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„Ein Gefühl ist das finale Argument“

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Der NDR-Mitarbeiter Daniel Bröckerhoff hat auf die von Ralf Fischer in diesem Blog veröffentlichte Kritik auf einen unter seiner Mithilfe entstandenen Beitrag in dem Medienmagazin Zapp reagiert. Die Antwort geriet zu einem Dokument seiner Naivität. Von Stefan Laurin und Ralf Fischer.

Auf den Ruhrbaronen hat Ralf Fischer in einem offenen Brief an die Redaktion des NDR-Medienmagazins Zapp einen Mitte Dezember veröffentlichten Beitrag kritisiert, in dem zum Teil Heroen der Verschwörungstheoretikerszene unkommentiert und ohne Diskussion ihr Sicht über die angeblich einseitige Berichterstattung der Medien zu Themen wie dem Ukraine-Konflikt darlegen konnten.

Garniert wurde der Beitrag mit den Einspielern mit Stellungnahmen von Experten wie dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier und dem Soziologen und Autor Andreas Anton.

Ralf Fischer schrieb in diesem Blog: „Die allgemeine Stimmung gegenüber der „Lügenpresse“ bzw. den „Systemmedien“ ist ein antidemokratischer Reflex gegen die letzten Fundamente der vierte Gewalt. Dies gilt es in einem kritischen Medienmagazin zu denunzieren.“ Bröckerhoff griff das auf, und überschrieb seinen Beitrag mit „Denunzieren ist nicht die Aufgabe von Journalisten“, was sicher richtig ist und erneut zeigt, dass eine missverständliche Wortwahl schnell zu Problemen führen kann. Denunzieren bedeutet auch „absprechend berichten“ und diese Forderung von Fischer ist natürlich in Ordnung: Man kann diese, den Journalismus pauschal diskreditierende Haltung nicht einfach als eine von vielen Meinungen stehen lassen, sondern muss sie einordnen: In einen historischen Kontext zum Beispiel, der zeigt, dass die pauschale Kritik an den freien Medien eine autoritärer Reflex ist. Was so weder Bröckerhoff noch seine Experten taten. Und wer das tut, wer kritisch und objektiv berichtet, wird nicht umhin kommen, es abwertend zu tun.

Doch Einordnen will Bröckerhoff gar nicht. Die Skepsis gegenüber den Medien ist für ihn ernst zu nehmen, weil sie ein „Gefühl“ sei. Und Gefühle haben für ihn einen hohen Stellenwert:

„Denn auch, wenn dort tausende Menschen auf der Straße stehen und hanebüchene Argumente bringen, so steht dahinter doch etwas sehr schwer Angreifbares, was sich nicht wegdiskutieren lässt: Ein Gefühl. Ein Gefühl ist das finale Argument, denn ein Gefühl kann man einem Menschen nicht absprechen oder verbieten.“

Das ist nichts anderes als blanker Unsinn. Gefühle sind keine Argumente, sie sind Gefühle. Man muss sie ernst nehmen, aber natürlich gibt es keinen Grund, vor ihnen zu kapitulieren, wie Bröckerhoff es tut. Man kann mit Fakten gegen Gefühle antreten und zeigen, dass die angeblichen Gründe, die sie verursachen, nicht stimmen.  Jeder, der schon einmal einem Kind erklären musste, dass unter dem Bett keine Monster leben, die es im Laufe der Nacht aufessen werden, weiß das. Bröckerhoff nicht.

Aber dieser Aufgabe, entzieht sich Bröckerhoff. Nicht nur das: Er denunziert sie. Journalismus ist für ihn wiedergeben, was andere sagen:

„Ich habe mir mit meinen Kollegen sehr lange überlegt, wie wir diesen Film machen. Wie man diesem schwer greifbaren Phänomen begegnen kann, es seziert, wie man es darstellen sollte. Ich habe dann mit ihnen eine Grundsatzentscheidung gefällt: Wir wollen nicht werten. Wir wollen uns auf keine Seite stellen. Wir wollen diesen Menschen mit Respekt begegnen und sie zu Wort kommen lassen, ihre Kritik hören und darstellen, ohne sie sofort zu dekonstruieren. Eine ur-journalistische Aufgabe, die sich gut mit Reportage-Elementen umsetzen lässt.“

Dass man sich nicht gegen Verschwörungsideologen stellen will, ist eine für einen Journalisten eher ungewöhnliche Haltung, denn traditionell hat Journalismus etwas mit Aufklärung zu tun, aber gut, Bröckerhoff sieht das anders und seine offenbar Auftraggeber auch.

