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WDR: Was bei der Envio-Story fehlte

Gestern lief auf dem WDR im Rahmen der Reihe “Die Story” eine Reportage über den Envio-Skandal in Dortmund. 

Erst einmal: Als ich gestern Abend die 40minütige Reportage über den Dortmunder Envio-Skandal sah, hatte ich einen der raren Momente in denen ich das Gefühl hatte, meine Fernsehgebühren aus gutem Grund zu zahlen. Die Geschichte des Skandals, bei dem die Dortmunder Firma Envio über Jahre hunderte Menschen mit PCB verseucht hat, war detailreich und spannend erzählt. Der WDR stellte die vergifteten Arbeiter und ihre vergifteten Familien in den Mittelpunkt der Geschichte. So wurde der Stoff fass- und fühlbar: Kinder von Arbeitern, die verseucht wurden, weil ihre Väter die Arbeitskleidung mit nach Hause brachten und nun Zysten an der Leber haben, lassen jeden die  ungeheuren Verbrechen nachvollziehen, wegen denen auch Envio-Chef Dirk Neupert bald vor Gericht steht – und hoffentlich zu einer Strafe ohne Bewährung verurteilt wird. Ich habe Neupert im vergangenen, Jahr auf der Jahreshauptversammlung von Envio erlebt: Mit “Kalt wie ein Fisch” würde ich ihn noch  als warmherzig beschreiben.

Soweit so gut. Doch ein paar Sachen fehlten.  Sicher, die Bezirksregierung drückt sich um personelle Konsequenzen, schont die Mitarbeiter, die bei der Envio-Aufsicht versagt haben. Aber dies ist nicht nur ein Problem der Bezirksregierung in Arnsberg. Aufsichtsbehörde der Bezirksregierung ist das Innenministerium in Düsseldorf – und das hätte eingreifen müssen – tat Innenminister Jäger aber nicht. Auch die Rolle der Stadt Dortmund ist nicht richtig dargestellt worden. Der Ökoprofit-Preis, den Envio noch 2009 bekam, war ein städtischer Preis – beim WDR erfahren wir das nicht. Was wir auch nicht erfahren ist, wem wir es zu verdanken haben, dass der Skandal öffentlich wurde: Klaus Brandt, damals Redakteur bei der Westfälischen Rundschau, heute im WAZ-Recherche-Team, und Ulrike Märkel, Ratsfrau der Grünen in Dortmund, haben beide viel Arbeit und Mühe darauf verwandt, den Envio-Skandal aufzukklären. Oder Murphy & Spitz: Das Öko-Finanzhaus warf Envio nach nur einer Kontrolle aus dem Portfolio – kurz danach begann die Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Auch das gehört zur Envio Geschichte –    den ohne Brandt und Märkel und Murphy & Spitz hätte der WDR gestern die Envio-Stor kaum senden können.

Die Envio-Story kann man sich online anschauen.

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4 Kommentare zu “WDR: Was bei der Envio-Story fehlte

  • #1
    Emil

    Nach der hervorragenden investigativen Berichterstattung der Ruhrbarone war es Pflicht, auch den WDR-Beitrag anzuschauen. Aber schnell wurde aus Pflicht die reine Qual, wie oft hätte ich am liebsten weggezappt? Für das, was bei Envio passierte, ist “Skandal” Verharmlosung.

  • #2
    crusius

    Erstens hat mich gewundert, warum in mehreren tausend Seiten Ermittlungsakten so wenig Berichtenswertes stand. Zweitens sollte man doch annehmen, daß auch einem grünen Umweltminister an Sachaufklärung gelegen sein sollte.Interessant ist in diesem Zusammenhang das berühmte ‘Prognos’-Gutachten (http://www.umwelt.nrw.de//ministerium/pdf/envio_gutachten.pdf). Zitat: “Aus Sicht der Mitarbeiter/-innen würden zusätzliche Kontrollen nicht nur zusätzlichen unmittelbaren Arbeitsaufwand bedeuten, sondern in der Regel auch zu Folgearbeiten führen, da”man immer was in einem Betrieb findet. […] Aus Sicht der Miarbeiter/-innen sind unangekündigte Kontrollen, insbesondere vor dem Hintergrund knapper Personalressourcen, impraktikabel, da die Anwesenheit eines auskunftsfähigen Ansprechpartners für eine effiziente Kontrolle notwendig sei.” (S. 17). Übersetzt: “Da fahr ich nich hin, das gibt bloß Arbeit. Und erst recht fahr ich da nicht unangemeldet hin, weil ich ja von der Sache eigentlich keine Ahnung habe.” Da kommt einem wirklich das Gruseln.

  • #3
    crusius

    Mir fällt gerad auf, daß man ergänzen sollte, daß diese mehreren tausend Seiten Ermittlungsakten den Machern des WDR-Films vorlagen. Mich wundert, daß da nicht mehr rauszuziehen war als gezeigt wurde.

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