10

Arye Sharuz Shalicar: „Ich bin denen ein Dorn im Auge.“

Arye Sharuz Shalicar; Foto: Privat

60 „Israelkritiker“ aus Deutschland und Israel haben am 24. Juli 2020 einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben, um  ihre Sorge wegen des „unfundierten Gebrauchs des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt.“ kundzutun.

Ziel des Angriffs: Der, im Brief nicht namentlich genannte, Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung und Arye Sharuz Shalicar. (Israel: Offener Brief an Angela Merkel)

Neben Kritik an der finanziellen und politischen Förderung der Aktivitäten des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, ist besonders der Politologe und Buchautor Arye Sharuz Shalicar ins Fadenkreuz der „Israelkritiker“ gerückt.

Der deutsch-persisch-israelische Politologe berät den israelischen Außen- und Nachrichtendienstminister und thematisiert in seinen Büchern und Artikel oftmals das Thema Antisemitismus.

Für die Ruhrbarone hatte Arye Sharuz Shalicar heute Zeit für ein kurzes Gespräch.

„Die Realität ist, dass Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren wieder zunimmt.“

Ruhrbarone: In einem offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel – veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung und im Tagesspiegel – werden der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung und speziell du angegriffen.  Vorwurf: Die, laut Urheber des Briefes, „der inflationäre und sachlich unbegründete Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs“. Sommerflaute bei den „Israelkritikern“ oder was ist da los?

Arye Sharuz Shalicar: Das sind größtenteils die gleichen Namen, die man immer wieder liest. Irgendwelche Bands und Verleger, Zimmermanns und Zuckerbergs und diese Iranerin, die sich hinter den Mullas steht. Das ist ein gruseliger Club, der nichts zu tun hat mit Meinungsfreiheit, noch mit Demokratie, noch mit gegenseitigem Respekt. Und der ganz sicher nicht irgendwas Positives für die jüdische oder israelische Sache erreichen möchte.

Ruhrbarone: Aktuell erleben wir ja, im Zuge der Coronakrise und dem Aufblühen von Verschwörungstheorien, verstärkt Antisemitismus: Da ist Atilla Hildmann der von finsteren Plänen von Weltbankern – natürlich den Rothschilds – schwadroniert und „Zionisten“ als treibende Kraft hinter dem Holocaust vermutet. Und die Relativierung der Schoah bei „Corona-Rebellen“ – die gerne mit dem „Gelben Stern“ auf der Brust auf Demonstrationen gegen die „Abschaffung der Meinungsfreiheit“ laufen. Von dieser Ironie mal abgesehen: Wieso dieser Brief, in dem ja auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, nicht namentlich kritisiert wird in gerade dieser Zeit?

„Das Menschen wie Felix Klein und ich, angeblich alle Leute die irgendwie ein Problem mit Israel haben als Antisemiten bezeichnen würde: Das ist absoluter Schwachsinn und widerlich.“

Arye Sharuz Shalicar:  Es ist absolut absurd und eine Dummheit, dass die in einer Zeit, in der Verschwörungstheorien aus allen Ecken aufkeimen, mit sowas kommen. Die sind blind der Realität gegenüber. Die Realität ist, dass Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren wieder zunimmt. Die Realität ist, dass antisemitische Taten von rechts, links und von Muslimen und teilweise aus der christlichen Ecke, dass das in den letzten Jahren zugenommen hat: Meistens sind es irgendwelche dummen Sprüche, manchmal Anfeindungen auf der Straße. Sogar in der Hiphop-Szene sind Verschwörungstheoretiker aktiv.

Das jetzt so getan wird, dass Antisemitismus kein Thema sei.

Das Menschen wie Felix Klein und ich, angeblich alle Leute die irgendwie ein Problem mit Israel haben als Antisemiten bezeichnen würde: Das ist absoluter Schwachsinn und widerlich.

Du kennst ja meine Bücher und Artikel: Es gibt kein Buch und keinen Artikel, in dem ich über ganz Deutschland herziehe oder über irgendeine Partei herziehe. Ich versuche fair zu sein.

