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Tradition und Elend in Schalke

Erinnerungsbilder bekannter Schalker Spieler an einer Wand an der Schalker-Meile Foto: Laurin

Schalke, der Stadtteil, nachdem sich der legendäre Gelsenkirchener Fußballverein benannte. Ist in der Krise. Beim Kampf um seine Zukunft prallen verschiedene Welten aufeinander.

Es ist dunkel und zugig, von oben rollte der Lärm der fahrenden Autos nach unten. Was hier im Schatten der Berliner Brücke liegt, über die jeden Tag 40.000 Autos fahren, ist ein Ort mit Geschichte. Am Schalke Markt wurde 1904 der Verein Westfalia Schalke gegründet, aus dem später Schalke 04 werden sollte. Hier war die Gaststätte Thiemeyer, in der sich die Geschäftsstelle des Vereins befand. Im „Kaisersaal“ des Lokals feierten die Spieler mit den Fans die ersten sechs Meisterschaften der Knappen.

Schalke dürfte der einzige deutsche Stadtteil sein, der bekannter ist, als die Stadt, in der er liegt. Bei Gelsenkirchen zucken viele im Ausland mit den Schultern, Schalke kennen sie sogar in Australien und Südamerika. In dem Viertel zwischen Florastraße und der Bahntrasse Duisburg-Ruhrort–Dortmund leben gut 20.000 Menschen. Schalke könnte ein Anziehungspunkt für Fußballfans aus der ganzen Welt sein, ein Hotspot der Fußballtradition und der Liebe zum runden Leder.

Doch wer von der Grenzstraße kommend (König von Schweden: „Wo liegt Gelsenkirchen?“ Ernst Kuzorra: „Bei Schalke? – König von Schweden: Wo liegt denn Schalke?“ Ernst Kuzorra: „Anne Grenzstraße, Majestät!“) der Kurt-Schumacher-Straße über die Brücke folgt landet in der tristen Realität. Was sich auf ein paar hundert Metern stolz „Schalker Meile“ nennt, ist ein Quartier am Rand der Slum-Entwicklung. Viele Häuser und die meisten Ladenlokale stehen leer, aus einigen der Hauseingänge strömt einem auch an warmen Sommertagen der muffig-kaltfeuchte Geruch der Armut entgegen.

Irgendwann konnte Steffen Schiegner das alles nicht mehr ertragen. Der Besitzer der Blau-Weißen-Fahrschule schrieb einen Offenen-Brief an Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) und prangerte den Verfall des Viertels an. In einer von Schiegner angestoßenen Petition steht Klartext: „Wir wollen nicht mehr in so einem runtergekommenen Stadtteil leben und arbeiten. Es ist nicht hinnehmbar, dass in Gebiete wie Graf Bismarck Hafenviertel Gelder gepumpt werden, damit die Besserverdiener  und wohlhabende Firmen ein angenehmes und schönes Umfeld haben und das Herzstück der Stadt verkommt und verwahrlost!“

Schiegner ist Schalke-Fan, den Vereinsnamen hat er auf seinen Unterarm tätowieren lassen, seine Fahrschule liegt an der Schalker Meile. „Das hier ist alles nicht mehr zu ertragen. Der Vermieter kümmert sich um nichts, Wasser haben wir hier nur noch im Haus, weil ich für alle hier bezahle.“ Viele Häuser gehören Unternehmen die Unternehme gehören, die irgendwo im Ausland sitzen. Die Häuser vergammeln, die Vermieter sind nicht erreichbar. „Ich weiß, dass das hier nie eine gute Ecke war, aber so verkommen wie es heute ist, kann der Stadtteil nicht bleiben.“ Die Schalker-Meile, das ist für den Fahrschulbesitzer ein fast heiliger Boden, ein Ort, von dem er will, dass Menschen hier gerne und mit Stolz leben. Er leidet an dem Verfall, er leidet daran, dass er ihn nicht aufhalten kann, er leidet daran, dass die AfD und andere Rechte sich an seinen Protest dranhängen. „Mit denen will ich nichts zu tun haben“, sagt Schiegner. Am offenen Fenster des Aufenthaltsraums der Fahrschule plaudert er mit ein paar Migrantenkids aus der Nachbarschaft. Nein, heute hätte die Fahrschule schon zu. Wenn sie sich anmelden wollen, sollen sie bitte am nächsten Tag wiederkommen. Alle lachen, man nickt sich zu.

