Gefährlicher Irrweg: Volkswagen spart an den Mitarbeitern, schont aber einen echten Image-Killer

Bisschen übertrieben, okay, aber es trifft die Gemütslage manches Werksmitarbeiters. Grafik: DALL-E
Bisschen übertrieben, okay, aber es trifft die Gemütslage manches Werksmitarbeiters. Grafik: DALL-E


Der Autobauer Volkswagen hat ein Problem. Nicht irgendeines, das sich mit ein paar neuen Modellen und freundlichen Worten aus der Vorstandsetage wegmoderieren ließe. Ein strukturelles, echtes Problem: Der Konzern ist noch immer ein Autogigant, aber einer mit schwacher Rendite, schweren Strukturproblemen und enormem Druck auf fast allen wichtigen Märkten. 2025 lag der Umsatz mit 321,9 Milliarden Euro zwar fast auf Vorjahresniveau. Das operative Ergebnis brach aber um 53 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro ein, die operative Marge lag nur noch bei 2,8 Prozent.

Im ersten Quartal 2026 wurde es nicht wirklich besser. Der Umsatz sank auf 75,7 Milliarden Euro, das operative Ergebnis fiel auf 2,5 Milliarden Euro, die Marge lag bei 3,3 Prozent. Für einen Konzern, der Milliarden in Elektroautos, Software, Batterien, Plattformen und neue Märkte stecken muss, ist das viel zu wenig.

Großer Konzern, zu kleine Erträge

Es geht also nicht um Panikmache. Volkswagen steht nicht vor dem Untergang. Aber Volkswagen verdient für seine Größe zu wenig Geld. In China, lange eine Art Gelddruckmaschine des Konzerns, ist der Wettbewerb brutal geworden. In Nordamerika belasten Zölle und schwächere Geschäfte die Bilanz. In Europa bleibt der Konzern stark, aber auch dort frisst der Umbau Geld. Hinzu kommt eine Modellvielfalt, die teuer ist, Werke, die nicht überall ausgelastet sind, und eine Konzernstruktur, die in besseren Zeiten vielleicht noch tragbar war, in schlechteren Zeiten aber zur Last wird. Volkswagen selbst nennt für 2026 unter anderem internationalen Handelsdruck, geopolitische Spannungen, steigenden Wettbewerb und hohe regulatorische Anforderungen als Risiken.

Die Antwort aus Wolfsburg ist deshalb seit Monaten dieselbe. Sparen, umbauen, Stellen abbauen, Kapazitäten senken. Es klingt nach Strategiepapier, trifft aber Menschen. Bei der Volkswagen AG sollen bis 2030 mehr als 35.000 Stellen sozialverträglich wegfallen. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar bis Ende 2030 ausgeschlossen. Das ist wichtig. Aber es ändert nichts daran, dass Arbeitsplätze verschwinden. Es ändert auch nichts daran, dass die Beschäftigten längst Beiträge leisten. Die tabellenwirksame Entgelterhöhung von gut fünf Prozent kommt erst 2031. Zahlungen werden verschoben, gekürzt oder umgebaut. Selbst Dinge, die für viele Mitarbeiter eine hohe symbolische Bedeutung haben, etwa Jubiläumsprämien, sind zur Verhandlungsmasse geworden.

Eingriff in die Lebensplanung

Man kann all das betriebswirtschaftlich erklären. Man kann sagen, dass Volkswagen wettbewerbsfähiger werden muss. Man kann auch sagen, dass ein sozialverträglicher Stellenabbau besser ist als Werksschließungen und Massenentlassungen. Alles richtig. Nur verschwindet dadurch nicht die Zumutung, die bei den Menschen ankommt. Wer jahrzehntelang für diesen Konzern gearbeitet hat, wer Schichtdienst gemacht, Umstellungen getragen und den Erfolg von Volkswagen mit aufgebaut hat, der hört die Sparrhetorik anders als ein Vorstand. Für ihn ist sie kein abstrakter Umbau. Für ihn ist sie ein Eingriff in Sicherheit, Planung und Anerkennung. In das eigene Leben.

Und genau an dieser Stelle wird der VfL Wolfsburg zum Gesicht des Problems. Er ist nicht der Grund für den Niedergang, aber ein deutliches Symbol für vieles, was in Wolfsburg falsch läuft.

