: Wie esoterisch ist mein Gesundheitsministerium? Teil 5: Berlin

Es ist wieder Montag –
Zeit für unsere Serie „Wie esoterisch ist mein Gesundheitsminister?“.

Nach wie vor haben wir keine Rückmeldungen aus Hessen, Brandenburg, Sachsen oder Thüringen. Ebenso wie ihr, werte Leser, wenig Rückmeldung dazu gegeben habt, wie wir in solchen Fällen bewerten sollen. Der einzige Vorschlag liefe darauf hinaus, in solchen Fällen alle 15 Globuli zu vergeben. Auch ist die Frage noch ungeklärt, wie vorzugehen  ist, wenn Ministerien nur ein allgemeines Statement abgeben – nicht aber die drei Fragen einzeln beantworten.

Nun aber zur heutigen Wertung. Es geht ins Dicke „B“!

Senator Mario Czaja (Quelle: Wikipedia.de)

Senator Mario Czaja
(Quelle: Wikipedia.de)

Heutiges Bundesland: Berlin

Senator für Gesundheit und Soziales: Mario Czaja (37)

Parteibuch: CDU

Die Bewertung: Für jede Antwort werden 0 bis 5 Globuli vergeben. Je mehr Globuli, desto esoterischer das Gesundheitsministerium. Insgesamt können also 15 Globuli erreicht werden, wobei dies wohl nur der DHU erstrebenswert erscheinen dürfte.

 

Auch in Berlin gibt es, wie in Sachsen-Anhalt einleitende Worte zu den Antworten, die wir euch nicht vorenthalten wollen:

Bitte beachten Sie, dass es bei diesem Thema nicht auf die persönliche Einschätzung von Herrn Czaja ankommt, sondern um die fachlichen Rahmenbedingungen im Feld der Alternativmedizin und der evidenzbasierten Medizin, die Grundlage unserer Arbeit bzw. von Aufklärung und Empfehlungen sind. Aus diesem Grund sind die Antworten nicht als persönliche Zitate des Senators, sondern als Antwort der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales anzusehen.

 

1) Wie steht der Senator die Senatsverwaltung zur Alternativmedizin? Sieht sie darin „zu überwachende Quacksalberei“ oder eine „gleichzuberechtigende Alternative zur Schulmedizin und Naturheilverfahren“?

Der Begriff „Alternativmedizin“ umfasst die unterschiedlichsten Behandlungsmethoden. Eine pauschale Aussage dazu ist daher gar nicht möglich. Viele alternative Behandlungsmethoden sind längst im medizinischen Behandlungsalltag angekommen und werden tagtäglich angewandt. Eine Entscheidung, welche Behandlung für den einzelnen Patienten sinnvoll ist, wird individuell im Patienten-Arzt-Kontakt entschieden.

Ob alternative Behandlungsmethoden auch von den Krankenkassen bezahlt werden, ist eine andere Frage. Voraussetzung hierfür ist nach § 2 des SGB V, dass die Qualität und Wirksamkeit der Leistungen dem allgemein anerkannten Stand der Medizinischen Erkenntnisse entsprechen und den medizinischen Fortschritt berücksichtigen müssen.

Bewertung: 4 Globuli.

 

2) Wie steht die Senatsverwaltung zur evidenzbasierten Medizin? Welche Rolle schreibt sie allgemein empirischen Wirkbefunden zu?

Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) ist unverzichtbar und somit auch Maßstab für medizinische Empfehlungen der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. EbM ist ein gutes Instrument für Ärzte und Patienten im Klinik- und Praxisalltag mit vertretbarem Aufwand nach den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung zu behandeln. Dabei werden nicht nur neue Methoden, sondern auch herkömmliche, traditionell angewandte Methoden hinterfragt und in ihrer Wirksamkeit überprüft.

Richtig angewendet, wird damit die Behandlung der Patienten verbessert und die Patientensicherheit erhöht. Oft wird befürchtet, dass die Behandlung nach Leitlinien zu einer schematischen Medizin führt: alle Patienten mit derselben Krankheit würden gleich behandelt, ohne die Bedürfnisse und Besonderheiten des Einzelnen zu berücksichtigen. Dies ist so nicht richtig. Die individuellen Wünsche und Wertvorstellungen des Patienten, fließen gleichberechtigt neben der klinischen Erfahrung des behandelnden Arztes und den Ergebnissen aus wissenschaftlicher Forschung in die individuell für ihn optimierte Therapieplanung mit ein.

