Corona und Katastrophenschutz: Ende gut, alles gut?

Corona in einer Bearbeitung von K. Gercek

Zum 60. Mal seit dem 15. März 2020 unterhalten sich die Ruhrbarone mit Magnus Memmeler.  Das wird vorerst das letzte Interview zum Thema sein. Bis heute sind 59 Interviews entstanden, die auf den Katastrophenschutz blicken und die Corona-Krise nachzeichnen. Im 60. Interview geht es um den fehlenden Impfstoff, eine Bundes-App mit Startproblemen, um einen Gesundheitsminister, der wieder mit Millionen um sich wirft, um den Katastrophenschutz im Wandel und einiges mehr. 

Ruhrbarone: Hallo, Herr Memmeler. Endlich wird es Frühling, die Temperaturen knacken die 20-Grad-Marke und passend dazu können wir uns alle über zahlreiche Lockerungen freuen. Welche Erkenntnisse brachte der Impfgipfel?

Memmeler: Ja, endlich ist Frühling. Die zurückliegenden 14 Tage mit viel Regen und Wind haben uns alle in den wenigen möglichen Aktivitäten zusätzlich eingeschränkt, weshalb die aktuellen Lockerungen verständlicher Weise von allen begrüßt werden. Leider fällt das Begrüßen der Lockerungen manchmal zu freimütig aus und führt deshalb lokal auch immer wieder zum Anstieg bei den Infektionszahlen. Bestes Beispiel hierfür sind erneut Meldungen von der Urlaubsinsel Sylt.

Nach positiven Corona-Tests bei sieben Mitarbeitern in zwei Sylter Restaurants hat der Kreis Nordfriesland mehr als 1100 Kontaktpersonen ermittelt. Möglich war dies in so kurzer Zeit, da auf Sylt vorwiegend die Luca-App eingesetzt wird, die zu Recht wegen Datenschutzmängeln kritisiert wird.

Diese App verfügt aber, wie bereits mehrfach beschrieben, über eine direkte Anbindung an die Gesundheitsämter, weshalb eine schnelle Kontaktermittlung viel besser möglich ist, als bei der dezentralen Datenspeicherung durch die Corona-Warn-App des Bundes.

Wie auch beim Infektionsgeschehen an einem Standort der Deutschen Bahn in Fulda wo es zu einem größeren Corona-Ausbruch kam, zeigt der Vorfall auf Sylt, wie wichtig es nach wie vor ist, Mitarbeitende regelmäßig zu testen. Von den 600 Mitarbeitenden der Bahn in Fulda wurden bisher 60 Arbeitskräfte positiv auf das Coronavirus getestet.

Der Hinweis auf die Relevanz der Fortsetzung von Schnelltests in Betrieben und auch bei den sogenannten Bürgertestungen erfolgt aktuell von zahlreichen Gesundheitsbehörden, da Arbeitgeberverbände die aktuellen Arbeitsschutzvorgaben massiv lockern wollen und in vielen Regionen der Einkauf inzwischen ohne Schnelltest möglich geworden ist.

Zahlen aus Großbritannien und vor allem aus Schottland zeigen, wie sich umfassende Lockerungen in allen Bereichen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Obwohl auf der Insel bereits wesentlich mehr Menschen über einen umfänglichen Impfschutz verfügen, als das in Deutschland der Fall ist, ist es dort, nach dem Wegfall aller Einschränkungen, zu einem Anstieg der Neuinfektionen um 15% gekommen. Zu viele Lockerungen, besonders wenn diese ohne begleitende Tests stattfinden, bergen das Risiko, dass wir so nur temporär Frühling und begleitende Lockerungen genießen können. Die bundesweite Inzidenz von 37,5 am Samstag sollte uns nicht zu leichtsinnig werden lassen.

Zusätzlich müssen wir behördlich geregelten Unfug abschaffen. Nehmen wir das Beispiel Sylt. Die über 1.100 Kontaktpersonen haben sich ordentlich registriert und einem Schnelltest unterzogen, um Restaurants besuchen zu können. Die sieben Mitarbeitenden in den Restaurants, sehen sich aber nur einem freiwilligen Schnelltest gegenüber gestellt, den Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden anbieten müssen. Wenn schon, denn schon! Berufsgruppen, die mit derart vielen Menschen in engen Kontakt kommen, sollten verpflichtend zwei Mal pro Woche getestet werden, bis vollständiger Impfschutz besteht.


Magnus Memmeler mit Maske Foto: Privat

Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutz-konzepten.

