Corona und Katastrophenschutz: Tödlicher als der Straßenverkehr

CoVid in einer Bearbeitung von K. Gercek

Seit dem 15. März 2020 unterhalten sich die Ruhrbarone mit Magnus Memmeler.  Bis heute sind 35 Interviews entstanden, die auf den Katastrophenschutz blicken und auch die Corona-Krise nachzeichnen. Im 36. Interview geht es u.a. um den Wettlauf der Ministerpräsidenten, die hohe Zahl von CoVid-Toten und die vergessenen Retter.

Ruhrbarone: Letzte Woche beschlossen Bund und Länder schon, den sog. „Wellenbrecherlockdown“ zu verlängern. Daraufhin starten die Ministerpräsidenten einen wirren Wettbewerb, wie denn der Pandemie am besten begegnet werden kann. Söder rief den Katastrophenschutzfall aus. Die Infektionszahlen steigen aber weiter stetig und auch die Todesfälle signalisieren, dass der harte Lockdown unausweichlich ist. Was kommt nun auf uns zu und warum erst jetzt?

Memmeler: Mein Vergleich von „Querdenkern“ und Maskenverweigerern mit Amokfahrern hat einigen Lesern in diversen Foren nicht gefallen, da man sich eventuell sogar selbst angesprochen gefühlt hat. Die Wahrheit ist aber nun mal, dass wir derzeit pro Woche mehr Corona bedingte Todesfälle haben, als Verkehrstote im gesamten Jahr 2019.

Am Freitag begann unser Tag damit, dass uns die Nachrichten mit der Meldung von 29.875 Neuinfektionen und 598 weiteren Todesfällen innerhalb von nur 24 Stunden in einen turbulenten Freitag entließen. Black Friday am 11.12.2020 und das Virus gönnte uns keinen Rabatt.

Einzig die Meldungen aus den diversen Staatskanzleien ließen am Freitag einen Vergleich mit der Werbeschlacht zu, die uns im November noch dazu aufgefordert hat, uns in den Innenstädten zu versammeln, um Unterhaltungselektronik für die Quarantäne zu erstehen, die wir uns sodann durch intensive Kontakte in Elektronikfachmärkten redlich verdient haben.

Selbst Armin Laschet, der uns stets dazu auffordert, verantwortungsvolle Normalität zu leben, kam nicht mehr umhin zu begreifen, dass es so nicht weitergehen kann, wenn wir 2021 mit unseren Lieben Weihnachten feiern wollen und das Gesundheitswesen nicht kollabieren soll.

Leider blieb man sich in Düsseldorf, aber auch andernorts, treu und verkündete viel „eventuell“. Das auch noch so spät, dass zum Beispiel betroffene Schulen nicht mehr reagieren konnten.

Ruhrbarone: 2020, meinen Sie?

Memmeler: Nein. Sie haben schon richtig gehört. Ich meine 2021. Weihnachten 2020 fällt in der von den Ministerpräsident-innen in Aussicht gestellten Form aus – außer man feiert in den folgenden Jahren lieber ohne seine Eltern.

Um zu verdeutlichen, wie ernst die Situation bereits ist, möchte ich einen kurzen Blick auf die angespannte Situation in den deutschen Kliniken werfen. Das Krankenhaus Rahden in Ostwestfalen schließt wegen Corona-Lage fast komplett, da das Personal die Corona-Stationen im Mindener Uniklinikum unterstützen soll.

Nach jetzigem Stand soll diese Personalgestellung nicht nur im Dezember helfen, um die Situation in Minden zu beherrschen. Für das Krankenhaus Rahden hieße das, dass stationär zu versorgende Patienten nach einem Arztgespräch in ein anderes der Krankenhäuser im Verbund der Mühlenkreiskliniken verlegt oder aufgenommen werden.

Berlins wichtigste Klinikkette und zugleich Deutschlands größter kommunaler Krankenhauskonzern warnt am Freitag vor Chaos im Gesundheitswesen. Nach Charité-Vorstand Kroemer befürchtet nun auch Vivantes-Chef Danckert einen Notstand in deutschen Kliniken.

 


Magnus Memmeler mit Maske Foto: Privat

Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutz-konzepten.

