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WDR: Valerie und Vallera

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WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Der WDR arbeitet weiter daran, sich im Radio-Bereich überflüssig zu machen. Ab Juli wird Funkhaus Europa umgebaut.

1,390 Milliarden Euro hat der WDR im Jahr 2015 eingenommen. Der Großteil davon, 1,160 Milliarden Euro hat der Sender einem Privileg zu verdanken: Als öffentlich-rechtlicher Sender erhält der WDR aus der Haushaltsabgabe Geld, unabhängig davon, ob die unfreiwilligen Zahler auch nur einmal ein TV- oder Radioprogramm des Senders eingeschaltet haben. Geld, das dem Sender Freiräume gibt, von denen private Medien nur räumen können: Der WDR könnte sich leisten, unkonventionelle Programme zu machen, könnte experimentieren und Nischen zu bespielen, die kommerzielle Sender, die von Werbeeinnahmen oder Abonnenten abhängig sind, nicht bedienen können. Eine Freiheit die der WDR immer seltener nutzt. In den 70er und 80erJahren waren es WDR-TV-Shows wie „Ein Herz und eine Seele“ oder der raue, den Krimi in Deutschland neu definierende Schimanski und die Gong-Show, mit denen der Sender alte Sehgewohnheiten aufbrach. Heute zeigen Extra3 vom NDR, Quer Bayerischen Rundfunk, oder das Neo Magazin Royal mit Jan Böhmermann, das auch öffentlich-rechtliche Sender aufregendes Fernsehen machen können. Trotz der Innovationsoffensive des WDR im vergangenen Sommer gelang dem Sender nichts Vergleichbares. Schon lange fällt der Sender im Fernsehbereich nicht mehr durch Ideenreichtum auf. Und auch die Radiosender werden stromlinienförmiger.

Zuerst traf es 2012 WDR3. Trotz einem von 19.000 Hörern unterzeichneten Protestbrief, massiver Kritik aus Reihen des WDR selbst und zahlreichen Aktionen des Vereins „Die Radioretter“ wurde WDR3 umgebaut: Nachdem der Kultursender des WDR seit 2008 schon 30 Prozent Wortanteil verloren hatte, gab es 2012 weitere Kürzungen beim politischen Feuilleton und beim Feature. Nun wird ab Juli Funkhaus Europa umgewandelt. Nicht alles ist daran schlecht. Das ab 18.00 Uhr Sendungen in sechs Sprachen parallel online gestreamt werden, darunter erstmals auch in arabisch, ist eine sinnvolle Erweiterung des Angebots.

WDR-Inendant Tim Buhrow © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

WDR-Inendant Tim Buhrow © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Doch das WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber das Musikprogramm am Tag glättet, das Angebot zusammenstreicht und anstatt eine redaktionellen Auswahl an Musik auf eine bunte und beliebige Weltmusikmischung setzt, ist ein Verlust.

Bei den Radiomachern hat die Entscheidung, Funkhaus Europa umzubauen dafür gesorgt, dass die ohnehin schon schlechte Stimmung im Sender einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. „Viele sind sauer“, sagt ein WDR-Mitarbeiter zu K.West, „weil mit Funkhaus Europa ein weiterer WDR-Sender seine Individualität verliert. Viele Redakteure sehen darin einen direkte Bedrohung ihrer Arbeit.“ Bei einem glattgebügelten Programm sidn Redakteure überflüssig. An Valerie Weber, die vor ihrer 2013 begonnenen Arbeit als WDR-Hörfunkdirektorin Programmdirektorin und Geschäftsführerin des Privatrundfunksenders Antenne Bayern war, lassen die hausinternen Kritiker kein gutes Haar.   Sie habe, heißt es, von Qualitätsradio keine Ahnung, ihre Welt sei die der Radio-Preisausschreiben und des Dudelfunks nach dem Motto „Die Hits der 80er und 90er und das Beste von heute.“ Ein Vorwurf, der nicht ganz gerecht ist, denn wie die Reform von WDR3 2012 zeigte , brauchte es keine Valerie Weber um einen Sender zu glätten. Im Gegenteil, es war Weber, die nun ein tägliches Hörspiel auf WDR 3 durchsetzte und den Trend zu weniger Wortbeiträgen auf dem Sender umkehrte. Webers WDR5 Reform hatte dann ein gefälligeres Programm zur Folge: Die sperrige Literatursendung „Spielart“ findet nur noch an Feiertagen statt, das meinungsstarke Politmagazin „Politikum“ läuft nun zwar vier statt fünf Mal die Woche, wurde aber von 25 auf 15 Minuten gekürzt. „Das Programm soll künftig mit weniger harter Politik, Kultur, regionaler Berichterstattung und Medienkritik auskommen. Stattdessen bekommen die Hörer offenbar seichteres Programm,“ kommentierte Cicero die mittlerweile umgesetzten WDR5-Pläne im vergangenen Jahr.