 

 


Laut NRW – Verordnung dürfen Bordelle und Swingerclubs bei einer Inzidenz unter 35 wieder öffnen. Clubs und Diskotheken jedoch erst ab dem 1. September. Für den Besuch eines Biergartens unter freiem Himmel, also mit nachweislich geringer Aerosolbelastung, benötigen wir den Nachweis eines Schnelltests, der vollständigen Impfung oder der Genesung. Eine Boutique oder andere Einzelhandelsgeschäfte, die in geschlossenen Räumen ihre Waren anbieten, kann ich inzwischen jedoch ohne jeden Testnachweis oder bestehenden Schutz besuchen. Finden Sie den Fehler.

Positiv ist, dass Schwellenwerte endlich eine Art Ampelsystem darstellen, an denen sich Bürgerinnen und Bürger und Gewerbetreibende recht gut orientieren können.

Inzidenz bis 35: stark gelockerte Regeln (Inzidenzstufe 1)

Inzidenz über 35 bis 50: gelockerte Regeln (Inzidenzstufe 2)

Inzidenz über 50 bis 100: verschärfte Regeln (Inzidenzstufe 3)

Inzidenz über 100: sehr scharfen Regeln („Notbremse“)

Schärfere Regeln treten erst dann in Kraft, wenn die Inzidenz 35, 50, 100, 150 oder 165 an drei aufeinanderfolgenden Tagen überschritten ist. Die verschärften Regeln gelten dann ab dem übernächsten Tag. Lockerungen treten dann in Kraft, wenn die Inzidenz an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen unterschritten ist. Die gelockerten Regeln gelten dann ebenfalls ab dem übernächsten Tag.

Was in welcher Region bei welcher Inzidenzstufe möglich ist, ist leider noch immer abhängig vom Aufenthaltsort, da die Bundesländer weiterhin völlig uneinheitlich verfahren. Auch beim Urlaub innerhalb von Deutschland, ist eine kurze Webrecherche weiterhin zu empfehlen, wenn man keine unliebsamen Überraschungen erleben will. Wenn man so will, leistet hier der Föderalismus einen Beitrag zur digitalen Ertüchtigung der Bürgerinnen und Bürger. Ironie endet.

Die Ergebnisse des Impfgipfels kann man wohl am ehesten zusammenfassen, wenn man den NRW Gesundheitsminister Laumann zitiert, der sich in dieser Woche in einer Talkshow mal etwas Luft gemacht hat.

„Dass wir die Impfpriorisierung aufheben, dafür bin selbst ich. Weil die Prio 3 so groß ist – ich muss es ja umsetzen in einem Land – die ist gar nicht beherrschbar, um das mal ganz klar zu sagen. Da sind ganz viele Berufsgruppen reingeschrieben worden, mit Millionen von Leuten. Dann ist da noch reingeschrieben worden ‚wer so arbeitet oder so wohnt, dass er ein höheres Ansteckungsrisiko hat, gehört auch zu Prio 3‘, dann bin ich bei Dreiviertel der nordrhein-westfälischen Bevölkerung.

Also eine solche Prio brauche ich nicht, die bringt mir nur Ärger! Dann sagen auf einmal die Leute, die bei Finanzämtern arbeiten ‚Warum werde ich nicht geimpft? Warum ist die Müllabfuhr wichtiger wie die Kraftwerker‘, das ist nicht zu handeln. Und wenn man dann so ein Ding da hat, dann ist mir lieber wir haben gar keine mehr.“

Die Kassenärztliche Vereinigung befürchtet indes chaotische Zustände in den Arztpraxen, da die mangelhafte Verfügbarkeit von Impfstoff nun auf eine noch größere Anzahl von Impfberechtigten trifft. Verschärft wird die Situation dadurch, dass der Impfstoff nun auch mit Betriebsärzten geteilt werden muss, die ebenfalls in das Impfgeschehen einsteigen. Wenn Herr Spahn, wie aktuell geschehen ankündigt, 6,4 Millionen Impfdosen für Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr reservieren zu wollen, um möglichst vielen Schülern einen Impfschutz ermöglichen zu können, wird es nicht wirklich leichter die Mangelverwaltung zu beschönigen.

Neben der Erkenntnis, dass nun auch Biontech für die kommenden 14 Tage reduzierte Impfstofflieferungen angekündigt hat, bleibt einzig die um einen Monat nach hinten verschobene Einführung des digitalen Impfnachweis als verlässliches Ergebnis, welches uns auch wieder unnötig viel Geld abverlangen wird.

