
Es gibt Filme, die sind glattgebügelt, sauber produziert, handwerklich makellos – und nach zehn Minuten wieder vergessen. Und dann gibt es Filme wie „Novaks Wut“. Einen Film, bei dem man sich gelegentlich fragt, was um alles in der Welt da gerade passiert. Einen Film, bei dem Dialoge fallen, als stammten sie aus dem Poesiealbum eines vollkommen Bekifften. Ein Film, bei dem man Tränen lachen kann, obwohl – oder gerade weil – er so herrlich krank ist.
Im Mittelpunkt steht Novak, gespielt von Jörg Böttcher. Er ist die zentrale Figur des Films, ein verurteilter Straftäter mit Impulskontrollstörung, der mit seinem Sohn Manuel (Ole Oppermann) zusammenlebt. Ein Bewährungshelfer (Kilian Schwartz) kümmert sich um seine Rehabilitierung. Doch „Novaks Wut“ wäre nicht „Novaks Wut“, wenn daraus eine geradlinige Läuterungsgeschichte würde. Stattdessen gerät eine ganze Reihe schräger Figuren in einen immer absurderen Kriminalfall.
Irre Story mit absurden Dialogen
Da ist Jorinde, gespielt von Nora Tunn, eine Dauerstudentin, die durch eine Reihe von Zufällen in die Geschichte hineingezogen und plötzlich selbst zur Ermittlerin wider Willen wird. An ihrer Seite landet ausgerechnet Kommissar Mertens, (Frank Martens), ein suspendierter Polizist mit Alkoholproblem, der in dem Fall die Chance wittert, seinen ruinierten Ruf wiederherzustellen. Dazu kommen der lokale Waffenhändler Dragan Vojdocovic (Stefan Grujic), die Unterweltgröße Schäfer (Uwe Schmidt) und der Veterinärarzt Dr. von Frank, unwiderstehlich schräg gespielt von Frank Bauer. Letzterer ist nach außen ein beliebter Tierarzt, trägt aber ein dunkles Geheimnis mit sich herum.

Aus diesen Figuren, einem gestohlenen Reisekoffer, einer Hundeleiche und einer Kette immer irrerer Verwicklungen entsteht weniger ein klassischer Krimi als eine schwarze Komödie voller kaputter Pläne, merkwürdiger Typen und Dialoge, bei denen man sich fragt, ob sie genial, völlig daneben oder beides zugleich sind. Die Handlung schlägt immer neue Haken, bleibt dabei aber erstaunlich liebenswert. Es geht um Wut, Schuld, schlechte Entscheidungen, falsche Allianzen und Menschen, die eigentlich viel zu beschädigt sind, um nicht sympathisch zu sein.
Ohne Geld, aber mit viel Herzblut und guten Freunden
Bei der Premiere in Hildesheim zeigte sich: Dieses Werk von Mathias „Matze“ Kulke und Philipp Kloppenburg hat etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann. Es hat Wucht. Es hat Herz. Und es hat Figuren, die nicht gecastet wirken, sondern echt. Freunde, Verwandte, Amateure – Menschen, die nicht spielen, als wollten sie auf die nächste Schauspielschule, sondern als seien sie einfach in diese Geschichte hineingestolpert und hätten beschlossen, das Beste daraus zu machen.
Der Humor wirkt dabei in seinen besten Momenten wie eine Mischung aus Guy Ritchie und Helge Schneider: schräg, trocken, absurd, manchmal bewusst unbeholfen und gerade dadurch komisch. Nichts daran wirkt glatt. Nichts daran riecht nach Drehbuchseminar oder Fördergeldlogik. „Novaks Wut“ ist ein Film, der aus einer vollkommen verrückten Idee entstanden ist: Ein Tischler gründet mit einem Freund seit Jugendzeiten die „GRILLGILDE PICTURES“ und dreht dann einfach mal einen Kinofilm. Ohne Geld. Ohne großes Team. Nur mit Leuten, die Lust darauf hatten. Dass Corona die Sache dann ordentlich in die Länge zog, gehört fast schon zwingend zur Legende dieses Projekts.
Gewidmet dem Freund, der nicht mehr dabei sein konnte

Und ja, natürlich merkt man dem Film an, wie er entstanden ist. Der Ton ist nicht immer perfekt, der Schnitt nicht immer rund, manches wirkt zu Beginn noch tastend. Aber genau das ist sogar ein Teil seines Charmes. Denn im Verlauf des Films kann man beinahe zusehen, wie alle sicherer werden. Die Szenen fließen besser, das Timing wird präziser, der Film findet seinen Rhythmus. Aus einer abseitigen Schnapsidee wird nach und nach ein erstaunlich geschlossenes Gesamtprodukt.
Zur Geschichte hinter dem Film gehört aber auch ein trauriger Moment: Frank Bauer, der in „Novaks Wut“ den Veterinärarzt Dr. von Frank spielt, erlebte die Premiere nicht mehr. Er war im Februar überraschend gestorben. Die Vorstellung im Hildesheimer Thega wurde deshalb ihm gewidmet. So bekam der herrlich absurde, oft zum Schreien komische Film plötzlich auch eine stille, sehr berührende Ebene: Hinter all dem Wahnsinn steht ein Freundschaftsprojekt, bei dem einer fehlte, der eigentlich unbedingt hätte dabei sein müssen.
Hildesheim, der Ruhrpott Niedersachsens
„Novaks Wut“ spielt zwar in Hildesheim, im niedersächsischen Harzvorland. Aber vom Gefühl her könnte dieser Film ebenso gut aus Dortmund, Bochum oder Essen kommen. Vielleicht sollte er das auf die eine oder andere Weise sogar, denn er hat alles, was ein Ruhrpott-Kultfilm braucht: liebenswerte Typen, eine immer wieder überraschende Handlung, schockierende und zugleich großartige Dialoge, eine gewisse Rotzigkeit und vor allem dieses Gefühl, dass hier niemand auf Hochglanz poliert wurde. Das ist kein Film von oben herab. Das ist Kino von Menschen, die einfach gemacht haben.
Mein Fazit: „Novaks Wut“ verdient ein Publikum. Nicht nur in Hildesheim. Dieser Film sollte in kleinen Kinos laufen, in Programmkinos, in Ruhrpott-Sälen, überall dort, wo Menschen noch Lust auf etwas haben, das nicht nach Schema F funktioniert. Wo Künstliche Intelligenz keine makellosen Bilder generiert. Perfekt ist „Novaks Wut“ sicherlich nicht. Aber er ist originell, mutig, sehr komisch und auf eine vollkommen eigene Weise liebenswert. Und genau das ist manchmal viel mehr wert als Perfektion.