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Was nicht passt, wird passend gemacht

Per Leo, 11.September 2014, Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund, Lesung aus “Flut und Boden” Foto: Udower Lizenz: CC BY-SA 4.0

Per Leos neues Buch „Tränen ohne Trauer“ reiht sich ein in eine immer länger werdende Liste von Veröffentlichungen, deren Ziel die Umdeutung der Shoa zu einem Genozid unter vielen und die Abwertung der Ideen der Aufklärung ist. Dabei unterlaufen dem promovierten Historiker Leo Fehler, die sich nicht mit Unwissenheit erklären lassen.

Der neue Historikerstreit ist nicht nur von dem Gedanken geprägt, die Shoa zu relativieren und die Aufklärung als rassistisches und kolonialistisches Projekt zu denunzieren. Im Unterschied zum alten Historikerstreit besteht er nicht in erster Linie aus einer Debatte um die Interpretation von Tatsachen, sondern besticht durch einen laxen Umgang mit ihnen. Michael Rothberg ignoriert in seinem aktuellen Beitrag in der „Zeit“ das für die Neue Rechte zentrale Konzept des Ethnopluralisms und fantasiert den Siedlungskolonialismus zum Normalfall des Kolonialismus. Dirk Moses behauptet in seinem Text „Der Katechismus der Deutschen“, alle Genozide, und damit seiner Lesart nach auch die Shoa, seien von einer Sicherheitsparanoia getrieben. Das allerdings erklärt nicht, warum Deutschland noch Ende des Krieges während des drohenden Zusammenbruchs der Fronten Ressourcen und Truppen nutzte, um Juden aus Griechenland in die Vernichtungslager zu transportieren. Seine Behauptung, die Palästinenser würden seit 50 Jahren unter einer Militärdiktatur leben, ist von wokem Aktivismus geprägt. Und wenn er schreibt, „Dieser Katechismus (Die Betonung der Einzigartigkeit der Shoa) verdrängte um die Jahrtausendwende den vorangegangenen Katechismus, der seinerseits Werten wie der nationalen Ehre und Tradition verpflichtet war.“, zeigt das nur, dass Moses sich nicht für die alte Bundesrepublik interessiert. Nationaler Ehre und Tradition sah sich kaum jemand verpflichtet – vielmehr dem Wirtschaftswachstum und der Stabilität der Deutschen Mark. Beides war die Basis des bundesrepublikanischen Selbstbewusstseins. Darin war Deutschland dem ehemaligen Verbündeten Japan sehr ähnlich.

Die Thesen Leos, Moses‘ und Rothbergs sind Beispiele dafür, was man eben so schreibt, wenn man sich im postmodernen Wanderzirkus im Kampf um Stellen, Buchverträge und Vorträge behaupten will. Eine allzu große Abneigung vor Antisemitismus ist dabei ebenso störend wie die Beschäftigung mit Real- statt Diskursgeschichte.

Per Leo passt in diese Gruppe eigentlich nicht hinein. Seine Doktorarbeit „Der Wille zum Wesen: Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890–1940.“ ist ein Beispiel für den sorgfältigen Umgang mit Quellen. Aber mit seinem neuen Buch „Tränen ohne Trauer“ versucht Leo, auf den trendigen Zug einer neuen Einordnung der Shoa aufzuspringen. Deutschland sei bunter geworden, immer mehr muslimische Migranten aber auch zionismuskritische Juden könnten mit der traditionellen Geschichtsschreibung nichts mehr anfangen. Also müsse sie geändert werden. Thomas Schmid hat das in der Welt treffend zusammengefasst: „Kurz, Per Leo reiht sich in die Schar derer ein, die dazu neigen, das Holocaust-Gedenken als einen schweren Klotz zu betrachten, der unsere Bewegungs- und Denkfreiheit einschränke. Der uns hindere, endlich ins Freie zu treten, Nationalsozialismus und Holocaust hinter uns zu lassen beziehungsweise zu historisieren und deutend einzubetten.“

Indem sich Leo für diesen Weg entschieden hat, begibt er sich auf das Niveau all der Zimmerers, Moses und Rothbergs, die eher Verbreiter hipper Erzählungen denn faktenorientierte Historiker sind. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Leos Frage „Gibt es irgendeine Quelle, die den Vorsatz des Völkermords auf eine Zeit vor der zweiten Jahreshälfte 1941 datiert?“ ist einfach zu beantworten: Ja, sehr viele sogar: Hitler hat bereits in den 20er Jahren in Reden und Briefen die Vernichtung aller Juden gefordert. In Mein Kampf und im Zweiten Buch werden Juden als Ungeziefer und Parasiten bezeichnet. Sowohl Ungeziefer als auch gegen Parasiten werden in der Regel getötet – wenn es denn möglich ist.

