Traurige Fröhlichkeit

Paul Wallfisch Foto: Ulrike Märkel

Paul Wallfisch ist von New York nach Dortmund gezogen. Am dortigen Schauspielhaus arbeitet er als Musikalischer Leiter und erkennt Ähnlichkeiten zwischen dem Ruhrgebiet und dem Mittleren Westen. 

18. Dezember 2010. Das Ruhrgebiet ist unter eine dichten Schneedecke versunken und in Dortmund feiert die Stadt kurz vor dem Ende des Kulturhauptstadtjahres zum dritten Mal die Eröffnung des U-Turms, eines für 100 Millionen Euro zum Museum umgebauten Brauereihochhauses, mit einem kleinen Open-Air Festival. Glühwein, knackige zehn Grad Minus und nach ein paar Vorortkomikern kommt Botanica auf die Bühne. Paul Wallfischs Band. Im ersten Moment New York pur, eine Mischung aus Velvet Underground und Sonic Youth, im nächsten Augenblick Klezmer und Polka und dann alles miteinander vermischt. Und der Mann mit dieser fantastischen Band ist der Musikalische Leiter des Schauspielhauses in Dortmund? Was zum Teufel macht der hier?

Wallfisch ist mit seiner Band Botanica im Frühjahr 2010 mal wieder in Deutschland auf Tournee, als ihn ein Fan und alter Freund  der Band einen Job anbietet: „Kay Voges sagte mir, dass er ab Sommer Chef des Dortmunder Schauspielhaus  wird und fragte mich, ob ich Lust hätte, als Musikalischer Leiter mit ihm in Zukunft zusammen zu arbeiten.

Kay Voges wagt am Theater in Dortmund gerade den Neubeginn. Hier sind Stücke, zu sehen, die sich kritisch mit der Lage der maroden Ruhrgebietsstadt auseinandersetzen, „Heimat unter der Erde“ eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion, oder Klassikern wie Büchners „Woyzeck“, das Voges in eine Welt aus echtem Eis auf die Bühne bringt.

Zu diesem Neubeginn gehört auch Paul Wallfisch – ein Musik-Chef, wie es ihn an wohl keinem anderen Theater in Deutschland gibt: Voges und Wallfisch erfinden das Theater in Dortmund neu und machen es mit ihren ungewöhnlichen Stücken und den mitreißenden Musikabenden zum kulturellen Zentrum der Stadt und führen es zurück ins bundesweite Feuilleton. Reihen wie „Stadt ohne Geld“, Stücke wie „Der Meister und Margarita“ nach einem Roman von Michail Bulgakow oder Wallfischs Musik-Salon Small Beast, bei dem bereits über 150 Musiker aus aller Welt auftraten, prägen nun das Haus.

Bis zu seine, Umzug nach Dortmund lebte Wallfisch die meisten Zeit in New York und fragt man ihn nach seiner Heimat ist die Antwort klar: „New York.“

Geboren wurde Wallfisch jedoch 1964 in Basel. Damals arbeiteten seine Eltern in der Schweiz als Musiker. Er wuchs in Massachusetts auf. Seine Eltern, beide Juden, sind das bekannte Viola-Piano-Duo Ernst und Lory Wallfisch. 1926 zog sein 1920 in Frankfurt geborener Vater mit seinen Eltern in die Rumänische Hauptstadt Bukarest. Nach dem Krieg wanderten sie mit Hilfe von Yehudi Menuhin, der begeistert von dem Musikerpaar war, in die Vereinigten Staaten aus und spielten unter anderem im Detroit Symphony Orchestra.

Anfang der 80er Jahre zog es Wallfisch nach New York. Dort arbeitete er mit Musiker von legendären Punk- und New Wave Bands wie Bauhaus, den Dresden Doll und Gun Club zusammen und einige von ihnen sind bis heute bei Botanica dabei. In New York war er auch Teil eine Musikerszene, weil sich dort gerade interessante Musikrichtungen entwickelten: „Es entstand damals ein ganz neuer Stil: Die Musik osteuropäischer Sinti mischte sich mit Punk. Beide haben eines gemeinsam: Ein traurige Fröhlichkeit, die man in vielen Stücken wiederfindet. Ein Stilmix, den es bis dahin nicht gab.“ Klezmer? „Das wird überschätzt. Klezmer ist eigentlich nur die geglättete Variante der Sinti-Musik.“

Seine Jüdischen Wurzeln hält er nicht für prägend: „In New York ist jeder Dritte Jude, das ist in dieser Stadt normal. Wenn wir Musik gemacht haben, hat nach so etwas keiner gefragt.“

