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Bochum: Kulturdezernent wehrt sich gegen Sparpläne

Michael Townsend

Eine gemeinsame Kommission de Stadt und des Regierungsbezirks hat für Bochum weitgehende Sparmaßnahmen vorgeschlagen. Vor allem im Kulturbereich soll gespart werden.

Das Museum soll geschlossen werden und die Freie Szene künftig zehnProzent weniger Zuschüsse erhalten. Nur zwei von zahlreichen Sparvorschlägen einer gemeinsame Kommission von Stadt und Regierungsbezirk. Interessant ist, dass die Sparkommission nicht an das geplante Konzerthaus rangeht. Stadtbüchereien sollen geschlossen werden, Freie Theater weniger Geld mehr bekommen, aber der vierte Konzerthausneubau des Ruhrgebiets innerhalb von gut zehn Jahren soll trotzdem realisiert werden. Während also Bochum über seine Stadttöchter mit Millionen den VfL Bochum subventioniert und sich auf wirtschaftliche Abenteuer wie den Steag-Kauf einlässt, soll im Kulturbereich gekürzt werden. Dagegen protestieren  nicht nur zahlreiche Kulturschaffende, sondern auch Bochums Kulturdezernent Michael Townsend. In einem Facebook-Eintrag machte Townsend deutlich, was er von den Sparvorschlägen hält:

Nachdem die FAZ schrieb “Bochum blamiert sich” oder die WAZ von heute Bochum kulturell „auf dem Weg in die Kreisklasse“ sieht, werde ich ständig auf die Haltung der Kulturverwaltung zu den Sparvorschlägen angesprochen, die eine Arbeitsgruppe der Bezirksregierung und der Stadt Bochum vorgelegt haben.

Hier ist sie:
Die Vorschlagsliste wird in einer ganzen Reihe von Punkten nicht von der Fachverwaltung mitgetragen. Dazu gehören insbesondere die Schließung des Kunstmuseums, alle faktischen Mittelreduzierungen für das ohnehin unterfinanzierte Schauspielhaus und die Fördermittel für die freie Szene. Nicht zuletzt die Unterschriften von Anselm Weber, Steven Sloane und Hans Günter Golinski unter dem Aufruf „JA zur Kultur in Bochum“ dokumentieren das nachdrücklich.

Ich betone ausdrücklich: Die Kultur ist selbstverständlich bereit, ihren Beitrag zur Haushaltskonsolidierung zu leisten. Der Gesamtumfang in den Listen jedoch (einschl. des Haushaltssicherungskonzepts 2009, das in den Gesamtumfang gehört) beläuft sich auf über 20% des gesamten Kulturbudgets, ist daher in seiner Höhe eine völlig einseitige Belastung eines Bereichs, die in dieser Höhe keinem anderen Ressort zugemutet werden und würde, wenn er vollständig so als „Sonderopfer Kultur“ beschlossen würde, beträchtliche Schneisen in die kulturelle Struktur der Stadt schlagen und das Image der Stadt als Kultur- und Wissenschaftszentrum nachhaltig beschädigen.

Glücklicherweise gibt es ausreichend Anlass dazu, davon auszugehen, dass die Vorschläge der Arbeitsgruppe, die in ihren Auswirkungen noch keine öffentliche fachliche Bewertung erfahren haben, nicht unverändert im Rat beschlossen werden.

 

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6 Kommentare zu “Bochum: Kulturdezernent wehrt sich gegen Sparpläne

  • #1
    Mao aus Duisburg

    Det Steag-Kauf wird sich schon bald zum finanziellen Desaster entwickeln – siehe Financial Times Deutschland von heute. Det Bedarf an kohlebasiertem Strom wird sich halbieren, zudem muss die steag drei altkraftwerke aus den 60er Jahren vom netz nehmen – ohne alternativen zu haben. Denn die kosten ja Geld und das hat die Steag in der vergangenheit zwar gehabt, aber nicht mehr perspektivisch. Zudem steht noch ein aktienpaket in hoehe von 600 mio euro an, dass evonik an die stadtwerke verkaufen wird. Ergo: schrumpfende einnahmen, sinkende dividende, erhoehter investitionsbedarf und ein zusaetzlicher kaufpreis

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Mao: Und das Bittere ist: Das war alles schon vor über einem Jahr klar.

  • Pingback: Links anne Ruhr (26.01.2012) » Pottblog

  • #4
    Urmelinchen

    Also ich weiß nicht, zum einen die radikalen Sparmaßnahmen der eigenen Fraktion inklusive der eingestielten Deals betrauern, sich andererseits für den Konzerthausbau stark machen.