 

Seit dem Aufkommen der privaten Radiosender fiel den Öffentlich-Rechtlichen nicht viel anderes ein, als die Konkurrenz zu imitieren. Seit Jahrzehnten muss sich Sender für Sender eine Ideologie der Hilflosigkeit unterwerfen, die sich „Durchhörbarkeit” nennt. Sender haben eine bestimmte Musik zu spielen, die ihre Hörer nicht irritiert, die Wortbeiträge müssen kurz und knackig sein. Radio soll unterhalten. Das mag für werbefinanzierte Sender in Ordnung sein, für die öffentlich-rechtlichen ist es das nicht. Das sehen auch WDR-Mitarbeiter so: „Wir sägen doch den Ast ab, auf dem wir sitzen, wenn wir uns durch nichts mehr von den Privatradios unterscheiden. Da stellen sich doch die Hörer zu Recht die Frage warum sie Gebühren für etwas zahlen sollen, was sie auch anderswo bekommen.“

Zumal von den Gebühren immer weniger Geld bei den Redakteuren der Sender ankommt. „Die Stimmung beim Radio ist insgesamt nicht gut. Mittel werden gekürzt, Redakteure müssen sparen.“ Alleine 900.000 Euro wurden bei Funkhaus Europa eingespart. Geld das fehlt, um ein gutes Programm zu machen, Moderatoren zu beschäftigen und Freie Mitarbeiter zu bezahlen. „Der Sender spart in Bereichen wir Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, da geht viel Kompetenz verloren“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter des WDR und fügt hinzu, dass in anderen Bereichen nach wie vor viel Geld ausgegeben wird: „Bei der Übertragung des Fußball-Europameisterschaft wird nicht gespart. Die Zuschauer dürfen sich auf 3D-Animationen freuen.“

 

Wird bei den Redaktionen gespart, stellt sich die Frage, wieso der WDR sechs von allen Bürgern gezwungenermaßen finanzierte Sender braucht, um ein zunehmend „durchhörbares“ Radio zu produzieren. Die Idee des durchhörbaren Senders ist die des Bügel- und Autowaschradios, des plätschernden Programms das man im nächsten Augenblick vergessen hat, der beliebigen Hintergrundbeschallung. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben das Glück, dass zu Zeit noch Richter über die Haushaltsabgabe entscheiden, die mit ARD, ZDF, WDR und Hessischen Rundfunk groß geworden sind. In einer nicht allzu fernen Zukunft wird sich das ändern. Wenn Richter aus der Generation Spotify und Netflix erst einmal über die zwangsweise Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender entscheiden werden, könnte es durchaus sein, dass sie sich das Programm etwas näher anschauen und zu dem Schluss kommen, dass es keine Grund gibt, den Abklatsch der privaten Sender so üppig wie bisher zu finanzieren. Die vorgeschrieben Grundversorgung sollte mehr sein als ein eine Kopie der Privatsender. Zum Auftrag der Grundversorgung gehört auch zu erkennen, dass es das homogene Publikum nicht mehr gibt, das in einer in immer kleinere Gruppe aufgeteilte Gesellschaft längst ein Mainstream der Minderheiten vorherrscht, der eigentlich das ideale Publikum für die öffentlich-rechtlichen Sender wäre – wenn sie denn den Mut hätten dieses Publikum langfristig an sich zu binden. Doch diesen Mut hat niemand in der WDR-Führung.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in K.West

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8 Kommentare zu “WDR: Valerie und Vallera

  • #1
    Martin Böttger

    So ist es Stefan. Habe eben mal nachgeschaut: 6 Jahre ist es schon her, da habe ich hier
    http://www.ruhrbarone.de/kein-einschaltprogramm-die-wdr-radiowellen/9876
    an Zeiten und Programme erinnert, die den WDR noch interessant gemacht hatten. Es ist klar, dass man sich nicht schlicht die alte Zeit zurückwünschen kann und sollte. Innovation wäre schon erforderlich. Gerade dabei ist/war "Funkhaus Europa" eher Vorreiter im Sender, und gerade da wird nun plattgemacht. "Modern" ist was Anderes.

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Martin Böttger: Der WDR schafft sich ab – wenn er jetzt noch die Haushaltsabgabe abschaffen würde, hätte ich damit kein Problem. Netflix, Spotify und Prime sind zusammen kaum teurer.