 

 


Wenn die Situation nicht außer Kontrolle geraten solle, teilte der Vivantes-Vorstand mit, müssen jetzt umgehend wirksame Maßnahmen ergriffen werden, nicht erst nach Weihnachten. Für alle Level 1 und 2 Kliniken in Berlin gilt die Anweisung von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), planbare Operationen zu verschieben, um die Versorgung aufrechterhalten zu können.

Offensichtlich sind die Hilferufe aus den Kliniken inzwischen laut und eindringlich genug, dass Bund und Länder begreifen, dass nun unmittelbar und auch konsequent gehandelt werden muss.

Vor diesem Hintergrund ist es doch einfach nur grotesk und peinlich, was wir in dieser Woche und an diesem Wochenende erleben. Michael Kretschmer, Ministerpräsident in Sachsen, verkündete den ab Montag geltenden Lockdown für Sachsen. Mit Blick auf den landesweiten Inzidenzwert von 421 (Berechnung freier Journalisten anhand der Meldungen aus Städten und Landkreisen) und landesweit an der Lastgrenze agierender Kliniken, blieb hier auch nichts anderes mehr übrig.

Bizarr ist jedoch, dass sich der Ministerpräsident für die verspätete Reaktion damit entschuldigte, dass der Politik die vom Virus ausgehende Gefahr im Sommer und im Frühherbst noch nicht klar gewesen sei. Wie bitte? Werden Medienbeiträge, die sich mit wissenschaftlicher Expertise auseinandersetzen in der sächsischen Staatskanzlei seit Monaten konsequent geblockt?

Nein, bundesweit haben wir einen neunmonatigen Wahlkampf erlebt, der von persönlichen Eitelkeiten geprägt war. Der zudem innerhalb eines Pandemiegeschehens schlicht brandgefährlich ist. Herr Kretschmer steht hier stellvertretend für all seine Länderkolleginnen und Kollegen, die wissenschaftliche Expertise bislang ignoriert haben und nun allesamt in hektische Betriebsamkeit verfallen.

Stellen Sie sich mal vor, es hätte keinen Streit um Beherbergungsverbote gegeben. Stellen Sie sich vor, alle Bundesländer hätten sich auf das Ferienende im Sommer vorbereitet und hätten die ruhige Phase im Sommer dazu genutzt, sich auf den Herbst vorzubereiten, vor dem alle Virologen und Epidemiologen gewarnt haben.

Von persönlichen Eitelkeiten geprägt

Wie beherrschbar könnte die jetzige Situation sein, wenn es keinen Länderwettstreit um möglichst wenige Schutzmaßnahmen gegeben hätte? Wie teuer wären die von Wissenschaftlern empfohlenen Schutzmaßnahmen gewesen und wie teuer kommt uns gerade das, was uns dieser Pfauentanz der Berufspolitik eingebracht hat?

Diese Kritik richtet sich im Übrigen nicht nur an die Regierenden, sondern auch an die Lindners dieser Welt, die zunächst alles als viel zu streng beschrieben haben, um jetzt zu klagen, dass man inkonsequent gehandelt hätte. Dieses verquere Verständnis von Oppositionsverantwortung hat auch zum Ist-Stand beigetragen.

Nun befinden wir uns aber nun mal in dieser sehr kritischen Situation und müssen sehen, wie wir daraus kommen. Deshalb ist es geradezu lächerlich, wenn Länderchefs nun sagen, dass mögliche Schließungen von Geschäften und weitere Maßnahmen davon abhängig gemacht werden, wie sich Bund und Länder am heutigen Sonntag einigen werden.

Entweder ist eine Schutzmaßnahme aufgrund der Lage vor Ort erforderlich oder eben nicht. Eine Schutzmaßnahme kann in einer Pandemie aber niemals davon abhängen, wie gefällig diese Maßnahme einem anderen Bundesland ist.

Wenn hektische und unvorbereitete Maßnahmen, wie aktuell in NRW, dazu führen, dass selbst der alte Mann aus Bayern, unser bislang völlig ausgebremster Bundesinnenminister, begreift, dass eine Pandemie (Katastrophe) eigentlich in seinen Zuständigkeitsbereich fällt und deshalb den harten Lockdown fordert, zeigt das doch, das eine solch hochkomplexe Lage nicht durch Staatskanzleien geführt werden sollte.

Ruhrbarone: NRW reiht sich nun auch ein und befürwortet den Lockdown. Was sagen Sie denn dazu?

