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Zwischennutzungen und Kreativquartiere Ruhr

Wer hat an der Uhr gedreht? Warum laufen plötzlich alle in die gleiche Richtung? Kreativwirtschaft und Zwischennutzungen sind DER Trend aktueller Stadtentwicklungspolitik. Und dies von oben wie von unten. Unserer Gastautorin Svenja Noltemeyer ist eine der Sprecherinnen der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund und sitzt für die Grünen im dortigen Rat.

Unter den Stichworten europäische, offene, soziale und kreative Stadtentwicklung findet man das Thema Zwischennutzungen in vielen Städten der Republik. Die Wächterhauser aus Leipzig, die Hamburger Gängeviertelinitiative und die Zwischenzeitzentrale in Bremen sind gute Beispiele wie Stadtplanung heute gemanaged werden kann. Nämlich in aktiver Einbeziehung der Arbeits- und Kreativkraft der Bürger und ausgelegt auf Besinnung und Belebung stadtbaukulturell interessanter und identitätsbehafteter Leerstandsimmobilien, die für den konventionellen Vermarktungsprozess nicht mehr attraktiv sind. Auch Freiflächen, die aus Gründen des demografisch bedingten Schrumpfungsprozesses durch Rückbau nicht mehr benötigter Industrie-, Gewerbe und Wohngebäuden entstehen, sind Potenzial für Zwischennutzungen.

Im Ruhrgebiet hat durch die Aktivitäten, Netzwerke und Themenfelder, die durch die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 entstanden sind, die kreative Raumaneignung städtischer Möglichkeitsräume begonnen. Neben den Planungen der großen Kreativquartiere wie beispielsweise das Dortmunder U, die Zeche Zollverein in Essen und die Zeche Lohberg in Dinslaken durch ECCE, die Wirtschaftsförderungen, Kultur- und Stadtplanungsämter, gibt es Bürgerinitiativen, die diese Idee für sich interpretieren.

Das t.a.i.b. und die Marienkirche in Bochum beispielsweise sind Orte im bestehenden Kreativquartier Viktoria rund um das Bermudadreieck, die von Kreativen selbst genutzt und organisiert werden. Durch eine temporäre architektonische Intervention auf der Freifläche beim ehemaligen Güterbahnhof, dem t.a.i.b., hat sich bereits beim Aufbau eine Gruppe gebildet, die Raum für kulturelle Projekte sucht. Die konstante Bespielung des Areals sowie die regelmäßigen Gruppenplenar zu langfristigen Nutzungsmöglichkeiten der interessanten Fläche (viel Freiraum in innerstädtischer Lage), die auch von Akteuren der Stadtverwaltung und ECCE begleitet wurden, führten zu neuen Kommunikations- und Planungsstrukturen im Kreativquartier Viktoria. Dem Ziel der Stadt „Belebung ungenutzten Raums“ steht nun eine kreative Nutzergruppe als Ansprech- und Umsetzungspartner zur Verfügung, die Raum und Kultur/Kunst/Kreativität zusammenführt. Wenn die Stadtverwaltung nun intensiv nach kreativen Lösungen sucht, solche (Zwischen)nutzungen formal möglich zu machen (Brandschutz, Sicherheitsaspekte etc.), werden weitere Projekte zukünftig umgesetzt werden können und damit eine kreative, offene und soziale Stadtentwicklung sichtbar.

In Nachbarschaft zum t.a.i.b. steht die Marienkirche, für die auch im Rahmen der Kulturhauptstadtaktivitäten lange Zeit mögliche Nachnutzungen gesucht wurden. Sie ist heute offener Proberaum für Urbanatix. Dort konnte die showproduzierende Streetartszene begünstigt durch das Kulturhauptstadtsiegel Kontakt zum Probst aufnehmen, der den Sportambitionen und sozialen Bestrebungen der Gruppe aufgeschlossen war. Durch die zwei Projekte gewinnt das Kreativquartier Viktoria, auch ohne Konzerthaus, enorm an Fahrt.

