Verbiete – es – mir-!

Der Autor im Januar 1990 bei einem Besuch in der DDR. Damals noch Mitglied der Grünen.

Meine Jugend in den 80er Jahren war eine unendlich langweilige Zeit. Alles war erlaubt, nichts war verboten. Ich hatte keine Chance einer der von mir bewunderten „Angry Young Man“ zu sein. Umso besser die Aussichten, in Zukunft als „Angry Old Man“ zu reüssieren!

Die 80er Jahren waren das Jahrzehnt meiner Jugend: Ich betrat sie mit gerade einmal 15 Jahren. Als Teenager war ich beseelt von dem Gedanken der Rebellion, aber letzteres war in diesem Jahrzehnt so unmöglich, dass uns die These von der Repressiven Toleranz einleuchtete: Das System versuchte uns fertig zu machen, in dem es uns nicht unterdrückte.

Wir hatten es schwer.

Beinahe egal ob man sich die Haare monatelang nicht wusch, sie raspelkurz, lang oder blau trug – es regte niemanden auf. Mein Sozialkundelehrer hieß Edwin, trug eine Latzhose und bettelte förmlich darum, dass wir ihn duzten.

Auf Schulfreizeiten zu kiffen war kein größeres Problem, schnorrende Lehrer schon eher. Über Rauchen oder Alkohol reden wir gar nicht: Mein Geschichtslehrer kotzte während der Abschlussfahrt in die Blumenkübel des Krakauer Holiday Inn. So was war ich gewohnt: Drei Jahre zuvor packten wir auf einer Jugendfreizeit des Gladbecker Jugendzentrums einen der Sozialarbeiter gegen Mittag unter die kalte Dusche, damit er wieder nüchtern wurde. Seine Frau, die bei der Fahrt auch dabei war, hatte uns um diesen Gefallen gebeten.

Wir machten blau, um auf Demonstrationen zu fahren und wer verhaftet wurde, konnte sich der Anerkennung der Lehrer sicher sein. Manchmal waren sie ein wenig beschämt, weil sie es in ihrer ganzen Jugend nicht geschafft hatten, auch nur ein einziges Mal die Aufmerksamkeit der Staatsgewalt auf sich zu ziehen.

Man konnte machen was man wollte: In den Gärten der besetzten Häusern wurde Fleisch gegrillt, Sexismus und Gender waren noch nicht erfunden und Dekonstruktivismus klang nach Abbruchunternehmen und nicht nach einer Methode, Texte zu analysieren.

Ja, es war locker, aber es war auch langweilig: Man konnte niemanden mit nichts  aufregen. Ich weiß noch, wie wir in unserer Band zusammengesessen haben und überlegten, welches Tabu wir brechen könnten und es fiel uns wirklich keins ein, das zu brechen uns noch erstrebenswert erschien. Für uns stellte das ein großes Hindernis auf dem Weg Pop-Stars zu werden dar: Elvis konnte ein Land mit dem Wackeln seiner Hüften erschüttern. Hätten wir uns auf der Bühne kopulierend in Mayonnaise gewälzt, es wäre dem Lokalteil der WAZ in Gladbeck noch nicht einmal eine kleine Meldung wert gewesen.

Aber das Leben ist gerecht: Die Chancen, die mir als Jugendlicher vorenthalten wurden,  bieten sich mir jetzt: Eine Zigarette reicht, um die Unbilden des ökologisch korrekten Teils der Gesellschaft auf mich zu ziehen. Ein falsches Wort (Behinderter, Farbiger, Frau) und ich werde mit mehr „ismen“ beschimpft als ich in kurzer Zeit falsch schreiben kann und kleine Witze über den Klimawandel, dessen größter Anhänger ich ja bin, reichen, um von meinem ältesten Freund auf Facebook aufs übelste beschimpft zu werden.

Rebel Without a Cause – in meinen reifen Jahren darf ich es endlich sein. Nur dass die übelsten Spießer heute die moralinsauren Grünen sind, hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Aber man muss die Gegner nehmen wie sie kommen…

Dir gefällt vielleicht auch:

21 Kommentare

  1. #1 | Henk sagt am 17. August 2012 um 15:04 Uhr

    „Angry Old Man“, das gefällt mir. Ich merke das bei mir selbst auch: Je älter ich werde, desto wütender werde ich. Wenn das so weiter geht bin ich in zwei bis vier Jahren radikaler libertärer Kommunist. (Womit ich es endlich auch geschafft habe, mal einen Satz mit „Wenn das so weiter geht…“ zu beginnen. Und komm, ich hau noch einen raus: Armes Deutschland!)