Memmeler: Schulleiter, Eltern und Bürgermeister-innen kritisieren in NRW und auch andernorts zu Recht, dass an einem Freitagmittag Beschlüsse verkündet werden, die ab dem darauf folgenden Montag Gültigkeit erlangen sollen, durch die Betroffenen aber nicht mehr koordiniert vorbereitet werden können.

Die Stadt Solingen und viele andere Städte fordern seit langem ein Schulkonzept, welches an die aktuellen Herausforderungen angepasst ist. Es wäre also Zeit genug gewesen, um angemessene Vorbereitungen zu treffen. Statt dessen verkünden Niedersachsen und nun auch NRW ein „alles kann und nichts muss“, welches die vor Ort handelnden hilflos zurück lässt, weil die Befreiung von der Präsenzpflicht bedeutet, dass die Schulleiter sich am Montag überraschen lassen müssen, wie viele Schüler-innen denn am Montag zum Unterricht erscheinen werden. Zusätzlich wurde den Schulleitungen die Chance genommen, die wenigen digitalen Lernmittel, die inzwischen vorhanden sind, an die Schüler zu verteilen, für die ab Montag gilt, dass der Unterricht ab Montag daheim stattfinden muss.

Für Kitas in NRW hat Herr Stamp noch zu Beginn der Woche verkündet, dass es zu keinerlei Betriebseinschränkungen kommen werde. Am Freitag forderte er dazu auf, dass Kitas den Notbetrieb aufrecht erhalten sollen und Eltern ihre Kinder nur in Kitas bringen sollten, wenn das erforderlich sei, um deren Aufsicht zu sichern.

Mit Verlaub, das klingt so, als ginge Herr Stamp davon aus, dass Eltern ihre Kinder nur in Kitas gebracht hätten, da sie so die Möglichkeit hatten, ungestört Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Das was NRW und viele andere Bundesländer jetzt so spontan beschlossen haben, hätte auch bereits zu Beginn der Woche verkündet werden können, um allen Betroffenen eine angemessene Vorbereitung zu ermöglichen. Stattdessen sorgt erneute hektische Betriebsamkeit dafür, dass die Akzeptanz gegenüber Schutzmaßnahmen nicht in dem Umfang erzeugt wird, wie sie von Nöten wäre.

Wir müssen heute also allesamt gespannt abwarten, ob es unserer derzeit sehr konsequent auftretenden Kanzlerin gelingen wird, die Ministerpräsident*innen zu möglichst konsequenten und auch einheitlichen Beschlüssen zu bewegen, die dazu beitragen, die Lage im Januar beherrschbar zu gestalten. Ich sage bewusst Januar, da sich die tagesaktuellen Zahlen immer erst mit zwei- bis vierwöchigem Verzug auf die Belegung von Intensivplätzen und Todesfallzahlen auswirken und wir davon ausgehen müssen, dass die heutigen Beschlüsse ab Mittwoch Wirksamkeit erlangen werden.

Ruhrbarone: Wie steht es aktuell um die Notfallversorgung? Da Sie diese bereits als kritisch beschrieben haben, interessiert uns die Durchhaltefähigkeit des Systems.

Memmeler: Am 07. Dezember wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) erstmals mehr als 500 SARS-CoV-2-Neuinfektionen unter Gesundheitsmitarbeitern binnen 24 Stunden gemeldet. Somit haben sich mittlerweile mehr als 30.000 Beschäftigte von Kliniken, Praxen und Rettungsdiensten mit SARS-CoV-2 infiziert.

Durchschnittlich infizierten sich seit dem 23. November fast 2.500 Gesundheitsmitarbeiter pro Woche mit SARS-CoV-2. Mehr als 1.000 der Beschäftigten mussten in einem Krankenhaus behandelt werden. Für 29 von ihnen endete die Infektion tödlich (Stand 27.November).

Hinzu kommen 22.000 Infektionsfälle bei Personal von Pflegeheimen und anderen „Einrichtungen zur gemeinschaftlichen Unterbringung“, beispielsweise für Asylsuchende oder Obdachlose, die wir in unserer Betrachtung nicht vergessen dürfen, da der Zusammenbruch dieser Versorgung sich unweigerlich auf die Belegungszahlen in Kliniken auswirken würde.

In diesem Jahr mussten bereits 711 SARS-CoV-2-infizierte Beschäftigte von Pflegeheimen stationär behandelt werden, verstorben sind 60 von ihnen (Stand 20.November 2020).
Aktuell meldet unter anderem die Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) gGmbH Auswirkungen des Pandemiegeschehens auf deren Betrieb.

