Anthroposophische Unternehmen: Geld und Geistesmenschen

Hauptsitz der GLS in Bochum Foto: GLS
Hauptsitz der GLS in Bochum Foto: GLS


Die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie gehört sicherlich zu den dümmsten Denkgebäuden, die in den vergangenen 150 Jahren erdacht wurden. Doch aus den wirren Ideen rund um Geistesmenschen, Astralleibern und Chroniken, die niemand je gelesen hat, ist ein beeindruckender Wirtschaftszweig erwachsen.

An der Grenze des 19. zum 20. Jahrhundert wurden die Menschen in Mitteleuropa Zeugen eines noch nie da gewesenen und alle Aspekte des Lebens betreffenden Umbruchs. Überschaubare Städtchen wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte zu unübersichtlichen Metropolen heran, statt mit Pferd und Wagen reiste man mit der Eisenbahn in bislang nicht vorstellbarer Geschwindigkeit. Das Auto, das Telefon und das Flugzeug wurden erfunden. Gleichzeitig löste sich die Ständegesellschaft auf, wurden Bürgertum und Arbeiterklasse zu den bestimmenden Klassen und begann der Abstieg des Adels. Religiöse Vorstellungen und das Selbstbild der Menschen gerieten durch die Erkenntnisse Darwins und Freuds ins Wanken. Der Mensch war nur ein Tier unter anderen Tieren, in seinem Werden den Gesetzen der Evolution unterworfen, und nicht einmal mehr der Herr in seinem eigenen Kopf. Dort lauerte verschlagen das Unterbewusstsein. Es waren gute Zeiten für Wirrköpfe und Verbrecher. Der moderne Antisemitismus entstand als eine Art perverser Bastard der Evolutionstheorie. Obskure Ideen hatten Hochkonjunktur. Eine deutsch-russische Esoterikerin, Helena Petrovna Blavatsky, entwarf eine obskure Lehre namens Theosophie: Wurzelrassen, Okkultismus und Antisemitismus. Von dem Österreicher Rudolf Steiner, einem ehemaligen Anhänger Blavatskys, wurde all das zur Anthroposophie umgemodelt. In dieser, von Steiner als Wissenschaft bezeichneten Ansammlung wirrer Gedanken, wimmelte es von Astralleibern und Geistesmenschen. Sein Wissen bezog Steiner zu einem guten Teil aus den Akasha-Chroniken, aus angeblich existierenden Büchern, die nur er lesen konnte und zu denen nur er Zugang hatte. Was drin stand, ließ sich also die praktischerweise nicht überprüfen. Und aus dieser grandiosen Ansammlung von Dummheit erwuchs ein ganzer Wirtschaftszweig. Weltweit gibt es heute über 10.000 anthroposophische oder von der Anthroposophie beeinflusste Unternehmen. In einigen Wirtschaftszweigen gehören die Esoteriker zu den führenden Unternehmen. Die von dem Anthroposophen Götz Werner 1973 gegründete Drogeriemarktkette DM ist mit einem Umsatz von über 8 Milliarden Euro, weit über 3.000 Filialen und über 50.000 Mitarbeitern die größte Drogeriemarktkette Europas. Mit 81.000 Schülern liegen die 232 Waldorfschulen auf dem lukrativen Markt der Privatschulen auf Platz drei hinter der katholischen und evangelischen Kirche. Weltweit gibt es 1.039 Waldorfschulen – auf dem boomenden Bildungsmarkt sind die Anthroposophen gut vertreten. Und auch wer die Waldorfschule hinter sich gelassen hat, kann in der Szene bleiben. Die 1982 mit Geld der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen Bank und der Krupp-Stiftung gegründete Universität Witten Herdecke war die erste private Universität Deutschlands. Es gibt sechs anthroposophische Krankenhäuser, den nach der blinden, germanischen Seherin Veleda benannten Schweizer Medizin-, Diätetika- und Naturkosmetik-Konzern Weleda, an dem die anthroposophische Gesellschaft mit einem Drittel beteiligt ist. Die Supermarktkette Alnatura hat ebenso einen anthroposophischen Hintergrund wie Demeter und Teegut.

