14

Mandela – viele deutsche Nachrufer heucheln

Nelson Mandela Foto: South Africa The Good News / www.sagoodnews.co.za Lizenz: CC2.0

Nelson Mandela Foto: South Africa The Good News / www.sagoodnews.co.za Lizenz: CC 2.0

Ich bin zwar kein Freund von Personenkult, aber inhaltlich sind die meisten Mandela-Nachrufe zutreffend. Es gibt jedoch einen speziellen deutschen blinden Fleck. Mandela war viel zu großherzig darauf rumzureiten. Ich bin es nicht.

Ich habe das Ruhrgebiet wegen Südafrika verlassen. Ende 1976 begann ich meinen Zivildienst bei der Informationsstelle Südafrika (issa). Nach dem Ende des Zividlienstes wählte mich 1978 die bundesdeutsche Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) in ihren Vorstand. Es war eine menschlich und politisch unvergessliche Lebensphase für mich die mich bis heute geprägt hat. 21 Jahre lebte ich in einer Wohngemeinschaft mit Leuten, die sich dort ebenfalls engagiert hatten, über die Lebenszeit der mittlerweile aufgelösten AAB („Vereinszweck erfüllt“) hinaus. Zahlreiche südafrikanische ANC-Mitglieder, ebenso wie Frelimo-Leute aus Mosambik, SWAPO-Leute aus Naimibia u.v.a. waren bei uns Übernachtungsgast, u.a. die spätere erste ANC-Parlamentspräsidentin Frene Ginwala. In der DDR waren sie Staatsgäste, in der BRD schliefen sie bei uns zuhause auf Matratzenin Bonn-Beuel, immer beobachtet vom BND, wie uns unser Briefträger Heinz bei einem Gläschen Schnaps ebenso regelmässig berichtete, wie es unsere Vermieterin Frau Kolbe tat, gebürtig aus Recklinghausen und mit rechtschaffenem Zorn auf Franz-Josef Strauß.

1978 organisierten wir einen „Internationalen Kongreß gegen die atomare Zusammenarbeit BRD-Südafrika“ im Schulzentrum Pennenfeld in Bonn-Bad Godesberg. 500 Gäste aus aller Welt kamen; offizielle Delegationen der UN, der Organsation für Afrikanische Einheit (OAU, heute: Afrikanische Union), aller Frontstaaten (Angola, Mosambik, Sambia, Tansania), sowie die Führungen von ANC (Südafrika), SWAPO (Namibia) und ZANU und ZAPU (Zimbabwe) waren hochrangig und vielköpfig vertreten. Ein bis vor kurzem als Pressesprecher von „Straßen.NRW“ fungierender Genosse des Sozialistischen Büros verwehrte Rudi Dutschke zunächst den Einlaß, weil er ihn nicht erkannte. Der Kongreß kritisierte und verurteilte die damalige kontinuierliche Zusammenarbeit der Bundesregierung und zahlreicher westdeutscher Konzerne mit dem südafrikanischen Apartheidregime. So wie es damals regelmässig die UNO-Vollversammlung und die Gipfeltreffen der OAU taten. Nur: in der BRD wurde darüber nicht berichtet.

Damals war es noch möglich, Sachverhalte totzuschweigen. Heute nicht, darum schreibe ich es hier.

Aus Anlass des beschriebenen Kongresses gab die damalige SPD/FDP-Bundesregierung eine Broschüre für die Bonner Hauptstadtpresse heraus, in der sie behauptete, dass Mandelas ANC ebenso wie die bundesdeutsche AAB „von Moskau gesteuert“ seien.

Davon liessen sie auch bis in die 80er-Jahre nicht ab.