Beim RKiSH handelt es sich um den größten kommunalen Rettungsdienst. Am 8. Dezember 2020 wurden drei Mitarbeiter der Rettungswache Norderstedt positiv auf das Virus SARS-Cov-2 getestet. Seit dem 10. Dezember 2020 liegen nun alle Testergebnisse vor. Von den durchgeführten Tests waren im Ergebnis 16 weitere positiv. Alle 23 betroffenen Mitarbeiter befinden sich in Quarantäne.

Unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung

Durch interne Umstrukturierung und Anordnung von Mehrarbeit, kann der Rettungsdienst im Zuständigkeitsbereich des RKiSH jedoch weiterhin aufrechterhalten werden – noch. Dererlei Beispiele gibt es bundesweit.

Im Gegensatz zu den auch extrem belasteten Pflegeberufen, arbeitet der Rettungsdienst stets unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung, was sich wahrscheinlich aber auch nur ändern lässt, wenn der Rettungsdienst, wie in aktuellen Tarifverhandlungen, endlich mal laut wird.

Am 08. Dezember hat es der Protest einiger Retter in Achim dann doch in die Lokalpresse und in kleinere Webmeldungen geschafft, als die Retter dort verkündeten, dass selbst Amazon sich großzügiger zeige, als der dortige Tarifpartner DRK. 1,9 Prozent mehr Lohn ab Mai 2021 bietet der Arbeitgeber – verbunden mit der unterschwelligen Drohung, die einmalige und durch das DRK finanzierte Corona-Sonderprämie von 600 Euro zu streichen, falls die Beschäftigten vom DRK-Rettungsdienst dieses Angebot samt weiterer 1,9 Prozent im darauf folgenden Jahr nicht akzeptieren. Hier muss man fast lobend anerkennen, dass das DRK in der Region bereit ist eine Prämie zu zahlen, die der Bund, wie berichtet, verweigert.

Rund 100 hauptamtliche Kolleginnen und Kollegen gibt es im Bereich Rettungsdienst des DRK-Kreisverbands Verden, zu dem die Stadt Achim zählt. Dieses Beispiel aus der beschaulichen Stadt Achim steht stellvertretend für derzeit bundesweit in der Verhandlung befindliche lokale Tarifverträge, da es auch im Rettungsdienst keinen allgemeingültigen Flächentarif gibt.

Die Mitarbeitenden im Rettungsdienst, wie auch das Intensivpersonal und andere Pflegeberufe, gehen auf dem Zahnfleisch und fühlen sich zunehmend verarscht und alleingelassen. Am 03. Dezember erreichte uns und die Rettungsdienstmitarbeiter*innen die Meldung, dass tausende Mitarbeiter von Abgeordneten des Bundestags offenbar einen steuerfreien Corona-Bonus erhalten werden. In den einschlägigen Rettungsdienstforen hat diese Meldung dazu geführt, dass zahlreiche Kolleginnen und Kollegen im Rettungsdient laut darüber nachgedacht haben, wie sie wohl auf die nächste Corona bedingte Ankündigung von Mehrarbeit reagieren sollen.

Der „Beschlussentwurf der STIKO für die Empfehlung der COVID-19-Impfung und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung (Version 0.7 vom 07.12.2020)“ haben dann das Ihrige dazu beigetragen, dass die im Rettungsdienstbeschäftigten sich und ihre Arbeit nicht mehr wertgeschätzt fühlen, da sie in der Liste der prioritär zu impfenden Personen in der drittletzten Gruppe auftauchen.

Welche Berufsgruppe im Gesundheitswesen versorgt einen Herzinfarktpatienten, ein Unfallopfer oder andere akut erkrankte Personen zuerst? Der Rettungsdienst. Und welche Berufsgruppe im Gesundheitswesen erhält seit Jahren und auch in dieser Pandemie die mit am geringsten ausgeprägteste Aufmerksamkeit? Ja auch der Rettungsdienst.

