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Szenische Algorithmen

Daniel Hengst, Rolf Meinecke und Martin Juhls gerendert (Foto: Theater Dortmund)

Daniel Hengst, Rolf Meinecke und Martin Juhls gerendert (Foto: Theater Dortmund)

Am 21.2. wird im Studio des Theater Dortmund „Live-Code: Krieg und Frieden im globalen Dorf“ uraufgeführt. Das Stück kommt nicht nur ohne Schauspieler aus, sondern macht auch sonst einiges anders als üblich. Die bisherigen Texte zum Stück lassen nur leider kaum Rückschlüsse darauf zu, was es dann überhaupt zu sehen gibt. Deshalb besuchte für ruhrbarone.de Honke Rambow die Proben.

„Die Idee zu der Produktion kam daher, dass Intendant Kay Voges ein Stück mit allen Schauspielern des Ensembles machen wollte (Das Fest, Premiere am 22.2.) und deshalb uns gefragt hat, ob wir nicht parallel etwas im Studio machen können“, erzählt Daniel Hengst. Der Kameramann, Videokünstler und Regisseur hatte schon öfter am Dortmunder Schauspiel gearbeitet und machte sich nun daran, ein Stück zu entwickeln, das ohne Schauspieler auskommt. Stattdessen stehen jene Menschen auf der Bühne, die sonst im Theater eher im Verborgenen arbeiten: Der Elektronikmusiker Martin Juhls, der Programmierer Rolf Meinecke und eben Daniel Hengst selbst. „Von Anfang an war uns klar, dass wir keine Videoinstallation machen wollen, bei der die Besucher auch mal raus- und reingehen können“, erklärt Hengst. „Es wird schon ein richtiges Stück mit einer Geschichte – die Hauptperson ist ein Fisch –, die wir erzählen.“

Bei unserem Besuch können wir von dieser Geschichte noch nicht viel sehen. Das Team ist gerade zum ersten Mal auf der Bühne, die Beamer sind noch nicht angeschossen. Nur ein paar schwarze, halbtransparente Leinwände und ein Tresen mit einer Batterie von Computern und wirrem Kabelsalat deuten darauf hin, dass die Arbeit gleich losgehen kann. „Bisher haben wir das Material für die Produktion erstellt, gewissermaßen die virtuellen Schauspieler gebaut“, erzählt Programmierer Rolf Meinecke, „und uns vor allem mit der Technik vertraut gemacht.“ Alle Beteiligten mussten sich in Programme einarbeiten, die dem Live-Anspruch des Theaters gerecht werden. Und dann zeigt das Gespräch ganz schnell, was wohl einen Hauptteil der Vorarbeit ausmachte: Überlegungen über den Umgang mit der digitalen Welt. Die großen Firmen versuchten immer hermetischere Systeme zu schaffen, erzählt Meinecke. Die Möglichkeiten für den Nutzer einzugreifen werden immer geringer. Anschaulichstes Beispiel: Die Apple-Geräte, bei denen man nicht einmal mehr einen kaputten Akku selbst austauschen kann. Oder moderne Digitalkameras, die dem Benutzer die Entscheidung abnehmen, wann er auf den Auslöser drückt. „Zu allererst muss man sich darüber bewusst werden, dass das so ist“. Emphase ergreift Meinecke: „Und dann muss man sich überlegen, wie man damit umgehen will.“ Die Möglichkeiten zum Eingriff in solche Systeme seien immer noch da, erklärt er, aber eben nicht mehr so vordergründig sichtbar. Und dann taucht im Gespräch der Begriff „Schrauben“ auf. Ein Bewusstsein für die Schrauben will „Live-Code“ schaffen. Das bedeute ja nicht, dass man nicht völlig zufrieden sein könne mit der Funktion, aber es sei halt wichtig, zu wissen, dass die Systeme Entscheidungen für den User treffen, und dass man diese Entscheidungen nicht immer akzeptieren muss.

Eine echte Vorstellung darüber, wie das auf der Bühne erzählt werden soll, kommt aber immer noch nicht auf. „Alles, was auf den Screens passiert, wird live entstehen“, erklärt Hengst, „und wir zeigen auch, wie es entsteht.“ Neben den Bildern wird immer auch die Programmierung projiziert, die zur Entstehung der Bilder (und Sounds) führt. Der Zuschauer erlebt direkt, was der Programmierer – und noch mehr die Technik – tut, um die Bilder entstehen zu lassen. Neben den großen Leinwänden im Raum gibt es noch Säulen, in deren Innerem sich Bildschirme befinden, die immer nur von einem Besucher betrachtet werden können. Bei dem Bühnenaufbau ging es darum, soziale Strukturen abzubilden, die Nutzer digitaler Technik aufweisen: Der Einzelne, die kleine Gruppe, die gesamte Gesellschaft. Während „Live-Code“ müssen so die Zuschauer, die nicht sitzen, sondern im Raum umhergehen können, immer wieder selbst aktiv werden, aus dem Angebot auswählen und sich in neuen Gruppen zusammenfinden. Selbst in der Musik findet sich diese Idee wieder. Martin Juhls, der seit über zehn Jahren elektronische Musik veröffentlicht, ist begeistert von der Möglichkeit durch acht Lautsprecher im Raum ein Verhältnis von Innen und Außen herzustellen.

Und dann bekomme ich doch noch etwas zu sehen. Meinecke tippt ein paar Befehle, auf dem Bildschirm erscheint ein roter Würfel. Ein paar mehr Zeilen und der Würfel fängt an sich zu drehen und im Raum zu bewegen, dann erscheint ein Hintergrund auf dem Bildschirm und der Würfel, der mittlerweile zu einer komplexen grafischen Form geworden ist, hüpft darin herum. „So etwa wird der Abend anfangen“, erklärt Meinecke, „eine einfache Form auf einem leeren Bildschirm. Und dann bauen wir Stück für Stück eine Welt daraus.

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