Mein damaliger Wohngenosse Wolff Geisler, heute praktischer Arzt in Köln-Porz, hat seinerzeit die meisten Sachverhalte gemeinsam mit Frene Ginwala recherchiert. Es wurden Broschüren und andere Druckwerke in großer Zahl veröffentlicht. Die Weltöffentlichkeit war beunruhigt. Sollte Südafrika mit deutscher Hilfe an Atomwaffen kommen? Ganz vorne mit dabei: unsere Essener Steinkohlen- und Elektrizizäts-AG (Steag). Die sollte mal ihre diesbezüglichen Archive öffnen. Das wäre sicher interessant. Geisler traf in den 80er Jahren mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden und früheren Bundeskanzler Willy Brandt in der Radio-Bremen/NDR-Talkshow „III nach Neun“ zusammen und stellte ihn mit viel Faktenwissen zur Rede. Brandt flippte völlig aus und brüllte ihn in der Livesendung nieder, wie es sonst nie vom ihm zu sehen war. Ich habe eine inzweischen verschlissene VHS-Cassette dieser – natürlich nie wiederholten – Sendung vielen befreundeten SPD-Mitgliedern vorgespielt, die nicht glauben konnten, dass das wirklich ihr angebeteter Willy war. Natürlich wird nichts davon in den nächsten Tagen anlässlich des 100. Geburtages von Brandt zur Aufführung kommen. So wenig, wie die atomare Zusammenarbeit der BRD mit dem Apartheidregime bisher Gegenstand einer geschichtlichen Aufarbeitung wurde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Es hat bei den Verhandlungen um die Beendigung des Apatheidregimes in den 90er Jahren dann einige Deals gegeben. Egal wie sie gestrickt waren – sie haben einen Bürgerkrieg vermieden und damit viele Menschenleben erhalten. Mandela und der ANC mussten sich dabei für die Integration Südafrikas in den kapitalistischen Weltmarkt und das IWF- und Weltmarktsystem entscheiden. In Naomi Kleins Buch „Schockstrategie“ wurde das meiner Meinung nach schlüssig beschrieben. Trotz dieser Kritik bin ich der Meinung, das Mandelas und des ANC Entscheidung zum damaligen Zeitpunkt richtig war. Es ging nicht anders. Wer Mandela also wirklich ehren will, hat noch was zu tun. Die Welt ist noch nicht fertig damit.

RuhrBarone-Logo

14 Kommentare zu “Mandela – viele deutsche Nachrufer heucheln

  • #1
    Walter Stach

    Martin Boettger,
    danke für den Beitrag eines Zeitzeugen zu Mandela -ungewöhnlich, interessant, stimmt nachdenklich. Schön, ihn hier exlusiv bei den Ruhraronen lesen zu können.

  • #2
    Thorsten Stumm

    Danke für diesen notwendigen Artikel. In den 80er war ich in der Ev. Schülerarbeit aktiv, damals war die Evangelische Kirche ziemlich versippt mit der SPD. Und obwohl ich nur phasenweise in einzeln Kampagnen mit Südafrika beschäftigt war, konnte man sich mehr als einmal nur erschütternd abwenden wie auch SPD-Politiker bemüht waren die Apartheid-Regierung bloss nicht zu deutlich zu isolieren.

    Deutsche Konzerne haben da gut verdient.

    Auf den Fotos über das Militär und die Polizei sind oft diese seltsam hochbeinigen Transporter zusehen. Spezielle Konstruktione um in den Gassen der Townships operieren zu können. Da war Dailmer-Benz mit dabei….um nur ein Beispiel zu nennen.

    FJS kann froh sein das er vor der Freilassung von Mandela gestorben ist. Er unterhielt beste Beziehungen zu afrikanischen Diktatoren und lehnte immer eine demokratische, scharze Regierung für Südafrika mit markigen Worten ab. Hoffe, er schmorrt dafür in der Hölle…

    Wenn man da anfängt trifft man auf einen Abgrund von Heuchelei.

    Das dieser grosse Mann die Kraft fand mit seinen Mitstreitern Desmond Tutu und Walter Sisulu, der fast ebenso lange im Gefängnis sass, Südafrika zu versöhnen sollte uns alle beschämen.

    Nkosi sikelel’ iAfrika

  • #3
    Helmut Lorscheid

    Lieber Martin,

    …das hast Du auf den Punkt gebracht…Ich habe es mittlerweile vom BND schriftlich, dass er die Anti-Apartheid-Bewegung überwacht hat. In meinem Fall
    wurden in Sachen AAB sogar noch Erkenntnisse vom Bundesamt für Verfassungsschutz abgefordert. Mehr über diese Geschichte steht in zwei Artikeln,
    deren Link ich hier anfüge:
    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39465/1.html
    und in der neuen „M“ von dju/Verdi gibt es einen Beitrag, in dem auch
    über meine Überwachung berichtet wird – und die erfolgte, weil ich mit
    Leuten wie Martin Böttger und dem von ihm erwähtnen Wolff Geisler die
    Unterstützung des Apartheid-Staates recherchiert und darüber berichtet habe. Siehe:
    http://mmm.verdi.de/titel/07-2013/grenzueberschreitung-im-geheimen

    Ich finde, dieser Teil der deutschen Geschichte sollte bald aufgearbeitet werden,
    am besten, so lange es noch Zeitzeugen gibt…
    auch diesbezüglich gebe ich Martin Böttger recht.