In seiner Hitler-Biografie kommt der Historiker Ian Kershaw zu dem Schluss: „Bis zum Frühjahr 1924 hatte er seine Ansichten endgültig ausgeformt. In Landsberg und bei der Abfassung von »Mein Kampf« folgte nur noch die Ausarbeitung. Darüber hinaus zeigte der Gefängnisaufenthalt, dass Hitler eine feste gedankliche Brücke zwischen der »Judenvernichtung« und einem auf den Erwerb von »Lebensraum« gerichteten Krieg gegen Russland hergestellt hatte.“ Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion begann der systematische Massenmord an den Juden. Erst mit Gewehren und Knüppeln, später dann in den Vernichtungslagern. Sie standen nicht, wie Leo schreibt, am Anfang des Massenmords, sondern waren seine zweite Stufe.

Auch andere Passagen lassen den Leser verwundert zurück: An dem Satz „Nicht von ungefähr jedenfalls fanden die ersten rassistischen Pogrome nach dem Nationalsozialismus nicht in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen statt, sondern in Solingen und Mölln“ ist nahezu alles falsch: Die Pogrome von Hoyerswerda (17. September 1991) und Rostock-Lichtenhagen (22. und 26. August 1992) fanden vor den Morden in Mölln (23. November 1992) und Solingen (29. Mai 1993) statt. Und letztere waren Anschläge von Neonazis und keine Pogrome, die von der Bevölkerung der beiden Ost-Städte zumindest teilweise unterstützt wurden.

Natürlich hat Leo recht, wenn er darauf verweist, dass Ausländerhass nach der Wiedervereinigung immer ein gesamtdeutsches Thema war, aber niemand hat vergessen, wie Leo schreibt, dass die ersten großen Gewalttaten aus dem Westen kamen, weil es so nun einmal nicht war. Leos Unterstellung scheitert an der Wirklichkeit.

Sehr woke wird es in dem Buch, wenn es um Antisemitismus bei Migranten geht: „Es ließ sich ja kaum bestreiten, dass im Zuge der zweiten Intifada zunehmend auch Juden in Frankreich, Deutschland oder England den Hass auf Israel zu spüren bekamen. Sie wurden haftbar gemacht für die Politik eines Staates, dem sie gar nicht angehörten. Wenn vor allem Migranten mit muslimisch arabischem Hintergrund dabei nicht zwischen »Juden« und »Israel« unterschieden, dann lag das natürlich vor allem daran, dass dieser Unterschied sie gar nicht interessierte. Vielleicht hatte es aber auch damit zu tun, dass es immer schwieriger wurde, ihn überhaupt zu erkennen. Es gehört nämlich zum Gesamtbild, dass die Gleichsetzung von »israelisch« und »jüdisch« von einem Wandel des zionistischen Selbstverständnisses, wenn nicht verursacht, so doch befördert worden ist.

Obwohl es also nicht unbegründet ist, auch den auf Israel bezogenen Judenhass von Muslimen und Arabern als »antisemitisch« zu begreifen, schafft diese Ausweitung des Begriffs doch mehr Probleme, als sie löst.“

Doch warum werden Israel und Juden überhaupt haftbar gemacht? Schon das erklärt sich eigentlich nur durch Antisemitismus: Die arabischen Staaten haben es in über 70 Jahren nicht geschafft, die arabischen Palästinenser zu integrieren. Den europäischen Staaten ist das mit den Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg, und zu denen muss man die Palästinenser zählen, gelungen. Warum also nur Protest gegen Israel und nicht Jordanien, Syrien oder Libanon, Länder, die Palästinenser seit Jahrzehnten in Lagern leben lassen? Und warum kein Protest gegen Hamas und Fatah, korrupte Terrorbanden, die die Palästinenser ausbeuten, betrügen und unterdrücken?

Protest gegen Politiker in allen Staaten des Nahen Ostens wäre nachvollziehbar. Protest nur gegen Israel lässt sich ohne Antisemitismus nicht verstehen.

Leo ignoriert auch die Entwicklung der Proteste: Bevor die Türkei sich unter Erdogan islamisierte, interessierten sich viele Türken nicht für die Palästinenser. Es ist der im Islam tief verankerte Antisemitismus, den Erdogan wieder aktivierte und es ist die Islamisierung vieler Migranten, die den wachsenden Antisemitismus in Europa erklärt. Das Wissen um diese Tatsache ist keine „Ausweitung“ des Begriffs Antisemitismus, sondern trägt zu Beschreibung realer gesellschaftlicher Geschehnisse bei.

Leos Einschätzung der BDS-Kampagne ist ebenfalls wenig schlüssig. Natürlich ist eine Kampagne, die jüdische Israelis von allen kulturellen und wissenschaftlichen Veranstaltungen ausschließen will, antisemitisch. Es geht nicht um das, was die Menschen sagen, sondern um das, was sie sind: Juden.