Nebenan in Dortmund zeichnet sich rund um den U-Turm, speziell im Stadtumbaugebiet Rheinische Straße eine ähnliche Entwicklung kreativer Stadtplanung ab. Mittelpunkt und Anlaufstelle für Kreative und junge Gründer ist hier der Union Gewerbehof an der Huckarder Straße. Früher durch Besetzung vorm Abriss gerettet, gilt der Gewerbehof heute als gewachsenes Kreativquartier, das seit Jahrzehnten viele kreativwirtschaftlich tätige Kleinstunternehmer beherbergt und auch Austragungsort der Kreativen Klasse in Dortmund ist. Das Quartier Rheinische Straße hat großes Entwicklungspotenzial (viel Altbau, viele Freiflächen, viel Leerstand, bunte Bewohnerschaft) und in den letzten Jahren gute Kommunikationsstrukturen geschaffen, um als Anziehungs- und Vermittlungspunkt für Kreative zu funktionieren. Die Unternehmensberatung FunDo kümmert sich beispielsweise um Raum Suchende und entwickelt mit dem Blauen Haus e.V. ein Zwischennutzungsprojekt gegenüber dem ehemaligen Lokal Donnerschlag, langjähriger Treffpunkt der Dortmunder Nazis an der Rheinischen Straße. Hier wird, durch private Mittel des Eigentümers ermöglicht, im Rahmen von Beschäftigungs- und Fortbildungsmaßnahmen der ARGE durch Arbeitslose ein stark sanierungsbedürftiges Haus wiederbelebt und für kreative Nutzungen geöffnet.

Im Konsultationskreis Rheinische Straße kommen seit Beginn des Stadtumbaus regelmäßig Politiker und Bürger aus dem Bezirk Innenstadt-West zusammen und besprechen direkt mit der Verwaltung, wo es im Quartier noch hapert und geben Ideen weiter, wie das Wohnumfeld konkret verbessert werden kann. Aus diesem Kreis hat sich gleich zu Beginn aus engagierten Anwohnern der Rheinische Straße e.V. gegründet, der in enger Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement eine regelmäßig erscheinende Quartierszeitung erstellt und in thematischen Arbeitsgemeinschaften (Kultur, Westpark etc.) konkrete Projekte initiiert.
Neben den vielen neuen Gründern, die es auch in Eigeninitiative in den attraktiven Stadtteil (günstig, zentral, gute Infrastruktur) gelockt hat und diesen nun beleben, wie zum Beispiel dem Künstlerkollektiv Salon Atelier, gibt es weitere Entwicklungspläne der Kreativen selbst. Das sogenannte Amt für neue Ordnung soll hier entstehen, ein Coworking Space, in dem Kreative ihren einsamen Heimschreibtisch günstig gegen einen Platz in einem bunt besetzen Grossraumbüro tauschen können. In der Umnutzung des ehemaligen Ordnungsamts (daher der Name..) können in der Kaffeepause oder im Hausflur Kontakte zu potenziellen Auftragspartnern aufgebaut und verschiedene Raumangebote (beispielsweise einen Besprechungsraum, in dem man mit Auftraggebern verhandeln kann) genutzt werden.

Neben diesen Aktivitäten von unten gibt es auch Pläne von oben in Dortmund. So soll demnächst ein Kreativwirtschaftszentrum den Park der Ideen unter dem U-Turm bereichern und als attraktiver Standort für die Kreativwirtschaft dienen. In wie fern dieser eigentlich sinnvoll und nötig ist, müssen Verwaltung und Politik entscheiden. Hauptsache bleibt, dass die Initiativen und Projekte von den Bewohnern selbst ebenso, wenn nicht sogar stärker, gewertschätzt und unterstützt werden wie die großen Pläne von oben. Da jedoch die Bedeutung von Zwischennutzungen und kreativen Entwicklungen erkannt wurde (siehe Kreativquartierstypologie von ECCE) und sich aktuell die Dortmunder Verwaltung und Politik ins Zeug legt, den aktuellen Forderungen der Kreativszene nach einem unabhängigen Zentrum (UZ Dortmund) nachzukommen, ist zu erwarten, dass sich dieses Denken fortsetzt. Vielleicht auch eine Antwort auf die schwierige Haushaltssituation. Aber wenn dies auf die verstärkte Umsetzung des Rechts auf Stadt der Bürger hinausführt und die aktive Bürgerschaft Ihre Stadtentwicklungsziele und Projekte tatsächlich durch breite Unterstützung umsetzen kann, umso besser.