Ruhrbarone: Das Impfen und der damit verbundene Nachweis scheinen zu einem Dauerproblem zu werden. Warum gibt es erneut Verzögerungen und warum wird der Nachweis unnötig teuer?

Memmeler: Entgegen der Ankündigung der letzten Wochen, der digitale Impfnachweis würde uns Ende Mai oder in der ersten Juniwoche zur Verfügung stehen, wurde der Start nun auf Anfang Juli verschoben, was ich erst glaube, wenn die App in den Stores abrufbar ist. Unter anderem haben sich wieder Datenschützer gemeldet, die sich mehr Zeit zur Prüfung des Verfahrens gewünscht haben. Ein Dilemma besteht darin, dass die bundesdeutsche Lösung erneut nur eine dezentrale Speicherung von Daten auf den Endgeräten vorsieht und die EU-Lösung eine zentrale Datenbank fordert, in der alle relevanten Daten zentral gespeichert werden.

Ein weiterer verzögernder Faktor ist, dass das erforderliche Rollout der Software, zur Generierung der Bestätigung in Arztpraxen, Impfzentren und zusätzlich auch Apotheken noch nicht wirklich fortgeschritten ist. Diese drei Stellen sollen zukünftig die derzeit analogen Angaben in Impfausweisen erfassen und zur Prüfung an das RKI übermitteln, was nach wie vor teurer Unfug ist, wie ich hier gerne kurz beschreiben würde.

Datenerfassung in Apotheken und Arztpraxen: 18,00 €

Zum Verständnis sollte erwähnt werden, dass jede Impfung sowohl an das RKI und die zuständige KV übermittelt werden muss. Aus diesem Grund müssen die Daten zu bis heute stattgefundenen Impfungen, zukünftig aus den Impfnachweisen abgetippt werden, um diese in das digitale Meldesystem an das RKI zu überführen, wo eine Plausibilitätsprüfung stattfindet, um dem Impfling sodann einen QR – Code zusenden zu können, der den digitalisierten Impfnachweis ermöglichst. Diese Datenerfassung in Apotheken und Arztpraxen ist uns 18,00 € pro Impfling wert.

Aktuell reden wir also von ca. 37 Millionen begonnenen Impfserien. Bis zum Juli werden noch reichlich analog erfasste Impfungen hinzukommen, die in das System übernommen und an das RKI übermittelt werden müssen. Bei bislang 37 Millionen Impfnachweisen, lassen wir uns diesen Spaß also 666.000.000,00 € zuzüglich Rollout der Software kosten, statt die KV aufzufordern, dem RKI die valide erfassten Impfdaten zu übermitteln. Diese Summe entspricht ungefähr 226.000 Raumluftfilteranlagen, die in Schulklassen installiert werden könnten.

Richtig absurd wird das ganze dadurch, dass die digitalen Impfnachweise weiterhin nicht verpflichtend gestellt werden und der alte WHO- Nachweis, der laut BKA inzwischen tausendfach gefälscht wurde, weiterhin seine Gültigkeit behält. Ich denke, dass wir unterstellen können, dass jeder tatsächlich Geimpfte sich bemühen wird, diesen digitalen Nachweis zu erhalten, der vom RKI in Papierform übermittelt wird, was Dank QR-Code gut funktionieren sollte. Überspitzt könnte man sagen, dass wir mindestens 666 Millionen Euro für NICHTS ausgeben. Musst Du Dir einfach mal leisten können.

Schauen wir einfach, was die derzeit laufenden Feldversuche in den Impfzentren in Köln, Düsseldorf, Borken und andernorts ergeben, wo das noch junge System in Impfzentren einem Feldversuch unterzogen wird, um eventuelle Kinderkrankheiten in der Software zu erkennen. Wichtig ist meines Erachtens, dass jedem klar sein sollte, dass der Nachweis, der vom RKI versendet wird, unbedingt aufbewahrt werden sollte, da die BRD dauerhaft nur die dezentrale Datenspeicherung auf Endgeräten vorsieht, um so zentralen Hackerangriffen entgegenzuwirken. Das heißt leider auch, dass der Verlust oder der Totalausfall des Mobiltelefons den Wegfall des Impfnachweises bedeutet.