Der Zeitgeist meint es gut mit den Anthroposophen. Seit Jahrzehnten boomt der Esoterikmarkt. Ohne jede wissenschaftliche Grundlage erscheint vielen Menschen die „Komplementärmedizin“ als Alternative zur vermeintlich kalten und apparategetrieben Schulmedizin. Ein Milliardengeschäft mit dem Glauben. Dass die Nazis ähnlich argumentierten und eine „germanische Medizin“ der „jüdischen Schulmedizin“ vorzogen, stört kaum jemanden, im Gegenteil. Die Grünen haben sich der Förderung der „Komplementärmedizin“ verschrieben, NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens wünscht sich, dass auch entsprechende Medikamente künftig verstärkt von den Krankenkassen bezahlt werden. Bislang geschieht das nur en Ausnahmefällen, denn bei Medikamenten muss die Wirksamkeit nachgewiesen werden. Wer wie Weleda darauf setzt, Metalle lebendig zu machen, hat es da schon schwer: „Das Vegetabilisieren ist ein weiterer Weg, Metalle für unsere Arzneimittel nutzbar zu machen. Dazu ziehen wir Heilpflanzen in mit Metallzubereitungen gedüngter Erde heran. Die Pflanzen verbinden sich so mit der Metallqualität. Das Metall wiederum erfährt durch die Lebensprozesse der Pflanze eine Verlebendigung, die Vegetabilisierung.“

Auch vom Bio-Boom profitieren die Anthroposophen. Ihre Supermärkte und Lebensmittelhersteller boomen. Wenn auch nicht alle. Alnatura, die 1984 von Götz Eduard Rehn gegründete Bio-Kette hat mittlerweile ein Problem. DM, der größte Abnehmer, listet Alnatura Produkte langsam aber sicher aus und ersetzt sie durch Eigenmarken und Waren des Konkurrenten Veganz. Alnatura ist zwar Bio, allerdings nicht immer vegan. Veganz, die von dem ehemaligen Daimler-Manager Jan Bredack gegründete vegane Supermarktkette, ist zwar vegan, aber nicht immer nachweislich bio, was den Lifestyle-Essern nach Jahren der Biohysterie nicht mehr so wichtig ist. Im Gegensatz zu Alnatura-Rehn hat Bredack keine Anthroposphen-Vergangenheit. In der DDR geboren ging der gelernte KfZ-Mechaniker später zu Daimler und machte Karriere. Einen Astralleib hat er nicht zu bieten, dafür eine nahezu apostelhafte Erweckungsgeschichte. Nach einem Burn-Out wandelte sich der Manager-Saulus, unterstützt von den zarten Händen einer ihn liebenden Frau, zu einem Vegan-Paulus, allerdings ohne seinen Geschäftssinn verloren zu haben. Bredack will weltweit zur größten Veganer-Marke werden und hat, wie er der Zeit sagte, elf Investoren an Bord. Das hilft, wenn man wie er zwar Visionen hat, aber noch keine Gewinne macht. DM wird normal, die alten Waldorf-Kontakte zählen nicht mehr so viel wie früher.

Gewinne, das ist für Waldorf-Wirtschaftler ein böses Wort. Wie DM-Gründer Götz Werner spricht auch der heutige DM Chef Erich Harsch lieber von „systematischer Gewinnminimierung“. DM-Bilanz-Pressemitteilungen gehen nicht auf den Gewinn des Unternehmens ein, sondern preisen den Erfolg beim Kunden, die Investitionen in die Läden und das soziale Engagement des Konzerns. Wachstum ist in Ordnung, Profit offenbar nicht. Das Manager-Magazin schätzte 2013 Götz Werners Vermögen auf 1,1 Milliarden Euro. Das ist viel Geld, allerdings deutlich weniger als Hauptkonkurrent Dirk Roßmann sein Eigen nennt: Forbes schätzt ihn aktuell auf 2,9 Milliarden Euro. Bescheidenheit auf einem so hohen Niveau, das man sich fragt, was die öffentlich Verachtung von Gewinn mehr sein soll, als gute PR.

