Clan-Kriminalität: Angewidert in Altendorf

Essen Altendorf Foto: Laurin


Mehrere hundert Angehörige verschiedene Clans lieferten sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine Massenschlägerei im Essener Stadtteil Altendorf. Ein 30jähriger wurde durch einen Messerstich schwer verletzt. Die Polizei rückte zu einem Großeinsatz aus. Die meisten Bürger haben indes keine Hoffnung mehr, dass sich die Verhältnisse in ihrem Viertel verbessern.

Der Mann steht vor einem Café an der Oberdorfstraße und raucht eine Zigarette. „Ich hab alles gesehen, aber ich sag nix.“ Dann redet er doch: Ein paar hundert Araber hätten sich am Samstag auf der Altendorfer Straße geprügelt. Mit Möbeln, Messern und Stöcken seien sie aufeinander losgegangen. Einen hätten sie in den Hals gestochen, die Polizei dann bis zum frühen Morgen die Straßen im Viertel abgesperrt. Seinen Namen will er, wie niemand, den man im Essener Stadtteil Altendorf anspricht, nicht nennen. „Ich bin hier geboren, unten an der Hamborner Straße. Damals war Altendorf ein ganz normaler Stadtteil. Wir Türken und die Deutschen lebten in Ruhe zusammen, es gab noch deutsche Geschäfte hier.“ Familien hätten hier spazieren gehen können. Es sei friedlich gewesen. Das sei vorbei. Heute würden sich die Araber hier breitmachen. „Deutschland ist dumm. Es lässt jeden rein und schmeißt niemanden raus.“ Er selbst ist Türke. „Als ich nach elf Jahren Schule und drei Jahren Lehre die deutsche Staatsbürgerschaft haben wollte, sagten sie mir im Rathaus, ich muss ein paar Jahre warten. Da habe ich gesagt: Ihr könnt mich am Arsch lecken.“

Ob die Schlägerei ein Nachspiel haben wird, die verfeindeten Gruppen bald wieder aufeinander gehen? „Es wird weiter gehen und schlimmer werden.“ Mit seiner rechten Hand formt er eine Pistole, sein Zeigefinger drückt ihren unsichtbaren Abzug. „Wenn der Junge stirbt, wird hier geschossen.“

Alles begann ganz harmlos, sagt einer, der die Szene in Altendorf kennt und selbst libanesische Wurzeln hat: „In den sozialen Medien hat einer, der zum H-Clan gehört, jemanden der beleidigt, der dem Al Zein-Clans nahe stehen soll. Man wollte sich zur Aussprache treffen und dann ist alles eskaliert.“ Aber es sei keine reine Clan-Geschichte gewesen, es gäbe auch Kontakte zu den Hells Angels. Neu ist diese Konfliktmischung nicht: Erst vor wenigen Wochen lieferten sich zwei Gruppen, deren Mitglieder von der Polizei sowohl der Clan- als auch der Rockerszene zugeordnet werden, im Duisburger Stadtteil Hamborn eine Schießerei auf dem Marktplatz des Viertels.

Es gäbe jetzt zwei Möglichkeiten, wie es weiter geht: „Entweder wird ein Friedensrichter eingeschaltet oder wir erleben bald die nächste Auseinandersetzung, die noch blutiger werden könnte.“ Friedensrichter sind Teil einer migrantischen Paralleljustiz. Sie versuchen, Konflikte zwischen Familien zu schlichten. Eine Form der Friedensstiftung ist das Blutgeld: „Ein Messerstich kann 10.000 Euro kosten. Aber beide Seiten müssen sich darauf einlassen.“ In Essen arbeitete die Justiz im Rahmen eines Modells in den Nullerjahren zeitweise mit solchen Friedensrichtern zusammen. Häufig waren es Imame. Darüber, ob es eine solche umstrittene Zusammenarbeit bis heute gibt, konnte die Polizei auf Anfrage erst keine Auskunft geben. Später erklärt sie gegenüber der Welt, „Friedensrichter sind ein Teil der in Clanstrukturen verfestigten Paralleljustiz und dienen als Instrument, um die rechtsstaatlichen Prinzipien zu umgehen. Sie stehen unserem Rechtssystem entgegen“

Die Beamten bestätigen nur, dass es bei der Massenschlägerei einen schwer und zwei Leichtverletzte gab, die Kriminalpolizei nun ermittelt, ob weitere Auseinandersetzungen drohen und dass „erste Hinweise“ darauf deuten, „dass ein Streit zwischen arabisch/syrisch/türkischen Großfamilien eskaliert ist.“

Das geschieht in Essen, in den Stadtteilen wie Altendorf, aber auch in Altenessen häufiger. 2019 eskalierte ein Streit zwischen Schulkindern zu einer Massenschlägerei, ein 18jähriger war damals fast totgeschlagen worden. In der Silvesternacht 2020/21 randalierten Clan-Angehörige in Altenessen. Der Vorfall wurde sogar im nordrhein-westfälischen Landtag diskutiert.

Die Bekämpfung der Clan-Kriminalität ist ein Markenzeichen von NRW-Innenminister Hebert Reul (CDU), der versucht die Szene mit Razzien und eine Politik der „tausend Nadelstiche“ in den Griff zu bekommen. Bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg.