Hohn und Spott für die Mitarbeiter

Volkswagen-Chef Oliver Blume hat zum VfL zuletzt zwei Dinge gesagt, die zusammenpassen sollen, in Wahrheit aber einen gewaltigen Widerspruch offenlegen. Einerseits kündigte der Volkswagen-Chef an, beim Klub werde alles auf den Prüfstand gestellt. Andererseits bekannte er sich grundsätzlich zum Engagement. Der VfL habe große Bindungskraft für Stadt und Region, der Verein sei fester Teil von Volkswagen. Das mag in der Konzernkommunikation gut klingen. Für viele Beschäftigte wirkt es wie Hohn und Spott. Weil es an ihrer Realität massiv vorbeigeht.

Denn wenn Volkswagen wirklich sparen muss, warum wird dann ausgerechnet beim Männerfußball nicht radikal gespart? Warum wird bei Normalverdienern in den Werken jeder Euro umgedreht, während ein Bundesligaklub weiter als Konzernheiligtum behandelt wird? Natürlich retten eingesparte VfL-Millionen nicht allein die Volkswagen-Bilanz. Niemand behauptet ernsthaft, dass der Konzern nur wegen des Fußballs in Schwierigkeiten steckt. Aber darum geht es nicht. Es geht um Maß, Signalwirkung und Gerechtigkeitsempfinden. Und: um Respekt. Wenn der Arbeiter verzichten soll, darf der Fußballprofi nicht weiter wie selbstverständlich vom Konzern durchgefüttert werden.

Wer Verzicht verlangt, muss Verzicht praktizieren

Ja, man darf Arbeiter gegen Fußballprofis stellen. Nicht aus Neid, sondern weil der Gegensatz real ist. Der Mensch am Band, der Mitarbeiter in der Logistik, der Kollege in der Verwaltung sieht sehr wohl, was passiert. Er sieht, dass sein Arbeitgeber Verzicht verlangt. Er hört, dass Arbeitsplätze verschwinden. Er liest von Sparprogrammen. Und dann sieht er einen VfL Wolfsburg, der sportlich schwach, emotional blass und finanziell trotzdem gepampert ist. Da bekommt man einen Hals. Nicht in der Vorstandsetage vielleicht, wo man den Blick für die Basis verloren haben mag. Aber in den Werkshallen sehr wohl. Und erst recht außerhalb des Stammwerks, wo die Bindung an Wolfsburg und seinen Werksklub noch einmal deutlich schwächer ist.

Blumes Satz von der großen Bindungskraft des VfL ist ohnehin kaum mehr als Konzernrhetorik. Natürlich gibt es VfL-Fans. Natürlich gibt es Menschen in Wolfsburg, die an diesem Verein hängen. Aber ein emotionaler Leitverein der Region ist der VfL nicht, das war er auch nie. Die offiziellen Zuschauerzahlen zeigen es deutlich: Der VfL liegt in der Bundesliga beim Schnitt im untersten Bereich. In der Region, in der zweiten Bundesliga, gibt es aber weitere Profiklubs: Hannover 96 zieht dort deutlich mehr Zuschauer an. Der 1. FC Magdeburg bewegt sich trotz niedrigerer Liga in ähnlichen Größenordnungen. Eintracht Braunschweig liegt offiziell zwar knapp darunter, hat aber eine gewachsene Anhängerschaft, eine andere Stadiongröße, andere wirtschaftliche Voraussetzungen und vor allem deutlich mehr echte Bindung, als die nackte Durchschnittszahl vermuten lässt.

Zahlen als Beweise gegen Blumes Rhetorik

Verlässt man die Region, wird es in diesem Vierkampf sogar noch deutlicher: Während Hannover und Magdeburg auswärts im Schnitt 3000 Fans mitbringen und auch Eintracht Braunschweig noch auf 2000 kommt, sind es beim Erstligisten VfL Wolfsburg gerade einmal 1300 (Fun fact: Selbst Drittligist VfL Osnabrück zieht auswärts etwa 100 Fans mehr mit). Da man davon ausgehen kann, dass die Auswärtsfans nicht lediglich aus der Heimatregion der Gästeklubs kommen, ist das ein starkes Indiz dafür, wie die vier Teams bundesweit wahrgenommen – und geschätzt – werden. Hannover 96, Eintracht Braunschweig und der 1.FC Magdeburg sind also Fußball spielende Beweise gegen Blumes Rhetorik. Bindungskraft darf man allen drei attestieren. Dem VfL Wolfsburg aber ganz sicher nicht.