Die zur Schau gestellte Verachtung von Gewinn gehört auch bei der GLS-Bank zum guten Ton. Unweit des Bochumer Firmensitzes prangt an einer Hauswand auf einem Großplakat der Spruch „Geld ist ein Mittel für eine menschlichere Zukunft.“ Der Böse will Geld, um Spaß zu haben, mehr davon zu bekommen und es ordentlich krachen zu lassen, der Gute ist Kunde bei der GLS-Bank. Die GLS-Bank ist soetwas wie die Lieblingsbank deutscher Journalisten. Wenn Vorstandssprecher Thomas Jorberg zur Jahreshauptversammlung lädt, hängen die meisten von ihnen begeistert an seinen Lippen. Jorberg verkündet, dass die Zukunft der menschlichen Ernährung nur durch Bio-Bauern gesichert werden könne, was zwar angesichts wachsender Bevölkerungszahlen menschenverachtender Unfug ist, dafür aber gut klingt. Für die FAZ ist er „Der gute Banker von Bochum“, der sich kaum vor Kunden retten kann, das Handelsblatt bescheinigt der Bank, sie hätte sich auf „soziale und ökologische Angebote spezialisiert.“ Sicher, die Wachstumszahlen der von Anthroposophen gegründeten GLS-Bank sind mit zum Teil 20 Prozent im Jahr beeindruckend, allerdings ist das kein Grund Jorberg ernst zu nehmen, wenn er schwadroniert, in zehn Jahren würde es die Banken, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Mit ihrer Bilanzsumme von gerade einmal 3,638 Milliarden Euro liegt sie von der Größe her zwischen der Sparkasse Fulda und der Kreissparkasse Saarlouis. Deren Vorstände würden mit so sportlichen Aussagen über die Zukunft von Wettbewerbern wie Deutsche Bank (Bilanzsumme 1.7 Billionen) oder JPMorgan Chase (2.6 Billionen) kaum ernst genommen werden. Auch vom Mythos der sozialen Bank bleibt bei näherem Hinsehen nicht viel übrig. Die GLS-Bank finanziert unter anderem Privatschulen wie die Waldorfschulen und unterstützt mit hochsubventionierten Projekten aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien die Energiewende, die wohl unverschämteste Umverteilung von unten nach oben seit dem Ende der Leibeigenschaft.

Auch im Filz der Ruhrgebiets sind die angeblichen Gut-Banker längst angekommen: Lukas Beckmann, der langjährige ehemaliger Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag und heutiger Vorstand der GLS-Treuhand sitzt im Kuratorium der RAG-Stiftung, deren Aufgabe es ist, neben der Befriedigung der Eitelkeit ihres Chefs Werner Müller, die Ewigkeitskosten des Bergbaus abzudecken.

Obwohl entstanden aus dem Denken eines wirren Geistes, sind viele Unternehmen mit anthroposophischen Wurzeln erfolgreich. Sie geben die Antikapitalisten, sind allerdings keine Postwachstumsökonomen wie Norman Paech, denn sie wissen, dass sie Geld verdienen müssen und dass dies nur über Wachstum geht. So gesehen, stehen sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden und irrlichtern nicht nur durch Vortragssäle voller vom Gedanken der Betroffenheitswirtschaft beseelten Hippies. Sie erinnern eher an die „neopuritanischen Bourgeoisie“, die Jörn Schulz 2005 in seinem Artikel „Lieber süchtig als Züchtig“ in der Jungle so treffend beschrieb: „Der Kapitalismus war zwar nie eine »Spaßgesellschaft«, in früheren Zeiten gab es jedoch zumindest ein Versprechen des Kapitalismus: Werde reich, dann kannst du jede Menge Spaß haben. Im 21. Jahrhundert dagegen kehrt der Kapitalismus zu seinen puritanischen Wurzeln zurück.“ Nur dass die Anthroposophen als Fraktion der „neopuritanischen Bourgeoisie“ sich nicht wie ihre Vorgänger dem Calvinismus verpflichtet fühlen. Die „neopuritanischen Bourgeoisie“ ist grün, und ökologisch, aber nicht weniger autoritär. Sie träumt nicht davon, sich die Erde untertan zu machen. Die Menschheit und ein paar Astralleiber reichen ihr.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World

 

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16 Kommentare

  1. #1 | Nina sagt am 21. August 2015 um 10:59 Uhr

    "Ohne jede wissenschaftliche Grundlage erscheint vielen Menschen die „Komplementärmedizin“ als Alternative zur vermeintlich kalten und apparategetrieben Schulmedizin. Ein Milliardengeschäft mit dem Glauben. Dass die Nazis ähnlich argumentierten und eine „germanische Medizin“ der „jüdischen Schulmedizin“ vorzogen, stört kaum jemanden, im Gegenteil."

