Alles außer Pop – Lords of Chaos

Gestern habe ich den Film „Lords of Chaos“ im Kino gesehen. Mein Irrtum, es handele sich dabei um eine Dokumentation, wurde erst wenige Stunden vor Beginn der Vorstellung aufgeklärt. „Lords of Chaos“ ist ein Spielfilm, der die schrecklichen Ereignisse in der Norwegischen Blackmetal-Szene Anfang der 90er Jahre darstellt. Ich fand ihn nicht sehr gut.
Zu Beginn wird eine Erklärung eingeblendet, nach der es sich um wahre Ereignisse handelt (der geneigte Zuschauer weiß das natürlich schon) und dass der Film diese „schonungslos“ darstellen und nicht werten will, zugleich aber doch eine Warnung sein will (oder so, ich habe es nicht auswendig gelernt). Filmemacher Åkerlund steht ja vor dem Problem, dass der Film von vorne herein nur für ein kleines Publikum interessant ist, von dem eine Teilgruppe fanatischer Anhänger des Antagonisten ist. Auch beim Rest wird es viele geben, die sich mit den Ereignissen um Mayhem und Varg Vikernes bestens auskennen und künstlerische Freiheiten sofort bestrafen würden. Und es dürfte ein Publikum sein, das sich nicht so leicht schockieren lässt, aber trotzdem einen „echt krassen“ Film erwartet.
Der Film darf also nicht gefühlsduselig werden. Er soll brutal sein, aber zugleich „schonungslos“, die Gewalt muss sich vor dem Vorwurf der Verherrlichung schützen, aber trotzdem Leute berühren, die schon alles gesehen haben. Das gelingt am ehesten in der Selbstmordszene von „Dead“, die wirklich sehr realistisch aussieht und bei der einem einfach mulmig werden muss. Hier beginnt allerdings schon ein Muster, das auch diese Szene rückblickend schwächt: In „Lords of Chaos“ sterben die Menschen sehr, sehr langsam. Und weil der Film schlecht gemacht ist, hört man in Gedanken förmlich, wie die Macher das rechtfertigen: „In Wahrheit geht der Tod auch nicht so schnell und glatt. Die Wahrheit ist viel quälender als wir das im Film gewohnt sind.“
Wenn sich Dead erst die linke, dann die rechte Pulsader aufschlitzt und dann noch die Kehle und dann anfängt, einen Abschiedsbrief zu schreiben und dann endlich zum Gewehr greift, um sich auch noch den Kopf wegzupusten, dann ist das bereits zu viel, der Schuss kann nicht mehr schockieren, der nervt nur noch. Tatsächlich lässt sich bei Wikipedia nachlesen, dass Dead diese verschiedenen Wunden hatte, Åkerlund darf sich also auf die Fakten berufen. Aber er trägt dennoch die Verantwortung für die Inszenierung dieser Wunden und er zeigt nicht die Verzweiflung eines Menschen, dessen Messer zu stumpf ist, sondern er zeigt vor allem eines: große Wunden.
Und bei den nächsten beiden Morden erging es mir genauso: Die anfängliche Beklemmung der „schonungslosen“ Darstellung wich irgendwann dem genervten Gedanken: Okay Leute, wir haben es verstanden! Die Tatsachen geben nur drei Tote her, also müsst ihr aus ihnen herausschlagen, was ihr könnt, es soll ja ein brutaler Film sein.
Ja, es gelingt dem Film, die Sinnlosigkeit und Leere dieser Leute zu zeigen. Und ich sehe ein, dass es ein Drahtseilakt ist: einerseits darzustellen, wie stumpfsinnig und flach Menschen sein müssen, die aus Langeweile morden und andererseits glaubwürdige Figuren zu zeichnen. Wie porträtiert man einen Mörder? Das ist eine Aufgabe für große Künstler. Und die waren hier nicht am Werk. Die Figurenentwicklung verläuft schablonenhaft. Erst ist Varg ein harmloser Trottel, der dazugehören will, dann ist er böse und lässt sich von niemandem etwas sagen. Erst ist Euronymus kaltblütiger Karrierist, der nichts hinterfragt, dann ist er plötzlich doch menschlich und hat sogar mal geweint.
Die Optik des Films soll das Authentische unterstreichen, die Farben, die Ausstattung, all das lässt einen fast an eine Dokumentation denken, das soll nicht cineastisch wirken, sondern „schonungslos“. Aber ständig ist der Film so plump inszeniert, dass er einen mit der Nase auf die Leinwand stößt. Wenn sich Dead auf der Bühne selbstverletzt und man zum vierten mal den staunenden Mund des Roadies sieht, damit auch der letzte versteht, dass das jetzt echt krass ist (davon abgesehen, dass die oberflächlichen Verletzungen den Leuten im Publikum Blut für einen halben Transfusionsbeutel ins Gesicht spritzen). Wenn in Vargs Wohnung stets die gleißende Sonne durch weiße Vorhänge scheint, als wäre es ein Extra-Level in einem Computerspiel. Wenn Ochsenknecht junior sich beim Tanken noch einmal ganz besonders trottelig anstellt, weil das eben die ihm zugedachte Schablone ist.
Der Film schafft es, dass ich die Ereignisse von damals ernster nehme als zuvor und dass meine Hemmschwelle, eine Burzum-Platte zu hören erheblich gestiegen ist. Aber als Film fand ich ihn nicht sehr gut.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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3 Kommentare

  1. #1 | Zero sagt am 23. Februar 2019 um 21:43 Uhr

    Ja, das ist das Problem mit der Realität, die Menschen sind zu sprunghaft, da kommt der Film nicht mehr hinterher. Selbst ein Meister wie Hitchcock ist mehr oder weniger dran gescheitert.

  2. #2 | DerHitman1887 sagt am 24. Februar 2019 um 12:37 Uhr

    Die Burzum-Aussage zum Schluss kann ich nicht nachvollziehen, schließlich geht es in dem Film ausschließlich um Mayhem. Sollte das ein Seitenhieb auf Vargs vorherige musikalische Stationen sein, dann fehlen dort noch Kalashnikov (später Uruk-Hai), Old Funeral und Satanel. So oder so ergibt der Satz für mich keinen Sinn.

  3. #3 | Robert von Cube sagt am 24. Februar 2019 um 12:47 Uhr

    Das ist eine subjektive Aussage, weil mir Burzum rein musikalisch durchaus gefällt. Aber toll, dass Sie alle diese Projekte kennen! (In dem Film geht es aber natürlich auch um Burzum)

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