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Anmerkungen zum Bochumer Engelbertbrunnen anlässlich des 1. Mai

Markgraf Engelbert an seinem neuen Platz. Foto: CMP

Der Markgraf weint. Um den Bochumer Engelbertbrunnen steht es gegenwärtig nicht zum Besten. Der Grund: eine Commedia dell’arte aus dem Bochumer Tiefbauamt. Die bereits erworbene neue Brunnenpumptechnik ist so schwer, dass für ihre Installation ein 120-Tonnen-Kran benötigt wird. Zu schwer für die Statik des Platzes.

„So, ihr habt uns jetzt lange genug geärgert“, sagte der Ordnungshüter, der unter massiver Verstärkung Trappa, Walle und mich in die Minna verfrachtete. Unser Vergehen? Wir hatten am Engelbertbrunnen abgehangen, Sangria aus 5-Literpullen gesoffen und lauthals die gängigen Deutschpunkklassiker zum Besten gegeben. Das reichte damals schon aus, um eine Nacht im Polizeigewahrsam verbringen zu müssen. Hört sich grausam an, war aber eine geile Zeit. Man traf sich halt am Brunnen. Dafür musste man kein (Brunnen-)Punk sein. Der soziale Treffpunkt Engelbertbrunnen kreuzte viele Biographien der Bochumer Jugend. Der Stadt mag dieser Treffpunkt schon immer suspekt gewesen sein. Und das lange bevor es in Mode kam, Waschpulver in den Brunnen zu kippen und somit die Location mit Schaum zu fluten. So wunderte es nicht, dass der besagte Brunnen im Zuge der Umgestaltung des Platzes an der Kortumstraße einfach verschwand. Zwar hatten die Raumplaner versichert, der Brunnen käme zurück. Allein: Geglaubt hat es niemand. Schließlich hatte man für die Engelbertstatue bereits einen Platz schräg gegenüber dem alten Standort gefunden, allerdings ohne Brunnen. Der Verdacht stand im Raum, dass der unliebsame Jugendtreff nun endlich verschwinden, das billige Freiluftsaufen unterbunden und die letzten Jugendlichen in die teuren Kneipen des Kartells getrieben werden sollten. Sonderbare Zeichen warfen ihre Schatten voraus. Die Auguren schauten tief in die ausgeschabte Currywurstschale und sprachen: „Gentrifizierung hard as candy.“ – Zeit für einen kleinen Exkurs.


