Wie Putin lernte die Bombe zu lieben

Würde Russland Atomwaffen einsetzen?

Würde Putin wirklich Atomwaffen einsetzen? Robert Herr wirft einen Blick in die Zeitgeschichte und versucht eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Als Historiker neige ich dazu, bei der Beantwortung von konkreten Fragen des aktuellen politischen Weltgeschehens und dem Handeln der Akteure dieses Weltgeschehens in die Vergangenheit – gern auch die nähere – zu schauen. Meist sieht man im Nachhinein sehr deutlich, das bestimmte Entwicklungen sich schon sehr früh abgezeichnet haben, Akteure aus ihren Vorstellungen, Motivationen und Zielen keinen Hehl gemacht haben, man nur hätte zuhören oder nachlesen müssen. „Hindsight is 20/20“, wie der Amerikaner sagt, im Rückblick liegt die Sehkraft immer bei 100 Prozent.

Natürlich hindert einen niemand daran, das schon vor dem Eintreffen solcher Ereignisse zu tun. Die Frage des aktuellen politischen Weltgeschehens, die in Diskussionen und Hintergrundgesprächen derzeit häufig gestellt wird, ist folgende: Würde Putin wirklich Atomwaffen einsetzen?

Über die Nukleardoktrin verschiedener Staaten, also die Regeln, die sich verschiedene Staaten selbst für den Einsatz von Atomwaffen geben, gibt es viel Forschungsliteratur. Letzten Endes ist aber auch immer klar: Papier ist Papier, Entscheidungen werden von Menschen getroffen. Manche Staaten wie China und Indien schließen den Ersteinsatz von Atomwaffen komplett aus, wollen sie also nur einsetzen, wenn sie auch mit solchen angegriffen werden. Andere Staaten halten sich das offen. Den Ersteinsatz von taktischen Atomwaffen, also kleineren Atomwaffen, die nicht dazu dienen sollen, einen feindlichen Staat komplett auszulöschen, sondern den eigenen Truppen in einem Konflikt einen taktischen Vorteil zu verschaffen, schließen fast alle nuklear bewaffneten Staaten aus, weil sie entweder gar keine haben oder wie die USA ein derart großes konventionelles Potenzial haben, dass sie gar keine einsetzen müssen. Es gibt eine Ausnahme. Russland.

In der russischen Nukleardoktrin gibt es ein Konzept, das in den vergangenen 25 Jahren immer weiter ausgebaut wurde und in der wissenschaftlichen Literatur als „Escalate to de-escalate“ also „Eskalieren um zu Deeskalieren“ bezeichnet wird. Dahinter steckt die Strategie, einen bestehenden militärischen Konflikt (auch mit Gegnern, die selbst gar keine Atomwaffen haben), den Russland mit konventionellen Mitteln nicht gewinnen kann, durch den Einsatz taktischer Atomwaffen zu entscheiden und gleichzeitig durch die damit gezeigte Bereitschaft zum Einsatz von Atomwaffen, andere Staaten von einem Eingreifen abzuschrecken.

Aber wie weiter oben schon geschrieben, Papier ist letzten Endes Papier, Entscheidungen werden von Menschen getroffen. Wie Menschen denken, die letzten Endes die Entscheidung treffen, ist mindestens genauso wichtig.

Hier kommt eine an der Naval Postgraduate School, dem Postgradiertenkolleg der Naval Academy in den USA, eingereichte Doktorarbeit aus dem Jahr 2019 ins Spiel. Diese von Frank R. Kirbyson geschriebene und von Prof. Mikhail Tsypkin betreute Untersuchung habe ich in den letzten Tagen gelesen. Kirbyson untersucht neben den tatsächlichen militärischen Fähigkeiten, was in der Vergangenheit geübt wurde, auch sämtliche Äußerungen zum Einsatz von Atomwaffen, die von russischen Funktionären jemals getätigt wurden. Das ist alles informativ und lesenswert. Für mich als Historiker und jemanden, der auf der Suche nach diesen „Im Rückblick liegt die Sehkraft immer bei 100 Prozent“-Momenten ist, war jedoch der Teil seiner Arbeit am interessantesten, in dem Kirbyson die Veränderungen der russischen Nukleardoktrin im Wandel der Zeit minutiös nachgezeichnet hat.

Daraus konnte ich lernen, dass die russische Nukleardoktrin von 1993 die Strategie zum Ersteinsatz von taktischen Atomwaffen zur Entscheidung konventioneller Kriege noch nicht enthielt. Im Gegenteil, sie warnte sogar explizit davor. Diese Strategie zum Ersteinsatz von taktischen Atomwaffen fand erstmals in der Nukleardoktrin aus dem Jahr 2000 Erwähnung und wurde dann in den kommenden Jahren bis heute immer weiter ausgeweitet und verfestigt.