Obwohl ich in den letzten Jahren immer höre:  „Arye, du bist naiv“, „Arye, du bist blind.“, „Heiko Maas ist kein Freund.“, „Die deutsche Bundesregierung ist kein Freund.“, „Die Kanzlerin ist kein Freund.“, „Steinmeier ist kein Freund.“

„Weißt du warum die sagen „menschenverachtend“? Weil ich Antisemiten beim fucking Namen nenne.“

Ruhrbarone: Ein Balance-Akt.

Arye Sharuz Shalicar: Ja, ich kritisiere natürlich Steinmeier. Sein Glückwunschtelegramm nach Teheran habe ich mehrmals thematisiert. Aber jetzt zu sagen: Frank-Walter Steinmeier oder Heiko Maas seien Antisemiten – das mache ich nicht. Weil man das zum einen nicht komplett unterschreiben kann und es ist auch nicht hilfreich.

Ruhrbarone: Du hast gerade deine Bücher angesprochen. Die Förderung deines Buches „Der neu-deutsche Antisemit“ wird in dem Brief als Beispiel für „menschenverachtende Aktivitäten“ bezeichnet. Du beschreibst in dem Buch deine Erfahrungen mit Antisemitismus in Berlin. Wie geht man mit so einer, auch wenn es das falsche Wort ist, „Kritik“ um?

Arye Sharuz Shalicar: Weißt du warum die sagen „menschenverachtend“? Weil ich Antisemiten beim fucking Namen nenne. Das ist für die menschverachtend. Das ist ungefähr so, wie die Ermordung der Juden im Dritten Reich – und danach, bei den Nürnberger Prozessen, war man so frech und hat die Täter beim Namen genannt. Wie kann es sein, dass ich mich traue, Linke und Rechte und Christen und Juden beim Namen zu nennen, wenn diese antisemitische Stereotypen mit ihrem Einsatz verstärken.

„Die sind an allem interessiert, nur nicht an einer friedlichen Lösung. Die sind nur an ihrer eigenen Stimme und Hass interessiert,“

Ruhrbarone: Das ist eigentlich wieder die typische Täter-Opfer-Umkehr.

Arye Sharuz Shalicar: Die Täter-Opfer-Umkehr kann man in Deutschland psychologisch ganz gut nachvollziehen. Das ist in Deutschland sehr stark verbreitet. Nicht nur in linken und rechten Kreisen, sondern auch in der Mitte. Weil keine Gespräche, mit den Eltern oder Großeltern, stattgefunden haben über das, was damals war. Aber alle sehen diese gruseligen und grausamen Bilder und Filme von damals. Und es ist sehr schwer, das zu verarbeiten. Dieses „Ich muss gucken, dass die Juden böse sind.“ Ist ein Abwehrmechanismus um das irgendwie zu relativieren.

Besuch in Berlin: Unterwegs mit der Berliner Polizei; Foto: Privat

Besuch in Berlin: Unterwegs mit der Berliner Polizei; Foto: Privat

Ruhrbarone: Der zunehmende Antisemitismus ist dann ein klares Zeichen, dass man Aufklärung über damals forcieren muss.

Arye Sharuz Shalicar: Die Frage ist, wer macht diese Aufklärung? Du merkst ja mittlerweile, es gibt Leute wie diesen Wolfgang Benz oder Reiner Bernstein, der mich verklagt und vor Gericht verloren hat. Das sind Leute, die sich vermarkten als Friedensfreunde als Menschen die für friedliche Lösungen sind. Sobald man die kritisiert, merkt man an ihrer Reaktion worum es eigentlich geht.

Die sind an allem interessiert, nur nicht an einer friedlichen Lösung. Die sind nur an ihrer eigenen Stimme und ihrem eigenen Hass interessiert.

Ruhrbarone: In diesem offenen Brief an die Bundeskanzlerin ist speziell Reiner Bernstein ja auch ein Thema.

