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„Wir haben in diesem Jahr 50 Bands, die irgendwas mit Punkrock am Hut haben.“

Das Ruhrpott Rodeo ist eines der coolsten Festivals in NRW / Foto: Peter Hesse

Das Ruhrpott Rodeo ist eines der coolsten Festivals in NRW / Foto: Peter Hesse

Das Festival Ruhrpott Rodeo findet seit 2007 jährlich im Sommer statt und ist mittlerweile in Deutschland das wichtigste und größte Festival im Punkrock-Genre. Zum dreitätigen Festival kommen durchschnittlich etwa 7500 Besucher, 2016 sogar über 8500 Besucher. Alex Schwers ist der Veranstalter hinter dieser Open Air Sause. Wir sprechen mit ihm über Probleme beim Booking, ein neuartiges Pfandbecher-System und warum er gerne Deichkind mal auf das Ruhrpott Rodeo lotsen würde.

Alex, zwischen klassischen Hardcore-Acts wie Agnostic Front, den Cro-Mags oder Negative Approach hast du die Eurodance-Sängerin Blümchen gebucht, was nicht nur beklatscht wird, sondern streckenweise sehr zwiespältig aufgenommen wird. Ärgert dich das?

Ich habe eigentlich noch mit mehr schlechten Stimmen gerechnet. Mein Eindruck ist, dass etwa 95 Prozent der Kommentare in den sozialen Medien sehr positiv ausfallen – zudem wird es on top noch viele Leute geben, die das einfach nicht interessiert. Aber die Zeiten, wo Leute „Punk-Verrat“ oder „Kommerz“ wittern, wenn man die Pfade ein bisschen verlässt, die scheinen doch nachzulassen.

Es gibt Stimmen, die einen Vergleich zum Wacken-Festival ziehen: wenn Blümchen beim Ruhrpott-Rodeo spielt, ist das so, wie wenn Heino zusammen mit Rammstein auftritt…

Blümchen hat nie so dumme Ausfälle wie Heino gebracht. Und: man kann ihre Musik scheiße finden, aber die Person Blümchen ist komplett integer. Mir ist die Kritik dazu zu simpel gedacht. Heino ist weit weg von Wacken, Blümchen ist weg vom Rodeo – rein objektiv betrachtet. Aber deswegen müssen die noch nichts gemeinsam haben. Unterm Strich finde ich, das Blümchen einen Bezug zum Ruhrpott Rodeo hat. Es gibt bei uns das Blümchen-Camp und außerdem genießt sie Kult-Charakter in der Punk-Szene – vor allem durch die Turbonegro-Coverversion, die sie zusammen mit Bela B. aufgenommen hat. Ich bin schon länger mit ihr in Kontakt. Außerdem haben wir in diesem Jahr 50 Bands, die irgendwas mit Punkrock am Hut haben – dazu etwas Ska. Jetzt haben wir mal einen totalen Ausreißer dabei. Das kann man abfeiern – und wenn nicht, dann kann man solange einen Saufen gehen. Sie spielt ja nicht ewig, sondern nur 35 Minuten.

Einer der nettesten Konzertveranstalter bei uns: Alex Schwers

Wie läuft der Vorverkauf bislang, bist du zufrieden?

Es variiert ja in jedem Jahr, das hängt auch immer mit dem jeweiligen Line-Up zusammen. Wir sind zum jetztigen Zeitpunkt exakt genau da, wo wir im letzten Jahr auch waren – haben sogar in gleicher Vorlaufzeit 200 Karten mehr abgesetzt.

Wenn man bedenkt, dass man von Punk’n’Roll bis zum Knüppel-Hardcore verschiedene Sub-Genres abdecken muss, bist du mit dem Billing in diesem Jahr zufrieden?

Von den Bands, die ursprünglich bei mir auf dem Zettel standen, ist fast nichts übrig geblieben. Zwei große Headliner hatten mir mündlich zugesagt, haben mich lange zappeln lassen – und sind dann leider doch abgesprungen. Es gibt manchmal Jahre, da hast du im November schon alles klar – und dann gibt es Jahre, wo du hin und herschiebst, wartetst und dann wird doch alles anders, weil dir eine entscheidende Band abspringt.

Es gibt im deutschen Konzertveranstalter-Business zwei Monopolisten, die den Markt fast zu 90 Prozent unter sich aufteilen – so dass man kaum eine Chance hat an eine große Band, wie zum Beispiel Bad Religion, zu kommen, weil die dann bei Rock am Ring/Rock im Park oder beim Hurricane/Southside-Festival spielen. Ist das für dich ein großes Problem?