  • #4
    Petra Hermann

    Ich war heute von einem Beitrag auf bo-alternativ.de beeindruckt, in dem unter dem Titel „Erinnerungen an die Unterstützung von Terroristen“ über die Kollaboration der BRD mit dem Apartheid-Regime berichtet wurde: http://www.bo-alternativ.de/2013/12/08/erinnerungen-an-die-unterstuetzung-von-terroristen.
    Jetzt noch die Geschichte, wie Willy Brandt die Atombombe nach Südafrika bringen ließ.
    Gibt es einen systematischen Überblick über die Kriminalgeschichte? Hat die Anti-Apartheidbewegung, als sie ihr Vereinsziel erreicht hatte, einen Abschlussbericht über die Verbrechen im eigenen Land veröffentlicht?

  • #5
    Martin Budich

    Lieber Helmut, lieber Martin,

    Ihr habt Recht. Es ist Zeit, dass die Kriminalgeschichte der BRD bei der Unterstützung des Apartheid-Regimes aufgearbeitet wird.
    Aber wer sollte daran Interesse haben? Wer sollte so etwas finanzieren?
    Das Wissen über diese Ungeheuerlichkeiten, wird bei ein paar Dutzend Leute verbleiben.

  • #6
    Klaus Lohmann

    Noch ein Geisler, aber einer mit zwei „s“: Heiner Geissler hatte mich damals erstmals schwer beeindruckt, als er Ende der Achtziger als einer von ganz wenigen CDU’lern – gegen das weitverbreitete Konservativen-Mantra von einer „gerechten Haft“ Mandelas wegen des bewaffneten Aufstands in den 60ern – dessen bedingungslose Freilassung forderte.

  • Pingback: Links anne Ruhr (10.12.2013) » Pottblog

  • #8
    Nansy

    Zur Überschrift: Wird bei Nachrufen nicht generell viel geheuchelt?

    Aber zur Sache: Deutschland hat den Apartheidstaat direkt, so wie auch die strategisch wichtigen Staatskonzerne der Apartheid mit Finanzkapital bedient. Außenminister Willy Brandt hat die Beziehungen zum Apartheidstaat damit begründet, „daß man Handel und Politik nicht ohne Not koppeln soll“. Er hat damit wohl die damals übliche Außenpolitik gemacht – wie andere Staaten auch.

    Die Daimler AG, wie auch andere ausländische Firmen (z.B. General Motors) haben mit Südafrika gute Geschäfte gemacht (übrigens machen wir auch weiterhin gute Geschäfte mit China – nur so nebenbei). Schweizer Banken waren auch beteiligt.

    Staaten wie die USA, Großbritannien, Deutschland und selbst Israel (hat offenbar versucht, dem südafrikanischen Apartheid-Regime Atomwaffen zu beschaffen) haben in der einen oder anderen Weise Südafrika unterstützt – so weit so schlecht.

    Was mich irritiert, ist die typisch deutsche Nabelschau – ohne Bezug zur historischen Situation…..

  • #9
    Martin Böttger

    @3 und @ 4:
    Danke für die interessanten Links.
    @5 Martin Budich: was hält uns auf, außer uns selbst? Zum Glück hat Mandela nicht so gejammert wie wir.
    @ 8 Nansy: Nabelschau? Wenn vom eigenen Land Verbrechen ausgehen, sollte es demokratische Pflicht und Selbstverständlichkeit sein, politisch dagegen vorzugehen. Wir sind hier so privilegiert, dass es bei uns sogar zu den oiffiziellen Spielregeln gehört, dass das erlaubt ist.

  • Pingback: Mandelas Lehre: “The whole world’s watchin’ “ | Ruhrbarone

  • #11
    Nansy

    @Martin Böttger #9:
    Mir sind die „offiziellen Spielregeln“ – glaube ich – ganz gut bekannt“. Und ich bin froh darüber, dass wir so privilegiert sind, uns offen austauschen zu können.
    So viel zu den Gemeinplätzen…

    Natürlich kann man die falsche und die Apartheid verlängernde deutsche Politik der damaligen Zeit anprangern – aber schon bei der Frage, ob es sich dabei um ein Verbrechen gehandelt hat, begibt man sich auf den wackeligen Weg, die damaligen Werte und Normen bzw. die politischen Vorstellungen aus der heutigen Sicht zu beurteilen und sie nach dieser Sicht zu verurteilen. Die politische Zusammenarbeit mit Südafrika wurde auch damals schon – soweit ich mich erinnere – von vielen Menschen angeprangert, sie fand andererseits aber lange Zeit im Rahmen der international üblichen Politik statt.
    Aus heutiger Sicht scharf zu verurteilen – aus damaliger Sicht durchaus im Rahmen westlicher Außenpolitik….