Arye Sharuz Shalicar: Der hat mich und meinen Verlag, Hentrich & Hentrich, verklagt. Und hat verloren.

„Sie hassen starke Juden. Sie hassen Juden die sich wehren und ein starkes unabhängiges jüdisches Land. Und ich als jemand, der das jeden Tag verteidigt, ich bin denen ein Dorn im Auge.“

Ruhrbarone: Worum ging es in der Klage?

Arye Sharuz Shalicar: Ich habe ihn in dem Buch ihn erwähnt, als Menschen der Antisemitismus in Deutschland mit seinem Auftreten schürt. Reiner Bernstein hat auch eine israelische Frau und er beschäftigt sich seit ungefähr 40 Jahren mit jüdischen Themen und Israel. Und die Art und Weise wie er es macht, ist eine äußerst israelkritische Sache. Allein diese „gerechte Stimme für den Frieden in Nahost“ – das ist eine BDS-Gruppe. Das sind keine Leute, die an Israels Sicherheit interessiert sind.

Und wenn das von einem Deutschen gemacht wird, der in dem Sinne auch irgendwo Jude ist: Seine Frau ist Jüdin, seine Tochter ist Jüdin, er spricht über jüdische Themen und Israel. Wenn so einer kommt und den ganzen Tag nur über Israel herzieht, dann hat das für ich auch mit Antisemitismus zu tun.

Warum hört man von ihm keine Kritik dazu, was Erdogan mit den Kurden macht? Oder die Iraner mit den Bahahis? Oder was in Saudi-Arabien mit irgendwelchen Minderheiten geschieht?

Ruhrbarone: Oder was gerade in Syrien passiert.

Arye Sharuz Shalicar: Oder was in Syrien oder sonstwo passiert. Warum sind diese Leute komplett fixiert auf ein einziges Land. Und dieses Land, ist das einzige Land das jüdisch ist.

Sie hassen starke Juden. Sie hassen Juden die sich wehren und ein starkes unabhängiges jüdisches Land.

Und ich als jemand, der das jeden Tag verteidigt, ich bin denen ein Dorn im Auge.

Ich bin das klare Feindbild: Weil ich sie beim Namen nenne. Und weil ich keine Konfrontation scheue. Und was sie am meisten stört ist, dass sie mich nicht wirklich bekämpfen können. Weil alles was ich mache auf persönlichen Erlebnissen beruht. Ich bin im härtesten Antisemitismus auf Berliner Straßen aufgewachsen. Diese Kritiker haben keine Ahnung was auf der Straße los ist. Ich habe dazu Bücher geschrieben. Mein erstes Buch wird jetzt von Warner-Brothers verfilmt, wenn die Corona-Sache vorbei ist wird das ins Kino kommen.

Ruhrbarone: Die Realität stört die Israelritiker also?

Arye Sharuz Shalicar: Ja, das stört die. In mir sehen sie einen Feind, der sie bloßstellt. Und der Felix Klein nennt sie auch teilweise beim Namen und das stört sie auch.

Ruhrbarone: Arye, vielen Dank für das Gespräch und deine Einschätzung dieses offenen Briefes.

Arye Sharuz Shalicar: Ja, gerne.

RuhrBarone-Logo

10 Kommentare zu “Arye Sharuz Shalicar: „Ich bin denen ein Dorn im Auge.“

  • #1
    thomas weigle

    Was habe ich heute gelesen, oder gestern? "Nichts ärgert Antisemiten so sehr, als wenn man sie Antisemiten nennt."

  • #2
    nussknacker56

    Das essenzielle Recht auf Israelkritik scheint allmählich in einem Ausmaß gefährdet zu sein wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Angesichts dieser Bedrohung, der Vorstellung von gigantischen weißen Flächen in der medialen Nahost-Berichterstattung und der bedrückenden Leere in entsprechenden Kommentarspalten und Foren dürfte der Brandbrief der 60 besorgten Briefeschreiber leider falsch adressiert sein. Frau Merkel wird das Problem bloß wieder aussitzen wollen.

