
Warum Deutschlands Pazifikpolitik sich vom Untergangsnarrativ lösen muss. Von unserem Gastautor Sebastian Mohr.
Wenn Außenminister Wadephul Mitte dieser Woche in Tonga eintrifft, begleitet die deutsche Berichterstattung ihn erwartungsgemäß mit dramatischer Tonalität. Beispielhaft dafür ist der Bericht des Deutschlandfunk-Journalisten Steffen Wurzel vom Montag, der in klassischer Südsee-Berichterstattungsmanier formulierte:
„Und ja, Tonga, dieser Südseestaat, steht wie sinnbildlich für das, was kleinen Inselstaaten droht, wenn der Meeresspiegel steigt, nämlich wortwörtlich der Untergang.“
Tonga wird dabei exemplarisch für die kleinen Inselstaaten im Pazifik genannt, die in hiesigen Medien häufig ausschließlich durch die Brille des Klimawandels betrachtet und als vom Untergang bedroht dargestellt werden – ein Bild, das bequem, aber verkürzt ist.
Tonga ist kein Atollstaat, sondern überwiegend vulkanischen Ursprungs. Die größte und zugleich bevölkerungsreichste Insel Tongatapu trägt die Hauptstadt Nuku’alofa; hier erreicht die höchste Erhebung rund 70 Meter. Der Vulkan Kao auf der gleichnamigen Insel erhebt sich etwa 1.030 Meter. Insgesamt umfasst Tonga rund 170 Inseln, von denen etwa 36 dauerhaft bewohnt sind, mit einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als 100.000 Menschen. Das Land vereint traditionelle monarchische Strukturen mit demokratisch gewählten Institutionen. Küstenerosion, Extremwetter und vulkanische Ereignisse – etwa die Eruption 2022 auf Hunga Tonga–Hunga Ha’apai – zeigen ökologische Verwundbarkeit, führen aber nicht zum unvermeidlichen Untergang.
Klimawandel dient hier eher als Aufhänger. Wadephuls Reise führt über Singapur, Neuseeland (inklusive Treffen mit Niues Präsident Dalton Tagelagi), Tonga, Australien und Brunei – Länder, die für Deutschland und die EU wirtschaftlich und strategisch relevant sind. China bleibt als Hintergrundfaktor präsent, auch wenn es nicht auf der Route steht. Die mediale Fokussierung auf Klimawandel überspielt, dass vor allem geopolitische, wirtschaftliche und multilaterale Interessen die Reise bestimmen: Lieferketten, Einflussgewinn, Stimmen für den UN-Sicherheitsrat.
Tonga ist kein passives Objekt. 2026 feiert Deutschland mit Tonga das 150-jährige Bestehen des Freundschaftsvertrags und 50 Jahre diplomatische Beziehungen. Der Inselstaat ist Sitz des Pacific Resilience Facility, eines Klimafonds des Pacific Islands Forum – der wichtigsten Plattform der Region, die unabhängige Inselstaaten sowie Australien und Neuseeland vereint. Zentral ist die „Blue Pacific Continent“-Strategie, die den Pazifik als politischen Raum mit gemeinsamer ökologischer und kultureller Verantwortung definiert. Themen wie nachhaltige Entwicklung, maritime Sicherheit und regionale Mobilität stehen im Fokus. Tonga verhandelt hier aktiv über Migration, Fischerei, Infrastruktur und regionale Ordnung.
Dieses Muster ist bekannt: Schon 2022, beim Besuch Annalena Baerbocks in Palau, einem Inselstaat im Westpazifik, dominierten deutsche Berichte das Bild eines „kleinen, bedrohten Inselparadieses“, während Palau selbst über chinesischen Einfluss und strategische Fragen sprach. Wer die Tongalesen primär als passive Betroffene darstellt, spricht über Tonga, statt mit seinen Bürgerinnen und Bürgern.
Für eine ernsthafte deutsche und europäische Pazifikpolitik braucht es einen Perspektivwechsel: weg vom Untergangsnarrativ, hin zu partnerschaftlicher Analyse und offenem Gespräch über Rohstoffe, Handel, Sicherheit und lokale Prioritäten. In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern wird der Pazifik häufig auf Klimafolgen reduziert, während die Staaten selbst als aktive Gestalter regionaler Politik übersehen werden. Klimapolitik spielt dabei eine Rolle, jedoch eingebettet in ein umfassenderes Verständnis von Politik, Gesellschaft und Macht im Pazifik.
Tonga ist kein Symbol, sondern ein Staat. Wer das vergisst, verpasst nicht nur Tonga, sondern den gesamten Pazifik als politischen Raum.
