Sylt, die Wohlfühl-Antifa und das Kalifat

Sylt Foto: Ralf Roletschek Lizenz: CC BY-SA 3.0

Nahezu eine Woche ist nun vergangen, seit eine Horde von Rich Kids in einer angesagten Sylter Bar der selektiven Gefühls-Antifa den größtmöglichen Gefallen getan hat: Sie haben als  aus mutmaßlich privilegiertem Elternhaus stammend rechtsextreme Parolen gebrüllt und den Hitlergruß gezeigt.

Die Maschinerie des kollektiven Entsetzens und der ekstatisch-wolllüstigen Ereiferung läuft seither auf Hochtouren. Um das klar zu betonen: Nichts am Verhalten der Sylter Barden ist zu entschuldigen, auch nicht mit Alkohol. Rechtsextreme Parolen zu brüllen oder den Hitlergruß zu zeigen ist nicht lustig, es zeugt von völliger Geschichtsvergessenheit und Wohlstandsverwahrlosung. Dass es hiergegen ein gesellschaftliches Immunsystem gibt, ist zentral und wichtig. Und dass die Täter darüber ihre Jobs verloren haben: Play stupid Game, win stupid prize. Selbst schuld. Eine derartige Dummheit muss bestraft werden. Als Ruhrbarone positionieren wir uns seit Jahren unnachgiebig und scharf, wenn es um Rechtsextremismus geht. Ein Hitlergruß ist rechtsextrem.

Das Problem ist, dass die Reaktion zeigt, in was für einem traurigen Gesamtzustand dieses Immunsystem ist. Mehr noch, dass das Immunsystem weiß, dass es krank ist und jetzt überkompensiert.

Das Video war kaum online, da schossen alle aus ihren Löchern. Sämtliche „Satire“-Seiten im Internet, alle politischen Kommentatoren und überhaupt ließ es sich niemand nehmen, die günstige Gelegenheit zu nutzen, um die eigene moralische Überlegenheit zu postulieren. „Nie wieder ist jetzt!“, der Kampf gegen den aufflammenden Rechtsextremismus, wirkungsvoll bei Social Media in Szene gesetzt.

Es sind einfach die absoluten „Wunschnazis“. Denn eines ist vollkommen klar: Niemand aus dieser traurig-elitären Truppe wird auf Kritik mit Gewalt reagieren, jemanden bedrohen oder gar zum Mord aufrufen. Und sollte der Verfassungsschutz bei einem der Sängerknaben vor der Tür stehen, dürfte sich spontan eine Durchfallerkrankung einstellen, verbunden mit völliger Gefügigkeit.

Wer die Sylt-Truppe nun aber zum Inbegriff des Rechtsextremismus verklärt, beweist Geschichtsvergessenheit, Naivität und selektive Dummheit. Und echte Nazis, wie man diese Anfang der 2000er Jahre in Dortmund erleben durfte und bekämpfen musste, scheint man auch noch nie gesehen zu haben.

Die Reaktionen nehmen hierbei mittlerweile groteskeste und maßlose Formen an. Nahezu ohne jede Kritik werden seither Personendaten der im Video zu sehenden Personen veröffentlicht. Namen, Adressen, Arbeitgeber. Neuhochdeutsch wird das als „Doxing“ bezeichnet und ist strafbar. In der Regel geht Doxing mit einem großen Aufschrei einher, insbesondere von Seiten einer moralisch unfehlbaren Kaste wird dann stets die Unverletzlichkeit der Persönlichkeitsrechte sowie die Gefahr für die betroffene Person beschworen. Für die Sylt-Sänger gilt dies natürlich nicht, seit dem Wochenende sind diese gesellschaftliches Freiwild, auf das nach Belieben geschossen werden darf. Eine kollektive Hexenjagd, an deren Ende das vom Teufel besessene Weib eben auch auf den Scheiterhaufen muss. So, wie es in den guten alten Zeiten immer war. Dass Strafverfolgung in einem Rechtstaat Aufgabe der Justiz ist und nicht in den Händen von Social Media Freischärlern liegt, scheint ebenfalls vollkommen vergessen. Selbst die Präsidentin des Bundestags Bärbel Bas schaltete sich ein und fordert „die Höchststrafe“. Dass sie damit die Gewaltenteilung aushebelt und grundgesetzlichen Konsens über Bord wirft: Egal.

