Die Schande von Bochum wird dem VfL lange anhaften

Das Ruhrstadion in Bochum. Archiv-Foto: Roland W. Waniek

Gemessen an den Erwartungen spielt der VfL Bochum in der Fußball-Bundesliga eine herausragende Saison. Der Aufsteiger kommt nach 26 Saisonspielen 2021/22 auf beachtliche 32 Punkte und dürfte nach menschlichem Ermessen mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben.

Trainer Thomas Reis und seine Schützlinge sorgten im Fußballoberhaus wiederholt für positive Überraschungen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an das 4:2 im heimischen Ruhrstadion gegen den FC Bayern München vom Februar.

Doch seit Freitag steht der VfL jetzt leider auch für eine der schändlichsten Stunden dieser Spielzeit. Und das, obwohl der Klub da eigentlich gar nichts für kann.

Beim Stande von 0:2 wurde das Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach gut 20 Minuten vor dem offiziellen Ende zunächst unterbrochen, rund eine Viertelstunde später dann komplett abgebrochen, weil sich zumindest ein Zuschauer, im erstmals seit Monaten mit rund 25.000 Zuschauern wieder gut besetzten Stadion nicht zu benehmen wusste und Verein und Liga damit einen echten Bärendienst erwies.

Was war geschehen? Schiedsrichterassistent Christian Gittelmann wurde in der 69. Minute von einem gefüllten Plastikbecher am Kopf getroffen, konnte das Spiel nicht fortsetzen und musste im weiteren Verlauf zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht werden.

Kein Wunder, dass der Verein im Nachgang um Schadensbegrenzung bemüht war: „Der VfL Bochum 1848 distanziert sich in aller Form von denjenigen, die Becher und Gegenstände werfen und bittet speziell beim Getroffenen um Entschuldigung für dieses nicht tolerierbare Verhalten.  Des Weiteren hoffen wir natürlich, dass es Christian Gittelmann gut geht und die Verletzung sich als nicht folgenschwer erweist“, hieß es in einer nächtlichen Pressemeldung.

Dem Bundesligisten, der sportlich auf dem Weg in eine Heimniederlage war, drohen jetzt Konsequenzen, die keiner, der es mit dem VfL hält, gefallen dürften. Dass das Spiel am ‚Grünen Tisch‘ als verloren gewertet dürfte, erscheint alternativlos. Zusätzlich drohen wohl Geldstrafen oder gar Zuschauerausschlüsse für kommende Heimspiele in Bochum.

Doch das dürfte nicht einmal die Hauptsorge der Bochumer sein. Der entstandene Imageschaden, den diese Aktion auf die bisher so tolle Saison der Mannschaft wirft, dürfte alle anderen denkbaren Strafen noch weit übersteigen.

Seit über zehn Jahren ist es in der Bundesliga zu keinem Spielabbruch dieser Art mehr gekommen. Und ausgerechnet jetzt, in einem Spiel, bei dem der Klub vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges mit einem Sondertrikot auflief, auf dessen Aufdruck Werbung für ein friedliches und respektvolles Miteinander gemacht wurde, riss der VfL die negativen Schlagzeilen des Sportwochenendes an sich. Dass das alle Verantwortlichen des Vereins massiv schmerzt, ist nur logisch.

Der Klub hofft, wie er betonte, auf eine schnelle Aufklärung und wird die Polizei bei ihren Ermittlungen tatkräftig unterstützen. „Wer sachdienliche Hinweise zur Identifizierung beitragen kann, wendet sich bitte an die Polizeidienststelle Bochum.“

Im Falle einer Identifizierung will der VfL Bochum 1848 weitere Schritte einleiten, zum Beispiel Stadionverbot, Vereinsausschluss oder Einzug der Dauerkarte, und behält sich Schadenersatzansprüche vor. „Denn wir gehen davon aus, dass der VfL verbandsseitig bestraft wird“, heißt es in dem Vereinsstatement aus der Nacht.

„Es hätte ein spannender Fußballabend werden sollen. Es ist ein Abend geworden, der uns fassungslos und traurig zurücklässt. Die Taten einzelner beschädigen erheblich das positive Bild, das der VfL Bochum 1848 und seine Fans in den vergangenen Monaten abgegeben haben. Wir stehen für Toleranz und Fairplay. Das Werfen von Bechern und Gegenständen gehört definitiv nicht dazu“, so die Pressestelle des Bundesligisten.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Die Schande von Bochum wird dem Verein lange anhaften und noch in Jahren als Negativbeispiel herangezogen werden. In einer sportlich bisher so positiv überraschenden Saison des VfL, ein Rückschritt, den so wirklich niemand gebraucht hätte.