Seit der Verkündung des Notfallsanitätergesetzes im Bundesgesetzblatt am 27. Mai 2013 bekommt es die Politik nicht hin, die Kompetenzen der Notfallsanitäter*innen zu legitimieren, da die Politik sich, wie auch in dieser Pandemie, von Interessenvertretern treiben lässt, statt auf die Experten der Notfallmedizin zu hören. Der komplette Gesundheitsausschuss des Bundestages und die entsprechenden Landesgremien sollten sich mal 4 Tage Zeit nehmen, um mit den Björn Möhwalds aus Lippe, den Christian Jenders aus Dortmund und den Doc Caros aus Essen zusammen zu sitzen und sich über das Aufgabenfeld des Rettungsdienstes aufklären lassen, damit der Politik endlich klar wird, dass der Rettungsdienst schon vor Corona am Limit lief.

Die weitere Missachtung der Notfallrettung könnte sehr zeitnah dazu führen, dass der zur Auftragserfüllung erforderliche Idealismus sehr zeitnah aufgebraucht sein könnte. Zum Glück für unsere Gesellschaft, verfügt dieser Berufszweig über außerordentlich viel Verantwortungsbewusstsein, welches noch maßgeblich zur Durchhaltefähigkeit beiträgt.

Ruhrbarone: Bleibt zum Schluss zu fragen… Wie zeitnah kann die Massenimpfung der Bevölkerung beginnen und wie überbrücken wir die Zeit, bis Frühling und Impfung die Lage wieder beherrschbar machen?

Memmeler: Die Ministerpräsident*innen haben, wie eingangs beschrieben, lange gezögert, nun scheint der Ernst der Lage hoffentlich erkannt. Immer wieder wird dieser 10. Januar, ein Sonntag im neuen Jahr, als Datum benannt, bis zu dem wir unsere Kontakte effektiv einschränken müssen.

Es ist ist fraglich, ob die Inzidenzzahlen durch die heute zu beschließenden Maßnahmen bis zu diesem Termin wieder in den Bereich um die 50 Fälle je 100.000 Einwohner gedrückt werden können. Modellrechnungen der Universität des Saarlandes, die Ruhrbarone berichteten, deuten an, dass dieses Ziel nur schwer zu erreichen ist.

Ein Team aus Forscherinnen und Forschern der Uni um Thorsten Lehr, Professor für klinische Pharmazie, hat verschiedene Szenarien durchgespielt, um zu zeigen, wie sich die Lage bei welchen Schutzmaßnahmen entwickeln könnte. Die Empfehlung des Forscherteams lautet: Schulen steigen komplett auf Onlineunterricht um, und nur Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie Einrichtungen des Gesundheitswesens, wie zum Beispiel Arztpraxen, bleiben geöffnet.

Das Szenario mit den soeben beschriebenen Maßnahmen spielt durch, was geschähe, wenn diese schon vom 14. Dezember an gelten würden. Über Weihnachten und Silvester wären hierbei Lockerungen ausgeschlossen. Nur bei der Umsetzung dieses Szenarios wäre das Ziel von bundesweit nicht mehr als 50 Neuinfektionen in sieben Tagen je 100.000 Einwohner, bis zum 10. Januar eventuell realistisch.

Sollten Bund und Länder heute Maßnahmen beschließen, die weniger konsequent sind oder später greifen, müssen wir, laut des saarländischen Forscherteams, länger mit hohen Inzidenzen, hohen Todesfallzahlen und einschränkenden Maßnahmen leben.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die zwischenzeitlich für Mitte Dezember beginnende Massenimpfung sich auch verzögern wird. Zahlreiche Landkreise, Städte und Bundesländer verkünden, dass zahlreiche Impfzentren erst ab dem 04. Oder 05. Januar 2021 einsatzbereit sein sollen.

Beruhigend ist jedoch, dass die Bundesländer deutschlandweit mehr als 430 Impfzentren unterschiedlicher Größe planen. Zusätzlich sollen allein 19 Impfstationen vollständig durch die Bundeswehr betrieben werden. Großkonzerne werden sicherlich auch ihren betriebsmedizinischen Dienst einsetzen, um möglichst schnell viele ihrer Mitarbeitenden impfen zu können.

Damit alle Impfzentren möglichst schnell einsatzbereit sind, sind derzeit in NRW ca. 50% der Einsatzeinheiten des Katastrophenschutzes durch das Land freigestellt, um die Städte und Landkreise beim Aufbau zu unterstützen. In ähnlicher Form werden die Ehrenamtlichen, des Katastrophenschutzes derzeit bundesweit eingebunden.

