Acht weitere Nazi-Verbrecher im Visier

 

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KZ Stutthof. Foto: Wisnia6522 Lizenz: Gemeinfrei


Die Zeit der Prozesse gegen Nazi-Verbrecher ist noch nicht zu Ende. Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ermittelt gegen acht mutmaßliche NS-Verbrecher.

Das nun acht weitere Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord laufen, ist der systematischen Arbeit der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zu verdanken: „Wir haben einen juristischen Gedanken aus den Vorermittlungen zu Auschwitz und Majdanek auf andere Lager übertragen: Wenn in einem Lager systematisch Häftlinge ermordet werden, dann kann dazu auch ein einzelner Wachmann oder eine einzelne Beschäftigte allein durch ihren Dienst in der Lagerorganisation beigetragen haben,“ sagt Jens Rommel, der Leitende Oberstaatsanwalt. Nach den Vorermittlungen der Zentralstelle, wurden zwischen Juli und Oktober 1944 im Konzentrationslager Stutthof systematisch tausende jüdische Häftlinge durch Genickschüsse oder in Gaskammern umgebracht. Im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig waren während der fünf Jahre seines Bestehens 110.000 Menschen, darunter zahlreiche Juden, eingesperrt, von denen 65.000 ermordet wurden. Im selben Zeitraum waren dort 3000 SS-Wachleute und Lagerpersonal beschäftigt. „Als nächsten haben wir dann in unseren Akten, in Archiven und durch Auskünfte von Dienststellen Personal aus dieser Zeit ausfindig gemacht und geprüft, wer davon noch lebt. So konnten wir die Vorermittlungen zu vier Wachmännern und zu vier Zivilangestellten in der Lagerkommandantur an die Staatsanwaltschaften weiterleiten.“ Die Ermittlungen wurden nun an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet, die für die Wohnorte der mutmaßlichen Täter verantwortlich sind. Die haben nun die weitere Arbeit zu leisten, zu der neben Durchsuchungen, der Befragung von Zeugen und Sachverständigen auch die Vernehmung und ärztliche Untersuchung der Beschuldigen gehören, um ihre Verhandlungsfähigkeit festzustellen. Rommel: „Erst dann kann über die Anklage entschieden werden. Wie lange diese Ermittlungen dauern, lässt sich nicht vorhersagen.“ Mit ihrer Arbeit ist die Zentralstelle noch nicht am Ende: „Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg wird sich weiterhin bemühen, Personen ausfindig zu machen, denen nach unserer Überzeugung ein strafrechtlicher Vorwurf gemacht werden kann.“

Im vergangenen Jahr war Oskar Gröning, der Buchhalter von Auschwitz, zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Der Auschwitz Wachmann Reinhold Hanning erhielt im Juni dieses Jahres einer fünfjährigen Haftstrafe. Doch nicht immer kommt es zum Prozess: Im April verstarb ein zu diesen Zeitpunkt 93jähriger ehemaliger Auschwitz-Wachmann kurz vor der Eröffnung des Prozesses gegen ihn vor dem Landgericht Hanau. “ Und auch das Urteil gegen Gröning ist noch immer nicht rechtsgültig. Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, kritisiert die Geschwindigkeit der deutschen Justiz: „ Der Bundesgerichtshof läßt sich viel Zeit: Dabei wird seine Entscheidung in diesem Falle bahnbrechende Auswirkungen haben. Sie betreffen sowohl die realistische Bewertung des Mordsystems in den Konzentrationslagern und die Rolle aller beteiligten SS-Angehörigen als auch das Urteil im Auschwitz Prozess von Detmold, das noch laufende Verfahren in Neubrandenburg und alle weiteren derzeit angestrengten NS-Verfahren.“ Mittlerweile empöre dies die Überlebenden der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager und veranlaßt sie zu harscher Kritik an der deutschen Justiz, deren fast völlige Untätigkeit sie hinsichtlich der Verurteilung von SS-Tätern über Jahrzehnte verfolgen mussten. „Waren die Verfahren von Lüneburg und Detmold für sie Anzeichen einer neuen Denkweise und Haltung bei deutschen Gerichten“, sagt Heubner, „so bestätigt sie der jetzige schleppende Verlauf des Revisionsverfahrens in ihrer grundsätzlich negativen Erfahrung.“

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Jüdischen Allgemeinen 

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2 Kommentare

  1. #1 | Yilmaz sagt am 25. August 2016 um 19:14 Uhr

    Mir wäre es lieber, die Deutschen arbeiteten selbstkritisch auf, warum sie es jahrzehntelang versäumt haben, NS-Verbrecher ausfindig zu machen und zu verurteilen. Was jetzt passiert, sieht mir eher nach Torschlusspanik und Ablenkungsmanöver aus…

  2. #2 | Norbert Krambrich sagt am 27. August 2016 um 09:50 Uhr

    Noch mal schnell einige Täter aburteilen, die ja in ihrer Vergreisung so wenig mit dem Deutschland von heute zu tun haben, die Einzeltäter Theorie etwas verbreitern, damit sie nicht allzu absurd erscheint und das Ganze in parallel dazu produzierte neue Geschichtsbilder verpacken.Ob Hunsrück- Heimat, unsre Eltern, Knoppsche Blondiegeschichten oder Schlafwandler, die Reinwaschungen sind abgeschlossen, Fritz Bauer ein schon lange toter Unkenrufer und wir sind wieder wer. Wen wundert die Rückkehr der alten Steigbügelhalter…es storcht gewaltig in diesen Land.

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