Ruhr oder Berlin Teil 4 – Der Kreative als solcher

Was macht ihn eigentlich aus?  Und aus was besteht eigentlich die aktuell so viel gerühmte  „Keative Klasse“ ? Was steckt hinter dieser schon nicht mehr ganz neuen “Begriffs-Sau“ die seit einiger  Zeit durchs weltweite Medien-Dorf getrieben wird? Nach dem ich in den ersten drei Teilen die Rahmenbedingungen für Kreativität geklärt habe, möchte ich mich heute denen zuwenden, die den Kern der Sache ausmachen. Genauergesagt der Eigenschaft die sie als ihr Hauptmerkmal verbreiten: ihrer  Kreativität.

Bild: Kreativer am Samstagvormittag

Ist die eigentlich angeboren? Oder kann man die erlernen? Beides scheint der Fall zu sein, wenn man den Wissenschaftlern traut, die sich damit beschäftigen.  Seit den ersten Intelligenzdefinitionen die sich auch der Empirie zu stellen hatten, was natürlich mal wieder eine Idee des (amerikanischen) Militärs war, stand diese Frage im Raum. Welche Eigenschaften muss der Mensch haben, der in der Lage ist, etwas Neues zu  denken. Sei es weil er dazu gezwungen ist, weil die alten Problemlösungen nicht mehr funktionieren. Sei es weil  er einfach Spaß daran hat, Dinge nicht hinzunehmen wie sie sind. Sei es weil er in einem Metier beschäftigt ist dass davon lebt, dass nichts so bleibt wie es ist, wie z.B. in der Mode. Sei es weil er sich mit seiner ganzen Persönlichkeit der Berufung verschrieben hat, ein Erfinder zu sein.

Intelligenz, so stellte sich heraus,  ist nicht die Folge sondern die Voraussetzung von Kreativität. Blöde kommen – wie die meisten auch aus ihrer Alltagserfahrung wissen –  selten auf neue Gedanken und können deswegen auch schlecht Probleme lösen. Zumindest nicht absichtlich und bewusst. Umgekehrt , so fanden unsere Forscher heraus, gilt aber nicht der Satz: Je intelligenter je kreativer. Es gibt (leider) auch viele Menschen mit einem hohen IQ denen nicht viel Neues einfällt. Selbst wenn es dringend notwendig ist. Erleben wir gerade wieder, oder?

Wo also ist das Gen, das der Intelligenz z.B. eines Rechengenies die Fähigkeit, ja sogar Neigung, hinzufügt, um die Ecke oder Quer oder anders herum zu kalkulieren?  Die Sache auf den Kopf zu stellen? Sich aus den gewohnten Bahnen heraus zu katapultieren? Ob das ein richtiges Gen ist, weiß bis heute noch keiner so richtig. Aber es gibt, das weiß auch unsereins,  Menschen die für alle andreren nachprüfbar so sind. Wir nennen sie gewöhnlich unkonventionell. Nicht nur anders im Sinne von Unterschied, sondern im Sinne von gegensätzlich, zumindest aber im Sinne von sich nicht dem Gängigen fügend.   Unkonventionell eben.

Über diesen Verhaltenstypus gibt es entsprechend auch, und natürlich wissenschaftlich etwas komplizierter und ausschweifender, reichlich empirische Untersuchungen und die haben im großen und ganzen ein Ergebnis: er ist in allen diesbezüglich untersuchten Gesellschaften in der Minderheit. Auf gut Deutsch: Der Unkonventionelle ist, wie der Name es ja auch sagt, kein Herdentier.  Wenn überhaupt und allerhöchstens macht er gut ein Drittel der Bevölkerung aus.  Als Denkender aber nur!

Als Handelnder verringert sich seine Prozentzahl nochmal erheblich. Denn gegen die Konventionen zu handeln erfordert Mut , wie wir alle wissen. Und sein Auftreten hängt dazu noch von der Unterstützung der sozialen Umgebung ab. Sind alle um einen herum eher ängstlich sinkt der eigene Mut. Mit jeden weiteren Mutigen steigt er an. Auch das ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen.Bringen wir das ganze wieder mit der Kreativität zusammen so erfordert sie Intelligenz  u n d  Mut. Oft zumindest.

