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Türkische Spezialeinheit PÖH: „Lasst keinen Stein auf dem anderen, lasst niemanden entkommen“

Türkische Spezialeinheit PÖH im Einsatz Foto: BOLD

Zum ersten Mal erzählt ein ehemaliger Angehöriger der türkischen Spezialeinheiten PÖH (Polis Özel Harekatı) über deren Einsätze im Südosten der Türkei, bei denen im Winter 2016 Hunderte Zivilisten ums Leben kamen. Die Einsätze dieser Spezialeinheiten wurden „Operation Schützengräben“ (Hendek Operasyonlari) genannt, weil sie sich gegen die Straßenbarrikaden richteten, die junge kurdische Widerstandskämpfer in einigen Städten errichtet hatten, nachdem der Friedensprozess mit den Kurden aufgekündigt worden und der Konflikt neu entflammt war. Von unserem Gastautor Cevheri Güven, BOLD

Ahmet Gün verbrachte die gesamten neun Jahre seiner beruflichen Laufbahn als Polizist bei der „PÖH“ (Spezialeinheit der türkischen Polizei, die auf Terrorbekämpfung spezialisiert ist, Anm. d. Ü.) im Südosten der Türkei. Er war während der gesamten Dauer der Kämpfe um die Straßenbarrikaden, die in den Städten Cizre, Sur, Lice, Nusaybin und Derik errichtet worden waren, im Einsatz.

IN DER SCHWEIZ IM FLÜCHTLINGSLAGER

Was er zu berichten hat, trägt einen wichtigen Teil zum Verständnis der „Operation Schützengräben“ der türkischen Sondereinsatzkräfte bei, die die Geschichte der türkischen Republik noch lange beschäftigen wird. Und auch zum Verständnis darüber, wie der Staat die Friedensverhandlungen mit den Kurden „benutzt“ hat.

Derzeit lebt der Familienvater dreier Kinder in der Schweiz in einem Flüchtlingslager. Um seine Privatsphäre zu schützen und in Anbetracht seiner Teilnahme an verschiedenen Kampfhandlungen habe ich den Namen des Augenzeugen geändert und ihm den Namen Ahmet Gün gegeben.

WÄHREND EINES KLINIKAUFTENTHALTS VOM DIENST SUSPENDIERT

Für Ahmet Gün, der als Mitglied einer Spezialeinheit der „PÖH“ an der „Operation Schützengräben“ eingesetzt und Zeuge schwerer Menschenrechtsverletzungen wurde, der im Kampf von einer Mine verletzt und noch während seines Klinikaufenthalts vom Dienst suspendiert wurde, der noch nicht genesen aus dem Krankenhaus heraus verhaftet und verurteilt wurde, der 13 Monat in einem Gefängnis saß, war es eine schwierige Entscheidung, dieses Interview zu geben.

Trotzdem seine Frau unter schweren Depressionen leidet und auf Medikamente angewiesen ist, ist seine Entscheidung vermutlich der Versuch, sich seiner Verantwortung in diesem Krieg zu stellen.

Dieser Bericht besteht aus drei Teilen, von denen der erste Teil über die „Keller von Cizre“ handelt. Bei der Belagerung der kurdischen Stadt Cizre im Winter 2016 durch türkische Spezialeinheiten der Polizei waren offenbar in einem Keller dutzende Menschen bei lebendigem Leib verbrannt worden.

TEIL 1: DIE KELLER VON CIZRE

Ahmet Gün trat 2008 nach seiner Ausbildung zum Polizisten seinen Dienst in einer Abteilung der Spezialeinheiten der türkischen Polizei an.

Seine erste Station als Angehöriger dieser Spezialtruppe war Tunceli, danach wurde er nach Batman versetzt (beide Städte liegen im Südosten der Türkei, das mehrheitlich kurdisch besiedelt ist, Anm. d. Ü.)

In den 9 Jahren seines Dienstes im Südosten des Landes war er Augenzeuge der Geschehnisse im Vorfeld und während der Friedensverhandlungen*, der Kobane-Krise und den bereits mehrfach erwähnten Sondereinsätzen im Rahmen der „Operation Schützengräben“.

