Mehr Mitgefühl für Cosmo als für die Industriearbeiter

Chemiewerk in Marl (Symbolbild) Foto: Nordenfan Lizenz: CC BY-SA 4.0


Über 100.000 Menschen haben eine Petition für den Erhalt des Radiosenders Cosmo unterschrieben. Auf eine vergleichbare Unterstützung dürfen die Industriebeschäftigten nicht hoffen.

Eines vorweg: Ich bin für den Erhalt von Cosmo. Mir ist es lieber, wenn der WDR sein Geld in Sender steckt, die kaum jemand hört, anstatt damit, wie von Intendantin Valerie Weber angekündigt, die regionale Berichterstattung auszubauen und privaten Medienanbietern Konkurrenz zu machen. Aber Cosmo wird wohl am 1. April kommenden Jahres in 1LIVE Street umbenannt.

Eine Petition für den Erhalt des Senders wurde bereits von über 108.000 Menschen unterschrieben, darunter Prominente wie Herbert Grönemeyer (Musiker), Claudia Roth (Grüne) und Luigi Pantisano (Linke). In Zeiten, in denen rechtsextreme Positionen auf breite Zustimmung stoßen, sei der Sender besonders wichtig.

Dass allein in diesem Jahr nach einer Umfrage der Stuttgarter Beratungsgesellschaft Horváth über 100.000 Arbeitsplätze in der Industrie wegfallen könnten, scheint indes kaum jemanden zu beunruhigen. Dabei dürfte der Verlust gut bezahlter Industriearbeitsplätze langfristig weit größere gesellschaftliche und politische Folgen haben als die Umbenennung eines Radiosenders. Die Vorstellung, die Deindustrialisierung könnte etwa zu einem weiteren Anwachsen der AfD führen, scheint sich noch nicht durchgesetzt zu haben.

Mit Solidarität können die Industriearbeiter nicht rechnen. Sie stellen entweder etwas her, was man nicht im Apple Store kaufen kann, wie Werkzeugmaschinen, oder Produkte, die auf dem Weg der erträumten „sozialökologischen Transformation“ stören, wie Autos oder Chemikalien. Und schon gar nicht mag man sich offensichtlich damit auseinandersetzen, dass womöglich Technologiefeindlichkeit und die sozialökologische Transformation, zu der auch die Energiewende gehört, eine große Mitverantwortung für den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands und die immer größeren Wohlstandsverluste haben könnten.

Da setzt man sich lieber für einen Sender ein, dessen Podcasts zum Teil von noch nicht einmal 100 Hörern abgerufen wurden. Wer wissen will, wie Dekadenz definiert wird: genau so!

 

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