Wenn es um Achille Mbembe geht, ein Thema, mit dem sich dieses Blog recht gut auskennt, muss Leo über viele hinwegsehen, um zu folgender Ansicht zu gelangen: „Es muss nun nämlich, wie im Fall Mbembes und vieler anderer geschehen, nur noch ein wenig belastendes Material gefunden werden, eine Spende, ein Doktorvater, ein Tweet, eine Organisation, ein Mitarbeiter, eine Konferenz, ein Kontakt, ein unbedachtes Wort, ein schlechter Artikel, eine Jugendsünde, irgendein Sachverhalt, der sich als BDS-nah. markieren lässt – und schon schlägt der Shitstorm Türen zu.“ So stand niemand, der sich öffentlich gegen den BDS-Beschluss des Bundestags gestellt hat, bislang vor verschlossenen Türen. Selbst kleine Lichter wie PACT-Chef Stefan Hilterhaus oder Inke Arns, die Chefin des Hartware Medienkunstverein, funzeln weiter vor sich hin. Mbembe ist nicht auf Twitter mausgerutscht, sondern hat die globale Isolation Israels gefordert, die Besetzung Palästinas als den größten moralischen „Skandal unserer Zeit“ bezeichnet, was angesichts des Bürgerkriegs in Syrien schlicht Hetze gegen Israel ist, und 2018 mit dafür gesorgt, dass die israelische Psychologin Shifra Sagy von einer Konferenz in Südafrika ausgeladen wurde.

Moses und Leo sind Historiker, Rothberg beschäftigt sich immerhin lange und ausführlich mit Geschichte. Die Fehler, die einem in ihren Texten entgegenspringen, können kaum die Folge von Unwissenheit sein. Dafür sind die Fakten zu bekannt, ist das Wissen um sie zu verbreitet. Laien machen solche Fehler, Profis nicht. Aber warum sind sie dann trotzdem in den Texten?

„…im Westen (fand) ein Perspektivenwechsel von der Realgeschichte zur Diskursgeschichte statt, der es nicht mehr um sogenannte realhistorische Fakten geht, sondern um die Bedeutung, die ihnen in der Sprache verliehen wird.“, schreibt Wolfgang Reinhard in „Die Unterwerfung der Welt: Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015“.

Moses, Leo und Rothberg sind nicht mehr allzu sehr an den historischen Fakten interessiert. Sie wollen, Moses und Rothberg sicher mehr als Leo, die „große Erzählung“ des Westens zerstören und ihrer Ansicht nach gehört dazu, der Shoa ihren heutigen Platz in der Geschichte zu nehmen. Die berechtigte Forderung, sich intensiver mit den Folgen von Kolonialismus und Rassismus zu beschäftigen, hat damit, nimmt man sie ernst, nichts zu tun. Die bisherige Einzigartigkeit der Shoa ist nicht Teil einer vom Westen herausgehobenen Erzählung unter vielen: sie ist faktisch bestens belegt, wie Stefan Klävers es in „Decolonizing Auschwitz“ aktuell belegt hat.

Der beste Weg in dieser Auseinandersetzung ist es, sich auf Fakten zu beziehen und sich nicht auf das Niveau der postmodernen Erzähler herabzulassen. Geschichte sei der Trumpf, der alle Karten sticht, schreibt Per Leo. Treffender kann man es nicht sagen.

Per Leo: Tränen ohne Trauer. Klett-Cotta, 20 €.

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4 Kommentare zu “Was nicht passt, wird passend gemacht

  • #1
  • #2
    thomas weigle

    "Nationale Ehre und Tradition", haben dafür gesorgt, dass unsere Grenzen heute so sind, wie sie sind. Dies zumindest, wenn schon nichts anderes, sollte doch denen, die diese doch angesichts unserer Geschichte eher ziemlich moralisch verwahrlosten Begriffe immer gerne im Munde führen, ein wenig zu denken geben. Mich jedenfalls schüttelt`s, wenn ich`sie höre oder lese.
    Die Erinnerung an den Holocaust ist nicht Ballast, wie es laut Jüdischer Allgemeine in jenem Werk zu lesen ist, sondern Aufgabe, meine ich, die uns immer wieder mahnt, daran zu erinnern und dafür zu sorgen, dass sich solches nicht wiederholt.
    Dazu gehört selbstverständlich, jeglicher Israelfeindlichkeit entgegen zu treten.

  • #3
    thomas weigle

    Eine Erklärung für den weit verbreiteten Antisemitismus und die Israelfeindschaft vieler Linker bietet das Buch "Stalin und die Juden" von Arno Lustiger.Im realen Sozialismus war man bis zum verdienten Ende heftig auf diesen Gleisen unterwegs. Bis zum Schluß wurden Juden verfolgt,weil sie Juden waren, inklusiver groteslker Prozesse, die an die wildesten Stalinjahre erinnerten. Ziemlich gruselig für einen Linken, aber sehr,sehr lesenswer für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen(wollen). Antiquarisch erhältlich.

  • #4
    Laubeiter

    Danke für die Auseinandersetzung mit einem Buch eines 49-Jährigen. Ähnlich wie der Autor frage ich mich, was die Motive von Autoren wie Leo sind, sich vor den 64-jährigen Mbembe zu stellen. Es nützt Leo nichts zu behaupten, Mbembe würde ausgewogene Ansichten vertreten, wenn es keine 5 Sekunden dauert um zu lesen, dass Mbembe in seinem Wertekanon durchgängig das Unrecht Israels stärker verurteilt als alles und jedes, was sonst so an Unrecht herrscht. Und diese Denkfigur ist die eines Antisemiten.

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