Woher kam aber dieser schwerwiegende Strategiewechsel in Bezug auf den Ersteinsatz von taktischen Atomwaffen? Die diesbezügliche Änderung der 1993er-Nukleardoktrin wurde im Jahr 1999 vom Sicherheitsrat der Russischen Föderation durchgeführt. Den Auftrag erteilt und die diesbezügliche Änderung maßgeblich vorangetrieben hat der erst kurz zuvor im selben Jahr im März ins Amt gekommene Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation. Ein gewisser Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Der Mann also, der vor 23 Jahren, noch bevor er Ministerpräsident wurde, noch bevor er Präsident wurde, dafür sorgte, dass der mögliche Ersteinsatz von taktischen Nuklearwaffen in konventionellen Kriegen, in denen Russland in die Bredouille gerät, offizieller Teil der russischen Nukleardoktrin wird und diese Strategie in den Jahrzehnten danach immer weiter ausgeweitet und verfestigt hat, ist nun derjenige, der darüber entscheidet. Würde er das wirklich tun? Ich weiß es nicht. Aber die „Im Rückblick liegt die Sehkraft immer bei 100%“-Momente sind da. Der Mann war diesbezüglich in den vergangenen 23 Jahren konsistent und hat nie einen Hehl daraus gemacht.

Bestünde aber die Möglichkeit, die praktische Gelegenheit, mit einem taktischen Nuklearschlag den Krieg dramatisch zu beeinflussen? Ich denke ja. Die Ukraine ist vom Seehandel abgeschnitten, der Luftraum ist dicht. Fast alle Hilfe, welche die Ukraine bekommt, findet über den Landweg von Polen statt, über einige wenige Routen, die fast alle über Lwiw gehen. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass auch einzelne verdeckte Versorgungsflüge gehen, aber auch die landen vermutlich am Flughafen Lwiw. Der ukrainische Generalstab hat dort die Zelte aufgeschlagen, ein Großteil der Fluchtbewegung nach Westen läuft über Lwiw ab, andere Wege raus gibt es kaum. Ein gut gezielter Einsatz einer taktischen Atomwaffe in der Umgebung von Lwiw, vielleicht am Flughafen, um neben der halben Stadt auch diesen und den südlichen Autobahnring in Mitleidenschaft zu ziehen wären katastrophal für die Ukraine.

Es gibt einen Mann mit Motiv, Mittel und Gelegenheit. Ich hoffe, es passiert nicht. Im Gegensatz zum Rückblick schaut man im Vorblick immer in den Nebel und manchmal ist der Schatten, den man im Nebel sieht, kein angreifender Mörder, sondern einfach nur ein Briefkasten.

Aber traue ich ihm das zu?

Ja.

 

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4 Kommentare

  1. #1 | Bülent Zünbüldere sagt am 19. März 2022 um 19:58 Uhr

    Schande,Schande,Schande. Putin ist der gleiche Obernazi wie der Hitler einst war.Die Russen haben keine Chance Putin von innen heraus zu entmachten.Wer glaubt dass dieser Massenmörder nach der Ukraine seine Vernichtungskriege beenden würde,der hat keine Lehren aus der Geschichte gezogen.Wir sind leider im 3.Weltkrieg.Den haben nicht wir begonnen,sondern der Obernazi in Moskau.Soll Er doch Atomwaffen einsetzen.Lieber tot als diesen Obernazi noch weiter ertragen zu müssen.İch habe fertig mit Russland Die sollen sich zum Teufel scheren.

  2. #2 | Burger sagt am 19. März 2022 um 20:25 Uhr

    Dieses Ja wird mit der zunehmenden Dauer des Krieges wahrscheinlicher. Auch dass es die Stadt Lemberg treffen könnte erscheint plausibel:
    Sie ist das empfindliche Nadelöhr für den Nachschub der ukrainischen Gegenwehr.
    Das radioaktiv verseuchte Nadelöhr würde zur Pufferzone gegenüber den Natostaaten
    Die östlich gelegenen Metropolen könnten unter Putins Regie wieder aufgebaut werden.
    Putin kann sich absolut keine Niederlage leisten, sie würde das Putinsche Narrativ „Entnazifizierung & Entmilitarisierung“ in ein großes russisches Trauma kehren. Auf diesem Hintergrund erscheint der Einsatz einer einzigen Bombe als das kleinere Übel.
    Die Erfahrung mit Japan, das kurz nach Hiroshima kapitulierte dürfte Putin überzeugen.
    Bezüglich seines außenpolitischen Rufes hat Putin eh nichts mehr zu verlieren.
    Allesamt gute Gründe. Daher mein JA….

  3. #3 | Stephan Jaeger sagt am 20. März 2022 um 06:37 Uhr

    Wäre das nicht ein Bündnisfall, weil ja die Grenzregion von Polen betroffen wäre?
    Die Nato würde nicht reagieren und hoffen das damit wieder Friede ist, weil der Westen versagt.
    Aber die Polen werden im Alleingang wohl zurück schlagen.

  4. #4 | Elwira Marion Ginsberg-Herr sagt am 2. April 2022 um 20:24 Uhr

    Die Tatsache das Putin schon im Jahre 1999 die 1993 Nukleardoktrin ändern hat lassen
    spricht Bände.
    Er muss schon damals damit geliebäugelt haben.

    Ja , alle diejenigen welche schreiben das Putin in etwa so ist wie Hitler haben nicht unrecht.
    Leider stehen mindestens 70% der Russen hinter seinem Angriffskrieg auf die Ukraine.
    Keiner von denen fragt sich ob dieser Krieg gerechtfertigt ist.

    Ich traue Putin auch zu, dass er Atomwaffen einsetzt.

    E.M.Ginsberg-Herr

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