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Zu Gast bei Walter Kempowski. Eine Erinnerung

Foto: PrimaryMaster

Heute vor anderthalb Jahren verstarb der Schriftsteller Walter Kempowski im Alter von 78 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten Autoren seiner Generation. Einen Monat vor seinem Tod besuchte unser Autor Philipp Engel die letzte Lesung von Kempowskis in dessen Haus und sprach mit dem Schriftsteller.

Sein einzigartiges Collage-Werk Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch hält auf mehreren tausend Seiten fest, was Menschen - ganz gleich ob Hitlers Leibarzt, Thomas Mann oder KZ-Häftling - während des zweiten Weltkriegs schriftlich festgehalten haben. Es verwundert kaum, dass Kempowski schon als Kind „Archiv“ werden wollte. Er hat unglaubliches geschafft, er hat die Stimmen der Toten, sowohl der Täter als auch der Opfer, vor dem Vergessen gerettet. In seinem Vorwort des Echolots beschreibt Kempowski sein archivarisches Selbstverständnis wie folgt:

Wir sollten den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet - die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“

15.10.2007 Der Literaturnachmittag bei Walter Kempowski beginnt im Nartumer Hof, einem rustikal-biederen Gasthaus, wie es in wohl jedem Dorf auf dem Land zu finden ist.

Foto: PrimaryMaster

Heute vor anderthalb Jahren verstarb der Schriftsteller Walter Kempowski im Alter von 78 Jahren. Er gilt als einer der bedeutendsten Autoren seiner Generation. Einen Monat vor seinem Tod besuchte unser Autor Philipp Engel die letzte Lesung von Kempowskis in dessen Haus und sprach mit dem Schriftsteller.

Sein einzigartiges Collage-Werk Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch hält auf mehreren tausend Seiten fest, was Menschen – ganz gleich ob Hitlers Leibarzt, Thomas Mann oder KZ-Häftling – während des zweiten Weltkriegs schriftlich festgehalten haben. Es verwundert kaum, dass Kempowski schon als Kind „Archiv“ werden wollte. Er hat unglaubliches geschafft, er hat die Stimmen der Toten, sowohl der Täter als auch der Opfer, vor dem Vergessen gerettet. In seinem Vorwort des Echolots beschreibt Kempowski sein archivarisches Selbstverständnis wie folgt:

Wir sollten den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet – die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“

15.10.2007 Der Literaturnachmittag bei Walter Kempowski beginnt im Nartumer Hof, einem rustikal-biederen Gasthaus, wie es in wohl jedem Dorf auf dem Land zu finden ist. Es haben sich mehr als 60 interessierte Leser zur Einführung in das Leben und Werk Kempowskis durch die Gästeführerin des Ortes eingefunden. Wenngleich die meisten Anwesenden um die unheilbare Krebserkrankung des Autors wissen, weist sie darauf hin, dass Kempowski auf Grund seines Zustandes nicht allzu lange lesen könne.

Nach etwa einer Stunde findet sich die Gesellschaft in Haus Kreienhoop, Walter Kempowskis Zuhause, ein. Der Autor betritt den großen Salon und liest aus seinem Roman Aus großer Zeit. Kempowski gehört keineswegs zu denjenigen Schriftstellern, deren Werke darunter leiden, wenn sie der Autor selbst vorliest. Er bringt seine Zuhörer mit gewohnt humorvollen Episoden mehrmals zum Lachen. Just in dem Moment als es im Roman um einen Hund geht, betritt Kempowskis Hund den Saal und lässt sich, so scheint es jedenfalls, von jedem Zuhörer persönlich begrüßen.

Man merkt, dass es Kempowski gegen Ende der Lesung zunehmend Schwierigkeiten bereitet, konzentriert zu bleiben. Nun reiche es aber, meint er nach etwa zwanzig Minuten; seine Mitarbeiterin setzt die Lesung fort. Dass es ihm gut tue, vor Publikum zu lesen, sagt mir seine Frau vorher.

Jahrzehntelang fühlte sich Walter Kempowski von der deutschen Literaturkritik durch die Nichtbeachtung seiner Bücher bestraft. Noch heute zürnt er in Interviews, die Kritik habe bewusst einen Bogen um seine Bücher gemacht. Sie sei von jeher politisch links und habe sein Werk von vornherein auf Grund seiner liberal-konservativen Haltung abgelehnt.

Schon seit Längerem hat sich dies geändert: Seine Bücher werden besprochen, die Berliner Akademie der Künste eröffnete jüngst die Ausstellung „Kempowskis Lebensläufe“, Bundespräsident Köhler hob ihn sogar in den Stand der Volksschriftsteller. Die Frage nach dem Wert seiner Arbeiten indes bleibt: Ist das langjährige Ignorieren seines Werkes tatsächlich auf politische Vorbehalte des Literaturbetriebs zurückzuführen, oder war es, ganz simpel, die ungenügende Qualität seiner Bücher?