    Und Protest über einen Facebook-Eintrag, nein Gott wie süß. In irgendwelchen Interviews gibt man sich anders, irgendwie “artig” und parteikonform.
    Da man aber zu den Guten gehören will, lanciert man diesen Kommentar, vor allem wenn man weiß, dass er von den Richtigen gelesen wird.

    PS: Kein sehr schmeichelhaftes Foto.

  • #5
    Gerd Herholz

    # 4 Urmelinchen: Warum fällt mir zu der von Urmelinchen angesprochenen Inszenierung nur ein Satz Arnfrid Astels ein, ich weiß es auch nicht:

    Zwischen den Stühlen sitzt der Liberale – in seinem Sessel.

  • #6
    Renate Neff

    Ich bin entsetzt über die Sparbeschlüsse, die das Bochumer Kulturleben unverhältnismäßig kappen wird, und über die Initiative der Piratenpartei, (eines sechs Monate alten Politneulings und Politlehrlings im ersten Lehrjahr), den längst demokratisch beschlossenen Bau des Musikzentrums zu Fall bringen zu wollen. Dabei interessiert das Plebiszit Musikzentrum Ja oder Nein diese Partei gar nicht wirklich. Sie missbraucht das Thema, um spektakulär nach Bürgerstimmen zu fischen, nicht ahnend und nicht daran interessiert, was sie da zerstört. 


    Auch nicht die direkte Demokratie liegt ihr am Herzen, sondern die Demonstration der eigenen Macht durch populistische Verführung einer uninformierten Öffentlichkeit, indem Sie mit falschen Zahlen ein demokratisch im Gemeinderat beschlossenes Projekt diskreditiert. Es gab ja bereits ein Plebiszit, nämlich, als 15 Millionen Euro von Bochumer Bürgern für das Musikzentrum gespendet worden sind.


    Ich bin kein Zahlenfuchs. Aber die Einsparung einer Summe von Betriebskosten kann in keiner Weise den Verlust aufwiegen, den die Stadt durch den allmählichen Schwund ihrer Kultur erleiden würde. Sie würde in die völlige Bedeutungslosigkeit zurücksinken. Eine graue, gesichtslose, freudlose, kreativlose Malocher-Stadt, die immer tiefer nicht nur in geistige Armut, sondern ganz knallhart weiter in materielle Armut mit steigender Kriminalität zurückfallen würde. Die jungen Leistungsträger und die Intelligenz wandern ab, mit ihr innovative Unternehmen, der Dienstleistungssektor und die komplette Kreativwirtschaft. Durch den Verlust der Gewerbe- und Umsatzsteuer wäre nun auch für den Straßenbau, den Erhalt von Gebäuden und die Grünflächenpflege kein Geld mehr da. Das Stadtbild würde allmählich verwahrlosen.

    Die eigentliche und tiefgreifende Frage ist, was bedeutet Kultur in der Gesellschaft, was bewirkt sie, wie wirkt sie auf die seelische Gesundheit und den Wohlstand des Menschen, welche Folgen hat ihre Abwesenheit, welchen Stellenwert billigen wir der Kultur im Gemeinwesen zu? Können – dürfen – Kommunen, auch wenn sie einem Zwangshaushalt unterliegen, auf Investitionen in Kultur und den laufenden Betrieb der Kulturstätten verzichten?


    Die Piratenpartei behauptet, sie könnten und müssten darauf verzichten und schiebt Basisdemokratie vor. Sie will den schon fast vollständig finanzierten Bau des Musikzentrums wegen einiger Hunderttausend Euro Betriebskosten, die sie fälschlicherweise auf zwei bis drei Millionen Euro aufpumpt, kippen. Müssen wir dann nicht auch alle anderen defizitären Häuser schließen wie Schauspielhaus, Kunstmuseum, Stadtarchiv, Jahrhunderthalle? Und sämtliche Subventionen, die private Theater und Kunstprojekte am Leben erhalten, streichen? Dürfen unsere Stadtbibliotheken dann noch neue Bücher kaufen? Ist der Betrieb solcher Kulturprojekte wie das Revierpower-Stadion noch bezahlbar? Und der Bau der Rotunde Geldverschwendung? Können wir uns einen teuren Fußballverein noch leisten? Und unsere Schwimmbäder und Musikschulen? Wozu brauchen wir noch Schulsozialarbeiter und integrativen Unterricht, Gesundheitsdienste und Schuluntersuchungen? Alles Kann-Leistungen. Es gibt noch viele davon, z.B. den Sozialpass für Sozialleistungsempfänger.

    Viele werden sagen, das sei grotesk überzogen. Nein! Das ist nur konsequent zu Ende gedacht mit ganz derselben Argumentation: Die Stadt ist pleite, wir können uns diese Investitionen, Betriebs- und Personalkosten nicht mehr leisten. Punkt!