Bewertung: 0 Globulus.

 

3) Was empfiehlt die Senatsverwaltung in Fällen, in denen alternativmedizinische Vorstellungen diametral zu denen der Schulmedizin sind, bspw. im Bereich des Impfschutzes?

Persönliche Glaubens- und Einstellungsfragen sind eine Entscheidung des Patienten, in die nicht eingegriffen werden kann und auch nicht sollte. Die Aufgabe des Öffentlichen Gesundheitswesens liegt vielmehr in der umfassenden und wertfreien Aufklärung der Bevölkerung, sodass Patienten befähigt werden, selbstbestimmt eine Entscheidung zu treffen.

Die aktuelle Aufklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Deutschland sucht den Impfpass“ ist dafür ein gutes Beispiel.

Bewertung: 3 Globuli.

Soweit die Antworten aus Berlin.
Wir kommen auf eine Esoterikwertung von 7 Globuli.

 

Erläuterungen

Ausweichende Antworten sind in Berlin deutlich seltener als noch in Sachsen-Anhalt. Dadurch wird die Wertung einfacher – man sieht besser, woran man ist.

Nur ist dies inhatlich bei der ersten Antwort nicht gerade erfreulich. Denn die Tatsache, dass Alternativmedizin im Behandlungsalltag angekommen ist, sagt nichts darüber aus, ob eben diese wirkungsvoll ist oder nicht. Die Senatsverwaltung „übersieht“ dies völlig. Es ist so, als leite man aus allgemeinem Falschparken ab, dass dies ein interessantes Modell zur Parkraumplanung ist. Das (oft unwissende) Verhalten der Patienten zu reflektieren, wäre hingegen Aufgabe einer Fachverwaltung.

Während man hier noch von einer ungünstigen Formulierung der Verwaltung sprechen könnte, ist der zweite Teil der Antwort schlicht falsch. Denn durch den sog. „Binnenkonsens“ sind die alternativmedizinischen Verfahren Phytotherapie, Homöopathie und anthroposophische Medizin explizit vom Wirksamkeitsnachweis ausgenommen. Ist es denkbar, dass die Senatsverwaltung davon keine Kenntnis hat? Nein, sage ich und vergebe für die erste Antwort die hohe Zahl von 4 Globuli.

Umso überraschender die zweite Antwort. Ein klares Bekenntnis zur evidenzbasierten Medizin (EbM). Selbst mögliche Einwände gegen die EbM werden aufgegriffen, und zurück gewiesen. Deswegen hier auch kein einziger Globulus.

Positiv an der Antwort zu entgegensetzten Vorstellungen in Alternativmedizin und Schulmedizin ist zunächst der Verweis auf die Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die vielen Impfgegnern ein Dorn im Auge ist. Eine Impfempfehlung will die Senatsverwaltung aber nicht aussprechen – und verweist auch nicht auf die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, die eben solche Empfehlungen benennt. Vielmehr wird Impfen zu einer persönlichen „Glaubens- und Einstellungsfrage“ gemacht, und dabei aus den Augen verloren, dass Impfschutz eben auch Gemeinschaftsschutz ist, was selbst der sonst etwas unglücklich agierende Bundesgesundheitsminister sieht, wenn er sich sogar für einen Impfzwang ausspricht. Da aber bei der ersten Frage vielleicht etwas härter gewertet wurde als nötig, wird hier nun etwas weicher als möglich gewertet und nur 3 Globuli ausgesprochen.

Die stark unterschiedlichen Punktzahlen bei der Berliner Senatsverwaltung könnten ein Zeichen dafür sein, dass die Fachleute vielleicht doch nicht so sehr vom Fach sind, wie sie sein sollten – oder gehofft haben, mit gut klingenden, aber inhaltlich falschen Antworten, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken.

Aber nicht mit den Ruhrbaronen!

 

P.S.: Zu unserer großen Freude wurde unsere Serien an einigen Stellen im Netz verlinkt, so z.B. im GWUP-Blog oder beim Deutschen Konsumentenbund.

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7 Kommentare zu “Serie: Wie esoterisch ist mein Gesundheitsministerium? Teil 5: Berlin

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