*Im Jahr 2012 begann die türkische Regierung Friedensverhandlungen mit der PKK und führte Gespräche mit Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imralı, der dort seit 1999 in Einzelhaft sitzt.

Aufgewachsen ist Ahmet Gün in einer nationalistischen Familie – obwohl seine Mutter Kurdin war. In seiner Jugend fühlte er sich von den Ideen Fethullah Gülens’ angesprochen und kam erstmals mit dessen Organisation in Kontakt.

Nach den Korruptionsvorwürfen* im Dezember 2013 waren von der Entlassungswelle im Polizeiapparat auch die Abteilungen der Spezialeinheiten betroffen. Ahmet Gün blieb vorerst verschont: „Meine Überwachung begann erst mit der „Operation Schützengräben“, erklärt er.

* Im Dezember 2013 kam es zum offenen Bruch zwischen den politischen Partnern Prediger Gülen und Erdogan, als sogenannte Gülen-Staatsanwälte Korruptionsermittlungen gegen zahlreiche Personen der AKP-Regierung einleiteten und Haftbefehle erteilten. Die Regierung Erdogan reagierte mit einer Entlassungswelle in Justiz und Polizei.

WER DIE UNMENSCHLICHEN VORGÄNGE KRITISIERTE, WURDE ALS „GÜLENIST“ GEFÜHRT

„Die informelle Überwachung in den Abteilungen der Spezialeinheiten fand während der Einsätze im Rahmen der „Operation Schützengräben“ statt. Das fiel uns später auf. Wer die rassistisch motivierten Übergriffe ablehnte oder sich nicht an ihnen beteiligte, wurde bezichtigt, Mitglied der Gülenbewegung zu sein. Danach wurde man aus allem ausgeschlossen.

Zuerst wurden Polizisten, die gegen die Errichtung der Straßenbarrikaden protestierten als „Gegner der Friedensverhandlungen“ und „Gülenisten“ ausgemacht. Nachdem aber die „Operation Schützengräben“ begonnen hatte, war man plötzlich „Gülenist“, nur weil man die unmenschlichen Vorgänge während dieser Einsätze kritisiert hatte.“, führt Gün weiter aus.

„UNSER KOMMANDIERENDER RIEF ÜBER FUNK: LASST KEINEN STEIN AUF DEM ANDEREN; LASST KEINEN ENTKOMMEN“

Cizre war die Stadt, in der während der „Operation Schützengräben“ die meisten Menschenrechtsverletzungen verübt wurden. Insbesondere bei den Vorkommnissen, die unter dem Begriff „Keller von Cizre“ bekannt wurden.

Als wir mit Ahmet Gün über die „Keller von Cizre“ sprechen wollen, beginnt er unser Gespräch mit einer selbstkritischen Anmerkung:

„Ich will mich nicht reinwaschen. Gott möge mir das, was damals geschah, verzeihen. Weder habe ich eine Kugel auf einen Unschuldigen abgefeuert, noch Hab und Gut zerstört – aber ich hätte ganz einfach kündigen können.

Nun da ich suspendiert wurde, ich hätte mich ehrenvoll verhalten können. Ich hätte nicht in diesem Umfeld sein dürfen. In meinem Lebenslauf hätte nicht stehen dürfen, dass ich an der „Operation Schützengräben“ teilgenommen habe.“

DER ALTE MANN MIT SEINER ENKELIN IM ARM BAT UM HILFE

Was Ahmet Gün zu diesen Worten antreibt, sind die Dinge, die er während der Cizre Operation gesehen hat. Er wird sehr emotional als er schildert, was einem alten Kurden, der seine Enkelin im Arm hielt, angetan wurde. Seiner Ansicht nach steht dies für die ganze Hoffnungslosigkeit eines Volkes:

„Während der Ausgangssperre in Cizre begegnete uns in einer Straße, an der sich unser Kontrollpunkt befand, ein alter Mann mit einem ca. 2-jährigen Kind, seiner Enkelin. Das Kind war krank. Einer aus unserem Team, der besonders fanatisch war, feuerte einen Signalschuss ab, um den alten Mann zu warnen und ihn zur Rückkehr ins Haus zu zwingen. Er wich aber nicht von der Stelle.