Das Ende der Kulturwurst

Herbert Grönemeyer und die Currywurst am Engelbertbrunnen… – wir nähern uns einem lokalen Kollektivmythos, der gewisse Analogien zum Engelbert-Mythos aufweist. Zärtlich hauchen wir: „Diese eine Currywurst.“ Bereits die ersten Happen entführen den Regionalgourmet auf den Null­achsenpunkt der Raumverordnung. Das Bratwursthäuschen am Engelbertbrunnen war seit jeher Drachenfels der höheren proletarisch-kulinarischen Weihen. Generationen rätselten über die geheimen Ingredienzien der genialen Curry­soße. Dass es dazu immer nur ein halbes Brötchen gab und die Qualität der Wurst eher im mittleren Segment anzusiedeln war, wurde dabei gerne übersehen. Denn es ging ja nicht nur um die Wurst, sondern immer auch um einen Mythos. Der Mythos vom jungen Ruhrbarden, der sich zum Wunderknaben mauserte. Der Plot ist hinlänglich bekannt: Nach den durchzechten Nächten in der Kantine des Schauspielhauses zog es Herbert Grönemeyer und Dieter Krebs stets ans besagte Bratwursthäuschen. Das Bermuda3eck stand seinerzeit noch in den Kinderschuhen. Zwar gab es schon die leckeren Crêpes im Mandragora und im Intershop wurde schon kräftig gebaggert, aber von einem Szene-Quartier konnte noch keine Rede sein. Erst Leo Bauers unermüdliches Engagement ließ die Strukturen wachsen. Heute schimpfen alle über ihn, weil er so reich geworden ist. Ich aber habe ihn gern und möchte ihm für sein Lebenswerk danken. Doch zurück zur Currywurst. Es muss wohl der ephemere Zauber der würzigen Soße gewesen sein, der Grönemeyer schließlich zu dem Song inspirierte, der über Bochum hinaus so legendär werden sollte: „Currywurst“ (Musik: Jürgen Triebel). Seitdem – es sind nunmehr beinah dreißig Jahre – ist der Andrang groß am Bratwursthäuschen. Egal ob die fernen Verwandten aus dem Schwarzwald oder das Businessteam aus Übersee – keiner, der die Stadt besucht, kommt an der Wurst vorbei. Spielt Grönemeyer eines seiner großen Konzerte im Ruhrstadion, ist anschließend die Warteschlange vor dem Bratwursthäuschen so lang, dass sie bis zum Café Zacher in die Brüderstraße reicht. Zum Kulturhauptstadtjahr ließ sich die Metzgerei Dönninghaus etwas ganz Besonderes einfallen. Ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Kulturwurstesser“. Einfach herrlich. Langer Applaus. – Einer ganz besonderen Wurst war es gelungen, aufgrund ihre referenziellen Verstrickungen innerhalb der Populärkultur, zu einem Kulturgut zu werden. Und der Hype hält an. Die Fernsehteams kommen, Toto und Harry, die Comedians, Models und Politiker. Alle singen sie unisono: „Dies ist mein Himmelreich.“ Vergessen wird dabei die Tatsache, dass Grönemeyer das Bratwursthäuschen gar nicht gemeint haben kann, als er „Currywurst“ komponierte. Es ist die falsche Bude, und diese Behauptung ist keine Blasphemie, sondern das Ergebnis einer kritischen Analyse des Songtextes. Zitat: „Schön mit Pommes dabei, ach dann ge‘m Se gleich zwei“, so heißt es dort, ergo müssen an dem Bratwursthäuschen, das Grönemeyer besingt, seinerzeit auch Pommes angeboten worden sein. Doch am Bratwursthäuschen am Engelbertbrunnen wurden seinerzeit keine Pommes angeboten, also meinte Grönemeyer ein anderes Bratwursthäuschen als das Bratwursthäuschen, das von sich behauptet, das von Grönemeyer gemeinte Bratwursthäuschen zu sein.

Wasserfontänen und Pumpenkammer

Mittlerweile hat sich vieles geändert: Das Bratwursthäuschen erfuhr einen Umbau und neuerdings werden dort auch Pommes angeboten. Die Pommes sind wunderbar, die Majonäse ein daumendicker Kindheitstraum. Doch böse Zungen behaupten, hinter all den Neuerungen verberge sich der Plan, den falschen Mythos ins rechte Licht zu rücken. Und plötzlich will einem die Assischale nicht mehr schmecken. Mit dem Mantateller in der Hand blickt man wehmütig auf den kahlen Platz des einstigen Engelbertbrunnens und bemerkt: Auch die Seele leidet. Denn wo einst das liebliche Murmeln des Brunnens zur flüchtigen Entspannung rief, markieren heutzutage kalte Steinplatten den Beginn einer neuen Ära. Gentrifizierung, wohin man schaut. Ein Mythos macht eben noch keine Kultur. Und auch der Mythos vom Markgrafen Engelbert weist bei genauerer Betrachtung einige Unstimmigkeiten auf. Und das nicht nur, weil dem Grafen von der Mark nach wie vor fälschlicherweise nachgesagt wird, im Jahre 1321 die Stadtrechte an Bochum verliehen zu haben. Nein, die Unstimmigkeiten sind anderer Natur…

Viele Monate mussten die Bochumer den Engelbertbrunnen entbehren. Doch wer unterstellt hatte, mit dem Verschwinden des Brunnens würde die Stadt gleichsam ein Verschwinden gesellschaftlicher Randerscheinungen betreiben, wurde eines Besseren belehrt. Der Engelbertbrunnen sollte wieder am alten Orte und im neuen Glanze errichtet werden. Geile Sache eigentlich, doch im Hintergrund bahnte sich besagte Commedia dell’arte des Tiefbauamtes an. Plötzlich hatte man auch in Bochum die Schwerkraft entdeckt.