Mag sein, dass sich die Aufgabe „gut mit Reportage-Elementen umsetzen lässt.“ Allerdings sollte man sich dann auch die Mühe machen, mit Menschen zu sprechen, die diese Gefühle haben und nicht davon leben, Menschen die diese Gefühle haben Bücher oder Musik zu verkaufen, also zumindest zum Teil davon leben, diese Gefühle zu befeuern.

Das ist nicht einfach. Viele Menschen lesen nicht gerne ihren Namen in der Zeitung und wollen ihr Gesicht nicht im Fernsehen sehen. Sie empfinden das als Eingriff in ihre Privatsphäre und das mit gutem Recht. Bei Menschen, die Medien gegenüber misstrauisch sind ist diese Abwehrhaltung noch stärker ausgeprägt. Ein Grund es sich einfach zu machen, und sich bei der Wahl der Gesprächspartner auf Autoren wie Mathias Bröckers, der sein Geld auch mit Verschwörungsliteratur verdient oder dem Sänger der Verschwörungsschlager-Band Die Bandbreite, Marcel „Wojna“ Wojnarowicz.

Auch bei der Wahl der Experten hat sich das NDR-Team offenbar keine große Mühe gegeben. Der Experte Andreas Anton ist bislang vor allem mit Schriften zu Themen wie „UFO-Forschung“ oder „Politische Ideologie vs. parapsychologische Forschung“ aufgefallen. Es wäre ein leichtes gewesen, einen profilierteren Soziologen zu finden, aber vielleicht hätte man dafür etwas recherchieren müssen. Bröckerhoff schreibt in seiner Antwort, er könne Antons Sammelband „Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens” nur empfehlen. Gelesen hat er ihn allerdings nicht, wie er auf Twitter mitteilte:

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Ob Bröckerhoff auch Restaurants nach einem Blick auf die Speisekarte empfiehlt, ohne auch nur einen Bissen gegessen zu haben?

Links:

Offener Brief an Medienmagazin ZAPP: “Die allgemeine Stimmung gegenüber der „Lügenpresse“ ist ein antidemokratischer Reflex”…Weiter

Denunzieren ist nicht die Aufgabe von Journalisten, Ralf Fischer…Weiter

Zapp-Bericht:

RuhrBarone-Logo

15 Kommentare zu “„Ein Gefühl ist das finale Argument“

  • #1
    Wolfgang Wendland

    Mir ist die Kritik an diesem Zapp-Beitrag vollkommen unverständlich. Die Verschwörungstheoretiker kommen in dem Bericht doch nur als Beispiel dafür wohin ein Schwinden des Vertrauens gegenüber seriösen Medien führt und nicht wirklich zu Wort. Ich hab den Eindruck, ihr wollt den Zapp-Beitrag absichtlich falsch verstehen.

  • #2
    Sascha Rheker

    „ Ein Gefühl ist das finale Argument (…)“

    Na da kann sich der „Kollege“ bei der nächsten Nazidemo ja gleich einreihen und mitmarschieren, denn Fremdenhass und Xenophobie sind ja auch Gefühle und damit, nach seiner Logik, unangreifbare Wahrheiten.

    Mir wird schlecht!

  • #3
    Klaus Lohmann

    @#1 Wolfgang Wendland: Wenn aber dieses „Wohin“ dem deutschen Normalbürger nicht als kompletter, irrationaler und gefährlicher Unsinn seziert und erklärt wird, ergeben sich hierzulande sehr schnell „virale“ Copy+Paste-Manifestationen in den schlechter durchbluteten Hirnregionen, d.h. der eigentlich überwunden geglaubte „BILD“-Effekt erwacht zu neuem Leben.

