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Sonntagsfrage: es grünt so grün – ohne Ende

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat heute wieder einmal seine Umfrageergebnisse zur Sonntagsfrage bekanntgegeben. Danach bauen die Grünen ihren Vorsprung vor der SPD weiter aus und schicken sich an, der Union den ersten Platz streitig zu machen.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat heute wieder einmal seine Umfrageergebnisse zur Sonntagsfrage bekanntgegeben. Danach bauen die Grünen ihren Vorsprung vor der SPD weiter aus und schicken sich an, der Union den ersten Platz streitig zu machen. Forsa zufolge würden, “wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären“, 30 % bei CDU und CSU ihr Kreuzchen machen, 27 % bei den Grünen und 22 % bei der SPD. Die Linke käme unverändert auf 8 % und die FDP – leicht verbessert – auf 5 %.

Wenn sich die Aufregung wegen Fukushima ein wenig gelegt habe, werde es mit dem Höhenflug der Grünen ein Ende haben, war sich die Mehrheit der politischen Beobachter sicher. Ohne Frage haben die Grünen in Folge der Reaktorkatastrophen in Japan die Umfragedaten, aber auch die Wahlergebnisse (!), kräftig zugelegt. Doch genauso fraglos hat sich, ohne dass es dafür einen objektiven Anlass gäbe, “die Aufregung wegen Fukushima ein wenig gelegt“. Und zwar schon seit einigen Wochen. Die Grünen legen jedoch weiter zu.

Spätestens wenn die Grünen den ersten Ministerpräsidenten stellen, also “in der Verantwortung stehen“, werde der Traum von der grünen Wohlfühlrepublik zerplatzen, prophezeiten Andere. Zugegeben, Kretschmann ist noch nicht allzu lange im Amt, andererseits hat er in der relativ kurzen Zeit kaum eine Gelegenheit ausgelassen, deutlich zu machen, dass es mit ihm keine grüne “Revolution“ geben wird. Eine ganze Fülle von Beispielen ließe sich anführen, das markanteste: endlich kann auch in Baden-Württemberg nach einem atomaren Endlager gesucht werden.

Zuletzt: mit dem Atomausstieg ginge den Grünen ihr wichtigstes Thema verloren. Eine Partei ohne Identität werde aber nicht gewählt. Mag sein, dass sich dieser prognostizierte Effekt jetzt noch gar nicht in den Umfragen bemerkbar machen kann. Aber wieso nicht? Seit Wochen ist erkennbar, dass Schwarz-Gelb den Atomausstieg durchziehen wird. Ginge es also “nur“ um ein bisschen Fukushima-Panik, die die ansonsten bürgerlichen bzw. sozialdemokratischen Wähler in die Hände der Grünen getrieben hatte, könnten sich doch die verschreckten Stammwähler der Anderen jetzt wieder in den Schoß ihrer „Heimatpartei“ zurückbegeben.

Doch die neuen Wähler der Grünen denken überhaupt nicht daran. Bei allen Instituten liegen die Grünen solide über 20 %; nirgendwo so hoch wie bei Forsa, doch man muss sehen, dass die anderen diesbezüglich den Forsa-Resultaten seit Wochen und Monaten „hinterherlaufen“. Es würde mich schon sehr wundern, wenn es in den nächsten Tagen anders liefe. Die Grünen legen weiter zu – “trotz“ Japan-Desinteresse, vermeintlicher Desavouierung in der Verantwortung und tatsächlich beschlossenem Atomausstieg.

Das Gegenteil ist richtig: gerade weil die Grünen nicht mehr so bürgerschrecklich alternativ sind, weil mit ihnen keine Revolution oder auch nur ein Stromausfall droht, und weil sie über Personen verfügen, die sich anständig anziehen können und bei wichtigen Konferenzen keine Sonnenblumen mehr auf den Tisch zu stellen pflegen, sind sie für breite Wählerschichten „wählbar“. Dass Joschka Fischer dereinst den Bundestagspräsidenten – “mit Verlaub“ – als ein “Arschloch“ bezeichnet hatte, war zwar auch irgendwie klasse, erinnerte sogar an Wehner, doch es beruhigt die neu erschlossene Wählerklientel ungemein, dass diese Zeiten längst Geschichte sind.

Obwohl … – der Joschka Fischer, der wär´s! Aber er will nicht, sagt er. Was soll er auch sonst sagen?! Denn ohne jeden Zweifel wollen ihn Künast und Trittin nicht, ebenso wenig wie Roth und Özdemir. Und hier fängt das Problem an: wer so viele Prozente auf die Waage bringt wie die Grünen, wird nicht umhin kommen, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen. Also Trittin. Doch den wählt man nicht, da kann Trittin noch so sehr auf soft und staatsmännisch machen.

Beruhigend für die SPD: die schickt einen Altmeister selbst dann in die Wiederaufbereitungsanlage, wenn sie ihn nicht mag. Nur der Wähler wegen. In dieser Hinsicht sind die Grünen dann doch noch echt alternativ. Das machen sie nicht. Natürlich weiß auch bei denen jeder, dass wenn sie Fischer als Kandidaten aufstellten, der auch Kanzler würde. Aber so weit geht die “Sozialdemokratisierung“ dann doch nicht.

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12 Kommentare zu “Sonntagsfrage: es grünt so grün – ohne Ende

  • #1
    allemachtdendrähten

    Na ja, wenn Betrüger Verteidigungsminister werden , sollten auch andere Kriminelle Kanzler werden können.

  • #2
    Stefan Laurin

    Fischer ist etwas, gelungen, was den wenigsten Politkern gelingt: Ein Ausstieg mit Würde. Ich hoffe nicht, dass er das riskiert – und ich glaube es auch nicht.

