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Tätowieren im Ruhrgebiet – ein Gespräch mit dem Tattoo-Künstler Daniel Czaja

Das geht tief unter die Haut - Daniel Czaja bei der Arbeit / Foto: Marc Schäfer
Das geht tief unter die Haut - Daniel Czaja bei der Arbeit / Foto: Marc Schäfer
Das geht tief unter die Haut - Daniel Czaja bei der Arbeit / Foto: Marc Schäfer

Das geht tief unter die Haut – Daniel Czaja bei der Arbeit / Foto: Marc Schäfer

Die Innenstädte können noch so leer sein, speziell eine Branche hat sich in unseren Breitengerade besonders durchgesetzt: die Tattoo-Studios. Warum die bunten Bildchen auf der Haut eine derartige Boom-Phase erleben, darüber haben wir uns mit dem Tätowierer Daniel Czaja unterhalten, der mit vielen guten Vibes und großem handwerklichem Geschick das Knorpelwerk Studio in Essen unterhält.

Daniel, wie nimmst du generell die Stimmung im Ruhrgebiet wahr? Mehrere Jahre hast du in einem Bochumer Tattoo Studio auf der Brüderstraße gearbeitet im Umfeld von Shisha Bars, Protzkarren und Scheinwelt-Schickimicki – warum bist du da weg?

Daniel Czaja: ››Haha, spannende Frage! Als ich vor ein paar Jahren im Bermuda Dreieck anfing, empfand ich die Stimmung eigentlich dort sehr positiv. Es war eine heitere Partymeile, wie ich sie aus meiner alten Heimat nicht kannte. Ich komme ursprünglich aus Baden-Württemberg, bin aber seit bestimmt 15 Jahren im Ruhrgebiet ansässig. Als innerhalb von zwei Jahren gab es plötzlich nur noch Shisha Bars und Shisha Zubehörgeschäfte. Aus dem bunten Mix von Kneipen und kleinen Einzelhandels-Geschäften wurde eine sehr einseitige Umgebung, die es einem als Besucher dort deutlich schwerer macht, einen Parkplatz zu finden oder zu bestimmten Zeiten einfach nur durchzufahren. Dort abgehauen bin ich aber, weil ich in einem anderen Studio bessere Bedingungen in Aussicht hatte. Da individuelle Kunst meine bevorzugte Arbeit ist, wollte ich auch in ein Studio, welches Kundschaft für diesen Bereich hat.‹‹

Bist du ursprünglich zum Studium her ins Ruhrgebiet gekommen?

››Nicht ganz. Zuerst habe ich in Werbeagenturen als Illustrator gearbeitet. Sehr viel später – und mit ein paar beruflichen Umwegen – habe ich dann angefangen zu tätowieren. Durch die arbeit als Tätowierer blieb irgendwann keine Zeit mehr für andere Jobs, weil ich meine Motive möglichst selbst entwerfe.‹‹

Wie sahen diese beruflichen „Umwege“ konkret aus?

››Eigentlich wollte ich nie etwas anderes machen, als Bilder zu malen. Nach der Realschule besuchte ich das Berufskolleg im Bereich Wirtschaft – war dann aber der schlechteste Absolvent, den diese Schule je gesehen hatte. Danach absolvierte ich eine Ausbildung zum Grafik-Designer, was schon eher meiner Vorstellung entsprach. Leider ist in diesem Bereich das Malen oder Zeichnen auch nur selten verlangt. Daher arbeitete ich für drei Jahre anschließend in einem Trickfilmstudio. Dort konnte ich meine Skills im zeichnerischen Bereichen sehr stark vertiefen. Um beruflich weiter zu kommen, studierte ich anschließend Airbrush-Design und freie Malerei, um danach als Dozent in diesen Bereichen zu arbeiten. Erst danach fing ich an zu tätowieren. Es waren immer malerische oder gestalterische Tätigkeiten in meiner Biographie. Um den für mich idealen Beruf zu finden, sind einige Jahre vergangen.‹‹

Was bedeutet es dir künstlerisch tätig zu sein?