    Mir erscheint der Zapp-Beitrag wie schon viele andere Medienbeiträge der letzten Jahre: möglichst viel Aufrege-Futter mit möglichst wenig eigener Arbeit und damit wirtschaftlich erfolgreiches Einheizen der Auflage/Views.

  • #4
    Wolfgang Wendland

    @Klaus Lohmann. Das sehe ich anders, ich finde den Bericht eindeutig und die Forderung dass man alles an einer Art dümmstvorstellbaren Normalbürger ausrichtet absurd. Und: Die Welt wird nicht schöner wenn man schön darüber berichtet.

  • #5
    Sascha Rheker

    @ Wolfgang Wendland

    Die Aufgabe eines Journalisten besteht auch zu einem großen Teil darin, Dinge für den Leser/Zuseher einzuordnen. Und deswegen hätte in dem ZAPP Beitrag klar gemacht werden müssen, wer die dort zu Wort kommenden „Medienkritiker“ sind und welchen Hintergrund sie haben.

    So wie es eben bei einem Interview zum Thema Fastfood auch dazugehört zu sagen, ob der befragte Lebensmittelchemiker beim Öko-Institut oder in der McDonalds-Testküche arbeitet.

  • #6
    abraxasrgb

    Ist doch eine feine Umschreibung für diejenigen Vor(ver)urteiler, die den PEGIDA Demonstranten immer „Motive“ unterstellen. In diesem Fall Ressentiments. Ob das bei der komplexen Gemengelage des Unwohlseins mit dem medialen Mainstream den Zusammenhang erfasst, wage ich mal dezent zu bezweifeln.
    Konträr zum Mainstream heisst nicht automatisch dumm & dämlich 😉

  • #7
    Klaus Lohmann

    @#4 Wolfgang Wendland: Wenn der Bröckerhoff-Film von Mitarbeitern der heute-Show oder von extra3 gestaltet und moderiert gewesen wäre, wäre ein eindeutiger Bericht herausgekommen. So ist es ein künstliches „Alles-offen-Lassen“ zum Zweck der Vermeidung von Stellungnahmen und Fakten, wie man es halt als Magazin verkauft, welches an der Schelte gegen die Ukraine-Berichterstattung seine Views „verdient“ und „nachlegen“ musste.

    So gesehen ist dieser Bericht eindeutig, das stimmt.

  • #8
    WALTER Stach

    -6-
    abraxasgbr

    Ja, eine treffliche Aussage:

    „Ob das bei der k o m p l e x e n Gemengelage des Unwohlseins mit dem medialen Mainstream den Zusammenhang erfaßt, wage ich ‚mal dezent zu bezweifeln“.

    Anmerkung:
    Ich ärgere mich -ein wenig-, wenn versucht wird, Sorgen politscher Natur, die u.a. auch mich umtreiben, z.B. mit Blick auf die Russland-Ukranie-Putin Causa, mit Blick auf das „Unwohlsein mit dem medialen Mainstraim“ oder mit Blick auf soziale Mißstände in Deutschland -sh.Bildung- oder seinerzeit im Widerstand gegen die Atomkraft usw., zu diskreditieren, sie abzubügeln, mit Schlagworten, mit „Totschlagargumenten“ wie „Russland/Putin Versteher,“ wie “ Verschwörungstheoretiker, wie „Sozialromantiker“ , wie „Wutbürger“.

    Will man in einer freiheitlichen, in einer pluralen Gesellschaft den Diskurs zu diesen und zu anderen politische relevanten, brisanten Fragen nicht, nicht mehr?

    Sind die Medien auf dem „besten“ Wege, sich einem weitgehend diskursfreien Bundestag anzupassen oder gar dabei, sich nach dem merkelschen Prinzip zu richten: „Alles alternativlos“, und endet das alles dann irgendwann, irgendwie in einer „scheindemokratischen“ Diktatur von……….?????