Beim VfL muss man außerdem vorsichtig sein, wenn man Zuschauerzahlen mit Fanbindung verwechselt. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Karten rechnerisch ausgegeben oder in Statistiken gezählt werden. Entscheidend ist, wie viele Menschen tatsächlich kommen, zahlen und emotional an diesem Klub hängen. Der VfL arbeitet seit Jahren mit vielen Freitickets und vergünstigten Karten. Wer die Region kennt, weiß, dass ausgegebene Tickets nicht automatisch besetzte Plätze bedeuten. Schon die offiziellen Zahlen sind für einen dauerhaft erstklassigen, massiv finanzierten Klub erstaunlich schwach. Die tatsächliche emotionale Verankerung dürfte aber noch schwächer sein.

Das Herz der Fußballregion schlägt anderswo

Der VfL ist im Männerfußball nie zu dem geworden, was Volkswagen offenbar gern hätte. Kein Verein, an dem das Herz der Fußballregion hängt. Kein natürlicher Magnet für Südostniedersachsen. Kein Klub, der Hannover 96 oder Eintracht Braunschweig aus den Köpfen verdrängt hätte. Eher das Gegenteil. Für viele Fußballfans riecht Wolfsburg bis heute nach Plastik. Nach Marketingabteilung. Nach Werksschutz statt Kurve. Der Klub ist beliebt wie Fußpilz, zumindest in weiten Teilen der Fußballlandschaft zwischen Harz, Heide und Hannover. Das ist hart formuliert, aber näher an der Wirklichkeit als die Behauptung, hier habe Volkswagen ein emotional starkes Regionalprojekt geschaffen.

Die Anhänger des VfL Wolfsburg wussten es schon vor Jahren: Sie werden auf ewig hinter sich bleiben. Quelle: x.com/Sportkultur
Die Anhänger des VfL Wolfsburg wussten es schon vor Jahren: Sie werden auf ewig hinter sich bleiben. Quelle: x.com/Sportkultur

Der eigentliche Marketingfehler liegt weit zurück. Volkswagen hätte sich stärker bei den gewachsenen Klubs der Region engagieren können. Bei Hannover 96, bei Eintracht Braunschweig, vielleicht in anderer Form auch bei mehreren Vereinen zugleich. Dort war das Herzblut längst vorhanden. Dort gab es Tradition, Rivalität, volle Kurven, echte Fußballkultur. Stattdessen hat der Konzern seinen eigenen Bundesligisten gebaut und über Jahrzehnte mit Unmengen von Geld stabilisiert. Man darf gar nicht zu lange darüber nachdenken, wo Hannover oder Braunschweig heute stünden, wenn sie auch nur einen Bruchteil dieser Unterstützung bekommen hätten. Vielleicht hätte Norddeutschland heute einen Klub, der dem FC Bayern München sportlich dauerhaft nähergekommen wäre. Stattdessen steht da ein teures Konzernprodukt, das selbst mit Meisterschaft, Pokalsieg und Europapokaljahren nie geliebt wurde.

Marktgerecht ist der VfL nicht einmal ansatzweise 70 Millionen Euro wert

Genau deshalb ist die Höhe der Volkswagen-Unterstützung so schwer vermittelbar. Öffentlich ist von mehr als 70 Millionen Euro pro Jahr die Rede, seit Beginn des Engagements sollen es dem Vernehmen nach annähernd drei Milliarden sein. Darin stecken nicht nur die Männerprofis, sondern auch Frauenfußball, Nachwuchs, Infrastruktur und weitere Leistungen. Das muss man fairerweise sagen. Aber die Größenordnung bleibt absurd, wenn man sie am tatsächlichen Werbewert des Männerteams misst. Ein marktgerechtes Sponsoring müsste sich an Reichweite, Image, Sympathie und tatsächlicher Bindung orientieren. Dann wäre man nicht bei 70 oder 80 Millionen. Dann wäre man eher bei einer nüchternen Trikotpartnerschaft, vielleicht vier Millionen, bei klar begrenzten Leistungen des Sponsors. Alles andere ist keine Werbung. Es ist Konzernsubvention. Und tatsächlich ist der VfL kein Wettbewerbsteilnehmer wie die anderen. Er ist eine hundertprozentige VW-Tochter. 50+1 hat hier in den letzten Jahrzehnten keine Rolle gespielt. Das macht es noch ärgerlicher für die Nachbarn, die sich an die Regeln halten und um jeden Cent für ihren Etat kämpfen müssen.