Dabei war Altendorf lange Zeit kein besonders auffälliger Stadtteil. Er grenzte an das alte Werksgelände von Krupp. Die schillernden Stahlfassaden der neuen Hauptzentrale des Konzerns, der 1999 mit seinem ewigen Rivalen Thyssen zu ThyssenKrupp fusionierte, sind nur einen Steinwurf weit entfernt. Arbeiter und Studenten wohnten in den preiswerten Wohnungen. Bis heute gibt es hier ruhige Quartiere, deren Häuser von alten Bäumen umgeben sind. Aber es gibt auch die Altendorfer Straße, wo fast nur noch Angehörige von Clans wohnen, die ihre Wurzeln in den Dörfern im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei haben. Die Staatsangehörigkeit, ob türkisch, syrisch oder deutsch, spielt für die meisten von ihnen keine Rolle. Ihre Loyalität gehört den Großfamilien, zu denen sie sich zählen.

„Vor 30 Jahren bin ich nach Altendorf gezogen“, erzählt ein Rentner, der seinen Hund in der Dechenstraße spazieren führt. Es ist ruhig hier an diesem Sonntag. In einem kleinen Schaufenster wirbt der Schachverein „Lustiger Bauer Essen-West“ um Mitglieder. „Damals war es ein ganz normales Viertel. Es war nicht teuer, obwohl wir ja ganz nah an der Innenstadt sind.“ Er hätte sich dann eine Wohnung gekauft. Die will er jetzt loswerden, sie stünde schon in einem Immobilienportal zum Verkauf. „Ich will hier nicht mehr leben, Altendorf geht vor die Hunde.“ Aber einen Interessenten für die Wohnung zu finden, sei nicht einfach. „Wer will hier denn noch hinziehen?“

Die meisten, die man auf die nächtliche Schlägerei anspricht, haben von ihr am Sonntagmorgen aus den Medien erfahren oder erhielten sorgenvolle Anrufe von Freunden und Verwandten. Nur hundert Meter vom Tatort entfernt habe man nichts mitbekommen.

Dass es in Altendorf besser wird, es in Zukunft nicht mehr zu Massenschlägereien kommt, glaubt hier niemand.  Noch am Sonntag kam es zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen den Clans und mittlerweile sind auch Schusswaffen im Spiel.

Der Polizei trauen sie nicht mehr viel zu. Wütend sind die wenigsten, eher angewidert von der Hilflosigkeit des Staates, der auch nach Jahren keine Antwort auf die Gewalt findet, kurzzeitig mit Hunderten von Beamten im Viertel auftaucht, um dann wieder zu gehen und es den Clans zu überlassen.

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5 Kommentare

  1. #1 | Franz Przechowski sagt am 30. Juni 2022 um 19:38 Uhr

    Die Anarchie des Nahen Osten findet hier neuen Nährboden. Unsere Naivität und Lässigkeit holt uns böse ein. Der Deutsche Sozialstaat düngt weiterhin den vergifteten Acker stetig. Niemand möchte sich schließlich als Nazi beschimpfen lassen. Der Vorwurf prasselt sofort auf jene ein, die schmerzhafte Sanktionen fordern. Bedauerlich nur, dass Sanktionen juristisch kaum durchzusetzen sind. Unser demokratisch liberales Gesellschaftsmodell scheitert am archaischen Familienmodell

  2. #2 | Ihr mögt mich eh nicht sagt am 30. Juni 2022 um 23:10 Uhr

    Es ist traurig, dass hier durch die Blödheit ALLER demokratischen Parteien (Einzelpersonen mal ausgenommen) der AfD und anderen Rassisten der Boden bereitet wird.
    Dabei wäre es kein Problem, Flüchtlinge konform zur UN-Flüchtlingskonvention wieder abzuschieben.
    Dafür muss man aber Geld, Geduld, Ideen und politischen Willen aufbringen. Den eine Situation, die seit Jahrzehnten gewachsen ist, wird man leider nicht so schnell los.

  3. #3 | SIlvius sagt am 1. Juli 2022 um 01:03 Uhr

    Tja, wer hat die Leute gewählt, die das ermöglicht haben?

  4. #4 | Ihr mögt mich eh nicht sagt am 1. Juli 2022 um 10:10 Uhr

    @Silvius als wenn die Leute das wollten. Innere Sicherheit ist kein spannendes Thema, wer diskutiert denn schon gerne ein Thema das Rassisten anlockt wie Scheiße die Schmeißfliegen?

    Verbockt haben es alle, Politiker die lieber über unkomplexe Dinge reden, das Volk dass dabei mitmacht, und eine Presse die zwischen Sensationsgier und Geldmangel kein Thema lange und unaufgeregt verfolgen kann.

    Und das Rezept zur Abhilfe: Wie bei allen anderen Theman auch: Ignoriert die Laute Minderheiten, lernt die Grundlagen (Sozialwissenschaften, Jura, Psychologie, Philosophie und Geschichte) und sucht euch gleichgesinnte.

  5. #5 | ruhrreisen sagt am 1. Juli 2022 um 22:03 Uhr

    #1
    Und seit 2013/14 lassen die woken „Antirassisten“ die nächsten Clans aus Südosteuropa Fuß fassen und die Sozialkassen plündern- zur Wiedergutmachug des Elends, was wir ihnen im Holocoust antaten. Der Pott ist verloren.

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