In gebrochenem Türkisch sagte er: ‚entweder ihr tötet uns beide oder ihr kümmert Euch um ein Krankenhaus für das Kind‘. Vor seinem Haus waren Barrikaden und wir befanden uns in der Straße davor. Ein Kollege sagte daraufhin: ‚Diese Showeinlage hättest Du bringen können, als diese Barrikaden errichtet wurden‘.

MAN ERLAUBTE IHM NICHT, SEINE ENKELIN INS KRANKENHAUS ZU BRINGEN

Der alte Mann gab uns mit seiner Antwort eine brisante Auskunft:

„Seht euch mein Telefon an, wie oft habe ich die 155 (Notrufnummer, Anm. d. Ü.) angerufen. Ich habe denen gesagt, dass fremde Männer in unserem Viertel ein und ausgehen, sie Barrikaden und Gräben errichten und dass man etwas dagegen tun solle.

Habt ihr irgendetwas dagegen unternommen? Was kann ich sonst tun außer die 155 anzurufen? Sollte ich weniger als zehn Mal angerufen haben, dann müsst ihr jetzt nichts unternehmen,“ sagte er.

Dennoch erlaubten sie ihm nicht, seine Enkelin ins Krankenhaus zu bringen. Sie schickten ihn zurück. Sie hätten durchaus die Befugnis gehabt, einen Krankenwagen zu rufen, aber das haben sie nicht getan. Seine Enkelin war schwer krank. Der alte Mann riskierte sogar den Tod, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht.“

Ahmet Gün war nach diesem Ereignis aus den ersten Tagen der „Operation Schützengräben“ sehr betroffen. Jedoch sollte es nur der Anfang einer Reihe von Zwischenfällen sein, die zwangsläufig vorkommen, wenn man in einer Stadt mit 100 000 Einwohnern tagelang eine Ausgangssperre aufrechterhalten will.

WAS GESCHAH IN DEN KELLERN?

Den ersten Teil meines Berichts mit der Überschrift „Die Keller von Cizre“, beginne ich mit der Frage, ob Ahmet Gün Leichen auf den Straßen gesehen habe. Als er aber beschreibt, in welcher Gemütslage er sich befand, hat meine Frage plötzlich keinen Sinn mehr:

„Ich habe es selbst gehört“ antwortet er und geht auf die Befehle ein, die sie erhielten: „Der stellvertretende Abteilungsleiter unserer Spezialeinheit hob per Funk die Wichtigkeit der Operation hervor und erteilte den Befehl „keinen Stein auf dem anderen und keinen Kopf auf den Schultern zu lassen“. Ich kann mich erinnern, wie mein Herz gefror, als ich diese Worte hörte.

Es war Anfang 2016. Dort wo ich mich befand, habe ich keine Leichen auf den Straßen liegen sehen, aber in der damaligen Situation hatten die Getöteten sowieso keinerlei Bedeutung mehr. Wenn sogar Kindern die medizinische Versorgung verweigert wurde, wen interessiert es da, ob ein Toter nun 10 Tage auf der Straße liegt oder nicht. In dieser Atmosphäre, bei diesen Befehlen war das doch gar nicht zu vermeiden.

Das ist eines der großen Dilemmas im Kampf gegen den Terrorismus. Ich schwinge hier große Töne, aber jeder von uns befand sich irgendwann mal in so einer Verfassung. Wenn Dein Kamerad gefallen ist, hat Dich das sehr getroffen. Kameraden, die nie an die Rechtmäßigkeit dieser Operationen geglaubt haben, Freunde, mit denen man zusammen gedient hatte, sind gefallen.

„DIE DIE BLIEBEN WAREN AUCH NICHT GRAU“

Die Devise war: Dein Gegenüber ist ein Terrorist oder ein potentieller Terrorist. Erwachsene sind Terroristen, die jüngeren sind potentielle Terroristen. Ein Grau gab es hier nicht.