Volkswagen muss den VfL dabei gar nicht nicht komplett aufgeben. Das wäre bei einem Bestandteil des Konzerns weder nötig noch richtig. Der Konzern müsste ihn nur in die Realität entlassen. Das Männerteam müsste lernen, mit dem zu wirtschaften, was ein Klub dieser tatsächlichen Strahlkraft am Markt erlösen kann. Keine Sonderwelt mehr. Keine Konzernmillionen, die jeden sportlichen und strukturellen Irrtum abfedern. Keine künstliche Bundesliga-Normalität. Wenn der VfL dann kleiner wird, ist das kein Skandal. Es wäre nur die Rückkehr zu den Verhältnissen, die ohne den Dauerzugang zur Konzernkasse längst sichtbar wären. Dann spielt man – im Männerfußball – eben in der Dritten Liga. Es wäre ehrlich und sauber.

Wie ein Cheat-Code im Fußball-Manager-Spiel

Und es wäre für die umliegenden Klubs ein Signal, dass gute Arbeit sich lohnen kann. Dass sie nicht mehr mit jemandem konkurrieren müssen, der einen Cheatcode für Geld im Bundesliga-Manager-Spiel besitzt. Vielleicht versteht man es bei Volkswagen besser, wenn man diese Konstellation auf den deutschen Automarkt umlegt. Man stelle sich vor, wie man bei Volkswagen fluchen würde, wenn zum Beispiel Opel plötzlich ein hundertprozentiges Staatsunternehmen wäre, dessen Fehlentscheidungen keinerlei Auswirkungen hätte, weil regelmäßig frisches Geld ins Unternehmen gespült wird. Den Aufschrei würde man wohl weit, sehr weit, hören.

Anders sieht es dagegen bei der Frauenmannschaft aus. Dort hat Volkswagen tatsächlich ein Aushängeschild geschaffen. Die Frauen des VfL Wolfsburg arbeiten nachhaltig, sind sportlich erfolgreich sowie national und international bekannt. Sie haben Titel gewonnen, Strahlkraft aufgebaut und stehen für etwas, das man einem Konzernengagement viel besser abnimmt als den dauerfinanzierten Männermissbetrieb. Wenn Volkswagen hier Geld ausgibt, lässt sich das erklären. Wahrscheinlich sogar gut. Der Frauenfußball ist kein Feigenblatt, sondern einer der wenigen Teile des VfL-Projekts, die wirklich funktionieren.

Symbolproblem VfL

Beim Männerteam ist die Lage anders. Dort kostet der VfL viel, bringt wenig und erzeugt in der aktuellen Volkswagen-Krise zusätzlichen Ärger. Genau das scheint der gebürtige Braunschweiger Blume zu ignorieren oder wenigstens zu unterschätzen. Es reicht nicht, den Verein rhetorisch auf den Prüfstand zu stellen, wenn am Ende wieder nur ein wenig rumoptimiert wird. In einer Zeit, in der die Werksmitarbeiter verzichten sollen, in der Existenzen auf dem Spiel stehen, braucht es mehr als kleine Korrekturen. Es braucht ein klares Signal, dass der Sparkurs nicht nur unten ankommt.

Volkswagen muss nicht alles streichen. Aber Volkswagen muss aufhören, den Beschäftigten zu erklären, warum ihr Verzicht notwendig ist, während beim ungeliebten Männerfußball weiter eine andere Logik gilt. Unbeliebt, teuer, wettbewerbsverzerrend: Der VfL Wolfsburg ist nicht das größte Problem des Konzerns. Aber er ist eines seiner sichtbarsten Symbolprobleme. Und manchmal reicht ein Symbolproblem zuviel, um Vertrauen zu zerstören.

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