Ohne Ehrenamt ist eben kein Staat zu machen. Für den Betrieb der Impfzentren, der sich über Monate ziehen wird, sollen die Hilfsorganisationen, die in privatrechtlichen Verträgen engagiert wurden, dann hauptamtliches Personal einsetzen, welches über Zeitverträge gewonnen werden soll.

Dieses Vorgehen wurde bundesweit bereits praktiziert, als es galt für hunderttausende Geflüchtete die Not der Obdachlosigkeit zu vermeiden, indem man schnell große Unterkünfte bereitstellte.

Problematisch wirkt sich derzeit jedoch aus, dass die Lieferketten Probleme bereiten könnten, da unter anderem DHL noch nicht über ausreichend geeignete Frachtkapazitäten verfügt, um den Impfstoff von Biontech transportieren zu können. Dieser muss nämlich extrem gekühlt gelagert werden.

Außerdem scheint sich der Zeitpunkt, an dem auch Hausärzte Impfen verabreichen können, deutlich nach hinten zu verschieben, da der hierfür geplante Impfstoff von Astra Zeneca (kann bei Kühlschranktemperatur gelagert werden, den Wirkungsgrad von 90%, laut der aktuellen Prüfung, nur bei der Gruppe von unter 55-jährigen Menschen erreicht. Astra Zeneca und die zuständigen Prüfbehörden haben sich deshalb auf weitere Prüfungen verständigt.

Es könnte auch der Impfstoff von Moderna in Arztpraxen eingesetzt werden. Hiervon stehen der EU bis März jedoch nur 20 Millionen Dosen zur Verfügung, die laut Impfkonzept wohl zunächst in Pflegeheimen eingesetzt werden dürften, um die Logistik der mobilen Impfteams nicht zu überfordern.

Zusätzlich dürfte die Organisation der erforderlichen Nachimpfungen und die Auswertung von eventuellen Nebenwirkungen erschwert möglich sein, da das Einlesen der Chipkarte (Krankenversichertenkarte) in den Impfzentren, laut Konzept von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, nicht vorgesehen ist.

Logistik durch Katastrophenschutz – keine Pannen

Stattdessen sollen in den Impfzentren die persönlichen Daten der Betroffenen separat erfasst und dann beim Robert Koch-Institut (RKI) zusammengeführt werden – eine separate Datensammlung also, die mit den Daten der gesetzlichen Krankenversicherung nur schwer und nur mit enormem Zeitverzug verknüpft werden kann.

Eine Umfrage bei den Gesundheitsministerien der Länder ergab außerdem, dass die Daten in den Bundesländern offenbar auch noch unterschiedlich erfasst werden sollen. Es könnten also auch noch Schreibfehler oder Zahlendreher vorkommen. Geimpfte wären so später kaum ihrer jeweiligen Krankenkasse zuzuordnen.

Hintergrund der Entscheidung von Spahn ist offenbar, dass bei einer Erfassung über die elektronische Gesundheitskarte die privat Versicherten nicht berücksichtigt wären. Millionen invalider Datensätze, weil die Privaten erneut eine Sonderbehandlung einfordern?

Ich wiederhole mich. Logistik des Katastrophenschutzes hätte viele Pannen vermieden, die bei der bisherigen Krisenbewältigung entstanden sind, weil Interessensvertreter zu viel Einfluss auf die bisherigen Entscheidungen ausüben konnten.

Bei all diesen nicht zuversichtlich stimmenden Nachrichten, müssen wir wohl auch in diesem Interview an die Vernunft unserer Mitmenschen appellieren. Das beste Beispiel, wozu unvernünftiges Handeln führen kann, ist derzeit der Organisator von Querdenken-Demos, der mit Corona auf einer Intensivstation landete und nun verstorben ist. Umso schlimmer, dass sich die AfD, wie aktuell in Hessen, immer noch gegen die Pflicht zum Tragen von Alltagsmasken einsetzt.

Hoffen wir darauf, dass uns die Politik, trotz aller bisherigen Erfahrungen, noch einen beruhigenden Ausklang an diesem 3. Advent beschert und wir am 10. Januar eventuell doch sagen können, dass wir es geschafft haben, auch wenn es extrem knapp war.

Ruhrbarone: Vielen Dank, bleiben Sie gesund und einen schönen Adventssonntag.

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7 Kommentare

  1. #1 | Robert Müser sagt am 13. Dezember 2020 um 15:59 Uhr

    An dieser Stelle wieder vielen Dank für die klaren Worte und der Bereitschaft hier regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen zu werden.