Ja, andauernd passieren solche Sachen. Aber man gewöhnt sich daran. Mit Hellacopters und Hank van Hell kommen aber auch Sachen, die mich persönlich total interessieren. Und noch haben wir es immer wieder jedes Jahr geschafft ein zugkräftiges Line Up zum Ruhrpott Rodeo zu lotsen.

Die Band WIZO gehörte im Jahr 2018 zu den großen Abräumern auf dem Ruhrpott Rodeo / Foto: Peter Hesse

Schaust du dir auch andere Festivals an?

Ja klar, ich war jetzt erst kürzlich beim Rock Hard Festival in Gelsenkirchen, um mir Skid Row anzuschauen zum Beispiel. Ich mag mit dem Amphitheater im Nordsternpark die Location dort sehr – und dieser alte Ruhrpott-Metal-Adel hat irgendwie was. Ich bin froh, dass wir für das Rodeo auch immer noch echte Teenie-Bands gewinnen können, im Metal-Bereich dagegen ist der Altersdurchschnitt vor und auf der Bühne doch wirklich etwas höher angesiedelt. Es gibt aber eine andere Parallele zwischen dem Ruhrpott Rodeo und dem Rock Hard Festival: Bei beiden Festivals spielen immer Bands aus der Region. Bei uns sind das Sondaschule, Lokalmatadore oder die Kassierer – beim Rock Hard waren das in diesem Jahr The Idiots, Vulture oder Long Distance Calling, in anderen Jahren sind das Sodom, Kreator oder Axel Rudi Pell.

Von Jahr zu Jahr lässt sich das Wetter immer schlechter ausrechnen, beim Party.San Festival in Thüringen gab es in letztem Jahr sogar einen richtigen Sandsturm, auch beim Rock Hard Festival gab es Windböen mit einer Stärke von bis zu 80 Stundenkilometern. Bereitet dir das als Veranstalter eine extra Portion Sorgenfalten?

Eigentlich nicht. Die Gespräche mit den Behörden werden von Jahr zu Jahr komplizierter und das ganze Antragsverfahren ist wirklich hoch komplex. Und: diese Gespräche sind nicht immer Ziel führend. Aber das gehört halt mit dazu…

Anderes Thema: Hank van Hell war ja früher Sänger bei Turbonegro – und die haben in ihrer frühen Phase gerne mal Songs von Poison Idea gecovert, die in diesem Jahr auch auf dem Ruhrpott Rodeo spielen. Wäre es vielleicht wünschenswert, dass Hank zur Zugabe von Poison Idea als Gastsänger auf der Bühne auftaucht?

Das wäre toll, da hätte ich keinen Einwand. Vor zwei Jahren hatten wir ja Black Flag und Henry Rollins da, aber da wurde im Vorfeld schon abgeklärt, dass der aktuelle Black Flag-Sänger Keith Morris in der Richtung nichts will. Die sind sich beim Festival auch überhaupt nicht über den Weg gelaufen. Rollins kam 20 Minuten vor der Show an – und war kurz nach seinem Auftritt auch wieder weg. Schade eigentlich. Ansonsten haben wir ziemliche Ramones-Festspiele in diesem Jahr: C.J. spielt ja inzwischen bei Me First & The Gimme Gimmes, Marky Ramone spielt viele Ramones Klassiker live und außerdem sind ja noch The Ramonas da, eine All-Girl-Ramones-Tribute-Band aus England.

Bullenreiten gehört natürlich auch zum Ruhrpott Rodeo / Foto: Peter Hesse

Als Festival-Veranstalter ist man ja auch immer auf der Suche nach dem besondern Band-Feature. Wäre es für dich denkbar, dass man Deichkind nach Hünxe mit einem speziellen Punkrock-Set kommen würden?

Geile Idee, das würde ich sofort machen. Ich würde mich auch als Drummer anbieten, ich habe ja auf einem Deichkind-Album schon mal mitgespielt. Es gibt wenige deutsche Bands die mehr Punkrock sind als Deichkind. Das Video zu „Richtig geiles Zeug“ habe ich mir bestimmt 20mal angeschaut. Das ist einfach ein Kunstwerk.

Gibt es sonst noch eine Neuerung in diesem Jahr?