Diejenigen, die gingen, als man sie aufforderte zu gehen, ohne Widerstand zu leisten, waren in den Augen des Staates die „Weißen“, die, die sich dem Staat beugten. Und die, die aus Verzweiflung blieben, weil es keinen Ort mehr gab, wohin sie hätten gehen können, waren nicht etwa grau. In diesem Landstrich während der „Operation Schützengräben“ bedeutete bleiben schlicht Verrat.

Einschließlich derer, die aus Verzweiflung geblieben waren, betrachtete man alle als Verräter. ‚Wenn der Staat befiehlt zu gehen, musst Du gehen. Wenn du bleibst, wirst du dafür bezahlen‘ hieß es.

Alle drei bis fünf Tage wurden wir gebrieft. ‚Sie werden gehen, sie müssen gehen, es gibt keine Alternative‘. Es geht um den Fortbestand des Vaterlandes, entweder der Staat oder unser aller Tod waren die Parolen, mit denen man um sich warf. Das waren die Losungen, die man den Spezialeinheiten einimpfte.

Abgesehen davon gab es auch nicht besonders viele, die sich Mühe gaben, anders zu denken. Die meisten Angehörigen der Spezialeinheiten tragen nationalistisches Gedankengut in sich, sie wollen gar nichts Anderes denken. Ich bin auch in einer nationalistisch geprägten Familie aufgewachsen.

Und wenn man dann noch einen Staat im Rücken hat, der das gleiche vorlebt, ist es unmöglich, sich dagegen zu stellen. So greift eine Maschinerie des Verbrechens um sich, in der niemand Anstoß daran findet, einen Mann an einen ShordLand zu binden (Militärjeep, Anm. d. Ü.) und ihn während der Fahrt hinterher zu schleifen.“

„DER AUSLÖSER FÜR DIE GRÄUELTATEN IN DEN KELLERN WAR EIN SCHUSS AUF EINEN KRANKENWAGEN“

Ahmet Gün sagt, es sei unmöglich gewesen, dass Leute, die in dieser düsteren Atmosphäre Befehlen gehorchten, noch rechtschaffen und gesetzestreu handeln konnten. Dafür habe es damals keine Basis mehr gegeben.

Nach Güns Aussage lag das Problem bei den Befehlshabern, wobei in dieser Phase

an kritischen Punkten in offenen Wunden gebohrt wurde. Die Ereignisse, die als die ‚Keller von Cizre‘ in die Geschichte eingegangen sind, fanden ihren kritischen Ausgangspunkt in der Beschießung eines Krankenwagen:

“Es ging um drei Keller. Uns war bewusst, dass sich dort Kinder, Frauen, ältere Menschen und auch Verwundete aufhielten. Man kann sie nicht als Terroristen bezeichnen. Es handelte sich höchstens um Menschen, die passiven Widerstand leisteten. Der Staat hatte ihnen einfach befohlen ihre Häuser zu verlassen, ohne ihnen eine neue Bleibe zu besorgen.

Man sollte seine Zunge davor hüten, sie alle als Terroristen abzustempeln. Eine Frage wie „warum habt ihr eure Häuser nicht verlassen“ war unsinnig. Es ist ihre Heimat, ihr Leben, ihr Heim.

ES GAB AUCH TERRORISTEN UNTER IHNEN – ABER   J E D E R   WURDE TERRORIST GENANNT

Es gab dort auch Terroristen. Aber in den Medien nannte man alle Terroristen. Die Organisation (PKK, Anm. d. Ü.) ist dafür bekannt, dass seit dem Jahr 2000 nicht mehr als 7 Personen in einer Gruppe agieren.

Aus den Kellern sollen angeblich 120 Leichen von PKK Militanten geborgen worden sein. Das können sie nicht mal einer einfachen Sicherheitskraft weismachen, der schon so lange im Südosten der Türkei dient. Das ist absurd und stimmt mit der Realität der Organisation nicht überein. Erstens; es waren mit Sicherheit unschuldige Menschen dabei. Zweitens; unter den Toten wurden Überreste von Frauen, Kindern und alten Menschen gefunden.