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6 Kommentare zu “Zwischennutzungen und Kreativquartiere Ruhr

  • #1
    Stefan Schröder

    Hallo Svenja,

    Kreativwirtschaft ist nich DER Trend. Das war mal irgendwann DER Trend. Jetzt ist das PR-Sprech von Typen, die Staatskohle haben wollen. Ein weiterer Grund Subventionen zu schnorren.

    Dagegen ist die Zwischennutzung eine echte Sache. Das ist kein PR-Sprech und deswegen auch zu unterstützen. Egal für welche Nutzung. Und wenn da Kulturleute reinkommen, die da was machen, umso besser. Es geht um die Belebung von Vierteln, um Freiräume für Macher. Das ist OK.

    Laß einfach den PR-Sprech weg und alles ist super. 🙂

    Nur ein Tipp noch.

    >>In wie fern dieser eigentlich sinnvoll und nötig ist, müssen Verwaltung und Politik entscheiden.<< ich hoffe, dass ist nicht wirklich Dein Denken. Du willst andere entscheiden lassen und Dich rausziehen, wenn es um die Entwicklung der Quartiere geht? Du willst Dich da nicht einmischen? Du willst hier nicht die Kraft der Bürger. Du willst Fremdentscheidungen von der Verwaltung. Boahhhhh, entweder habe ich Dich da falsch verstanden, oder die Initiativen-Sprecher haben sich extrem angepasst in dem vergangenen Jahren. So etwas könnte jeder papsttreue Katholik sofortunterschreiben. "Herr, entscheide was für uns sinnvoll und nützlich ist, wir folgen Dir."

  • #2
    Torti

    Komisch, warum müssen PolitikerInnen eigentlich alles durch den Phrasendrescher drehen. Wenn auch hier durch den progressiven Teil. Liest sich trotzdem wie ein Referat eines Proseminars in Soziologie.

    Ich findes es gut, wenn Leerstand nicht für Ketteneinzelhandel genutzt wird.
    Da bin ich ja mit der Politsprech einer Meinung.

  • #3
    Svenja Noltemeyer

    Zur allgemeinen Klarstellung. Ich spreche nicht aus der Sicht der Initiative, sondern aus der Sicht eines Vermittlers zwischen „oben und unten“, nämlich als Büro für Möglichkeitsräume, das die Initiative unterstützt und nicht Initiative selbst ist. Und Entscheidungen werden nunmal von Verwaltung und Politik (oben) beeinflusst und getroffen, sofern sich nicht aktive Dritte (unten) einmischen. So funktioniert unsere Gemeindeordnung. Ich bin ein großer Freund von bottom-up Planungsprozessen, sehe aber das Gegenstromprinzip in der Planung als ungemein wichtig an, da es wie ein kybernetischer Kommunikationskreis funktioniert, das heißt mit Rückkopplungen zwischen allen Akteuren, die für eine Meinungsbildung unglaublich wichtig sind. Als Politikerin unterstütze ich ebenso die Initiative und versuche auch dort fraktionsübergreifend um die Sache zu streiten. Manchen mag das etwas unstraight zu erscheinen, aber vom Typ her bin ich halt eher mediativ/moderativ motiviert.