  2. #2 | Jan Sören K sagt am 17. August 2012 um 15:15 Uhr

    Wer es schafft, all die beschriebenen Widrigkeiten durchzustehen, der sollte doch auch ein Rauchverbot überleben.
    Und trotzdem ist der beste Satz:
    Ein falsches Wort und ich werde mit mehr „ismen“ beschimpft als ich in kurzer Zeit falsch schreiben kann
    Denn es stimmt. Jedenfalls je nach Gesellschaft. (Manchereiner würde im ersten Satz noch ein „leider“ hinzufügen – ich hab mit diesem Wort aber negative Erfahrungen gemacht.)

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 17. August 2012 um 18:11 Uhr

    Da war meine Elterngeneration noch besser. Wir mußten noch richtig kämpfen.
    Lange Haare? Streit ohne Ende. Beim Bart habe ich mich allerdings schon nicht mehr drum gekümmert. Musik war dagegen kein Problem. Ich hatte nie das Geld für einen Plattenspieler, und im Radio wurde nur das gespielt, was die deutsche Musikindustrie verordnet hat. Nur Sonntags 18Uhr kam die Top Twenty auf BFBS
    und da habe ich mal versucht das über Mikrofon auf den Cassettenrecorder aufzunehmen. Die Stimme meiner Mutter: Man, mach das aus!. Das gibt es doch nicht. Das ist ja fürchterlich,“ war natürlich auch auf dem Band.
    Das Lied war von Julie Driscoll and Brian Auger and Trinity “ Wheels on fire“
    https://www.youtube.com/watch?v=c7sQvBkcJdY
    Dann hatte ich Zoff mit meinen Eltern, weil die abends, wenn Napalm über Vietnam fiel, und brennende Menschen über den Tagesschaubildschirm um ihr Leben rannten, ihr Abendessen essen konnten, ohne sich zu empören.
    Ich habe dann verkündet, dass ich das für ein Verbrechen halte. In der Kneipe war das aber falsch, denn der Wirt griff mich über die Theke am Kragen und wollte mir eine in die Fresse hauen, weil er von den Amerikaner gerettet wurde, ich letztlich auch, wie er sagte, und sie deshalb seine Freunde wären. Naja, das mit dem Retten war ja ok., aber mußte ich deshalb Napalmbomben mögen?
    Ich konnte es ihm nicht erklären.
    Ein Pfarrer aus der Eifel war außer sich vor Zorn, dass demonstrierende Studenten mit Wasserwerfern auseinandergetrieben wurden. Er sagte vor laufenden Kameras, dass er Flammenwerfer nehmen würde.

    Aber eines war gut. Wenn ich einen Job wollte, habe ich erst gekündigt, und dann irgendwann angefangen zu suchen. Ich hatte keine Angst arbeitslos zu werden. Das ging damals fast gar nicht.
    Darum war diese Zeit eigentlich eine sehr schöne Zeit.
    Stefan, ich glaube sogar, dass sie wesentlich schöner war als die Achtziger Jahre-Zeit.
    Ihr habt eigentlich nichts vom Leben gehabt, wenn man die bessere materielle Ausstattung nicht überbewertet. Keine Kämpfe, alles da. Nur fiktive Sorgen von der Theorie her, aber dennoch wohlbehütet.
    Jetzt angry old man? Ja warum nicht? Irgendwann muß doch die Sau mal rausdürfen. Rauch einfach mal eine, oder geh in einem Baggersee, wo es verboten ist, schwimmen. Oder schreib mal wieder einen Artikel, der jemanden, der stark ist aufregt. Ja, das könnte die liegen.

  4. #4 | Frank sagt am 17. August 2012 um 18:44 Uhr

    @Stefan, Deine früheren Vorbilder hatten sich über Taten profiliert. Heute wird man identifiziert über das was man erlitten hat oder erleiden könnte.

  5. #5 | TuxDerPinguin sagt am 17. August 2012 um 19:57 Uhr

    was wird dann erst aus der heutigen Generation mit ihren 68er Eltern?
    Bis auf Facebook-Parties…

  6. #6 | Stefan Laurin sagt am 17. August 2012 um 20:33 Uhr

    @Tux; Ich hatte quasi 68er Eltern 🙂

  7. #7 | Jan Sören K sagt am 17. August 2012 um 22:16 Uhr

    @Tux: Denke lieber an die nächste Generation. Wenn die Eltern auf Facebook-Parties ihren Eltern-Status begründet haben, wie wollen die Kinder das dann noch toppen? 😉

  8. #8 | Herr von und zu sagt am 17. August 2012 um 23:29 Uhr

    Wer 1990 derart bieder rumgelaufen ist, wie der Autor auf dem Foto, ist natürlich nicht angeeckt. Und sich dann auch noch darüber beklagen, das ist schon … arm? traurig? lächerlich? tragisch?