Es sollte der Traum von einem Brunnen werden mit einer Fläche von 4,0 mal 2,4 Meter und eine Höhe von 2,45 Meter. Für drei stolze Wasserfontänen wurde eine unterirdische Wassertechnik mit Technikraum und Pumpenkammer geplant. Ein wuchtiges Betonbauwerk wurde von einer Fachfirma eigens hergestellt. Doch dann traten bei der Koordination Bedenken seitens des Stadtbahnbaus bezüglich der Statik auf. Die U-Bahnhaltestelle! Ein 120-Tonnen-Autokran könnte da glatt durchbrechen. Leider hatte man das Pumpwerk bereits gekauft. Was also tun? Das Pumpwerk könnte – mit hohen zusätzlichen Kosten – geteilt und umgebaut werden. Doch die Stadtverwaltung sieht dafür keine Spielräume im Haushalt. Vielleicht an anderer Stelle? Ein kleiner Deal mit den Gastro-Leuten und so, Stichwort: Konrad-Adenauer-Platz, am KAP der guten Hoffnung sozusagen. Wäre ja direkt um die Ecke. Letztendlich kann man auf das Element Wasser auch verzichten. So dachte man und plant wohl immer noch hin und her. Gut möglich, dass der Engelbertbrunnen in naher Zukunft an einem neuen Standort errichtet wird. Das darf aber niemals geschehen! Der Engelbertbrunnen muss genau an seiner alten Stelle wieder aufgebaut werden, denn der Engelbertbrunnen ist im Sinne von Pierre Nora ein Gedächtnisort. Ein lieu de mémoire, an dem Geschichte und kollektives Gedächtnis sich verorten. Es ist die Geschichte der Bochumer Jugend, die sich von den Freilufttrinkern mit den gefährlichen Frisuren bis zum Grafen Engelbert erstreckt. Die Rolle, die der Markgraf in der frühen Phase dieser Geschichte spielte, ist eher unrühmlich. Kritiker behaupten, er hätte seinerzeit die Bochumer Junggesellen um ihre Beute betrogen. Aber alles schön der Reihe nach.

Keuschheit und Alraunen

Die Bochumer Partypeople von 1388 dargestellt auf dem Brunnenrelief. Foto: CMP

Bochum im Jahre 1388. Als Junggeselle muss es schlimm gewesen sein in dieser Zeit. Nicht so wie heutzutage, wo das Single-Dasein den Lifestyle befördert. Damals hatte das Wort ‚Junggeselle‘ so einen bitteren Beigeschmack. Die Tage waren Arbeit, die Nächte waren leer. Und den Junggesellen wurde oft ein schiefer Mund gezeigt. Was war nur los mit diesen Typen? Warum waren sie nicht verheiratet, so wie alle anderen? Waren sie etwa dem Rausch der Alraune verfallen, oder gingen sie gar in die Pilze und trieben es untereinander? Kurzum: der mittelalterliche Diskurs hielt für den alleinstehenden Mann viele kompromittierende Fragen bereit. Es sei denn, er war Gott gegeben. So blieb nicht viel als Saufen. Letztendlich wurde seinerzeit der Grundstein für das spätere Freilufttrinken der Bochumer Jugend am Engelbertbrunnen gelegt.

Und wie sah es aus, das mittelalterliche Bochum von 1388? Keine Ahnung. Auf jeden Fall sehr klein. So ungefähr vom Café Zacher bis zur Bio-Burger-Bar Blondies. Beinah 300 Jahre später erscheint die Stadt auf der Karte Comitatus Marchia et Ravensberg von Blaeu als kleines Fleckchen. Was schon viel war, wenn man bedenkt, dass das Örtchen beim Bochumer Stadtbrand von 1517 beinahe vollständig zerstört wurde (Wir werden später nochmals auf diesen Stadtbrandt zu sprechen kommen). Auf der historischen Karte von Sanson (1720) sind bereits Ortschaften wie „Aet Boeckum“, „Stripel“ oder „Weetmar“ verzeichnet. Im Jahre 1755 erscheint die vermutlich älteste Stadtkarte Bochums. Der „Plan von der Stadt BOCHUM und denen unter ihrer Jurisdiction gehörigen Landstrassen“ von Meinecke zeigt bereits sehr deutlich, die heutigen Einflugschneisen der Nightlife-Cruiser. Im Jahre 1790 erstellte schließlich der Arzt und Dichter Carl Arnold Kortum (1745 bis 1824) im Rahmen seiner Stadtgeschichte Bochums einen Stadtgrundriss ohne Vermessungsgrundlagen im ungefähren Maßstab 1:1200. Neben den fünf Stadttoren ist auch die Lage der damaligen Stadtbefestigung zu erkennen. Ansonsten viele Gärten, Wiesen und Ackerland. Eher langweilig für die Partypeople. Doch hat sich Carl Arnold Kortum mit seinem literarischen Werk eindrucksvoll in die Geschichte der Bochumer Jugend eingeschrieben. Mit der Satire „Josiade“ oder genauer: „Leben, Meynungen und Thaten von Hieronymus Jobs dem Kandidaten, und wie er sich weiland viel Ruhm erwarb auch endlich als Nachtwächter zu Sulzburg starb“, erlangte der Arzt im Jahre 1784 dichterischen Ruhm. Die feuchtfröhliche Karriere einer verkrachten, akademischen Existenz. Aktueller denn je nimmt sich das dichterische Wort aus: „Die erste Pflicht der Musensöhne, ist dass man sich ans Bier gewöhne.“ Es darf also geschlussfolgert werden, dass ehedem das Saufen der Jugend eine alltägliche Angelegenheit war. So bis vor kurzem auch am Bochumer Engelbertbrunnen.