Kontakt zur Jüdischen Gemeinde in Dortmund hat er nicht. Wallfisch ist nicht religiös erzogen worden und hat zu Religion ein distanziertes Verhältnis: „Mein Vater hat den Glauben an Gott während des Krieges in Rumänien verloren, als er im Lager saß. Meine Mutter war zwar die letzten beiden Jahre ihres Lebens Mitglied einer Gemeinde, aber das habe ich erst nach ihrem Tod erfahren.“  Wallfisch hat sich lange Zeit als  Agnostiker bezeichnet. Das ist vorbei: „Ich bin Atheist und halte Religionen für ein Übel, das überwunden werden muss Religionen sind einer der Hauptgründe für Kriege und Unterdrückung.“

Die deutsche Geschichte spielte für ihn keine Rolle, als er nach Deutschland zog: „Ich war vorher schon oft in Deutschland auf Tournee, auch unsere Plattenfirma sitzt in Deutschland. Dieses Land ist für jeden Musiker wichtig – es ist einfach der größte Markt in Europa.“

Fast wäre er sogar schon als Kind nach Deutschland gekommen. Sein Vater hatte die Wahl, als Musikprofessor an die Essener Folkwang-Schule zu gehen, entschied sich dann aber für Massachusetts . „Ich denke“, sagt Wallfisch, „das hatte auch damit zu tun, dass er und meine Mutter unter den Nazis verfolgt wurden.“ Antisemitismus? „Habe ich noch nicht erlebt. Die große Mehrheit traut sich nach den Verbrechen an den Juden in Deutschland nicht Antisemitismus offen zu zeigen.“

Wallfisch findet es gut, dass in Dortmund regelmäßig an die Verbrechen der Nazis erinnert wird. Die Oper der Stadt, die zum selben Gebäudekomplex wie das Theater gehört, wurde an der Stelle gebaut, an der bis zu ihrer Zerstörung  durch die Nazis die alte Synagoge stand. „Aber ich mache mir nichts vor, ich bin mir sicher dass auch in meinem Freundeskreis die meisten der Meinung sind, es reicht langsam mit dem Gedenken.“

Fremd fühlt er sich in Dortmund trotzdem nicht. Die Stadt, das Ruhrgebiet, erinnert ihn an die USA. Nein, erklärt er, nicht an New York, aber  an Orte wie Pittsburgh, Detroit und die ganzen gesichtslosen Städte des Mittleren Westens. „Das sind McDonalds-Städte. Überall die gleichen Häuser, die gleichen Geschäfte. Das Ruhrgebiet ist gesichtslos. Was mir hier gefällt sind die Menschen: Das Team am Theater ist sehr gut, Dortmund hat viele kleine Galerien und eine lebendige Kulturszene und das Kino Endstation in Bochum ist das beste Kino Europas.“ Eigentlich sei das ganze Ruhrgebiet eine einzige große Stadt – nur eben keine besonders schöne. Aber es hat seine Vorteile: „Innerhalb von ein paar Stunden erreiche ich von hier aus jede Stadt Europas.“

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jüdischen Allgemeinen.

 

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6 Kommentare

  1. #1 | Demokrit sagt am 13. September 2012 um 11:17 Uhr

    Ich finde Wallfisch großartig! Hoffentlich wacht er nicht auf und merkt, dass ihm der Big Apple fehlt!?

  2. #2 | Stefan Laurin sagt am 13. September 2012 um 11:20 Uhr

    @Demokrit: Im Gespräch machte er den Eindruck, dass er sich hier sehr wohl fühlt 🙂

  3. #3 | Demokrit sagt am 13. September 2012 um 11:31 Uhr

    @Stefan Laurin

    Wallfisch sollte das Zeug mit uns teilen…ich will meine Umwelt auch so schön sehen, wie er 😉

  4. #4 | Berry sagt am 13. September 2012 um 11:52 Uhr

    ich kenne sehr viele Künstler, die es in New York versucht haben. Nur die da scheitern, kommen zurück. (damit will ich nicht sagen, Paul würde nicht gut sein.)

  5. #5 | Torti sagt am 13. September 2012 um 15:43 Uhr

    @Laurin
    Schöner Artikel. Und mal wieder eine Bestätigung, das nicht Ruhris unsere Gegend als eine zusammenhängende, aufregende Stadt wahrnehmen…
    Von dieser inneren Haltung und Wahrnehmung könnten die Knötter-Ruhris mit ihrer dörflichen Weltsicht sich ne Scheibe abschneiden.

  6. #6 | Small Beast zieht ins Studio | Ruhrbarone sagt am 10. Februar 2013 um 14:52 Uhr

    […] Traurige Fröhlichkeit […]

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