Die jetzt wieder statthaften größeren Zuschauermengen in den Stadien sollten eigentlich nach rund zwei Jahren der massiven Pandemiebeschränkungen ein Grund zur Freude aller Beteiligten sein, und kein neuerlicher Beweis für das blödsinnige Verhalten Einzelner auf den Tribünen! Bitter!

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7 Kommentare

  1. #1 | Manni sagt am 19. März 2022 um 17:56 Uhr

    "Doch seit Freitag steht der VfL jetzt leider auch für eine der schändlichsten Stunden dieser Spielzeit."

    In der Tat. Und diese Spielzeit hat wirklich einiges zu bieten, sogar lange vor dem letzten Spieltag. Ich denke da an den Abbruch bei Osnabrück gegen Duisburg (kurz vor Weihnachten, wobei sich der Grund nach der Empörung in Luft aufgelöst hat) oder an Zwayer's Sternstunde gegen Dortmund. Dann noch der Bremer Impfpass-Trainer und auch die Razzia beim DFB. Und der Böllerwurf bei RWE gehört auch ganz oben in die erste Reihe.

    "Es hätte ein spannender Fußballabend werden sollen. […] Die Schande von Bochum wird dem Verein lange anhaften"
    Der Fall wird hoffentlich genauso akribisch aufgeklärt wie der Spielabbrch in Duisburg. Denn das hat der Fußball nicht verdient, dass solche Ereignisse im Vordergrund stehen. Obendrein eröffnen halbherzige Aufklärungen solchen Fans alle Möglichkeiten, die bewusst einem Verein schaden wollen (wie wäre es mit dem Wurftreffer eines Gelsenkircheners bei einem BVB Heimspiel?).
    Letzlich bleibt Aufklärung die einzige Möglichkeit, den Faans wegsperren ist wirklich keine Alternative.

    Bleibt noch der Tiefpunkt 2022, die WM in Katar. Weiter runter geht's nicht.

  2. #2 | Christof Bieker sagt am 19. März 2022 um 18:00 Uhr

    Es ist keine Schande,es ist so wie viele Fussballer den anderen sehen weil er anderes 'denkt',fühlt…!

  3. #3 | Roland Mitschke sagt am 19. März 2022 um 23:36 Uhr

    Der Täter ist kein VfL-er, der Becherwurf ist eine Straftat mit dem Ziel der Körperverletzung. Dass dafür der Verein bestraft wird entspricht den Spielregeln. Der Verein und seine Spieler, Präsident und Vorstand haben sich von diesem Vorfall distanziert. Mehr können sie nicht tun.

  4. #4 | Die vollen Stadien in der Bundesliga könnten sich noch bitter rächen | Ruhrbarone sagt am 20. März 2022 um 10:41 Uhr

    […] Die Schande von Bochum wird dem VfL lange anhaften von Robin Patzwaldt in Bochum, Sport […]

  5. #5 | Manni sagt am 20. März 2022 um 11:14 Uhr

    Wie mir zwei gute Bekannte gestern erklärt haben, gibt es ja auch durchaus rationale Gründe für einen solchen Wurf. Man müsste sich nur die Wettquoten ansehen um festzustellen, wer von der 0:2 Wertung besonders profitiert. Dann kann man immerhin verstehen,warum so etwas gemacht wird.
    Mein Gegenargument ist zugegebenermaßen schwach: Hanlon's razor. Ich bleibe trotzdem dabei.

  6. #6 | Robin Patzwaldt sagt am 21. März 2022 um 17:48 Uhr

    Das kam vorhin vom VfL Bochum rein:

    "Sehr geehrte Redaktion ,

    der VfL Bochum 1848 ist weiterhin intensiv mit der Aufarbeitung des Vorfalls beschäftigt, der am Freitagabend (18. März) zum Spielabbruch des Bundesligaspiels gegen Borussia Mönchengladbach geführt hat.

    Schiedsrichter Benjamin Cortus hatte die Partie nach einem Becherwurf, der den Schiedsrichterassistenten Christian Gittelmann traf, in der 69. Minute zunächst unterbrochen und wenig später dann abgebrochen.

    Sebastian Schindzielorz, VfL-Geschäftsführer Sport, konnte noch am Abend in einem persönlichen Gespräch mit Christian Gittelmann um Entschuldigung für den Vorfall bitten und sein Bedauern ausdrücken, verbunden mit der Hoffnung, dass eine etwaige Verletzung nicht allzu gravierend sein möge.