„Die Stadt und Oberbürgermeister Baranowski kümmern sich nicht um Schalke. Denen ist das vollkommen egal. In Bismarck haben sie eine schicke Marina gebaut und hier geht alles vor die Hunde. Dabei wäre Gelsenkirchen nichts ohne Schalke. Das hier ist das Zentrum und das Herz der Stadt. Außer Schalke ist hier doch nichts.“ Sogar in die SPD ist Schiegner eingetreten. Früher bot das rote Parteibuch im Ruhrgebiet gute Möglichkeiten, seine Interessen durchzusetzen. Doch früher ist nun auch schon lange her.

An einem schwülen Abend im August kommen über hundert Anwohner in der Blau—Weißen-Fahrschule zusammen. Sie wollen dem Niedergang von Schalke nicht mehr tatenlos zusehen. Als an diesem Abend Gelsenkirchens Stadtbaurat Martin Harter (SPD) das Mikrofon ergreift und sich der Diskussion stellt, ist klar, dass er keinen einfachen Stand haben wird. Mit Fragen zu Ekelhäusern, Gangs von Zuwanderern aus Südosteuropa, abgestellten Gas- und Stromleitungen, dem Dreck auf der Straße und Vermietern, die nicht erreichbar sind und sich nicht um ihre Häuser kümmern, bestürmen sie Harter. Der behält die Ruhe, verwahrt sich gegen jeden Rassismus, aber viel mehr als die Bitte um Geduld hat er nicht anzubieten „Wir werden ein integriertes Entwicklungskonzept aufstellen und darauf aufbauend Fördermittel beantragen, um die Situation auf der Schalker-Meile zu verbessern“, sagt Harter und erklärt, dass frühesten 2021 dann mit den ersten Maßnahmen gerechnet werden kann. „Es wird ein Prozess sein, der sich über zehn Jahre hinzieht. Wir können erst eingreifen, wenn die Häuser wirklich verfallen sind und das tun wir als Stadt dann auch.“

Kaum eine Stadt ist von Armutszuwanderung so stark betroffen, wie Gelsenkirchen. Die Stadt kämpft, doch es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Kaum bekommt sie die Probleme an der Ückendorfer Straße in den Griff, saniert Häuser und siedelt Studenten an, sorgen Armutszuwanderer an der Bochumer Straße oder in Schalke für neue Probleme. Nach der im Sommer veröffentlichten Armutsstudie der Bertelsmann-Stiftung  kommen zu der ohnehin hohen Zahl an Arbeitslosen noch zahlreiche Armutszuwanderer aus Bulgarien und Südosteuropa dazu. Fast 8000 sind es in der Stadt mit 260.000 Einwohnern. 80 Prozent von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Sie sind eine große Belastung für die Sozialkasse, die Schulen, die Stadtverwaltung und die Stadtteile, in denen sie leben. Spricht man mit Sozialarbeiter, erzählen sie von Verwahrlosung und fehlendem Integrationswillen. Ansprechpartner wechseln. Die Zuwanderer sind zudem die idealen Opfer skrupelloser Hausbesitzer, die sie zu Wuchermieten in heruntergekommenen Häusern unterbringen. In Schalke und vielen anderen Stadtteilen.