Die Große Dortmunder Fehde

Doch zurück ins Jahre 1388. Während die Bochumer Junggesellen ihren Trost im Alkohol suchten und sich ansonsten durch eine hohe Risikobereitschaft auszeichneten, wie wir im Folgenden sehen werden, wurde woanders auf höfische Kultur gemacht. Quod licet iovi non licet bovi und so. Man lebte in einer Ständegesellschaft und der Adel war seinerzeit in der Ruhrregion stark vertreten (Das Ruhrgebiet zählt zu den burgenreichsten Regionen Europas, wie es unlängst der Bochumer Luftbildarchäologen Baoquan Song mit seinem Band „Die verborgene Seite des Ruhrgebietes“ eindrucksvoll belegte). Im Mittelalter gehörte Bochum zur Grafschaft Mark. Graf Engelbert III., Namenspatron des besagten Brunnens, regierte diese Grafschaft von 1347 bis 1391 und wohnte zeitweilig auf der Burg Blankenstein. 1388 hätte ein gutes Jahr werden können. In Köln wurde die Uni gegründet und nach der Schlacht bei Döffingen, die das Ende der reichspolitischen Bedeutung von Städtebünden einleitete, hätte eigentlich Frieden herrschen sollen. Doch die Pazifisten hatten ihre Rechnung ohne den Kölner Erzbischof gemacht. In einer Allianz aus seinen und den Truppen der Märkischen Grafen sowie zwanzig weiteren Städten griff der die Reichsstadt Dortmund an. Es kam zur Großen Dortmunder Fehde, die erst ein Jahr später enden sollte.

Große Aufregung herrschte am 21. Februar 1388 im Dortmunder Rat. Der Kölner Erzbischof hatte der Stadt einen Fehdebrief zukommen lassen. Nur einen Tag darauf folgte ein weiterer Fehdebrief des Grafen von der Mark. Er schrieb irgendetwas von einer zweifelhaften Hinrichtung einer gewissen Agnes von der Vierbecke. Aber das alles war doch schon 10 Jahre her, wunderte man sich in Dortmund. „Na warte, Bürschchen!“ Nachdem der erste Schock überwunden war, rüstete man sich für die Schlacht und erwarb 70 Ritter, 49 Pikeniere und 29 englische Bogenschützen. Vier adelige Helfer eilten der Stadt zu Hilfe, außerdem ließ man zur Sicherheit 79 weitere Reiter aufstellen. Bereits 3 Tage nach dem Erhalt des ersten Fehdebriefes fielen die ersten Schüsse. Doch Dortmund konnte sich auf seine robusten Stadtmauern verlassen, ja sogar die Kanonade erwidern und dabei großen Schaden unter den Angreifern anrichten. Nach beinah zwei Monaten Beschuss kam es zu einer langen Belagerung der Stadt, in dessen Verlauf es immer wieder zu Ausfällen der Dortmunder kam. Zwar hatte die Stadt größere Getreidevorräte angelegt, doch ohne Ausfälle war eine hinreichende Versorgung der Bewohner nicht zu gewährleisten (Bei einem dieser Ausfälle muss es schließlich zu jenem Vorfall gekommen sein, der heutzutage immer noch Anlass gibt, das Bochumer Maischützenfestes zu feiern. Doch dazu später mehr). Am 20. November des folgenden Jahres endete die Fehde schließlich. Die Stadt hatte erfolgreich einer Streitmacht von 1.200 Rittern standhalten können. Noch lange nach der Fehde zeugte die Redensart „So fast as Düörpm“ von der Standhaftigkeit der Stadt Dortmund. Allerdings hatte sie sich den Frieden schwer erkaufen müssen. Steuererhöhungen waren die Folge, und im Jahre 1400 kam es deswegen sogar zu Unruhen unter den Bürgern. Der Markgraf Engelbert hingegen konnte auf dicke Hose machen, ja sogar ganze Eichenbäume an die Bochumer Junggesellen verschenken. Wie kam es dazu?