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  • #5
    Georg

    „Da jedoch die Bedeutung von Zwischennutzungen und kreativen Entwicklungen erkannt wurde (…) und sich aktuell die Dortmunder Verwaltung und Politik ins Zeug legt, den aktuellen Forderungen der Kreativszene nach einem unabhängigen Zentrum (UZ Dortmund) nachzukommen, ist zu erwarten, dass sich dieses Denken fortsetzt.“

    Inwiefern sich das geäußert hat wäre interessant. Der Kulturdezernent scheint sich da inzwischen anders geäußert zu haben.
    ………..

    Davon einmal abgesehen, ist es gerade für eine derartige Initiative ein Schlag ins Gesicht, wenn zu diesem Zeitpunkt immer noch von „KreativWIRTSCHAFT“ und Nutzen die Rede ist. Die Rechtfertigung sollte nicht über „Nutzen“ erfolgen, sondern durch das vorhandene Interesse.

    „Die Wächterhauser aus Leipzig, die Hamburger Gängeviertelinitiative und die Zwischenzeitzentrale in Bremen sind gute Beispiele wie Stadtplanung heute gemanaged werden kann. Nämlich in aktiver Einbeziehung der Arbeits- und Kreativkraft der Bürger und ausgelegt auf Besinnung und Belebung stadtbaukulturell interessanter und identitätsbehafteter Leerstandsimmobilien, die für den konventionellen Vermarktungsprozess nicht mehr attraktiv sind.“

    Toll klingt das ja nicht gerade.
    Da dürfen die Bürger mit anpacken, wenn die Stadt ihre Planungen nicht mehr geregelt kriegt? Da kommt denen ja die sogenannte „Kreativkraft“ der arbeitenden Bevölkerung gerade nur gelegen. Überschüssige Energien werden umgelenkt, sodass auch daraus Politik und Wirtschaft noch einen Nutzen ziehen können. Wenn die Bürgerschaft also noch Kapazitäte übrig hat (warum eigentlich? arbeiten die nicht genug?!), dann darf sie sich einbringen und versuchen das zu verwerten, was marktwirtschaftslogisch den Stadtpolitikern nur noch ein Seufzen abringt. Da kommt dann auch wieder genau das Vokabular zu tragen, das im Rahmen von Projekten wie dem Gängeviertel höchstens im kunstvollen Sarkasmus Erwähnung findet:
    alternativer Verwertungsprozess im Gegensatz zum konventionellen „Vermarktungsprozess“ ist nichts, was den Aktivitäten im Gängeviertel annähernd gerecht wird. Da fordere ich von jemanden, der für eine Initiative wie diese spricht mehr Reflexion nicht nur in Bezug auf die Wortwahl. Eine Aneinanderreihung von Projekten macht noch keine Argumentation aus, vor allem keine gute.

    Leerstand ist nicht das Argument. Leerstand gibt der eh schon faden Suppe nur noch den bitteren Beigeschmack. Zwischennutzung – wozu? Ist den Leuten tatsächlich damit geholfen, dass sie für 6 Monate ein Dach über dem Kopf hat, bis die bis dahin ach so gnädigen Besitzer das inzwischen instandgesetzte Gebäude anderweitig verwerten können? Hilft das den Vierteln um die es geht?

    Das Beachtenswerte ist doch, dass die alternative Szene keine Repräsentation in ihren Städten findet und dies so offenbar auch nicht erwünscht ist. Der gleichzeitige Leerstand macht nur zusätzlich wütend, weil er auf eben diesen Umstand hinweist.
    Das Recht auf Stadt, das sowohl beim Hamburger Gängeviertel als auch in der UZDO-Initiative anklingt, das sollte an dieser Stelle in den Vordergrund rücken.
    Warum gibt es keinen Raum? Warum gibt es wenn, nur den Raum, den keiner mehr will weil „unattraktiv“? Warum gibt es den unattraktiven Raum, den keiner mehr will nur zu ekelhaften Konditionen?
    Die Antwort auf die Frage sollte jedem bewusst sein, aber genau da sollte angesetzt werden um zu überlegen, ob auch dies ein weiterer Punkt ist, den man hinnimmt, einfach weil er gegeben ist. Das ist das Moment, an dem Interventionen entstehen.

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