    Wann jemals hätte eine Kommune genug Geld gehabt, um sich Kultur “leisten” zu können? Nach dieser Lesart wäre Kultur schon immer unbezahlbar gewesen. Kultur aber ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen. Menschsein war immer mit kulturellem Ausdruck verbunden.

    Die einzelnen kommunalen Aufgaben dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden!

    Wer will entscheiden, welches Ressort wichtiger ist? D.h., wer kann die Folgen des des in den Hintergrund-Tretens eines Ressorts in seiner Tragweite wirklich ermessen? Nur wer sich die langfristigen Schäden ganz klar macht und gegen den kurzfristigen Nutzen gegenrechnet, ist kompetent. Ein einfacher Bürger, dem eine einfache, vordergründig einleuchtende Frage vorgelegt wird und dem vor allem sein Portmonee wichtig ist, kann das nicht.

    Soziales, Wirtschaft und Kultur stehen gleichwertig nebeneinander. Fehlt Eines, wirken auch die Anderen nicht.

    Was bedeutet denn “Kultur” eigentlich?
    Musik und Musizieren harmonisieren den ganzen Menschen und regen Hirnareale an, die Konzentrationsfähigkeit und das Aufeinander-Hören fördern, und gestatten große Klang- und emotionale Erlebnisse. Theaterspielen lehrt, sich in andere Rollen, andere Zeiten, andere Menschen und Situationen, auch Grenzsituationen, hineinzuversetzen, hilft Empathie zu erzeugen, Zusammenhänge zu verstehen. Tanz ist der Inbegriff der Lebensfreude und der Schönheit. Malerei und Literatur lassen die Welt auf ganz eigene Weise ausloten und begreifen. Ein schön gedeckter Tisch mit zuträglichen Speisen, Tischmanieren, Gepflegtheit, Konfliktfähigkeit und rücksichtsvoller Umgang miteinander sind auch kulturelle Äußerungen und hängen eng mit dem kulturellen Klima zusammen, in dem Kinder aufwachsen. Kultivierte Menschen sind in der Mehrzahl humane Menschen, Menschen mit sozialem Engagement. Kultivierte Menschen sind maßvoll in jeder Hinsicht, aber unbedingt in der Ausübung ihrer Kunst. Kultur dient der Wahrheit, nicht der Meinung, schafft Freude, differenziert das Denken, macht frei und selbstbewusst. Kriminalität, Aggression und Gier hat unter kultivierten Menschen keinen Platz. Kultur übt Phantasie und das Denken des Noch-Nicht-Dagewesenen, ist also für den persönlichen und gesellschaftlichen Fortschritt unerlässlich. Kultur und Bildung können ohneeinander nicht gedacht werden. Kultur ist nicht für eine kleine Elite da, sondern für uns alle!

    Stellen Sie sich einmal den Zustand einer Kommune ohne kulturelles Leben vor. Sie bietet keinerlei geistige und kreative Anregung mehr. Bildung findet wegen des übergeordneten Bildungsauftrags nur noch in den Schulen bei den Kindern und bei den Migranten statt, und zwar nur insofern es die Vorbereitung auf eine berufliche Laufbahn und eine gelungene Integration betrifft, also Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Betriebswirtschaft. Keine kreative Beflügelung, kein Sich-Entfalten in Musik oder Malerei oder Tanz, keine Phantasiereisen in Literatur und Lyrik, kein Nachdenken über das Universum und das Wesen des Menschseins. Keine Entwicklung der persönlichen Integrität, kein Erforschen der eigenen Möglichkeiten, keine Menschlichkeitsentwicklung durch Kultur. Denn Ethik, Religion, Konfliktberatung müssten dann natürlich auch wegfallen. Alles überflüssig, kostet nur Geld. Ist sowieso Privatsache. Leistung und Konkurrenz ist, was zählt.

    So schliddern wir in eine unbarmherzige, unmenschliche Gesellschaft, wo jeder sich selbst der Nächste ist, nur den eigenen Vorteil im Auge hat und jeder nur nach seiner Nützlichkeit bewertet wird. Verantwortung, Gemeinschaftssinn und Menschenwürde bleiben dabei auf der Strecke!

    Jetzt geht es „nur“ um das Musikzentrum und um “nur” 20% Einsparungen bei der Kultur. Bei entsprechender Demagogie lässt sich in der so genannten Direkten Demokratie alles zur Disposition stellen. Ist das Musikzentrum erst gefallen, dann ist wohl das Kunstmuseum an der Reihe und danach … am Ende wohl die Demokratie selbst! Das macht mir Angst!

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