››Da ich das Glück habe, meine Motive selbst zu entwerfen und selten Internet Bilder eins-zu-eins übertrage, benötige ich in meinem Job die meiste Zeit, um meine Motive zu entwerfen und vorzubereiten. Um Comics zu zeichen – oder andere Spielwiesen zu verfolgen, leider bleibt da nur wenig Zeit. Etwa zweimal im Jahr schaffe ich es mit großen Formaten auf Airbrush- oder Streetart Ausstellungen mitzuwirken, aber das wird auch immer weniger.‹‹

Einer, der an der Nadel hängt: der Tätowierer Daniel Czaja / Foto: Marc Schäfer

Einer, der an der Nadel hängt: der Tätowierer Daniel Czaja / Foto: Marc Schäfer

Muss man ein guter Zeichner sein und ein generell gutes künstlerisches Verhältnis haben, um seinen Tattoo-Kunden auch das „besondere“ Motiv zu präsentieren?

››Wenn man besondere und individuelle Motive erzeugen möchte, ist es natürlich ein großer Vorteil zeichnen zu können. Manchmal existieren auch schon Bilder auf der Haut und ich muss meine Arbeit daran anpassen, oder außen herum fließen lassen. In diesen Fällen profitiere ich natürlich von meinen zeichnerischen Fähigkeiten. Leider ist vielen Kunden heutzutage egal, ob 200 andere Menschen exakt das gleiche Tattoo haben. Aber die Kunden, die individuell auf ihre Person zugeschnitten eine Tätowierung haben möchten, sind bei mir richtig. Denn in meiner Wahrnehmung sollte ein Tattoo immer etwas Einzigartiges sein…‹‹

Inzwischen ist es so, das in der Altersklasse von 20 bis 50 gefühlt mehr Leute tätowiert als untätowiert sind. Hast du dafür eine Erklärung?

››Ich glaube sogar, dass das nicht nur gefühlt so ist… Teilweise streben die Leute nach Individualität, zum Teil aber auch nach Zugehörigkeit. Viele meiner Kunden sind mit Comics, Videospielen oder Serien aufgewachsen und möchten Motive davon auf ihrer haut verewigt haben. ich finde das ist eine sehr schöne Art, seine Begeisterung für bestimmte Dinge zu zeigen.‹‹

Gibst du deinen Kunden auch eine Beratung mit auf den Weg – so nach dem Motto: “Lassen sie das lieber, jetzt finden sie das ganz lustig – aber in drei Jahren werden sie sich schwarz ärgern“?

››Ich nehme mir immer viel zeit für eine ausführliche Beratung, denn man sollte immer gut überlegen, wie witzig man witzige Tattoos in einigen Tagen oder Monaten findet. Wobei man eigentlich auch fast jedes Motiv stechen kann, solange man es gut macht. Einen Joke, wie eine Underbergflasche zum Beispiel, kann mit schönen Spiegelungen und kräftig gesetzten Reflexen eine coole Sache sein. Es muss gut zur Anatomie passen und wenn es dann innerhalb des Tattoos noch gut beleuchtet ist, muss so ein Motiv mit den Jahren kein Ärgernis werden.‹‹

Das ist ja auch immer Geschmackssache, oder?

››Für mich wird die Beratung wichtiger bei emotionalen Themen, wie zum Beispiel ein verstorbenes Familienmitglied oder ein Haustier. Ein Portrait davon an einer offensichtlichen Stelle, wie am Unterarm, kann den Träger des Tattoos an weniger stabilen Tagen sehr traurig machen. Wenn es sich aber am Schulterblatt befindet, kann man sich aussuchen, ob man es anschauen möchte oder nicht. Falls ein Kunde ein Motiv wünscht, bei dem ich davon ausgehen muss, dass er sich nachträglich ärgert, lehne ich den Auftrag ab. Die meisten Kunden sind allerdings in der Regel sehr dankbar für alternative Vorschläge.‹‹

Tattooflächen in Bierdeckel-Größe sind manchmal so teuer, dass man für den gleichen Preis auch schon fast in den Urlaub fahren könnte. Sind in deiner Sicht Tattoos ein Luxus-Accessoire, oder wie siehst du das?