Last Exit Bockholt

Wegen eines Spottgedichtes, wie es uns die Geschichtsverniedlichung weismachen will, habe der Markgraf seinerzeit die Fehde angezettelt. Wir wissen es mittlerweile besser, aber anyway. Bei einem der erwähnten Ausbrüche der Dortmunder aus der belagerten Stadt, werden die Hungernden wohl eine markgräfliche Viehherde erbeutet haben. Diese wurde nun von den Bochumer Junggesellen zurückgeholt. Man darf sich die ganze Aktion ruhig recht blutig vorstellen. Mit ein paar Fausthieben wird man es wohl nicht bewendet haben lassen damals 1388, mitten innerhalb einer Fehde. Hieb- und Stichwaffen werden verehrenden Schaden unter den Beteiligten angerichtet haben, was aufgrund der prekären medizinischen Lage umso schlimmer gewesen sein muss. Vielleicht gab es sogar Tote. Doch letztlich wurde dem Markgrafen seine Viehherde von den Bochumer Junggesellen zurückgebracht. Graf Engelbert war ob solch Servilität natürlich gerührt und gewährte den Junggesellen ein Privileg. Das Recht alljährlich am Vorabend des 1. Mai in den gräflichen Waldungen im Bockholt (heute Stadtteil Bochum-Harpen) einen ausgewachsenen Eichbaum zu fällen.

Die Junggesellen schultern den Eichbaum, überwacht werden sie dabei vom Militär. Foto: CMP

Nun hatte ich unlängst in meiner bsz-Kolumne behauptet, das Ganze sei ein „Scheißdeal“ gewesen. Nun, das stimmt nicht ganz. Ich hatte schlichtweg den Stiftungsaspekt übersehen. Immerhin währt das Privileg seit nunmehr über 600 Jahren, was in Eichen gerechnet ein kleines Wäldchen ausmachen würde. Zudem wurde nach der Aufteilung des Bockholts im Jahre 1769 der Anspruch auf den Eichenbaum durch eine Geldrente abgelöst. Die Zinsen werden den Junggesellen alljährlich in feierlicher Form ausgezahlt. Nur in symbolischer Anlehnung an das frühere Brauchtum wird heutzutage noch eine junge Eiche aus dem Bockholt geholt und in der Bochumer City eingepflanzt, als eine bürgerliche Variante des Guerilla-Gardening, wenn man so will.

Doch eigentlich ging es nie um den Eichbaum. Von Anfang an war er bloß Vorwand gewesen, um sich kräftig zu betrinken. Der Deal mit dem Grafen ging nämlich so: Noch vor Sonnenuntergang musste der Eichbaum auf den Schultern der Junggesellen nach Bochum gebracht werden. Doch was sollten die Junggesellen mit dem Baum anfangen? Wozu Feuerholz im Mai, fragt man sich. Doch jetzt kommt der Clou: Der Eichbaum wurde einem verdienten Bochumer Bürger übergeben, der im Gegenzug das Schützengelage, das heutige Maiabendfest, finanzierte. Aha, na dann mal prost, meine Herren.