Nach dem Impfgipfel wetteifern nun Schülerinnen und Schüler, Risikogruppen und Urlaubswillige um möglichst rasch eine Impfung zu erlangen. Wirklich krass ist aber, welche Rolle hierbei die Urlaubsplanungen einnehmen. Zahlreiche Eltern nennen den Urlaubswunsch als Hauptgrund, die eigenen Kinder impfen lassen zu wollen und viele Urlaubswillige fordern einen verkürzten Impfintervall zwischen erster und zweiter Impfung, um den geplanten Urlaub nicht verschieben zu müssen, obwohl dies den erlangten Impfschutz nachweislich reduziert.

Angesichts der stetig größer werdenden Bevölkerungsgruppe, die mit Biontech geimpft werden sollte, haben viele vom Impfgipfel erwartet, dass die Impfstoffe von Johnson und Johnson und Astrazeneca für alle Mitmenschen 60+ als verbindlich beschrieben werden, damit ab Herbst auch ausreichend Impfstoff für die ersten Auffrischungsimpfungen zur Verfügung steht, die für die Personen anstehen, die bis März bereits vollständig geimpft wurden. Diese Hoffnung ging allerdings erneut nicht in Erfüllung.

Bis zum Erlangen der Herdenimmunität wird in der Bundesrepublik noch reichlich Zeit vergehen. Und auch danach gilt, dass wir wahrscheinlich dauerhaft mit dem Virus leben lernen müssen, da dieser immer wieder zu endemischen Infektionsgeschehen führen wird, wie wir es bislang von der Grippe kannten.

Ab jetzt müssen wir beginnen, uns die Frage „lesson learned?“ zu stellen, um Fehlerwiederholungen zu vermeiden und um Defizite abzustellen, die diese Pandemie immer wieder schonungslos offengelegt hat. Ein erster Fortschritt ist sicherlich das Impfangebot in Infektionshotspots, die es in allen Großstädten gibt, um ungeachtet von Priorisierungen einen nachhaltigen Beitrag zur Infektionsausbreitung zu leisten.

Ruhrbarone: Die Frage nach der Lernfähigkeit des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes haben Sie ja auch immer wieder  gestellt. Können Sie da Fortschritte feststellen?

Memmeler: Ich denke, dass momentan eine große Chance besteht, die Politik davon zu überzeugen, dass politisch und parlamentarisch legitimierter Expertenrat in Krisen unbedingt eingebunden werden sollte. Fraktionsübergreifend beschäftigen sich die bundesdeutschen Parteien derzeit mit notwendigen Verbesserungen im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Diesen Prozess gilt es nun eng zu begleiten, damit nicht erneut nur Befindlichkeiten zwischen Bund und Ländern befriedigt werden, ohne dass erkannte Fehler im System nachhaltig angegangen werden.

Es kann und darf nicht bei der am 22. Mai von Herrn Schuster, Präsident des BBK, gelieferten Erkenntnis bleiben, die er als persönliches Fazit verkündete. Nach Ansicht des Präsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster, ist Deutschland gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Den Aufbau der „Nationalen Reserve Gesundheitsschutz“, die einem zukünftigen Mangel an Schutzmaterial vorbeugen soll, und die weitere Ertüchtigung der Warn-App Nina als seine beiden Kernprojekte zu beschreiben, um zukünftigen Herausforderungen angemessen begegnen zu können, ist selbstverständlich viel zu kurz gesprungen.

Das BBK fand in dieser Pandemie schlicht weg nicht statt

Das BBK fand in dieser Pandemie schlicht weg nicht statt, weshalb nun interessant sein wird, wie deutlich die Worte ausfallen werden, wenn die ersten Erkenntnisse der Pandemie am 16. Juni bei der Innenministerkonferenz Thema sein werden. Wie in der letzten Woche bereits erwähnt, fordern mindestens sechs Bundesländer bereits deutlich mehr Performance vom BBK, als wir dies bislang wahrnehmen konnten.

Am vergangenen Mittwoch haben sich 16 Teilnehmer online zum ersten „Think Tank Bevölkerungsschutz“ zusammengeschaltet, um ebenfalls erste Eindrücke und Fragestellungen zusammenzutragen, die sich aus den letzten 15 Monaten ergeben haben. Einigkeit bestand darin, dass Katastrophenschutz Ländersache bleiben wird und das auch gut so sei. Alle Teilnehmenden haben sich jedoch auch dafür ausgesprochen, dass die zukünftige Rolle des BBK beschrieben werden muss, sollte es erneut zu Lagen kommen, die gleich mehrere Bundesländer oder gar die gesamte Bundesrepublik betreffen.