Je mehr sich der Staat festfuhr und Soldaten dabei ums Leben kamen, desto grausamer wurden die Zustände. Als die Situation völlig entgleiste, suchten die Gebliebenen Schutz in den Kellern. Krankenwagen konnten sich nicht nähern.

Der Kreis Cizre ist größer als die Stadt Şırnak, zu der es gehört. Egal wie groß ihr militärisches Können ist, da kommen sie nicht raus. Es kam zu dem Punkt, dass Häuser mit schweren Geschützen angegriffen wurden. Von Kriegsrecht keine Spur mehr.

EIN AMBULANZWAGEN WURDE BESCHOSSEN

Die Leute, die in den Kellern gestrandet waren, riefen die Ambulanz für die Verletzten und Kranken unter ihnen. Aber sie wurde unter Beschuss genommen, definitiv.

Um sich nicht um die Kranken und Verletzten kümmern zu müssen, behaupteten die Einsatzkräfte,  dass sogar auf Krankenwagen geschossen werden würde, „was können wir denn tun?“, fragten sie. Aber es ist nicht auszuschließen, dass eine Gruppe unter den Sicherheitsleuten dieses Feuer öffnete. Ich kann es nicht mit Sicherheit behaupten, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß.

Es war schändlich die Rettungswagen zu beschießen. Doch bei meinen damaligen Waffenbrüdern wundert es mich heute nicht mehr. Leider war ich zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage ihre Skrupellosigkeit zu sehen, es gab noch das Gefühl derZusammengehörigkeit.

Man verliert viele Kameraden in solchen Zeiten, da können Sie sich nicht wie ein weiser Mann verhalten und rechtschaffen bleiben. Wenn Dein Kamerad zum Märtyrer wird, da nimmst du die Waffe und schießt auch auf einen Rettungswagen oder sonst was. So ist das Ganze ausgeartet.

Kritische Aktionen an ungünstigen Plätzen. Genauso wie das Sperren der (Bosporus-)Brücke am 15. Juli (Bei dem Putschversuch wurde eine der großen Bosporus-Brücken durch Soldaten gesperrt/Anm. d. Übers.). Der Beschuss eines Rettungsfahrzeugs war der Auslöser. Aber das war kein Zufall.

“ALLES WAR İN ANFÜHRUNGSSTRICHEN LEGAL“

Nachdem das Gebiet um die Kellerräume umzingelt und blockiert wurde, nahmen die Ereignisse einen nervenzehrenden Verlauf an, berichtet Gün.

„Angeblich verlief alles ordnungsgemäß. Der Bereich ist abgesperrt, niemand darf rein oder raus. Nur die Rettungsfahrzeuge dürfen rein, aber diese können nicht, weil sie ja angeblich durch Terroristen beschossen wurden.

Alles ist legitim, in Anführungsstrichen! Niemand sagte, man solle Zivilisten töten. Ich habe 9 Jahre im Südosten gedient. Diese Methode ist gefährlicher als Befehle zu erteilen. Wenn man Befehle ausspricht, gibt es wenigstens klare Grenzen.

Du sitzt da 20 Stunden lang in einem Fahrzeug, und das ging tagelang. 120 Leute sitzen da in den Kellern und es gibt keine Anordnung. Ohne Befehle gibt es auch keine eindeutigen Grenzen. Hätten wir Anweisungen bekommen, wäre viel weniger passiert. Manchmal gab es sogar Streit zwischen Soldaten und Polizisten. Schließlich verhängen sie eine rund um die Uhr-Ausgangssperre in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern.”