  2. #2 | Magnus Memmeler sagt am 13. Dezember 2020 um 17:49 Uhr

    Herzlichen Dank Herr Müser. Immer wieder gerne.
    Hoffentlich ist das irgendwann nicht mehr nötig.
    M.M.

  3. #3 | Gerald Mohn sagt am 13. Dezember 2020 um 17:54 Uhr

    Herr Memmeler, mit Ihrem profunden Wissen könne sie sicherlich die Frage beantworten, wie eigentlich die Covid-Lage in China zur Zeit ist. Man hört hierzu recht wenig in den Medien.

  4. #4 | Jupp Posipal sagt am 13. Dezember 2020 um 20:37 Uhr

    Wir erleben derzeit das traurige Ergebnis eines umfänglihen Staatsversagens. Wobei sich Medien weiterhin mit kaum sachlich "eingeordneten " CoVID-Hintergrundmeldungen überbieten, und damit über hektische Schlagzeilen jeden geneigten Leser genau da bieten war er zu hören hofft. Sachliche, neutrale oder abwägende Berichterstattungen haben gegen News-Formate im Doku-Soap-Format kaum Chanchen und oft nicht weit von Fake-News entfernt.
    Vor einem solchen Hintergrund fällt es der Landespolitik (weitgehend in Person der teilweise völlig hilflosen Ministerpräsidenten) ziemlich leicht, jede Woche jeweils neu formulierte Hoffnungen als tragfähige Pandemiekonzepte zu verkaufen. Wo waren denn in den letzten sechs Monaten die (Minister-)Apparate im Bildungs-, Gesundheits- oder Kommunalbereich, um sich auf mögliche Eventualitäten (nicht nur für die zweite Welle) vorzubereiten. Man könnte, man müsste und man sollte ist unverantwortlich für kommunale Gesundheitsämter mit Stift und Papier den Ergeignisse hinterherzulaufen, und dann nur Werktags ihre Strichlisten per Fax an wen auch immer weiter zu melden.
    Hoffentlich dürfen wir davon ausgehen, das wenn das Gesundheitswesen (oder das viel zu wenige Pflegepersonal) nur durch permanente Überlastung kollabiert; zumindest im länderzuständigen Katastrophenschutz "belastbare" Konzepte vorliegen, um dann unvermeidbare (zunächst nur punktuelle) Triagen in immer mehr örtlichen Krankenhäusern besser abfangen zu können.

  5. #5 | Magnus Memmeler sagt am 14. Dezember 2020 um 06:03 Uhr

    @Herr Mohn: Genaue Daten kenne ich nicht.
    Die Lage in China soll nach den recht rigiden Maßnahmen aber deutlich entspannt sein.

  6. #6 | Magnus Memmeler sagt am 14. Dezember 2020 um 06:06 Uhr

    @ Herr Posipal: Diese Form der „Kommunikation“ haben wir hier schon oft kritisiert.

  7. #7 | Berthold Grabe sagt am 14. Dezember 2020 um 13:12 Uhr

    Eien sehr gute schonungslose Darstellung massiven politischen Versagens auf allen ebenen.
    Insbssondere die Coronaprämie für Bundesbeamte ist auch in meiner Familie extrem sauer aufgestossen, in der sowohl Bundesbeamte (bekommen Prämie) wie Pflegepersonal (müssen unbezahlte Überstunden leisten bei zu geringem Gehaltniveau)) betroffen ist und sich alle einig waren, das diese Prämie schon fast korrupte Selbstbereicherung darstellt.
    Herr Memmeler hat sih hier meinen Respekt erworben durch die argumentativ sachliche Offenbahrung poltischer Unmfähigkeit und Versagens und den Konsequenzen die das hat.
    So das nur noch eine harter Lockdown als letzt Option verbleibt und eine mögliche katastrophe noch abzuwenden.
    auch Frau Merkel hat sich keine lorbeeren verdient, denn auch sie hat zu keinem Zeitpunkt rechtzeitig reagiert. Mit Ihrem Apell im allerletzten Moment nur aufzufordern die Notbremse zu ziehen ohne irgendwann überhaupt selbst die Verantwortung zu übernehmen ist auch kein Ruhmesblatt. Sondern nur eine verantwortungsfreies Raushalten.

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