    Richtige Ansprechpartner wären hier die Vollversammlung der UNO sowie deren Unterorganisationen wie der Menschenrechtsrat und ähnlich kompetente Einrichtungen. Hier ist eine jahrzehntealte Kompetenz zu finden, mit diesem drängenden Problem couragiert und engagiert umzugehen. Eine offizielle Rüge der UNO könnte vielleicht noch das Schlimmste verhindern.

  • #3
    Peter Ansmann Beitragsautor

    Ich kann mir kein Problem dieser Welt vorstellen, bei dem der sogenannte "Menschenrechtsrat der UNO" (In dem die schlimmsten Despoten sitzen!) irgendeine Lösung darstellen könnte.

  • #4
    nussknacker56

    @Peter Ansmann

    Das glaube ich auch nicht.
    Ich wollte diesen wehleidigen 60 Heulsusen bloß eine Adresse empfehlen, bei der ihr Anliegen garantiert auf fruchtbaren Boden fällt.

  • #5
    Peter Ansmann Beitragsautor

    @Nussknacker: Verzeih mir. Ich hab den Sarkasmus in der Antwort komplett überlesen. 😀 Ja, das passt schon. Wir leben in traurigen Zeiten.

  • #6
    thomas weigle

    "Der Jude" muss etwas an sich haben, ein Kainsmal vielleicht, dass nur der "Wissende"erkennen kann. Jedenfalls muss es einen ungeheuren Einfluss ausüben, dass Menschen selbst in gefährlichsten Situationen, wie bspw Hitler und Goebbels in den letzten Tagen im Bunker, davon unentwegt auf Trab gehalten werden. Wie wir es auch heute erleben und oben beschrieben einmal mehr gelesen haben. Vor gar nicht so langer Zeit las ich, dass in den Kriegen zwischen dem von Feinden umzingelten Israel und den sog Palästinensern/Arabern seit 1948 etwa 20.000 Araber getötet wurden. Im selben Zeitraum wurden deutlich mehr Araber durch Araber in Kriegen und Aufständen getötet-mehr als eine Million. Nicht einmal der Krieg zwischen Hamas und derFatah löste bei den "israelkritikern" nennenswerte Reaktionen aus. Die gehören doch alle auf die Couch. Aber es gibt wohl nicht genug dieser nötigen Möbelstücke, um die alle von ihrer "Israelphobie" zu befreien. Es ist zum Knochen kotzen.

  • Pingback: Offener Brief: Gegen jeden Antisemitismus! | Ruhrbarone

  • Pingback: GLOCALIST, Tageszeitung für Innovation

  • Pingback: "Sie lügen! Sie lügen!" | Ruhrbarone

  • #10
    Berthold Grabe

    Juden werden alleine schon deshalb immer wieder zu Sündenböcken und Zielscheiben, weil das Judentum nicht nur eine Religion ist, sondern auch mit einem völkischen Anspruch einhergeht.
    Das schafft in unruhigen Zeiten immer Misstrauen und Potential Schuld zuzuweisen, besonders, wenn ein Volk dabei häufiger auch zu Wohlstand kommt aufgrund von relativ hohem Bildungstand.
    Für alle diese Faktoren gibt es auch Beispiele bei anderen Gruppen in verschiedenen Nationen.
    Ob Deutsche in Russland, Sinti und Roma, bosnische Muslime,die Reihe lässt sich unendlich fortsetzen.
    Was Israel angeht, so unterscheidet sich die Situation kaum von der der Kopten, was die Sicht der Araber angeht, obwohl sie die ursprünglichen Besitzer des Landes waren, nur mit dem Unterscheid das die Juden in Israel die Macht haben.

    Es läuft eben darauf hinaus, dass solche Gruppen im Wege stehen für bestimmte Machtinteressen bzw. "gemeinsamer Feind eint".
    Was übrigens bezogen auf die AfD bei uns auch funktioniert, wo eine inhaltliche Auseinandersetzung wesentlich nötiger wäre, aber unerwünscht ist, trotz rechtsradikaler bedenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.