Was von der ganzen Affäre blieb, ist neben dem alljährlichen Bochumer Maischützenfest ein bedauerlicherweise tiefer Argwohn gegenüber der Stadt Dortmund. Noch heute kann man diesen bemerken, wenn etwa die Anhänger des VfL Bochum den Borussen nicht die Schale gönnen. Doch auch die Geschichte hält für diese These Anschauliches bereit. So etwa der Bochumer Stadtbrand von 1517, bei dem das Städtchen beinahe vollständig zerstört wurde. (Erhärtend kam hinzu, dass zeitgleich in Bochum die Pest wütete.) Was war geschehen? Der Volksmund weiß zu berichten, dass seinerzeit der Schmied vor seinem Feuerchen eingeschlafen war. Schnell griffen die Flammen auf die anliegenden Häuser über, schließlich lag alles in Schutt und Asche. Und der Schmied? Man verbannte ihn nach Dortmund! Dieses Exil erschien den Bochumern eine weitaus schlimmere Strafe zu sein als den Schmied etwa zu vierteilen oder durch das Rad zu drehen. Kurzum: Der Argwohn gegenüber dem Nachbarn Dortmund zieht sich durch die Jahrhunderte der Bochumer Geschichte. Was schade ist, da Dortmund – und hier vor allem die Nordstadt – für den Nightlife-Cruiser viel Erlebenswertes zu bieten hat. Wollen wir hoffen, dass noch in unserer Generation von aller Zwietracht abgelassen wird. Besteigen wir den Regional-Express und verbringen die Nächte bei unserem Nachbarn mit so großartigen Künstlern wie Boris Gott, in so coolen Läden wie dem Sissy Kingkong oder der Hafenliebe. Vergessen sei all die Eitelkeit und Niedertracht.

Mit blau-weißen Grüßen

Überhaupt sollten wir in diesen Tagen die große Umarmung proben. In meinen diversen Peer-Groups galt es als selbstverständlich, für die Bochumer Maischützen mit ihren blau-weißen Fahnen und komischen Uniformen nur ein müdes Lächeln übrig zu haben. „Warum eigentlich?“, so frage ich mich heute. Lasst die Leute doch ihren Spaß haben! Die tun doch keinem was. Logo, Brauchtumspflege mag manchem freiheitsliebenden Uni-Abbrecher suspekt erscheinen. Ich aber habe ihre Programme studiert und kann garantieren, dass die Maischützen völlig harmlos sind. Und darüber hinaus bei vielen Bürgern äußerst beliebt. Im Kulturhauptstadtjahr konnten der Junggesellenhauptmann Jean-Pascal Lohof und sein Adjutant Felix Biesenkamp ihre Gäste auf dem Bochumer Bongard-Boulevard begrüßen. „Nach einem phänomenalen Einmarsch mit großer Anteilnahme der Bochumer Bürgerinnen und Bürger war die Innenstadt so belebt wie noch nie zuvor bei einem Maiabendfest“, so Lohof. In einer Selbstdarstellung der Bochumer Maigesellschaft 1388 e.V. heißt es: „In dem historischen Fest manifestiert sich seit über 600 Jahren freiheitlicher Bürgersinn, der Einsatz des Einzelnen für die Gemeinschaft und städtisches Heimatbewusstsein.“ Und weiter: „In seinem historischen Verlauf bleibt der Brauch – in seinem altüberlieferten Kern unverändert – ein Fest der Bürger, geprägt von Toleranz, ohne Rücksicht auf den sozialen Stand, den religiösen Glauben und die politische Überzeugung des einzelnen Bürgers.“ – Klingt doch annehmbar. Also seid nicht so kleinlich und trinkt ruhig mal ein Bier mit ihnen. Man muss ja nicht gleich seine Adidas-Street-Wear gegen eine Uniform tauschen.

Das Maischützenfest heute, hier auf dem Bongard-Boulevard: Mittelalterfreaks und Bratwurstkultur. Foto: CMP