  • #3
    Thorsten Stumm

    Wo kann man dieses WDR denn hören….auch in Köln steht das an total vielen Häusern…die machen Radio….Sachen gibts…in meiner Mediennutzung kommt dieses WDR nicht vor…

  • #4
    Robin Patzwaldt

    Wenn ich mein eigenes Nutzungsverhalten dabei mal beobachte, dann wird das mit dem WDR wohl eh keine Trendumkehr mehr geben. Marktanteil und ‘Macht’ werden ebenso weiter schrumpfen wie die Anzahl der Mitarbeiter. Traurig, aber wahr. Und das schreibe ich als früherer Stammhörer. Heutzutage spielt der WDR in meinem Leben aber schon fast gar keine Rolle mehr…. Ich wüsste auch nicht, wie und warum sich das noch einmal ändern sollte, ehrlich gesagt.

  • #5
    Klaus Lohmann

    Wenn die jetzt auch noch WDR5 plattmachen, hätte ich im Auto ja gar nix mehr zum Tanzen…;)

    Aber im Ernst – dieser Niedergang hatte eine jahrzehntelange Ansage, die schon früh mit der Spartenaufteilung der Sender begann und uns NRWler in verkopfte Studierte (bäh), Musikantenstadler, Opernballerinas, Fußballbekloppte und Autojunkies einteilte. Das musste reichen und war für die kommenden Jahrzehnte Medien-Revolution genug, um garantierte Knete für garantierte Pöstchen einzufahren. Mehr will der Homo Angestelltus doch nicht, oder?

  • #6
    Olaf Mertens

    Jaaaaaaaa – die rührenden aber leicht beschränkten Kritiker dieser großartigen Reform schauen doch bloß auf ihre kleinen privaten Hörgewohnheiten. Der Tom aber und die Valerie, die haben das Große Ganze im Auge! Ich wünsche den beiden dann ab Juli ganz ganz viel Spaß beim im Auge behalten. Vielleicht können sie es ja in einem günstigen Moment zur Strecke bringen. Vielleicht ist es auch für irgendwas gut und sei es nur das Fantasiegehalt mit anschließender Fantasiepension vom Tommi. MIt diesem Jahr hat der WDR-Hörfunk die letzten Sendungen die ich noch regelmäßig gehört habe eingestellt (bzw. stellt sie im Sommer ein) und ich hab jetzt keine Lust mehr den Rest-Brei nochmal nach interessantem zu durchforsten. "Durchhören" kann ich nämlich kein Programm das durch eine derart mediokre Musikauswahl mit derartig vielen Wiederholungen besticht. Und seit ich gelesen habe, dass eine Sendeminute Sportschau für 40.000 Kröten produziert , das also das was was bei Funkhaus Europa kahlgeschlagen wird (die jährliche Einsparung) ungefähr 25 Minuten Scheiß-Bundesliga-Gelaber im Fernsehen entspricht, nehm ich die Misachtung meiner Hörgewohnheiten (die ja ironischerweise vom WDR zumindes stark mitgeprägt sind) persönlich. Da ist die Verhältnismäßigkeit völlig verloren gegangen.

  • #7
    Rhetormusic

    Byte.fm zeigt erfolgreich, dass es auch anders geht. Die berühmte Frage (besser auf englisch gesagt "quest") der Digitalisierung/ Transformation bestehender Geschäftsmodelle und Verhaltensmuster drückt sich in der Hilflosigkeit des WDRs aus, auf zeitgemäße Veränderungen nur mit der Kostenbremse zu reagieren. Als konsequenter Verweigerer von Radioprogrammen – Funkhaus Europa war da eine zeitweilige Ausnahme bin ich bei Byte.fm sogar bereit 50 EUR im Jahr für zu bezahlen.
    Auch hier gilt, was die bspw. die Zeitungsverlage in der Frühzeit des Internets als branchenfremde Netzbeschmutzer wahrgenommen haben, als diese ihr Rubrikenanzeigengeschäft aufgefressen haben gilt scheinbar auch fürs Radio. So what: Neue Wege tun sich auf mit Byte.fm und anderen Webstationen wie z. B. base.fm oder auch neu erstarkenden Podcasts, die jetzt in kostenpflichtige Streamingdienste wie Spotify abwandern.

  • #8
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Rhetormusic: Das Problem des WDR ist mit denen der Verlage nicht zu vergleichen. Der WDR ist vor allem eine Behörde mit erheblichen Problemen, die Pensionszusagen einhalten zu können. Ganz nebenbei wird dann noch ein wenig Programm gemacht und damit die Zahlen nicht ganz so schlimm aussehen, für viel Geld Fußball eingekauft.

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