    Der Vergleich mit den Nazis ist so unpassend wie geschichtsrelativierend. Ein wackliger Versuch, die eigene Sichtweise durch den Nazivergleich zu stützen.
    Aber zurück zum Thema, oder eines der Themen. Was ist an Komplementärmedizin falsch?
    Sie stellt eine Ergänzung zur konservativen Medizin dar und konkurriert nicht mit ihr. Sicher gibt es auch diese Menschen (Esoteriker), die strikt schulmedizinische Behandlungen ablehnen, aber der Begriff Komplementärmedizin sieht anderes vor. Darunter fallen zig sehr unterschiedliche ergänzende Methoden, die in der Schmerztherapie, Suchtbehandlung, Angsterkrankungen als auch in der ergänzenden Krebstherapie angewendet werden wie Phytotherapie, Entspannungstechniken, Akupunktur, Kunsttherapien etc.
    Sich diesen segensreichen Möglichkeiten zu verschließen ist schlichtweg dumm. Genauso dumm ist es, viel Geld für Placebos auszugeben oder an Fernheilung per Telefon zu glauben. Hier wird Scharlatanerie betrieben, da lohnt sich ein genauer Blick und Prüfung der "Angebote". Heilversprechen bei Krebs seitens Heilpraktikern etc. können in Deutschland zur Anzeige gebracht werden und das halte ich auch für richtig.
    Sich allerdings unbesehen der Komplementärmedizin zu verschließen halte ich für schade.

  2. #2 | TuxDerPinguin sagt am 21. August 2015 um 12:04 Uhr

    Schön, dass Stefan auf die vorbildlichen Unternehmen mit sozialem Gewissen aufmerksam macht.
    Bei meiner nächsten veganen Tofuwurst werde ich eine Bionade auf ihn trinken. Man muss sich schließlich was gönnen, bevor die Anthroposophen kommen und uns alle unterwefen

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 21. August 2015 um 13:42 Uhr

    @Nina: Es gibt eine Wissenschaft und die heißt Medizin. Alles andere ist Humbug, egal wie es sich nennt.

  4. #4 | Lutz sagt am 21. August 2015 um 14:29 Uhr

    @Nina: Wer andere Meinungen als "schlichtweg dumm" bezeichnet, sollte schon ein bisschen darauf achten, dass für eine solch herablassende Bemerkung notwendige intellektuelle Rüstzeug mitzubringen. Das ist bei Deinen Argumenten durchaus zweifelhaft:

    Es gibt keine Konkurrenz der Heilmethoden? Was für eine inhaltsleere und – offensichtlich – falsche Phrase. Da jeder Euro im Gesundheitssystem oder in den Taschen der potentiellen Patienten nur einmal ausgegeben werden kann, stehen die verschiedenen Medikamente und Therapien selbstverständlich in Konkurrenz zueinander.

    Aber die Verständnisprobleme liegen bei Dir ja schon viel tiefer. Bereits die von dir grundsätzlich vorgenommene Unterscheidung zwischen "konservativer Medizin" und "Komplementärmedizin" ist willkürlich und sinnlos. Es gibt nur wirksame Medizin/Therapien und wirkungslose Medizin. Die Wirksamkeit kann man durch Studien feststellen. Die Medikamente, die sich als wirksam herausstellen, nennst Du wohl "konservative Medizin". Wirksame Komplementärmedizin gibt es daneben nicht. Das ist eine Frage der Logik.

  5. #5 | Rainer Möller sagt am 21. August 2015 um 15:01 Uhr

    Die Anthroposophen haben es geschafft, "alternativ" zu sein, ohne (auf den Normalmenschen) bedrohlich zu wirken.
    Und sie haben es geschafft, "alternativ" zu sein, ohne sich selbst im kapitalistischen Umfeld zugrunde zu richten.
    Zwei profunde Leistungen, durch die sie zum Vorbild für alle anderen "alternativen" Bewegungen werden! Und als "kritischer Rationalist" halte ich die systematische Entwicklung von Alternativen für eine wesentliche Grundlage des Fortschritts.

  6. #6 | Sebastian Bartoschek sagt am 21. August 2015 um 15:09 Uhr

    @Nina: mal am Rande: Sind dir die homöopathischen Menschenversuche der Nazis aus den KZs bekannt? Wenn nicht, google einfach mal – und du wirst sehen, wie sehr da die einen Trottel zu den anderen gefunden hatten.