Bei den zahlreichen länderübergreifenden LÜKEX – Übungen (Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung (EXercise)), die vom BBK organisiert wurden, nahm das BBK in der Vergangenheit immer die zentrale Stelle ein, die auch einen umfänglichen Lageüberblick lieferte. Innerhalb des bisherigen Pandemiegeschehens gab es jedoch keinerlei Beitrag vom GMLZ (Gemeinsames Melde und Langezentrum) des Bundes, welches vom BBK verantwortet wird.

Anders als bei den alljährlichen Frühjahres- und Herbststürmen, fand die Pandemie in den Lageberichten des BBK schlicht nicht statt. Auch das wurde von den 16 Teilnehmenden des ersten „Think Tanks Bevölkerungsschutz“ als mindestens befremdlich beschrieben.

Als ebenfalls befremdlich wahrgenommen wurde die hier auch schon beschriebene Kreativität in den Ländern, sogenannte Großschadenslagen in die Ländergesetzgebung aufzunehmen, um die Vokabel Katastrophe zu vermeiden. Zahlreiche bestehende Schutzkonzepte und –Vereinbarungen wurden in den zurückliegenden Monaten schlicht ignoriert und niemand mit politischer Verantwortung hat eingefordert, dass bestehende Handlungs- und Kooperationsverpflichtungen greifen müssen. Hier muss sicherlich geklärt werden, was die Triebfeder war, geltende Regelungen zu ignorieren und beim BBK für einen absoluten Bild- und Tonausfall zu sorgen.

„Think Tank Bevölkerungsschutz“

Wenn sich die Teilnehmerrunde des ersten „Think Tanks Bevölkerungsschutz“ am 23.06.2021 erneut online versammelt, wird es sicherlich interessant sein, welche Inhalte bei der Innenministerkonferenz am 16. Juni bereits behandelt und bekannt wurden. Zusätzlich muss sicherlich geklärt werden, was eine Katastrophe, auch auf Bundesebene, ist und ab wann bestehende Konzepte verbindlich berücksichtigt werden müssen.

Die Trennung von Zivilschutz als Bundesaufgabe und Katastrophenschutz als Länderaufgabe muss dringend neu beschrieben werden, da es zahlreiche Szenarien gibt, bei denen Bund und Länder, inklusive zahlreicher Ressorts, die es einzubeziehen gilt, zukünftig gefordert sein werden, um Lagen beherrschbar zu gestalten.

Neben einer zu regelnden Kooperation zwischen Bund und Ländern, hat diese Pandemie aber auch gezeigt, wie wichtig es ist, die Resilienz innerhalb der Bevölkerung zu stärken, da die Selbsthilfebefähigung auch extremen Einfluss darauf hat, wie gut notwendige Maßnahmen durch Verantwortliche vermittelbar sein werden. Mangelsituationen sind in Katastrophen schlicht unvermeidbar, weshalb die Bevölkerung immer für eine gewisse Zeitspanne mehr oder weniger Verzicht auf sonst alltägliche Dinge üben muss.

Mein Eindruck ist, dass sich neben der hier erwähnten Teilnehmerrunde des „Think Tanks Bevölkerungsschutz“, über den der beim Termin anwesende Vertreter eines Fachblattes sicherlich fachkundiger berichten wird, als ich das hier der breiten Leserschaft zumuten möchte, auch eine zunehmende Zahl von Bevölkerungsschützern in ihren Regionen auf die Bundes- und Landespolitiker in den Wahlkreisen zugehen wird, um die noch frischen Eindrücke in das zukünftige politische Handeln einfließen zu lassen.

Ruhrbarone: Herzlichen Dank für den kleinen Blick in die Glaskugel, wenn es um die Fortschreibung und Anwendung von Konzepten des Katastrophenschutzes geht, die nun sicherlich anstehen werden. Da dies nun unser letztes Interview in dieser Reihe sein wird, frage ich Sie ausdrücklich nach ihrem persönlichen Fazit zu den nun 60 gemeinsamen Interviews rund um die Pandemie und die Rolle des Katastrophenschutzes.

Memmeler: Zu Beginn hätte ich niemals gedacht, dass es insgesamt 60 Interviews werden würden. Die aktuellen Meldungen, die jeden Tag aufploppen, ließen sicherlich noch zahlreiche weitere kritische Beschreibungen zu. Ebenso steht zu erwarten, dass hoffentlich noch sehr viel aufgearbeitet wird, was sich in dieser Pandemie mindestens als fragwürdige Entscheidung entpuppt hat.