Kempowskis Romane sind gekennzeichnet durch einen fragmentarischen, unvollendet anmutenden Stil. Nicht selten bedient sich der Romanschriftsteller des Collage-Stils, der auch seiner Chronik des zweiten Weltkriegs Echolot zugrunde liegt. Diese – zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige, aber alles andere als unpassende – Form spiegelt Kempowskis Bestreben wider, das Vergangene in all seinen Facetten möglichst genau zu beschreiben. Im Laufe der Lektüre erzeugt ebenjene Erzählweise eine Stimmung, in die der Leser sich nur allzu gern hineinziehen lässt. Seine überaus unterhaltsamen Alexander-Sowtschick-Romane Hundstage und Letzte Grüße bilden hinsichtlich des Stils eine Ausnahme. In ihnen wird auf klassische Weise erzählt. Der Leser erhält Einblick in die Zweifel, Gedanken und Gefühle des Protagonisten und nimmt somit Anteil an seinem Schicksal. In diesen Romanen treten geschichtliche Aspekte hinter dem Menschen zurück. Kurz: Hier steht das Individuum im Mittelpunkt.

Nach Ende der Lesung habe ich die Möglichkeit, mit Kempowski in kleinem Kreis zu sprechen. Er macht einen müden Eindruck. Die von mir im Vorfeld erarbeiteten Fragen erscheinen mir mit einem Male zu aufdringlich. Ich spreche ihn auf seine umfangreiche Sammlung der Werke Thomas Manns und Thomas Bernhards an, die in seiner Bibliothek zu besichtigen sind. Kempowski ist sofort hellwach. Er sagt, dass Bernhard ein bemerkenswertes Werk hinterlassen habe, als Architekt jedoch eine Niete gewesen sei. Im weiteren Verlauf des Gesprächs reden wir darüber, dass in der ausufernden Sekundärliteratur selbst der Nachbar Bernhards, ein Schweinezüchter, ein Buch mit Erinnerungen verfasst hat. Wir lachen. Nach etwa zehn Minuten verabschiede ich mich. Der Gastgeber ist erschöpft.

Für Wolfgang Koeppen war der Nachruhm eine Farce, die Auflösung des Fleisches die einzige Realität. Wie er, Walter Kempowski, darüber denke, wollte ich ihn eigentlich fragen. In Kempowskis 1969 erschienenem Haftbericht Im Block, der seine Haftzeit im Bautzener Zuchthaus reflektiert, findet sich möglicherweise die Antwort: Wer schreibt, der bleibt, heißt es dort.

Informationen zum Autor: Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Schiffsmaklers und Reeders in Rostock geboren. Als Fünfzehnjähriger wurde er im Februar 1945 als Luftwaffenkurier eingezogen. 1948 wurde er wegen angeblicher Spionage von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre lang saß er im früheren Zuchthaus Bautzen. Seit 1960 arbeitete er als Dorfschullehrer in Nartum, Niedersachsen. „Im Block. Ein Haftbericht.“, sein erstes Buch, erschien 1969. Es war der erste Band der 1984 abgeschlossenen „Deutschen Chronik“. 2002 erschien der letzte Titel des kollektiven Tagebuchs „Echolot“. Im Mai 2007 eröffnete die Berliner Akademie der Künste die Ausstellung „Kempowskis Lebensläufe“. Kempowski verstarb am 05. Oktober 2007 in Rothenburg.

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3 Kommentare zu “Zu Gast bei Walter Kempowski. Eine Erinnerung

  • #1
    Jimmy

    Danke! Ich hätte nicht gedacht, hier auf einen Artikel über Kempowski zu stolpern. Für mich einer der größten deutschen Schriftsteller der (nicht mehr ganz) Gegenwart. Und ein Mann mit einer interessanten Biographie.

    Ich bin vor etwa 2 1/2 Jahren über “Im Block” gestoßen und habe danach alles von ihm gelesen, was ich in die Finger bekam. Schade, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, mal mit ihm zu sprechen. Und schön, dass Du hier darüber schreibst.
    (Ich sollte mich endlich mal um meine eigene Seite kümmern, dann hätte ich auch einen Trackback gesetzt… 😉 )

  • #2
    Philipp

    Meine liebsten Kempowski-Zitate:

    “Klare Sache – und damit hopp!”

    Die Mutter: “Gott, wie ist es nur möglich?”

    Ich empfehle das Zeitzeichen von WDR 5, das anläßlich des 80. Geburtstages von Kempowski gesendet wurde:

    http://gffstream-4.vo.llnwd.net/c1/radio/zeitzeichen/WDR5_Zeitzeichen_20090429_0920.mp3

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