Ministerialreferent Torsten Liebig von der SPD aus Baden-Wüttemberg ließ es sich bei Instagram nicht nehmen, nicht nur den Namen einer der im Video zu sehenden Personen zu veröffentlichen, sondern der gekündigten jungen Frau nahezulegen, stattdessen eine Karriere als Rassenhygienikerin oder SS-Rottenführerin anzustreben. Ganz klar: Die Sylt-Sängerin steht in einer Reihe mit den Tätern des Holocausts, die die Juden in die Gaskammern getrieben haben. Das Andenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten, benutzt um sich bei Social Media wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Die letzte Pointe setzte gestern die Hochschule der Sylt-Sängerin. Die HAW prüft nach einem Bekunden eine Exmatrikulation auf Basis des Hamburger Hochschulrechts.

Statt zu singen, hätten man auf Sylt besser ein Kalifat und den Kampf gegen das Judentum fordern oder antisemitische Parolen brüllen sollen, da hier die Immunreaktion von Staat und Politik deutlich weniger ausgeprägt scheint. Als im Mai über 2000 Teilnehmer auf der von Muslim Interaktiv organisierten Demo ebendies taten, gab es nur verhaltenen Widerspruch. Von Doxing, öffentlichen Stellungnahmen des Kanzlers oder einer Hetzjagd bei Social Media war keine Spur. Auch wurde nicht diskutiert, ob der Organisator der Demo, Joe Adade Boateng, exmatrikuliert werden solle. Dieser studiert ebenfalls in Hamburg, pikanterweise auf Lehramt.

Auch nach den zahllosen Feierlichkeiten nach dem Überfall der Hamas auf Israel, die ebenfalls umfangreich auf Video festgehalten wurden, waren entsprechende Reaktionen nicht zu vernehmen. Bonbons zur Feier toter Juden zu verteilen scheint ebenfalls deutlich unkritischer, als auf Sylt zu singen. Die Antilopen Gang fasste es kürzlich in ihrem Song „Oktober in Europa„:

„Siebentausend Antifas machen ein’n auf Wir-Gefühl[…]Und ein’n Monat später waren alle seltsam ruhig“

Es ist genau diese Ruhe, die die Reaktionen auf das Sylt-Video so zur Absurdität verkommen lässt. Seit mehr als einem halben Jahr erlebt die Welt immer neue Ausbrüche antisemitischer Parolenschreierein, Genozidbezichtigungen und maßloser Grenzüberschreitungen. Nicht nur ohne jede Folge, es sind sogar oftmals die selbsterklärten Bekämpfer des Faschismus, die mit Islamisten und derern Sympathisanten paktieren. Das angesprochene Immunsystem hätte hier reagieren müssen. Hat es aber eben nicht.

Die Reaktion auf einen „Vorfall“ scheint immer mit einer intrinsischen Risikokalkulation einherzugehen. Nur die richtigen Täter werden angegriffen, im Wissen, dass die falschen Täter in der Konsequenz zu unangenehmen Fragen führen. Als Beispiel sei hier Salman Rushdie genannt, der seit Jahren unter dauerhaftem Polizeischutz steht. Wer islamistische Faschisten angreift riskiert Leib und Leben, eine Konsequenz, die beim gratismutigen Angriff auf die Sylter-Trümmersänger kaum zu befürchten steht. Es ist Wohlfühl-Antifa.

Nur wenige Tage nach Sylt sangen Fans des neuen Türkischen Meisters Galatasaray Istanbul exakt die gleichen Parolen in Stuttgart. Das reichte so gerade eben für einen Artikel in der Schwäbischen Zeitung. Doxing, Kundgebungen und Protest gab es hier selbstverständlich nicht.

Eine Immunreaktion auf rechtsextreme Parolenbrüllerei ist und bleibt richtig. Dass das gleiche Immunsystem aber nahezu alle anderen Rechtsextremisten unreflektiert gewähren lässt und sogar unterstützt wird früher oder später zum Kollaps führen.

 

 

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