An der gegenwärtigen Misere der Bochumer Jugend haben die Maischützen jedenfalls keine Schuld. Da gibt es ganz andere. So heißt es etwa im gegenwärtigen Wikipedia-Eintrag zum „Bermudadreieck (Bochum)“, letztes Update: 19. Februar 2011 um 19:50 Uhr: „In der in Bochum leicht verspätet auftretenden Zeit der Punk-Bewegung (also ca. 1979 bis 1983) wurde der zum Hinsetzen einladende Betonbrunnen zu einem (Tages-)Treffpunkt der Punks. Grund dafür war wahrscheinlich ein an der Straßenecke gelegener Drogeriesupermarkt, der Alkoholika feilbot. Ab dieser Zeit galt der für bürgerlich erzogene Jugendliche und Erwachsene tagsüber als No-Go-Area; die noch zahlreich vorhandenen Einzelhandelsgeschäfte für Stilmöbel, Geschirr, Radio und Fernsehen sowie Fotoartikel beklagten in Presse und Politik die Verlotterung der sogenannten oberen Kortumstraße.“ – Was für eine ungeheuerliche Hetze! Allein der hysterische Sprachduktus („bürgerlich erzogene Jugendliche“ versus Punks, „No-Go-Area“ etc) entlarvt das politische Kalkül des anonymen Verfassers. Mal davon abgesehen, dass der Verfasser in seiner Erregung ganze Wörter vergessen hat. Hier gilt es wachsam zu sein. Wie gezeigt, hat die Bochumer Geschichte schwer an ihren verklärenden Mythen und sonstigen Geschichtsverklitterungen zu tragen. Da braucht nun nicht auch noch falsch verstandener bürgerlicher Ordnungsinn einen Eimer Jauche drüber kübeln. Vielmehr sollten wir uns alle ein Beispiel an der erklärten bürgerlichen Toleranz der Maischützen nehmen und ein Fest feiern, „geprägt von Toleranz, ohne Rücksicht auf den sozialen Stand, den religiösen Glauben und die politische Überzeugung des einzelnen Bürgers“. Und deshalb singen wir nun gemeinsam mit blau-weißen Grüßen das Lied der 2. Kompanie:

Hell klingt durch alle Gassen ein alter neuer Schwur,

Er soll uns ganz erfassen aus Bochums weiter Flur:

Was unsere Väter geliebt, das wollen wir lieben auch

Und treu wir bleiben dem alten Brauch: Blau-Weiß nach Harpen ziehen.

Vor vielen hundert Jahren Graf Engelbert von der Mark,

Liess Dortmund bös‘ erfahren von Bochum’s harter Art:

Du sollst nicht deines Nachbarn Pferd, Kuh und Ochsen klaun,

Sonst wird man dir wie damals das Rückgrat blau verhau’n.

Als Dank für diese Taten, dass ihr sie habt versohlt,

ein Eichbaum, gut geraten, vom Bockholt wir geholt.

Drum auf ihr Junggesellen und haltet nichts vom Hohn,

Lasst uns die Eiche holen aus alter Tradition.

Die perfekte Bierkühlung

Freundschaft ist das beste Mittel gegen all die Unbill dieser Welt. Aber was machen wir jetzt mit dem Engelbertbrunnen? Wir könnten beispielsweise auf das Element Wasser verzichten und die Pumpen den Dortmundern schenken. Das wäre eine schöne Geste der Wiedergutmachung für die Belagerung vor 600 Jahren. Auch wäre ein Engelbertbrunnen ohne Engelbertstatue vorstellbar. Schließlich steht im Zentrum unserer Geschichte ja nicht der Markgraf, sondern die Bochumer Jugend. Ein Brunnen ohne Jugendliche wäre demgemäß weitaus weniger vorstellbar. So könnte die Statue ruhig an ihrem jetzigen Ersatzplatz stehen bleiben. Überhaupt ist sie für den Kunsthistoriker von eher geringem Wert, da die Originalstatue, im Stil der romantisch-kriegerischen Vorstellung eines Ritters, im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken eingeschmolzen wurde, und es sich bei dem heutigen Exponat um eine schlichte moderne Variante handelt. Der ehemalige Standpunkt lag zwischen dem Kerkweg und dem heutigen U-Bahn Zugang. In den 60ern wurde die neue Statue einige Meter vom alten Standort entfernt errichtet und als Brunnen gestaltet. Ungefähr zeitgleich mit der Etablierung der westlichen Jugendkultur. Seitdem hat sich im Laufe der Generationen an diesem Platz ein lieu de mémoire entwickelt, weshalb ein Engelbertbrunnen an jedem anderen Ort undenkbar wäre. Wichtig bleibt die exakte Verortung sowie das Vorhandensein der Jugend, repräsentative Aspekte wie die geplanten drei Wasserfontänen spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Was also tun?