    Die Krisenkontaktgruppe des VfL unter Leitung der Geschäftsführung hat unmittelbar nach Spielende in einer strukturierten und professionellen Herangehensweise mit der Aufarbeitung des Vorfalls begonnen. Hierzu wurde Videomaterial gesichtet, Hinweisen nachgegangen und unverzüglich der Kontakt zur Polizei und den Sicherheitsbehörden aufgenommen. Es wurde sofort signalisiert bei der Täterermittlung mit den zuständigen Behörden zu kooperieren und sie in jedweder Form zu unterstützen. Sämtliches vorliegendes Beweismaterial wurde der Polizei übergeben. Diese Vorgehensweise wurde dann schon in Nacht auf Samstag auch öffentlich kommuniziert, verbunden mit dem Appell, dass sich weitere Augenzeugen an die Polizeidienstelle Bochum wenden könnten.

    Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Bochum die Ermittlung übernommen, auch hier unterstützt der VfL mit aller Kraft. Am Montag, 21. März, wurde in einer gemeinsamen Presserklärung der Staatsanwaltschaft Bochum und des Polizeipräsidiums Bochum der Stand der Ermittlungen nach dem Becherwurf bekannt gegeben. Hierin heißt es unter anderem, dass „durch die eingeleiteten Ermittlungen […] sich ein Tatverdacht gegen einen 38-jährigen Bochumer“ ergeben habe. Weiter: „Dieser hat sich im Zuge der Vernehmung nicht zur Sache eingelassen. Die weiteren Ermittlungen dauern an.“

    Zudem erreichte uns ein Schreiben des DFB-Kontrollausschuss, der bis Mittwoch eine vereinsseitige Stellungnahme zum Vorfall fordert. Dem wird der VfL Bochum 1848, der sich juristischen Beistand in Person von Rechtsanwalt Horst Kletke genommen hat, selbstverständlich nachkommen. Schiedsrichter Benjamin Cortus hat zudem einen Sonderbericht zum Spiel angefertigt.

    Wir werden gemäß der uns vorliegenden Erkenntnisse die Sachlage prüfen und gegenüber dem Sportgericht Stellung nehmen. Vorher, und da bitten wir um Entschuldigung, werden wir uns aufgrund des schwebenden Verfahrens nicht weiter öffentlich zur Causa äußern. Dies wird dann zu gegebener Zeit passieren.

    Wir wünschen Christian Gittelmann weiterhin gute Besserung. Inzwischen hat auch der am Freitag abwesende VfL-Cheftrainer Thomas Reis aus seiner häuslichen Isolation heraus den Schiedsrichterassistenten telefonisch erreicht und ebenfalls die besten Wünsche übermittelt."

  7. #7 | Robin Patzwaldt sagt am 24. März 2022 um 18:19 Uhr

    Kam gerade dazu vom VfL rein:

    "Sehr geehrte Redaktion ,

    das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat das am vergangenen Freitag (18. März 2022) abgebrochene Bundesligaspiel zwischen dem VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach im Einzelrichterverfahren mit 2:0 Toren für Mönchengladbach als gewonnen gewertet. Die Begegnung war in der 69. Minute beim Stand von 2:0 für die Gäste von Schiedsrichter Benjamin Cortus abgebrochen worden, nachdem Schiedsrichterassistent Christian Gittelmann ein gefüllter Getränkebecher gegen den Hinterkopf geworfen wurde. Der Schiedsrichterassistent wurde dadurch verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Der VfL Bochum 1848 hat sich umgehend nach Spielabbruch beim Getroffenen nach dessen Gesundheitszustand erkundigt und für den Vorfall um Entschuldigung gebeten.

    Des Weiteren hat der VfL unmittelbar nach Spielabbruch begonnen, Beweismaterial zu sichten und nach Augenzeugen zu suchen, um so die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft bestmöglich und umfangreich zu unterstützen. Sämtliches vorliegendes Beweismaterial wurde der Polizei übergeben. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen haben dazu geführt, dass sich ein Tatverdacht gegen einen 38-jährigen Bochumer ergeben hat. Dieser hat sich im Zuge der Vernehmung nicht zur Sache eingelassen. Die weiteren Ermittlungen dauern an.

    Der VfL Bochum 1848 verurteilt diesen Vorfall nach wie vor aufs Schärfste und unterstützt Polizei und Staatsanwaltschaft auch weiterhin bei ihren Bemühungen, den Täter zu überführen. Gleichwohl war und ist es die Pflicht des VfL Bochum 1848, die Rechte des Klubs im Rahmen des angesetzten sportgerichtlichen Verfahrens zu schützen. Dabei hat der VfL stets betont, angemessene Entscheidungen des DFB zu akzeptieren. Das Urteil des DFB-Sportgerichts zur Spielwertung liegt nun vor. Der VfL Bochum 1848 akzeptiert diese Entscheidung und wird keinen Einspruch gegen das ergangene Urteil einlegen."

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