Wie kommt also jemand auf die Idee diese sehr besondere individuelle und zugleich nur wenigen Menschen nur unter ganz bestimmten Bedingungen zugängliche Eigenschaft mit dem Begriff der „Klasse“ zu verbinden? Also einem recht hemdsärmelig gebrauchten soziologischen Begriff der sich z.B. , wie es sein berühmtester Vertreter Richard Florida tut, mit einer oder mehreren ganz  bestimmten Berufskategorie verknüpfen lässt um sie (relativ) genau zählbar und damit räumlich und sozial  verortbar zu machen? Oder konkreter gefragt: Ist z.B. ein Architekt schon per Berufsdefinition als Kreativer zu bezeichnen?

Wer sich jeden Tag unsere gebaute Umwelt anschaut weiß: das Gegenteil ist der Fall. Das gleiche gilt z.B. für Designer, Werbe- und Modefuzzis, die mittlerweile ebenso automatisch zur Kreativen Klasse gezählt werden. Dagegen haben sich die Banker, die lange quasi als Markenzeichen für Solidität eben auch als Ausgeburt des Unschöpferischen gegolten haben, in den letzten Jahren als ausgesprochen kreativ erwiesen.  Womit augenscheinlich ein weiteres Problem der so viel gelobten Kreativität aufscheint: Kreativ in was und für wen? Oder anders ausgedrückt: Kreativität ist ähnlich wie Intelligenz und Unkonventionalität ein gefährlich inhaltsleerer Begriff. Und er ist keineswegs automatisch mit dem verknüpft, was der Begriff „Klasse“ andeutet: Elite im Sinne von verantwortlicher Führungsfähigkeit.

Jemand als Kreativen zu bezeichnen erfordert also  weit mehr als eine bestimmte  Berufsbezeichnung. Solche Personen lassen  sich nach meiner Ansicht soziologisch gar nicht erfassen. Sie tauchen viel mehr immer wieder als Einzelpersönlichkeiten aus der Masse auf und suchen sich ihren ganz eigenen Weg. Sie lassen sich deswegen auch nicht kategorisieren oder sozial oder kulturell und erst recht nicht ökonomisch einordnen.  Sie tauchen in der Unterschicht genauso auf wie bei den Reichen. Man findet sie nicht nur in den sogenannten innovationsfreundlichen Milieus und Berufsgruppen.  Aber sie sind überall in der Minderheit. Auch da wo Erfindergeist  zum Tagesgeschäft gehört.Uns sie (be)suchen sich gegenseitig, weil sich die eigene  Kreativität ohne Dialog und Außeninspiration nicht steigern lässt.

Deswegen haben sie immer schon das gebildet, was heute als „Cluster“ oder „Netzwerke“ bezeichnet wird. In der Provinz wie in den Metropolen. Ehe Richard Florida sie „entdeckt“ hat, waren sie schon lange da. Und überall machen sie immer die gleiche Erfahrung: Das ihre Kreativität über kurz oder lang den Rest der Gesellschaft nervt.  Das ihr Gebrauchtwerden immer nur auf Zeit ist. Dass sie immer nur in bestimmten Phasen, ja manchmal nur für sehr kurze Momente die Heroen der Mehrheit sind. Das wird auch dieses Mal so sein. Egal ob in Ruhr oder Berlin oder sonstwo.

Teil1, Teil 2, Teil 3

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

Opel: Opel-Verkauf verschoben…Ruhr Nachrichten

Priester-Terror: "Keinen Hass sachüren"…Der Westem

Bochum: Kampfkandidatur um CDU-Fraktionsvorsitz…Pottblog

Dortmund: Grüne enttäuscht von Prüsse…Der Westen

Essen: Dezernent für Integration?…Der Westen

Bundesregierung: Ökonomen zerpflücken Steuerversprechen…Spiegel

Baring: Mehr Sarrazins in die Politik…Welt

Ruhrgebiet: RVR kann wieder planen…Welt am Sonntag

1999: Pacta sunt servanda…Frontmotor

Kunst: Kuboshow review…Hometown Glory

Kultur: Jazz und Adorno…Exportabel

Medientage: Ringen um Web-Inhalte…FR Online

China: Fotos von der Potsapokalypse…Kueperpunk

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Netzneutralität und Aus für Stoppschilder

Die Netzsperren werden auf Eis gelegt und Schwarz-Gelb will die Netzneutralität zur Not auch mit Gesetzen durchsetzen.

Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ist fertig. Im Online-Bereich kann er sich sehen lassen: Zumindest für ein Jahr wird es keine Netzsperren geben – die FDP hat sich mit "Löschen statt sperren" durchgesetzt: "Wir sind uns darüber einig, dass es notwendig ist, derartige kriminelle Angebote schnellstmöglich zu löschen statt diese zu sperren. Wir werden daher zunächst für ein Jahr kinderpornographische Inhalte auf der Grundlage des Zugangserschwerungsgesetzes nicht sperren. Stattdessen werden die Polizeibehörden in enger  Zusammenarbeit mit den Selbstregulierungskräften der Internetwirtschaft wie der  deutschen Internetbeschwerdestelle sowie dem Providernetzwerk INHOPE die Löschung kinderpornographischer Seiten betreiben.
Nach einem Jahr werden wir dies im Hinblick auf Erfolg und Wirksamkeit evaluieren und aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse ergebnisoffen eine Neubewertung vornehmen. Vor Abschluss der Neubewertung werden weder nach dem Zugangserschwerungsgesetz noch auf Grundlage der zwischen den Providern und BKA abgeschlossenen Verträgen über Internetsperren Sperrlisten des BKA geführt oder Providern übermittelt."

Die neue Bundesregierung will auch die Netzneutralität gewährleisten: "Wir vertrauen darauf, dass der bestehende Wettbewerb die neutrale Datenübermittlung im Internet und anderen neuen Medien (Netzneutralität) sicherstellt, wer den die Entwicklung aber sorgfältig beobachten und nötigenfalls mit dem Ziel der Wahrung der Netzneutralität gegensteuern."

Auch künftig soll der Internetzugang für allzu eifrige Runterlader nicht gesperrt werden: "Wir werden keine Initiativen für gesetzliche Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP Internetsperren bei Urheberrechtsverletzungen ergreifen."

Tja, Schnarri hat wirklich keinen schlechten Job abgeliefert. Besser als die Gesetze der Großen Kolaition sind die Eckpunkte im Koalitionsvertrag zum Thema Internet allemal.

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Opel: Platzt der Magna-Deal?…Spiegel

Bund: Regierung steht…Welt

Bund II: Das neue Kabinett…FAZ

Bund III: Koalition will Steuern senken…FTD

Unperfekthaus: Speakers-Corner 2.0…Ruhr Digital

Rechte: Demo vor Naziladen…Der Westen

Dortmund: Kein Jamaika…Der Westen

2010: 360 Grad Film…Ruhr Nachrichten

Fotos: Bunt bei Nacht…Kueperpunk

Düsseldorf: Zu tief gegraben…Der Westen

Karstadt: Mitarbeiter sollen Konzern sanieren…Zeit

Limbecker Platz: Schlecht essen im Einkaufszentrum…Genussbereit

Barbara Koch: Lap Sweets…Hometown Glory

Kabarett: Schichtbeginn für Showtheater…Bild

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

Theater: Keiner kennt das Ruhrstadt-Abo…Ruhr Nachrichten

Dortmund: Rot-Grün am seidenen Faden…Der Westen

Bochum: Aus für DHL…Pottblog

Shopping: Essen will Kunden aus Düsseldorf…RP Online

Duisburg: Finanzierung des Landesarchivs unklar…Der Westen

Urheberrecht: Schwarz-Gelbplant dritten Korb…Netzpolitik

Quarks & Co: Die Macht des Internets…Wirres

IT: Open-Access-Woche…Ruhr Digital

Kuboshow: Kunstmesse in Herne…Hometown Glory

Fürth: Und wieder Strukturwandel…FAZ

 

 

…und noch eins

Die Eröffnung des Centros 1996 war eine Sensation. Die Fertigstellung des Limbecker Platzes macht klar, dass das Konzept Einkaufszentrum im Ruhrgebiet an seine Grenzen stößt.