Erinnern wir uns an eine Posse aus dem Frühjahr 2009. Es begab sich zu Dortmund. Für 150.000 Euro wollte die Reinoldigilde auf dem Platz von Netanya einen Brunnen stiften. Das umstrittene Ensemble aus sprudelndem Kaffeegeschirr mit Spitzendeckchen namens „Auszeit“ der Künstlerin Prof. Dr. Ursula Bertram wurde jedoch von 45 der insgesamt 88 Ratsmitglieder abgelehnt. Hilfe kam aus Bochum. Der Bochumer Fluxus-Künstler Matthias Schamp mischte sich in die Diskussion ein und plädierte für ein Brunnenmodel, das für die gesamte Region Referenzcharakter hätte haben können. Anlässlich des eher „provinziellen“ Brunnenentwurfes in Form einer bronzenen Kaffeetafel, empfahl Schamp ein von ihm selbst entwickeltes Brunnen-Modell, „das zwar nicht billiger, jedoch ästhetisch anspruchsvoller, kompositorisch ausgereifter und vor allem urbaner verankert ist.“ Der Zierpunkerbrunnen. Den Entwurf lieferte der Künstler gleich mit: „Bei einem Zierpunkerbrunnen handelt es sich um ein von einer Mauer umfasstes Wasserbecken“, so Schamp in seinem Brief. „Die Umfassung muss niedrig sein, damit Punks bequem darauf sitzen können. Eine einzelne Düse in der Mitte erzeugt eine eher niedrige Wassersäule, die aber genügend Wasserumwälzung bewirkt, um die Bierkühlung in Gang zu halten. Denn im Becken können – und sollen sogar ausdrücklich – Bierflaschen gelagert werden. Die hierzu notwendigen baulichen Maßnahmen würden nur einen geringen Teil der genannten 150.000 Euro verschlingen. Die Restsumme soll in Kleinstbeträge gestückelt und über Jahre hinweg zur Anfütterung einer lokalen Punkerszene verwendet werden. Zu diesem Zweck sollte ein vertrauenswürdiger städtischer Bediensteter in unregelmäßigen Abständen den Zierpunkerbrunnen aufsuchen und eventuell dort versammelten Punks kleine Euro-Beträge in die Hand drücken.“ – Wäre das nicht auch eine Lösung für Bochum? Allein unter ästhetischen Gesichtspunkten spräche vieles dafür. Denn „so ein Zierpunkerbrunnen ist malerisch, ohne Gefahr zu laufen, ins Kitschige abzugleiten“, schlussfolgert Schamp. Doch besonders auch in seiner sozial-geschichtlichen Funktion dürfte ein Zierpunkerbrunnen einem Engelbertbrunnen mehr als gewachsen sein. Was jetzt zählt, das ist Mut und politischer Wille. Auf dass die Bochumer Jugend auch morgen noch auf ihre großartige Geschichte zurückblicken kann.

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8 Kommentare zu “Anmerkungen zum Bochumer Engelbertbrunnen anlässlich des 1. Mai

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  • #2
    Torti

    Ehre wem Ehre gebührt !
    Habe gerade auf der LP „Total Egal“ nachgeschaut auf der Song erschienen ist und da steht Text Dieter Krebs. Wie ausschaut ist Herbert „nur“ der Sänger…

  • #3
    Pfeffer

    @Torti: Aber nicht nur, wie folgender Link beweist:

    http://www.youtube.com/watch?v=7Ra0tDtkxfs

    Unter dem nächsten Link ist neben Krebs auch noch ein gewisser H.-H. Krause als Texter angegeben:

    http://www.groenemeyer.de/musik/alben/total-egal-1982/album-information/

    Aber total egal, mein Lieblingssong auf dem Album ist eh „Anna“. Dient ansonsten als Rausschmeißer im Zacher…

  • #4
    Torti

    Stimmt, „Anna“ ist ein sehr unterschätztes Liebeslied.
    Wir in Dortmund hatten übrigens auch mal unsere Brunnenposse um den Bläserbrunnen….ja, der heisst wirklich so und liegt am Alten Markt.

  • #5
    Mark

    Lieber Herr Pfeffer, seit Ihrem Artikel sehe ich als Exil-Trierer den Engelbertbrunnen mit ganz neuen Augen. Ausserdem ist mir aufgefallen, dass nach Ihrem Artikel drei luxuriöse Tische vor dem Bratwursthäuschen aufgestellt wurden. Ein Zufall? Der Platz wirkt jetzt freundlicher. Weiter so!

  • #6
    Pfeffer

    @Mark: Danke für die Blumen. Ich hoffe nur, ich werde da noch bedient, denn ganz ohne Currywurst geht es natürlich auch nicht.

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