
Was ist eigentlich Toleranz? Und was ist es nicht? Wir verwenden diesen Begriff häufig inflationär und eigentlich positiv konnotiert. Aber in unseren aufgeregten Zeiten wird Toleranz oft zu einer sprachlichen Floskel, die den Wert dieses Wortes eher diskreditiert.
Die meisten Menschen würden von sich selbst sagen, sie seien tolerant. Ob die Nachbarn verheiratet sind oder ohne Trauschein zusammenleben, welchen Kleidungsstil jemand pflegt, welche Musikrichtung andere bevorzugen – dies alles sind Themen, die kaum noch interessieren, schon gar nicht mehr als Aufreger taugen. Normen sind im steten Wandel begriffen und ändern sich im Lauf der Zeit, so dass gesellschaftliche Entwicklungen sozusagen „nebenbei“ passieren. Was gestern noch unerhört schien, ist heute kein Thema mehr.
Ganz anders sieht es dagegen bei politischen und gesellschaftlichen Ansichten aus, die man selbst nicht teilt oder sogar entschieden ablehnt. Sie werden zu Prüfsteinen des sozialen Miteinanders und nicht selten, um im Bild zu bleiben, zu Stolpersteinen. Diskussionen, ob medial oder von Mensch zu Mensch geführt, sind immer seltener sachlich, sie greifen den anderen an und zielen auf persönliche Schwächen statt auf der Sachebene zu bleiben. Aus Mediensicht betrachtet, ist solch ein Verhalten gut für die Einschaltquote, erhöht die Abrufzahlen für Onlinemedien und führt in einem schleichenden Prozess zu einer immer rigideren Art des Umgangs mit Andersdenkenden. Der Diskurs verlagert sich zunehmend weg von Argumenten für oder gegen ein Thema hin zu persönlichen Angriffen auf den Diskussionspartner. Nicht mehr die Wortbeiträge zählen, sondern die Person des anderen wird bewertet, kritisiert und, oft genug, in Frage gestellt. Abgesehen von dem geradezu toxischen Stil von Diskussionen, der sich inzwischen beispielsweise in Talkshows etabliert hat, stellt sich doch die Frage, warum es so schwierig scheint, einander zuzuhören und auf das Gesagte einzugehen.
Möglicherweise liegt es an der wenig entwickelten Debattenkultur in Deutschland im Gegensatz zum angelsächsischen Raum. Schauen wir auf Länder wie die USA und Großbritannien, hier gehört es zur akademischen Ausbildung, aber auch zunehmend bereits in den Schulen, die Kunst der Diskussion zu erlernen. These und Gegenthese werden zum Gegenstand der Debatte, Argumente werden in Rede und Gegenrede ausgetauscht und zwar ohne den Diskussionspartner persönlich anzugreifen. Der Austausch von Argumenten folgt formalen Prinzipien und findet auf der Sachebene statt, sozusagen als Spiel mit verteilten Rollen. Die Verteidigung der eigenen Überzeugungen, gepaart mit sprachlicher Rücksichtnahme, ist eine Kulturtechnik, die als Baustein der Bildung unverzichtbar ist. Es kommt vor, dass die persönliche Meinung völlig konträr zur zugewiesenen Rolle in der Diskussion liegt. Umso mehr ist dann die sachliche Auseinandersetzung, getrennt von der emotionalen Ebene, gefordert, um die eigene argumentative Flexibilität zu schulen. Zwangsläufig sieht man sich auch in diesem „Trainingsformat“ mit Ansichten und Argumenten konfrontiert, die der eigenen Überzeugung teilweise oder komplett entgegenstehen.
Wie geht man nun mit diesen Meinungen um? Kehren wir zurück in die Welt der medialen und analogen Diskussionen und fragen uns selbst einmal, wie reagieren wir auf die Argumente anderer. Setzen wir uns sachlich mit ihnen auseinander oder blocken wir sie bereits gedanklich ab? Hier unterscheidet sich nämlich die Toleranz von der Ignoranz. Toleranz bedeutet Auseinandersetzung, Sich-Hinein-Versetzen in den Blickwinkel des Anderen und das Zulassen der Möglichkeit, dass dieser Andere vielleicht recht haben könnte. Das kann schmerzhaft sein und erfordert nicht nur die Flexibilität im eigenen Denken, sondern auch die Hinwendung zum Gegenüber, dessen Argumente ich nicht einfach abbügele, sondern mich ernsthaft mit ihnen auseinandersetze. Geht man in dieser Linie gedanklich weiter, bedeutet das ebenfalls, den Anderen zu respektieren, anzuerkennen, dass seine Gedanken der Auseinandersetzung und Diskussion wert sind. Toleranz heißt eben nicht Gleichgültigkeit, sondern Überdenken von Standpunkten, Zurücktreten von der eigenen Linie und kritisches Hinterfragen der eigenen Argumentationskette. Toleranz ist sozusagen das Schmiermittel des gesellschaftlichen Miteinanders, sie ist ohne gegenseitigen Respekt undenkbar. Das schließt ebenso die Zuweisung von Adjektiven aller Art aus, wie zum Beispiel der oft gebrauchte Begriff der „falschen“ Toleranz. Toleranz ist weder falsch noch richtig, sie ist absolut! Nicht zu verwechseln mit Akzeptanz von Argumenten, sondern das Zugeständnis, dass Menschen unterschiedliche Meinungen vertreten können.
Das kann schmerzhaft sein und erfordert Mut, vor allem, wenn man sich aus der eigenen Bubble hinauswagt. Die feinen Linien zwischen den verschiedenen Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft wurden in der Coronazeit zu Gräben, die sich mehr und mehr vertiefen. Manchmal können sie noch überbrückt werden, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, aufeinander zuzugehen. Diese Bereitschaft heißt Toleranz. Die Diskussionen über die Rechtmäßigkeit von Maßnahmen während der Pandemie können ja durchaus kontrovers geführt werden, aber die Basis für den Austausch von Argumenten muss das respektvolle und somit tolerante Miteinander bilden.
„Corona“ mag hier als Beispiel dienen, es gibt viele andere gesellschaftliche Streitpunkte, die selten sachlich, meistens hitzig und polemisch, diskutiert werden. Wir können als freie Gesellschaft, die sich entwickeln will und muss, nur weiterbestehen, wenn wir es schaffen, uns zivilisiert und kultiviert mit anders denkenden Mitmenschen auseinanderzusetzen. Fair, respektvoll und sachlich!
Toleranz ist der Schlüssel dazu.