  7. #7 | Rainer Möller sagt am 21. August 2015 um 15:11 Uhr

    Den Neopuritanismus halte ich auch für bedenklich. Allerdings stört mich am meisten die puritanische Disziplinierung der Rede, nicht so sehr die Disziplinierung des Konsums, Energieverbrauchs etc. Vor allem aber: Unter allen grün-ökologischen Menschen sind doch die Anthroposophen diejenigen, die ihre nicht-ökologischen Mitmenschen am wenigsten unter Druck setzen und daher auch am wenigsten Konflikte haben..

  8. #8 | Helmut Junge sagt am 21. August 2015 um 17:59 Uhr

    Die Homöopathie ist die Homöopathie, und die anderen Methoden sind eben andere Methoden. D.h., wenn die Homöopathie unwissenschaftlich ist, muß nicht automatisch auch jede andere Methode unwissenschaftlich sein. Und das nur, weil man (z.B. Stefan) sich das gerne so einfach machen möchte.
    Nein, so einfach geht das nicht. Nicht alles was unter dem Begriff "Drogen" geordnet wird, ist giftig, obwohl es sich da viele Politiker ähnlich leicht machen. Übrigens ist nicht alles was die Pharmaindustrie gerne verkauft, wirklich wirksam. Menschen sind auch anders als Maschinen, bei denen "Handauflegen" gar nichts bringt. Trotzdem werden Menschen manchmal genau in dem Augenblick gesund, wenn jemand die Hand auf sie legt. Weil es so etwas gibt, ist es die Aufgabe der Wissenschaft, herauszufinden, warum es das gibt. Und manchmal wird sie sogar fündig. Es dauert allerdings lange, bis es in den Lehrbüchern steht. Dann aber wird diese Methode nicht mehr als esoterisch bezeichnet, wie es bei der Hypnose der Fall ist. Auch war der Begriff "Placebo" während meiner Kindheit kaum bekannt. Heutzutage wird alles, was nicht unmittelbar einleuchtet, damit erklärt. Verstanden ist die Wirkung allerdings immer noch nicht. Trotzdem sagt niemand mehr, daß die Wirkweise des Placeboeffektes unwissenschaftlich wäre. In den siebzigern wurde bekannt, daß afrikanische "Naturvölker" Schädeltrepanationen durchführen, obwohl selbst europäische Ärzte damals hohe Verlustraten dabei hatten. Und die "Medizinmänner" hatten nicht einmal einen schwachen Schimmer von Hygiene. Doch die Operierten wurden gesund. Dann fragt man sich, was die für Kräuter nehmen und lernt daraus. Ich weiß nicht, wieviele Medikamente die Pharmaindustrie aus Pflanzen gewinnt, die solche Medizinmänner seit jahrtausenden benutzen. Man muß ja nicht wissen, wie etwas funktioniert. Was die Honöopathie betrifft, ist längst nachgewiesen, daß sie die Wirkung eines zum Placebo erklärten Kaugummis hat. Trotzdem schwören viele Leute, oft Frauen, darauf. Wenn ich selber an Placebos glauben würde, würde ich allerdings Leitungswasser trinken. Da ist alles bereits enthalten, was teuren homöopathischen Tinkturen angeblich beigemischt wird. Im Leitungswasser ist wirklich alles drin, sogar in Hochpotenzkonzentrationen. Leitungswasser ist ein multihomöopatisches Medikament. Manchmal sind sogar Substanzen drin, von denen Hahnemann nicht mal wußte, daß es sie gibt. Uran, Plutonium und was weiß ich. Aber alles hochwirksam.
    Die Leute wissen gar nicht, was sie an Ruhrgebietsleitungswasser haben.

  9. #9 | Arnold Voss sagt am 21. August 2015 um 18:16 Uhr

    @ Rainer Möller

    Die Anthroposophie ist keine wesentliche Grundlage des Fortschritts, sondern ein Rückschritt. Als geistige Grundlage von Schulen und Universitäten setzt sie Menschen dabei sehr wohl unter Druck, wenn auch nur unter geistigen, denn ihr Weltbild ist antidemokratisch und antiaufklärerisch. Bei ihren sonstigen Kommentaren hier wundert es mich allerdings nicht, dass sie dafür Sympathie hegen.