››Selbstverständlich sind Tattoos ein Luxus Produkt. Man lässt sich ja auch nicht einen Maßanzug schneidern und beschwert sich anschließend, dass er mehr kostet als Stangenware. Außerdem hält ein Tattoo viele Jahre, während sogar ein langer Urlaub irgendwann vorbei ist. Seit die deutsche Werbeindustrie das „Geiz ist geil“-Prinzip im großen Stile verbreitet hat, sind leider viele Menschen blind für die Unterschiede zwischen schnell erzeugter Billigware und liebevoll erarbeiteter Kunst. Das ist bedauerlich – und ich persönlich finde das sehr schade.‹‹

Hast du es manchmal auch mit sehr unentscheidungsfreudigen Kunden zu tun?

››Verständlicherweise gibt es immer Kunden, die sich nur schwer entscheiden können. Ich selbst habe auch mit 31 Jahren mein erstes Tattoo erhalten, weil ich mich vorher nicht entscheiden konnte, und keinen Tätowierer wusste, der in der Lage ist, meinen individuellen Vorstellungen gerecht zu werden. Daher habe ich vollstes Verständnis für Unsicherheiten und nehme mir immer viel Zeit für die jeweilige Beratung.‹‹

Gibt es generell Motive, wo du dich weigerst die zu Tätowieren – wie Nazi-Symbole oder politisch unkorrekte Sachen? Und wie ist das mit Minderjährigen, hast du schon mal Jugendliche weggeschickt?

››Nazi-Symbole verweigere ich, weil sie meines Wissens nach illegal sind. Ich bin überhaupt nicht an politischen oder religiösen Motiven interessiert. Solche Anfragen hatte ich glücklicherweise bisher extrem selten. Bei Minderjährigen ist es ähnlich. Das Alter von gerade mal 18 Jahren, ist für eine Entscheidung, die im Idealfall das ganze Leben hält, schon sehr früh. Andererseits gibt es aber einige, die in diesem Alter schon so reif sind, dass es funktioniert. Trotzdem schicke ich alle unter 18 jährigen weg. Auch wenn die Eltern dafür unterschreiben.‹‹

In China ist es Musikern und Prominenten nicht erlaubt, mit sichtbaren Tätowierungen in Fernsehshows aufzutreten. Seit 2018 gilt das Verbot ebenso für Profisportler – für die Fußballergeneration von Marco Reus & Co. wäre das schon eine harte Nuss, wenn für Bundesliga-Profis das gleiche gelten würde, oder?

››Ich verstehe nicht, warum sich in der heutigen Zeit immer noch Menschen vor ein bisschen Farbe in der Haut fürchten. In Asien steht die Bevölkerung natürlich unter einem sehr viel stärkeren politischem oder religiösem Druck, als hier bei uns in Europa. Aber in Deutschland ändert sich das schlechte Image rund um das Thema Tattoo glücklicherweise. In meinen Augen ist es sehr schräg, dass man sich über ein Bild auf der Haut aufregt, aber ein gerahmtes Bild an der Wand super findet.‹‹

Dies ist das Studio von Daniel Czaja:
www.knorpelwerk.de
Isinger Tor 8
45276 Essen
Kontakt: info@knorpelwerk.de

Sein Studio Knorpelwerk Tattoo ist der berufliche Mittelpunkt von Daniel Czaja / Foto: Marc Schäfer

Mitten in Essen findet sich das Knorpelwerk Tattoostudio  / Foto: Marc Schäfer

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2 Kommentare zu “Tätowieren im Ruhrgebiet – ein Gespräch mit dem Tattoo-Künstler Daniel Czaja

  • #1
    Thomas Weber

    wow, cooles Interview! Habe zumindest jetzt gelernt, dass ich mir vermutlich keine Underbergflasche tätowieren lasse 😉

  • #2
    Sarah Falkenbach

    Was mir hier fehlt ist das Ansprechen des Themas „Gefahrstoffe im Körper“. So ziemlich alles ist in der EU reguliert, aber Tätowierfarbe nicht. Hier schlummern enorme Risiken, über die man im Tattoostudio nicht aufgeklärt wird. Ich würde mich im Leben nicht mehr tätowieren lassen, jetzt, wo ich um die Risiken weiß.

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