Wir haben uns mit den Getränke-Bechern was Neues und ziemlich cooles einfallen lassen. Wir nutzen in diesem Jahr Ökobecher aus Bio-Material, die später dann recyclet werden. Stand jetzt ist das bislang das nachhaltigste Verfahren, dazu haben wir sehr lange diskutiert und umfangreiche Recherchen angestellt. Wenn der Becher dann leer ist,  muss man sich nicht anstellen, um die Becher zurückzugeben, sondern überall stehen auf dem Gelände insgesamt 30 große Kübel verteilt – und da kann man die Becher einfach reinwerfen. Und wenn diese Blechkübel voll sind, werden die gesondert recycelt. Aber so entfällt eine Zwei-Euro-Becherpfand-Gebühr und nerviges Anstehen bei der Rückgabe.

 

RUHRPOTT RODEO: 05.07.2019 bis: 07.07.2019
Wiese am Flugplatz schwarze Heide, Langer Weg, 46569 Hünxe

Diese Bands werden ua. am Start sein: Ska-P, The Hellacopters, The Mighty Mighty Bosstones, Millencolin, Me First and the Gimme Gimmes, Sondaschule, Ignite, Die Kassierer, Cro-Mags, Talco, Hank Von Hell, Poison Idea, The Casualties, Swiss Und Die Andern, Negative Approach, Die Lokalmatadore, Sookee, Hammerhead, Mal Eleve, Acht Eimer Hühnerherzen, Kurt Baker Combo und Blümchen.

RuhrBarone-Logo

5 Kommentare zu “„Wir haben in diesem Jahr 50 Bands, die irgendwas mit Punkrock am Hut haben.“

  • #1
    Klaus

    Ihr hättet vielleicht noch fragen können, ob Hank Von Hell eigentlich immer noch Scientologe ist und ob Ska-P ihren Song Intifada spielen dürfen.

  • #2
    Nina

    @#1: Ja genau. Am besten gründen wir ein Staatsministerium zur ideologischen Prüfung von Musikern. Und alle die nicht ganz sauber sind werden ausselektiert.
    Diese kleingeistige Hysterie und der Wunsch nach ideologisch absolut reinen und sterilen Künstlern…erinnert mich an etwas. Hm, Moment, ich komm nicht drauf.

  • #3
    Klaus

    @Nina: Ich hätte mir nur von einem Portal, das sich sonst sehr gegen Antisemitismus einsetzt, auch mal etwas kritischere Fragen erwartet,. Ich habe nicht gesagt, dass die Künstler nicht auftreten dürfen.
    Viele Grüße an Ihren Strohmann.

  • #4
    Nina

    @Klaus: Ich habe keinen Mann, leider. Hm und vorgeschickt hat mich noch nie ein Mann ehrlich gesagt.
    Hier gibt es eine kleine, aber feine Kultur-Rubrik und ich finde es daneben, an jedem aber auch wirklich jedem Musiker/Künstler etc. etwas Negatives finden zu wollen. Irgendwann ist auch mal gut. In dem Beitrag geht es um ein Festival, das immer gut besucht ist und ein Magnet ist.
    Soll man jetzt Ihrer Meinung nach jeden der Musiker peinlich durchleuchten? Vielleicht findest sich ja sogar was, vielleicht hat einer von den Musikern im Alter von 12 Jahren bei den Pfadfindern nachts im Zelt einen Witz erzählt, der nicht pc war? Oder einer hat einen komischen, esoterischen Glauben? Geht ja gar nicht.
    Es geht hier um Musik.

  • #5
    Klaus

    @Nina: Weder fordere ich ein Verbot, noch suche ich in irgendwelchen hinteren Ecken nach unliebsamen Eigenschaften.
    Ich hinterfrage aus über 50 Künstlern eines Festivals "das immer gut besucht ist" – was auch immer das damit zu tun hat – zwei Künstler, von denen relativ gut bekannt ist, dass eine Band immer noch einen antisemitischen (pardon "israelkritischen") Song im Live-Repertoire hat und ein anderer Mitglied einer Sekte ist oder war, die immerhin vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

    Ich meinte es genau so, wie ich es schrieb:
    Man hätte fragen können, ob besagte Band diesen Song bei dem Festival spielen darf und ob besagter Künstler immer noch Anhänger dieser Ideologie ist. Das impliziert weder ein Auftrittsverbot noch einen Boykottaufruf o.ä.

    Und pardon, ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie von einem Mann vorgeschickt wurden. Es ging mir um Ihr Strohmann-Argument. Übrigens gleichzeitig direkt im ersten Beitrag dieser Diskussion Goodwin’s Law bestätigt. Glückwunsch auch dazu.

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