  9. #9 | Arnold Voß sagt am 17. August 2012 um 23:52 Uhr

    Einfach in Gottes eigenen Staat Iran auswandern, Leute. Oder in Putins Oligarchenparadies. Mit der Polizei und den Behörden kommt man da wie von selbst ins Gehege. Wenns sein muss auch körperlich sehr brutal. Und nachher kann man ganz dolle Geschichten erzählen. Sofern sie einen wieder frei lassen.

  10. #10 | Helmut Junge sagt am 18. August 2012 um 00:15 Uhr

    Da dieser Kommentar zunächst woanders gelandet ist, wederhole ich ihn hier noch einmal:
    ich bin eher 69iger statt 68iger, habe ich auch immer gesagt.
    Ganz sicher gehöre ich nicht zur Elterngeneration von Stefan.
    Ich habe Fotos, die mich im gleichen Outlook zeigen, wie das Foto von Stefan. Nur da war ich 17.
    Und das liegt lange dem Fototermin von Stefan zurück. Es hat sich während dieser Zeit eben nicht viel verändert. Es scheint etwas Wahres in dem Spruch zu liegen, dass alle großen Bewegungen maximal 20 Jahre anhalten.

  11. #11 | Erdgeruch sagt am 18. August 2012 um 00:34 Uhr

    Wutbürger, jetzt wissen wir, was Dich bewegt, es war Deine langweilige Jugend, die Du jetzt im Nachhinein korrigieren musst. Wo diese Selbstfindungsphase wohl endet? Wahrscheinlich im Neokonservatismus.

    Wobei… Die Grünen waren schon immer ein Spießermagnet. 😛

  12. #12 | Martin Murphy sagt am 21. August 2012 um 10:01 Uhr

    Lieber Laurin, den von Dir angestebten Rebellenzustand gibt es schon. vergiss bitte nicht, Dir ein Kissen unter die Ellenbogen zu schieben, wenn Du dir ein Kippchen anmachst. Auf Dauer ist die Fensterbank so hart 🙂 Viele Grüße Martin

  13. #13 | Stefan Laurin sagt am 21. August 2012 um 10:22 Uhr

    @Martin: Große Worte für jemanden der noch nicht einmal ein Wehr runterpaddeln kann, ohne fast zu ertrinken 🙂

  14. #14 | Helmut Junge sagt am 21. August 2012 um 11:30 Uhr

    Stefan, mir fällt gerade ein, dass „Angry man“ sprachlich eine merkwürdige Ähnlichkeit zu „Angri-Manju“ hat. „Angri-Manju“ aber ist der ursprüngliche iranische Name vom griechisierten Ahriman, dem Bösen. Der war nie staatstragend. Während sein Zwillingsbruder Ahura Masda (der weise Herr) immer die alten iranischen Könige unterstützt hat.
    Wenn da mal nichts in dir keimt. Rauch erst mal eine.

  15. #15 | Andreas Lichte sagt am 21. August 2012 um 13:21 Uhr

    @ Helmut Junge #14

    „Ahriman“ – schleppst du das tödliche Anthro-Virus mit dir rum? Steck hier aber niemanden an …

    Falls das hier noch keiner gesagt hat (wär ja echt unglaublich …), der Klassiker geht natürlich so:

    „a hungry man is a angry man“

    Bob Marley – „Them Belly Full“ – Live:

  16. #16 | Helmut Junge sagt am 21. August 2012 um 13:50 Uhr

    @Andreas, du hast gut aufgepaßt.
    Ich habe die Zeit gestoppt, wann du reagieren würdest.
    Um es etwas schwieriger zu machen, hatte ich den Satz dazu, den ich ursprünglich, dich betreffend, schon geschrieben habe, wieder gelöscht.
    Um deine Frage zu beantworten: Nein, ich trage kein Anthrovirus mit mir herum.
    Steiner hat aber auch Ahriman nicht selbst erfunden.
    Die Figur ist älter, wesentlich älter. Sie entstammt der altiranischen Zorosterreligion und ist mindestens seit Kyros bekannt, wahrscheinlich aber noch älter. Herodot schrieb schon „vor urlangen Zeiten“.
    Ich habe es bei widengren gelesen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Geo_Widengren
    Ist lange her, heute hätte ich dafür keine Zeit mehr.