  • #3
    Mir

    Die erste Tod-Sünde der Grünen: Als Koalitionspartner in der Regierung in den Afganistan-Krieg zu ziehen.

  • #4
    Robin Patzwaldt

    Jürgen Trittin könnte ja mal etwas für seinen Ruf tun und sich öffentlich erklären, was er denn davon hält, dass sich die NRW-Grünen nun doch nicht entschlossen an das von ihm gegebene Wahlversprechen zu halten scheinen, dass der Kraftwerksneubau Datteln 4 bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen nach der Landtagswahl 2010 nicht ans Netz gehen wird?!?
    Und warum die Kraftwerksproblematik in Datteln, welche vor der Wahl noch ein bedeutendes politisches Thema in Düsseldorf war, nun plötzlich aus Sicht der Grünen in NRW nur noch ein juristisches Problem zu sein scheint, welches man, dem Koalitionsfrieden zuliebe, am liebsten politisch gar nicht mehr ansprechen würde? Was sagt Jürgen Trittin zu dieser Entwicklung, die viele Wähler der Grünen (aber auch andere Bürger) in Datteln und Waltrop derzeit so wütend macht? Das würde mich mal interessieren…

    😉

  • #5
    Mao aus Duisburg

    Abwarten… in anderen Umfragen sieht das schon ganz anders aus. Der „echte“ Kern der Grün-Wähler ist bei etwa 10 bis 15 Prozent. Mehr nicht – und das ist schon hoch gegriffen. Ich sage voraus, dass die Grünen Ende des Jahres wieder auf diesem Wert sein werden – dann ist das Thema Atom durch und in Baden-Württemberg zeigt sich die Last der Alltagspolitik. Nämlich, dass man als regierende Partei auch unpoluläre Entscheidungen treffen muss.
    Die Grünen sind weiterhin eine Nischenpartei – wie die Linke und die FDP. Nur anders als FDP und Linke haben die Grünen ein Thema: Atom – der Gründungsmythos. Doch der ebbt ab und die Grünen müssen sich ein neues Kern-Thema suchen…..

  • #6
    Thomas

    Quatsch, kein Mensch braucht ein sog. „neues Kern-Thema“.
    Unfug
    Die „Rote Bibel“ zu Kopfe gestiegen?

    Mit Grünen Grüßen
    Thomas

  • #7
    Thomas

    Wer meint, die Atomkraft sei der Grünen einziges Thema, der hat die letzten 30 Jahre nicht verstanden. Der Klimawandel nimmt heute einen vergleichbaren Stellenwert ein und wird den Grünen noch mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts zur Verfügung stehen. Wenn die SPD sich als Fürsprecherin der Industrie geriert, dann ist das ein romantischer Rückgriff auf die Vergangenheit, während Gegenwart und Zukunft der Industrie sich aus den ökologischen Erfordernissen ergeben und dadurch grün werden. Während man 1980 in der Industrie die Grünen vielleicht noch als Spinner belächelt hat, stehen heute komplette Branchen hinter den Grünen. Während früher vielleicht eher Akademiker die Grünen gewählt haben, dürften zukünftig auch immer mehr Arbeiter die Grünen wählen, weil sie in diesen Branchen tätig sind und damit eine Verbindung zur Ökologie bekommen und man ihnen nicht mehr vormachen kann, Ökologie und Wohlstand wären Gegensätze. Und wenn es eine Partei gibt, die für neue Jobs und nicht nur den Erhalt der alten steht, dann sind es die Grünen.

    Und: jemand, der, seitdem er wählen durfte, immer Grün gewählt hat, der ist heute um die 50 Jahre alt.

    Die Kernwähler der Grünen dürften vielleicht wirklich um die 15% liegen, nur ist das mehr, als je zuvor. Auch früher haben schon immer mal mehr als nur die Kernwähler die Grünen gewählt, doch da waren dann 15% ein gutes Ergebnis. Wenn heute über 20% Grüne wählen, dann wächst auch dadurch langfristig der Kern weiter.

    Um zu verstehen, warum das so ist, braucht man sich nur die anderen Parteien anzusehen. Wer CDU/CSU, SPD, FDP und Linke in den letzten Jahren beobachtet hat, der verzeiht den Grünen auch den einen oder anderen Fehler.

  • #8
    Michael Voregger

    Das die bürgerlichen Grünen eine echte Alternative im Parteiensystem darstellen sagt sehr viel über den Zustand der anderen Parteien. Die Revolution wird deshalb in absehbarer Zeit nicht ausbrechen. Viel bedenklicher stimmt mich allerdings, dass die FDP immerhin noch auf 5 Prozent kommt – die sind deutlich überbewertet.

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  • #10
    Jan

    Künast wäre die bessere Kanzlerkandidatin als Trittin. Die hat aber das Problem, dass sie bis dahin entweder Berliner Bürgermeisterin ist oder die Wahl gegen Wowi verloren hat. Und wer gegen Wowi verliert, wird auch nicht mehr Bundeskanzlerin.

    Fischer hingegen hat ja neulich mal irgendwann gesagt: Er kommt nur in die Politik zurück, wenn es Deutschland richtig schlecht geht. Aber es ginge Deutschland sehr gut, deshalb bliebe er in der Wirtschaft. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass es Europa ziemlich schlecht geht und dass es keine echten Europäer mehr gibt, dass niemand da ist, den Laden zusammenzuhalten. Und wer ist ein echterer Europäer als Fischer? Der Mann muss ran.

  • #11
    allemachtdendrähten

    Heute kommt der Spiegel mit :Es geht wieder los mit Stuttgart 21: Nachdem die grün-rote Landesregierung auf einen Baustopp-Antrag verzichtet hat, will die Bahn schon kommende Woche weiterbauen.
    So viel also zu den kommenden Hochrechnungen.

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