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Vor dem Gericht 2

Amtsgericht Dortmund, Foto: Lucas Kaufmann, CC 3.0

Nähert man sich dem Amtsgericht über den leeren Gerichtsplatz, so sieht man sehr schnell den Pulk von Menschen, die sich vor der sicherheitsverglasten Eingangstür knubbeln. „Das kann doch nicht… soll ich mir das wirklich… ach nö… da komm ich doch morgen… Ich muss doch gar nicht, ich will doch nur…“ sind die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, aber dann stellt man sich doch auf die unterste freie Stufe und wartet…

Zwei Zigaretten auf der unterste Stufe und man realisiert zwei Dinge. Erstens: Wenn Leute in das Gebäude gelassen werden, dann im Schwall von vier bis siebzehn Leuten. Zweitens: Immer wieder gehen Leute an der Schlange vorbei, drängeln sich an die Tür und werden widerspruchslos eingelassen.

Nach der dritten Zigarette, mitlerweile auf der vorletzten freien Stufe (hinter einem hat sich ein Neuer eingereiht) , die nächsten Erkenntnisgewinne. Drittens: DAS WIRD DAUERN! Viertens: Die Leute die sich an der Schlange vorbeiquetschen sind dem Sicherheitspersonal bekannt und erfüllen eine Aufgabe innerhalb des Gebäudes. Fünftens: Der ältere, grinsend aus dem Gebäude kommende, Mann mit blau pinken Schuhen und pinker Krawatte (welche sich farblich mit dem rosa Aktendeckel beissen) ist wahrscheinlich Anwalt, der nicht grinsende Mann, im schwarzen Windbraker hinter ihm, wahrscheinlich nicht.

Vier bis siebzehn Zigaretten vor der Amtsgerichtstür und man kennt die Abläufe. So ist es, z.B., völlig wumpe, ob man sich noch als Drölfzigster durch die Tür quetscht. Man landet eh nur in der Schleuse und dahinter geht es wieder nur einzeln weiter.

Das ist ungefähr das setting zu dem Zeitpunkt, zu dem X sich in die Schlange einreiht. X ist vielleicht Zeuge, vielleicht Angeklagter, keine Ahnung. Auf jeden Fall ist X jemand, der nicht alles mit sich machen lässt, da könnte ja jeder, er ist schließlich nicht irgendjemand, er ist X. X ist noch drei Meter Luftlinie, umgerechnet also knappe dreissig Minuten, von der Schleusentür entfernt, als G lachend an ihm vorbei die Treppe hinaufsteigt und sich in den kleinen Pulk von Auserwählten eingliedert, die über einen Hausausweis verfügen…

X: Ey… watt soll denn das, hinten anstellen!
G: Was?
X: Ich sage, hinten anstellen.
G: Ich brauche mich nicht anstellen
X: Ach, brauchen sich nicht anstellen, dann brauche ich mich auch nicht anstellen, los, stellen Sie sich gefälligst hinten an.
G: Ich brauche mich nicht hinten anstellen.
X: Das wollen wir doch mal sehen.
G: Das werden Sie auch sehen.
X: Also, das werden wir ja sehen, ob Sie hier vor mir… stellen Sie sich gefälligst…
G: Ich habe einen Ausweis, ich brauche mich nicht anstellen.
X: Ausweis… ist mir doch egal ob Sie… wir werden schon sehen ob Sie…
G: Sie werden sehen… und das Dollste: Sie werden nichts dagegen tun können.
X: So wie Sie aussehen, finde ich Sie wieder… und der Junge Mann neben mir sieht auch kräftig aus…
Junger Mann: Äh… genau…

(Aus dramaturgischen Gründen verkürzt.)

X schert aus der Schlange aus, steigt ein oder zwei Stufen weiter nach oben, der Junge Mann orientiert sich langsam nach hinten.

Junger Mann: Ich denke, wir leben hier in einer Demokratie und sind alle gleich…!
X: Genau, da haben Sie es gehört. Das wollen wir doch mal sehen… stellen Sie sich hinten an
G: Jaja…

Die Schleusentür öffnet sich erneut, Justizangestellte J tritt in den Türspalt

J: Wer von ihnen hat einen Hausausw…?

G zeigt ihren Ausweis und will an J vorbei in die Schleuse. X ist an der Schlange vorbei die Stufen hinaufgestürmt. Direkt vor den Augen von Justizangestellter J greift er G an den Arm, reisst sie zurück und drängelt sich in den Windfang.

G: Haben Sie das gesehen? J, haben Sie das gesehen? Der Mann hat mich… Anzeige. Ich zeige diesen Mann an…
X: Ähm… wie?

X wird aus dem Windfand gedrängelt…

G: Ich zeige Sie gerade an. Wer hat das gerade gesehen?
Die Wartenden A, B, E, F, H, L, O,Q, R, S und A2: Ja, wir haben das gesehen
X: Also…
J: Ja dann gibt das jetzt wohl… gleich, wenn Sie drin sind. Wir nehmen dann die Aussagen der Zeugen auf.
X: Wie…?
J: Anzeige…

Die Tür schließt sich vor X und hinterlässt ihn verdattert. Okay, Gerichtstermin, weitere Anzeige am Hintern, aber immerhin an der Schlange vorbei und kurz vor der Tür…

Unbekannter Wartender aus dem Off: Und nun wieder hinten anstellen, nicht?

X mochte an jenem Vormittag vieles sein, Zeuge, Angeklagter, jemand der vielleicht nur zum Grundbuchamt wollte… die hellste Kerze war er jedenfalls nicht.

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