Zwei sogenannte Ekelhäuser räumte Gelsenkirchen im August  auf der Schalker Meile, ein weiteres nach der Versammlung in der Fahrschule. Dutzende waren es in den vergangenen Jahren im ganzen Stadtgebiet, aber 150 von ihnen gibt es in der Stadt. „Bei Problemen mit dem Vermieter können die Betroffenen nur privatrechtlich klagen. Da sind uns als öffentliche Verwaltung meistens die Hände gebunden,“ sagt Harter. Er kann die schnellen Lösungen nicht anbieten, die sich die Menschen wünschen. Er versteht die Ungeduld, aber er arbeitet an einem Projekt mit, dessen Umsetzung er im Amt nicht mehr erleben wird, weil er bald als Dezernent nach Essen wechseln wird. Die Stiftung Schalke Markt, getragen von Schalke04 und unterstützt unter anderem von Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski und Schalke-Aufsichtsratsvorsitzendem Clemens Tönnies, will gemeinsam mit der Stadt aus der heruntergekommenen Schalker Meile ein attraktives Wohn- und Entertainment-Quartier machen. Land und die Europäische Union sollen das nötiger Fördergeld bereitstellen.

Oliver Kruschinski ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Er grüßt und verabschiedet sich mit „Glückauf“ und leitet Besuchergruppen durch Gelsenkirchen. Sein Büro, sagt er, ist die Schalker Meile.  Seine Kunden seien meistens keine Schalke-Fans, aber den Mythos-Fußball finden sie spannend und Industriekultur auch. Beides gäbe es in Gelsenkirchen zu bewundern, sagt  Kruschinski: „Man muss es nur besser präsentieren. Die alte Seilerei der Gutehoffnungshütte, die St. Josephskirche,  die altehrwürdige Kampfbahn Glückauf und der Schalke Markt, all das kann man wiederentdecken.“

Die Stiftung hat einen Plan für das Quartier entwickelt. Die Berliner-Brücke soll abgerissen werden, die Kurt-Schumacher-Straße zwei statt vierspurig werden. Mehr grün soll es geben, einige Häuser, auch das, in dem Steffen Schiegner seiner Fahrschule hat, werden die Neugestaltung des Viertels nicht überstehen. Bagger und Gartenbauer werden die Schalke Meile von Grund auf ändern. „Das sich Schalke hier direkt engagiert, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt Kruschinski. Der Verein übernehme Verantwortung für den Ort, an dem seine Wurzeln liegen.

Ein ganz normales Viertel  mit Bäckerei und Einzelhandel wird Schalke jedoch nicht wieder werden. „Die Zeiten sind vorbei. Ganz in der Nähe liegen große Supermärkte“. Für Kruschinski ist die Zukunft offen: In leerstehenden Ladenlokalen sollen sich Kreative versuchen. Designer, Gastronomie, Fußballthemen – man wisse nicht, was laufen wird. Klar sei nur, dass Gastronomie gute Chancen habe. Die Fußballkneipen seien an den Spieltagen gerappelt voll. „Die tragen sich, auch wenn die meisten in der Zwischenzeit geschlossen haben.“

Ein urbanes Stadtquartier soll  Schalke werden und auch ein Technologiepark soll entstehen. Auf der Internetseite der Stiftung kann man ein Video zu diesem „Intuitiven Leitbild“ sehen, wie das Projekt genannt wird. Eine erste Maßnahme soll schon bald umgesetzt werden. Die Glückauf-Kampfbahn, das Stadion, in dem Schalke04 alle seine sieben Meisterschaften gewann, soll wieder in „könig-blaues Licht getaucht“ erstrahlen. Die Glückauf-Kampfbahn soll der Ausgangspunkt eines blauen Bandes sein, einer „Licht- und Kunstinszenierung entlang der Schalker Meile.“

An der steht an einem regnerischen Herbsttag ein Rentner im blauen Jogginganzug und wartet auf die Straßenbahn. „Selbst Brötchen kann man hier nicht mehr kaufen“, schimpft er. Geboren wurde er in Schalke, sein ganzes Leben hat er hier verbracht. „Früher waren hier  Geschäfte, jetzt ist alles kaputt.“ Er lacht: „Egal, ich hab ja Zeit.“ Sein Stadtteil nicht.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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2 Kommentare zu “Tradition und Elend in Schalke

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