  17. #17 | Andreas Lichte sagt am 21. August 2012 um 14:35 Uhr

    @ Helmut Junge #16

    ich möchte den Erfolg deiner durchdachten Provokation nicht schmälern, aber vorbeigeschaut hatte ich ursprünglich wegen Stefans „angry man“-Reaktion bei Kommentar #13

    Helmut Junge: „Steiner hat aber auch Ahriman nicht selbst erfunden.“

    Rudolf Steiner hat einen grossen Welten-Eintopf angerührt und mit seinem eigenen Wahnsinn gewürzt …

    „tödlich“, wie schon gesagt, und „tödlich“ nicht nur metaphorisch, im KZ Dachau gab es eine anthroposophische, biologisch-dynamische Plantage:

    https://www.ruhrbarone.de/anthroposophie-und-nationalsozialismus-die-waldorfschulen-erziehen-zur-volksgemeinschaft/comment-page-1/#comment-169792

  18. #18 | DH sagt am 21. August 2012 um 15:57 Uhr

    Vielleicht findet sich ja einer dieser Businesspioniere im Bermudadreieck, der Leuten wie Friendo Laurin, die auf ewig mit ihrer als verunglückt empfundenen Jugend zu hadern scheinen, irgendein El Duderino Bowling Center baut, in dem sie allabendlich, in gepflegter Alters-Rage, noch die eine oder andere rebellische Kugel schieben können. „Generationengerecht“ wär’s ja.

    Aber auch hier: Der Typ, der die Regeln verletzt, er heißt ausgerechnet … „Smokey“.

  19. #19 | Helmut Junge sagt am 21. August 2012 um 16:24 Uhr

    @Andreas Lichte,
    „Rudolf Steiner hat einen grossen Welten-Eintopf angerührt und mit seinem eigenen Wahnsinn gewürzt … “
    Man sollte meinen, dass solcher Art Eintöpfe kaum Erfolgschancen hätten.
    Aber es ist genau umgekehrt.
    Je bekannter die einzelnen Elemente des Wahnsinns sind, desto besser klappt der Trick.
    Ach, wir haben jetzt Stefan und seine nicht ausgelebte Jugend völlig vergessen.
    So, als wenn uns das nicht nahe gegangen wäre. Aber ich glaube, dass da eh alles gelaufen ist.

  20. #20 | Andreas Lichte sagt am 21. August 2012 um 16:47 Uhr

    @ Helmut Junge #19

    „Je bekannter die einzelnen Elemente des Wahnsinns sind, desto besser klappt der Trick.“

    Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Anthroposophen-Sekte tut alles, damit die einzelnen Elemente des Steiner-Wahnsinns nicht allen bekannt werden.

    Vergleich mal die „Weleda“-Aussage mit dem, was mit „Weleda“ gemacht wurde:

    “Es bedarf sicher nicht der Erwähnung, daß alle Persönlichkeiten, die auf der Grundlage der Anthroposophie standen, selbstverständlich auch das Regime des Dritten Reiches in all seinen Auswüchsen abgelehnt haben und dazu auch keinerlei Verbindungen suchten.”

    Brief der Weleda AG zu “Beiträge zur Dreigliederung des sozialen Organismus”, 30. Mai 1983, zitiert in “Flensburger Hefte” 32 (1991), 52.

    11 Im KZ-Dachau führte der ehemalige Waldorfschüler und SS-Arzt Sigmund Rascher geplant tödlich verlaufende Menschenversuche an KZ-Insassen durch. Die anthroposophische Firma „Weleda“ versorgte Rascher mit Materialien für seine Menschenversuche (vergleiche Dissertation-Staudenmaier, Seite 251).

    Folgendes mag die besondere Grausamkeit Raschers verdeutlichen (Zusammenfassung von Wikipedia): Rascher führte im KZ-Dachau u. a. „Unterkühlungsversuche“ durch. Für diese Versuche liess man Versuchspersonen nackt 9–14 Stunden bei Eiseskälte im Freien stehen, deren Körpertemperatur dabei auf 27 °C absank. Als der Winter sich dem Ende zuneigte, bat Rascher Himmler um Versetzung nach Auschwitz, da es dort kälter sei. Auch sei das Gelände größer, so dass dort weniger Aufsehen erregt werde. „Die Versuchspersonen brüllen, wenn sie frieren,“ schrieb Rascher …

    (so, und jetzt erwarte ich eigentlich, dass du den „angry man“ in dir entdeckst …)

  21. #21 | Jens König sagt am 24. August 2012 um 12:59 Uhr

    nur so nebenbei, weil’s hier erwähnt wurde: https://www.youtube.com/watch?v=RxdMqiKI08g

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.