  • #12
    Tagedieb

    #8 Nansy:
    Sie irritiert also die „typisch deutsche Nabelschau – ohne Bezug zur historischen Situation“.

    Können Sie mir erläutern, wie denn die besondere historische Situation damals aussah, die man jetzt bei einem Bericht aus Sicht eines deutschen Aktivisten berücksichtigen müsse?

  • #13
    Helmut Lorscheid

    Nabelschau? Hallo Außer Israel waren es nur deutsche und schweizer Firmen, die das Apartheidregime nicht nur mit konventionellen Waffen (was auch verboten war) sondern auch mit Anlagen zum Bau von Waffenwaffen ausgerüstet haben..
    Was soll da die „deutsche Nabelschau“? Dieses Argument scheint mir aus dem falschen Film zu stammen.
    Übrigens war das, was die Bundesrepublik (Banken, Industrie und Regierung) gemacht haben, keineswegs angesagt … es gab ein immerhin von der Mehrheit der UNO beschlossenes Waffenembargo und so etwas wie einen Atomwaffen-Sperrvertrag- gegen beides haben nicht etwa alle westlichen Länder verstoßen, sondern nur einige wenige, darunter unser Land. Der Umfang, in dem die Rassisten wirklich auf allen Ebenen unterstützt wurden, war schon ziemlich einmalig. Wir haben sogar ein Kulturabkommen mit den Rassisten unterhalten…
    in diesem Rahmen wurden Gymnasiasten als Auszeichnung für gute Noten nach
    Südafrika geschickt… damit sie die Kultur kennen lernen, unter der ihre Eltern
    gelebt haben – nämlich Faschismus und Rassismus.
    Es ist wirklich höchste Zeit, das aufzuarbeiten…

  • #14
    Henrico

    Tja, die Kommunistische Partei Südafrikas hat ihre Archive geöffnet:

    http://www.bdlive.co.za/national/2013/12/06/sacp-confirms-nelson-mandela-was-a-member

    Mandela selbst hat zugegeben, dass er direkt nach Moskau ins Exil geflogen wäre, wenn er drei Jahre früher freigelassen worden wäre.

    Und wie unkritisch die Anti-Apartheids-Bewegung damals gegenüber den Befreiungsbewegungen war, selbst extremistischste Auswüchse für vertretbar hielt und bis zuletzt z.B. die Regierungsführung Mugabes schön redete, bedarf nun endlich auch einer genaueren Untersuchung.

    Denn wenn sie ehrlich wären, waren sie überhaupt nicht einverstanden mit Mandelas Kurs der Versöhnung und letztendlichen Ablehnung der real-sozialistischen Praxis. Wenn die AAB wirklich für ein demokratisches und rechtsstaatliches Südafrikas nach westlichem Vorbild gekämpft hätte — allein schon der Name, „Anti-“ schön und gut, bloß was sollte danach folgen, da haben sie auf Durchzug gestellt — und die gemäßigten Kräfte innerhalb Namibias und Südafrika gestärkt hätte, wären viele Tote verhindert worden. Stellt euch auch euer beschämenden Vergangenheit!

    Zu #2: … Auf den Fotos über das Militär und die Polizei sind oft diese seltsam hochbeinigen Transporter zusehen. Spezielle Konstruktione um in den Gassen der Townships operieren zu können.

    Immer diese elende Halbwissen. Diese hochbeinigen Transporter hießen Casspirs, die deshalb so konstruiert wurden, um Landminen abzuwehren. Sie wurden nicht für die Townships, sondern hauptsächlich für den Buschkrieg in Namibia konstruiert. Und in jedem verdammten Militär- und Polizeigefährt des Apartheids-Regimes steckten Dieselmotoren von Daimler-Benz — unter Lizenz in Südafrika selbst hergestellt. Aber die AAB war so beseelt von ihren sozialistischen Träumerein für Südafrika, dass ihnen das erst später aufgefallen ist …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *