
Kampagnen werden in den vergangenen Jahren häufiger durch Hashtags auf Twitter als durch lange, wohlformulierte und durchdachte Beiträge in Zeitungen und Magazinen ausgelöst, was man durchaus bedauern kann, denn damit geht nicht nur eine Verkürzung einher, sondern auch eine starke Betonung von Gefühlen. Und sie verengen den Blick. Natürlich sind Rassismus und Sexismus und alle weiteren „Ismusse“, von denen immer mehr die Runde machen und die bald kaum mehr jemanden interessieren werden, schlimm. Allerdings stehen sie in der Regel für einen Blick von gut ausgebildeten, jungen und meist auch attraktiven Menschen auf die Gesellschaft. Es ist der Blick derjenigen, die sich durch Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf etwas herabgesetzt fühlen, das sie als etwas für sich Identitäres empfinden und damit sind sie Teil eines Zeitgeistes, der die Betroffenheit huldigt und auch nicht hinterfragt.
Bei dem Wettlauf um die öffentliche Aufmerksamkeit spielt eine Gruppe jedoch nicht mit, die weder über einen ausgeprägte Medienkompetenz verfügt noch sich als Interviewpartner gut macht: Die Armen, die sozial Deklassierten. Es gibt kaum eine verheerendere Form der Diskriminierung, der Ausgrenzung, der Aberkennung sozialer Anerkennung als Armut und der Umgang mit jenen, die unter ihr leiden.
Sie wohnen in Stadtteilen, in denen es deutlich unsicherer ist, sind häufiger Opfer von Kriminalität und Gewalt. Während man im Prenzlauer Berg darunter leidet, einem Werbeplakat mit einer Frau ausgesetzt zu sein, die, bekleidet mit einem Bikini, für eine Autowäscherei wirbt, machen sich die Menschen in armen Stadtteilen Sorgen darüber, in die Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Clans hineingezogen zu werden oder dass ihre Kinder auf dem Schulweg von Drogenhändlern angesprochen werden.