  10. #10 | Rainer Möller sagt am 22. August 2015 um 17:40 Uhr

    Arnold Voss,

    dieses ganze Gerede über Fortschritt und Rückschritt beruht auf einer falschen Vorstellung von einer linearen Weiterentwicklung der Gesellschaft. In Wirklichkeit bewegt sich die Gesellschaft sehr oft im Zickzack, probiert bestimmte Problemlösungen aus und greift im Fall des Scheiterns auf ältere Lösungen zurück. Von den Akteuren kann keiner wissen, ob seine Lösung sich auf Dauer als die bessere erweist.
    Ich halte mich hier an Sokrates im "Menon". Als Menons Sklave Fehler bei der Quadratberechnung macht, hält Sokrates sich auch nicht mit Perorationen über mathematische Rückständigkeit und mathematischen Fortschritt auf (und betreibt auch keinen Science Rap), sondern er bleibt in medias res und verhilft dem Sklaven durch geschicktes Fragen zur Einsicht. Wahr ist, was bei hinreichender Ausdauer jedermann einsichtig gemacht werden kann.

  11. #11 | Selten so ein Mist gelesen! sagt am 22. August 2015 um 17:59 Uhr

    So ein Artikel kann ja nur aus dem Ruhrpott kommen… oh man(n)…

  12. #12 | Arnold Voss sagt am 22. August 2015 um 22:36 Uhr

    @ Rainer Möller # 10
    Wenn sich hier einer im Zickzack bewegt, dann sind sie es selbst, Rainer. 🙂

  13. #13 | Arnold Voss sagt am 22. August 2015 um 22:43 Uhr

    @ # 11

    Sie täuschen sich, Kritik an der Anthroposophie gibt es auch außerhalb des Ruhrgebietes:

    https://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/anthro.php

    🙂

  14. #14 | Philipp sagt am 23. August 2015 um 08:29 Uhr

    Hallo Herr Laurin,

    bei Freud gibt es kein Unterbewusstsein, dass gibt es nur im Volksmund und der esoterisch-spirtuellen Lebenshilfeliteratur. Freud spricht genau gesagt vom Bewussten, Vorbewussten und Unbewussten.
    http://hipa.at/psycho/freuds_psychoanalyse.htm

    MfG
    PK

  15. #15 | Hörix sagt am 23. August 2015 um 11:07 Uhr

    Wer mal hören möchte, wie verrückt und ballaballa das Zeug ist, aber kein Geld dafür ausgeben will, kann es sich, ironisch kommentiert, hier besorgen lassen:

    http://lesostunde.blogspot.de/2014/08/folge-6-rudolf-steiner.html
    (generelle Empfehlung für diesen Podcast übrigens)

  16. #16 | Alina sagt am 6. April 2022 um 13:21 Uhr

    Die Aufgabe medizinischer Wissenschaft ist u.a. die Erforschung von Medikamenten, aber die zu erforschenden Hypothesen sind nicht willkürlich. Wenn es schon bekanntes Wissen gibt, dass etwas nicht wirken kann, ist es überflüssig, das weiter zu erforschen. Für das Handauflegen bei der Heilung von… Krankheiten (welche überhaupt? Ohne eine spezifische Forschungsfrage ist Wissenschaft ohnehin nicht möglich) gibt es eben keine physiologisch möglichen Zusammenhang. Das heißt es gibt überhaupt keinen biochemischen Prozess, der hinter der Heilung stehen könnte. Nichts, was beim Handauflegen passiert, könnte etwas bewirken, was eine Heilung ermöglicht (es sei denn, das Gegenteil würde bewiesen, aber meines Wissens nach bleiben solche „Alternativ“Heiler*innen den Beweis dafür schuldig). Dazu zu forschen würde also ohnehin kein anderes Ergebnis bringen. Deshalb macht es keinen Sinn, Gelder, Material und Arbeitszeit hineinzustecken. Das ist besser anwendbar auf Fragestellungen, die tatsächlich noch offen sind – bei denen also tatsächlich die Aussicht besteht, ein neues Medikament bzw. Therapie zu finden oder zu verbessern.

    Ja, und erst wenn die Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist kann es überhaupt zur Zulassung kommen. Das ist eine notwendige Bedingung. https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Zulassung/_node.html
    Von genau solchen zugelassenen Medikamenten ist aber die Rede, wenn hier „Pharmaindustrie“ gesagt wird. Die Aussage, dass nicht alles, was die Pharmaindustrie verkaufe, wirksam sei, ist daher falsch.

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