„ES WAR NICHT DIE REDE DAVON, DASS DIE LEUTE AUS DEN KELLERN BEFREIT WERDEN SOLLTEN“

Ahmet Gün erzählt weiter, dass sie nach Absperrung des Gebietes um die Kellerräume keine weitere Befehle erhalten hatten, die Menschen dort aus den Kellern rauszuholen. Auf die Frage, ob dieses Thema im Rahmen der Befehlskette überhaupt ausgesprochen wurde, antwortet er folgendermaßen:

“Ich denke nicht, dass die da oben darüber geredet haben, wie man die Menschen befreien könnte. Wenn es so wäre, hätten sie ja ausreichend Equipment gehabt, um das durchzuführen. Sie hatten auch Gasbomben. Man hätte sie betäuben können. Oder man hätte einfach warten können, das Gebiet war sowieso abgesperrt.

Früher oder später hätten sie sich ergeben, aus Hunger oder Durst. Diese Lösung wäre die simpelste gewesen. Wir hatten genug Arsenal um sie zu betäuben oder vorübergehend blind oder taub zu machen. Doch nicht eine davon wurde in Erwägung gezogen. Stattdessen wurden Panzer eingesetzt.“

„SIE DRÜCKTEN AUF DEN KNOPF DES PANZERS“

Auf die Frage, wie die Militäroperation dann zustande kam, antwortet Gün:

“Es gab ja gar keine Operation. Wenn man dir sagt wo der Knopf ist, brauchst du nur zu drücken. Du drückst auf den Knopf und das Haus wird auseinandergerissen. Das war kein Militäreinsatz, die auf die Keller abzielte. Die meisten sind durch die Explosion durch den Panzerbeschuss gestorben, 99 Prozent; und diejenigen, die noch lebten, verbrannten dann. Die Polizei wurde erstmal zurückgehalten. Soldaten gingen da rein.

Dutzende Kinderleichen wurden geborgen. Meine Beobachtungen mal ganz beiseite, es gibt sogar internationale Gutachten über verbrannte Überreste von Frauen und Kindern.

Es war von Anfang an eine Inszenierung. Man ließ sie die Straßenbarrikaden errichten und führte den Feldzug mit dem Ziel im Sinne einer großen Zerstörung weiter.

Auch für die PKK war die Anzahl der Toten nicht so wichtig. Zivilisten oder nicht. Die Erfahrung in den Stadtgefechten in Syrien sammelten sie in dieser Periode.

Es war nicht das Ziel der PKK, zu siegen und es war auch nicht das Ziel des Staates den Terror zu bekämpfen.“

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Ein Kommentar zu “Türkische Spezialeinheit PÖH: „Lasst keinen Stein auf dem anderen, lasst niemanden entkommen“

  • #1
    Wolfram Obermanns

    "Es war von Anfang an eine Inszenierung. Man ließ sie die Straßenbarrikaden errichten und führte den Feldzug mit dem Ziel im Sinne einer großen Zerstörung weiter.

    Auch für die PKK war die Anzahl der Toten nicht so wichtig. Zivilisten oder nicht. Die Erfahrung in den Stadtgefechten in Syrien sammelten sie in dieser Periode.

    Es war nicht das Ziel der PKK, zu siegen und es war auch nicht das Ziel des Staates den Terror zu bekämpfen.“
    Daß die PKK nicht auf einen Sieg zielte, ist klar. Selbst wenn sie theoretisch einen Sieg hätte erreichen können, entspräche dies nicht der verfolgten Linie. Die PKK ist mehr OK als Befreiungsorganisation, genau wie die Hamas ist sie für die Organisation einer freien Gesellschaft zu herrschsüchtig, habgierig und blöd.

    Bemerkenswert ist das Fehlen echter militärischer Leitung beim türkischen Militär. Fehlten die kompetenten Hizmet-Leute? Ging es nur um Propaganda mit empire-strikes-back Kinobildern für den nationalistischen Pöbel? Oder fehlte einfach ein taktisches oder sogar strategisches Ziel wo man sich selbst doch zu einer Reaktion auf den fortgesetzten PKK-Terror genötigt sah?
    Einmal mehr steht die AKP ohne Hizmet als ein Verein der Unfähigkeit da. Da könnte man sich fragen, wer denn wirklich der oder die Architekten des türkischen Aufstiegs der vergangenen Jahre war, Erdogan?

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