67 Millionen durch das Bundesgesundheitsministerium beschaffte Schutzmasken mit zum Teil mangelhafter Qualität, die mitunter absurd hoch vergütet wurden, werden wahrscheinlich nicht nur wegen der anhängenden Klagen von Händlern, die auf Bezahlung warten, noch länger ein Thema sein. Gleiches gilt auf der Länderebene, wo zum Beispiel in NRW der Abgeordnete Kämmerling von der SPD die Landesregierung mit unangenehmen Fragen zu Maskenbeschaffungen durch das Land NRW konfrontiert hat.

Wahrscheinlich böten die bald anstehenden Sommerferien wieder ausreichend Themen zur Diskussion, wie es auch schon im vergangenen Jahr der Fall war. Gleiches gilt wohl auch für den Reformwillen, endlich eine tarifgebundene Vergütung für Pflegekräfte zu ermöglichen, die einen solchen Namen auch verdient.

Als persönliches Fazit hoffe ich, dass wir hier vielen Menschen zeigen konnten, wie leicht der Zugang zu Drucksachen des Bundes und der Länder ist, um sodann kritische Fragen formulieren zu können, denn Demokratie lebt von der aktiven Beteiligung möglichst vieler und das Internet beinhaltet nicht nur Koch- und Schminktipps auf Youtube.

Schön aber auch bedenklich fand ich die vielen persönlichen Nachrichten, in denen zum Ausdruck gebracht wurde, dass man sich freue, dass unliebsame Wahrheiten offen angesprochen werden, man sich aber selbst, aus den unterschiedlichsten Gründen, nicht traue, diese zum Beispiel im eigenen Facebookprofil zu teilen. Diese Furcht vor eventuell kritischen Kommentaren zeigt, wie wichtig es ist, dass die Mehrheit nicht schweigt, wenn sich eine verwirrte Minderheit extrem lautstark artikuliert, um durch Einschüchterung und Hetze eigene Ideologien platziert zu wissen, weil zu viele schweigen und dadurch den Falschen unnötig viel Raum in der öffentlichen Wahrnehmung ermöglichen.

Nicht vergessen möchte ich, dass unsere gemeinsamen Interviews dafür gesorgt haben, dass ich persönlich für mich den Eindruck hatte, der Pandemie nicht tatenlos begegnen zu müssen, sondern, wenn auch nur im kleinen Rahmen, etwas dazu beitragen durfte, das eine oder andere für manch einen Mitmenschen nachvollziehbarer zu machen. Herzlichen Dank an die Ruhrbarone, dass ich dazu so ausführlich Gelegenheit erhalten habe.

Nun bin ich gespannt auf meine persönliche neue Normalität an den kommenden Wochenenden, danke vielen Leserinnen und Lesern für ihre konstruktiv kritische Begleitung und drücke uns allen die Daumen, dass sehr schnell noch mehr Normalität möglich sein wird, weil ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht. Ich wünsche den Ruhrbaronen und Ihnen allen einen wundervollen Frühling und einen befreiten Sommer.

Ruhrbarone: Herzlichen Dank für Ihre Geduld und ihren Langmut, Herr Memmeler.

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2 Kommentare

  1. #1 | Robert Müser sagt am 30. Mai 2021 um 13:30 Uhr

    Ein großes Dankeschön für diese Interviewreihe.

    Ich bedauere es sehr, dass dieser durchaus kritische Blick auf unsere politischen "Corona-Helden" nicht fortgesetzt wird. Es gäbe da durchaus noch Potential für eine weitere kritische Begleitung.

    Bleiben Sie gesund!

  2. #2 | Magnus Memmeler sagt am 30. Mai 2021 um 17:16 Uhr

    Herzlichen Dank Dank für die wohlwollende Begleitung Herr Müser. Drucksache 19/28727 dürfte nach der Veröffentlichung im Bund interessant sein. Rechts-, Versorgungs- und Produktsicherheit bei der Maskenbeschaffung durch den Bund.
    Vorerst ist es mit den Interviews genug, da die Familie nun die neuen Freiheiten auch gemeinsam erleben möchte und die Bearbeitung von zum Teil sehr queren Kommentaren nicht nur Zeit kostet.
    Ich drücke uns allen die Daumen, dass das Impfen nun flott weiter geht und Mutationen, wie die aus Vietnam, beherrschbar bleiben.
    Schönen Sommer und weiter kritisch bleiben.
    M.M.

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