    Dieses zu fragen, könnte schon als „verschwörungstheoretisch gedacht“ diskrediert werden.

    Oder laufe ich gar Gefahr, wegen dieser Gedanken den Pegida-Bewegten zugerechnet zu werden?

  • Pingback: PEGIDA – eine neurechte Erfolgsgeschichte

  • #10
    WALTER Stach

    Interessant, nachdenkens- und diskussionswert in Sachen „Medienwelt“:

    Kolumne von Georg Diez
    „Journalismus in der Krise“ -Das Ende des Medienmonopols-.

    Ein ein Beitrag, der eine komplexe Gemengelage -sh.abraxasgbr- 6-vermittelt, nicht nur, aber eben auch
    auch mit Blick auf die „Medienschelte“ durch die Pegida-Akteure.
    Wird von den Pegida-Akteuren das Medium Internet mit all seinen Informations-und Kommunikationsmöglichkeiten in ihre Medien-schelte einbezogen? Oder ist es für sie irrelevant? Oder wird das Medium Internet durch sie ge- bzw. mißbraucht? Habe ich diesbezüglich mit Blick auf die Pegida-Akteure und mit Blick auf ihre Unterstützung, ihre Kritiker etwas verpaßt?
    Vielleicht trägt die Kolumne von Diez dazu bei, daß diesem Aspekt in der Diskussion „Medien-Pegida-Pegida-Medien“ mehr Beachtung geschenkt wird.

  • #11
    Wolfgang Wendland

    @Klaus Lohmann #7
    ich kann das beim besten Willen nicht nachvollziehen, der Film ist doch ganz eindeutig, er fordert einen selbstkritischen Umgang der Medien mit sich selbst um zu vermeiden, dass die Leitmedien ihre Leitfunktion verlieren und den Verschwörungstheoretikern in die Hände Spielen. Der Rest ist doch nur Illustration dieser These. Ich glaube man muss schon Journalist sein um sich darüber aufzuregen.

  • #12
    Rainer Möller

    Laurin und Fischer bestehen offenbar ernsthaft darauf, dass es antidemokratisch ist, wenn man sich der „vierten Gewalt“ nicht kampflos unterwirft. (Und ich bestehe darauf, dass genau dies „demokratisch“ ist.)
    Im übrigen bestehen sie darauf, dass es im realen Leben keine Verschwörungen gibt (eine sehr weltfremde, eigentlich unjournalistische Idee).

  • #13
    Rainer Möller

    Ihr zentrales Problem ist natürlich, dass sich weigern, unser Wissen als ein Gewebe von Vermutungen aufzufassen, über die man diskutieren darf und muss. Da die Wahrheit bei ihnen von vornherein feststeht, darf der Journalist keine Andersdenkenden zu Wort kommen lassen, sondern ist sogar verpflichtet, als Oberlehrer aufzutreten. Das alles ist gute DDR – und auch wenn Laurin sich für den Kapitalismus begeistert, wird daraus keine freiheitlich-demokratische Grundorientierung, sondern eben ein kapitalistischer Autoritarismus.

  • #14
    Tilman

    Welche profilierteren Soziologen hätten sich denn Ihrer Meinung nach recherchieren lassen? Ich habe den besagten Sammelband von Andreas Anton gelesen und halte ihn für eine der wichtigsten aktuellen Publikationen zum Thema Verschwörungstheorien, von daher fällt es mir etwas schwer Ihre Kritik an dieser Stelle nachzuvollziehen. Dass sich ein Wissenschaftler ebenso mit anderen Themen beschäftigt (die zudem durchaus eine inhaltliche Nähe aufweisen), ist ja nichts Ungewöhnliches.

  • #15
    Martin Petersen

    Hört auf, Euch zu streiten. Ihr steht auf der gleichen Seite und steigert Euch da in etwas hinein. Bröckerhoff ist ein vernünftiger Kerl, nicht „naiv“ wie ihr schreibt. Und ihr seid auch vernünftige Kerle mit guten Argumenten. Trefft Euch mal auf ein Bier.

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