Limbecker Platz Foto: ECE

Die Innenstädte im Ruhrgebiet sind nicht für ihre Schönheit bekannt. Im Krieg fast vollständig zerbombt und in den 50er und 60er Jahren zum größten Teil von einer Generation geschmackloser und weitgehend talentfreier Stadtplaner wieder aufgebaut, sind sie fast alle von einer seltsamen Monotonie. Die städtebaulichen Traditionen der Vorkriegszeit wurden begeistert aufgegeben. Noch in den 70er und 80er Jahren kam es aus heutiger Sicht zu unvorstellbaren Planungssünden: Die Abrisse von einstmals die Innenstädte prägenden Gebäuden wie dem alten Rathaus in Essen, dem Stadtbad in Bochum oder dem alten Hauptbahnhof in Gelsenkirchen zeigten, dass viele Planer und Kommunalpolitiker im Ruhrgebiet nicht die schnellsten waren, wenn es darum ging, aus den Fehlern der Nachkriegszeit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Begeisterung für alte Industriegebäude, pompös zur Industriekultur verklärt, lässt sich nur mit der Belanglosigkeit der Städte erklären – auch in anderen Teilen Deutschland gibt es alte Industriegebäude – aber normalerweise markieren sie nicht die architektonischen Glanzpunkte.

Und während die Innenstädte der meisten Revierstädte zusehends verödeten, begann schon in den 60er Jahren der Boom der Einkaufszentren im Ruhrgebiet. Nach dem Main-Taunus-Zentrum vor den Toren Frankfurts eröffnete 1964 mit dem Ruhr-Park das zweite Einkaufszentrum der Republik  in Bochum. Heute ist der Ruhr Park mit einer Fläche von 126.000 Quadratmetern, 18. Millionen Besuchern und einem Umsatz von 350 Millionen Euro das größte Einkaufszentrum Deutschlands. Den Preis dieser Erfolgsgeschichte kann man in der Bochumer Innenstadt sehen: Seit Mitte der 90er Jahre gibt es in Bochum kein Kaufhaus mehr, auch in guten Lagen sind 1Euro-Shops auf dem Vormarsch, und der erst vor zwei Jahren eröffnete  Massenbergboulevard sieht vor allem  an Werktagen wie ein dröger, grauer Fluss aus. Allein das lange Zeit von den städtischen Planern übersehene Bermudadreieck verströmt urbanen Charme.

Ein noch größeres Desaster lässt sich in Oberhausen betrachten. Gut, auch vor der Eröffnung des Centros 1996 war die Oberhausener Innenstadt kein Schmuckstück – die öde Marktstraße konnte nie mit Essen oder auch Duisburg mithalten, doch das Centro gab ihr den endgültigen Todesstoß. Hat das Centro wenigstens für neue Jobs gesorgt? Nein, neueren Untersuchungen nach halten sich die Gewinne und Verluste an Arbeitsplätzen die Waage.

Und nun der Limbecker Platz: Angebliches Metropolenshopping in 200 Läden. Ein Metropolenshopping, wie es jede zweitklassige US-Mittelstadt auf der grünen Wiese bietet: Von aussen wirkt das neue Einkaufszentrum kalt und abweisen, die Innenausstattung ist von erschreckender Beliebigkeit und ein Großteil der Ladenlokale sind von den ewig gleichen Ketten besetzt. Metropolenshopping? Hat das nicht etwas mit ausgefallenen, exklusiven Läden zu tun? Mit Angeboten, die man nicht an jeder Ecke bekommt?
Der Verlierer wird, wie meistens, wenn ein neues Einkaufszentrum eröffnet, die Innenstadt sein. Die Mieten werden fallen, die Leerstände zunehmen und die Ramscher ihre Zahl erhöhen. Und die Innenstädte der kleineren Nachbarstädte werden den Limbecker Platz auch schon bald spüren.

Aber hätte Essen auf den Limbecker Platz verzichten sollen? Nein, denn Essen hatte keine Alternative. Im Ruhrgebiet gibt es ein Wettrüsten der Städte: Der Ruhrpark wird ausgebaut, der Limbecker-Platz Betreiber ECE baut in Dortmund ein Zentrum, Recklinghausen und Bochum planen ebenfalls neue Malls – und auch viele kleinere Städte wollen nachrüsten. Werden all diese Zentren erfolgreich sein? Sicher nicht. Die paar Mal, die ich im Limbecker Platz war, fand ich es leer. Kaputte Innenstädte und leere Einkaufszentren – keine schöne Vorstellung.

Auch im Bereich des Einzelhandels wird man sich im Ruhrgebiet endlich zusammen setzen zu müssen, um die Schäden des Shopping-Center-Wettrüstens zu begrenzen. Und vielleicht sollte man einmal anfangen sich darüber Gedanken zu machen, wie Innenstädte in schrumpfenden Städten, in einer Region die bald schon 400.000 Einwohner weniger haben wird, an Attraktivität gewinnen können. Denn so bleiben wie es ist sollte es auch nicht.