0

Das Du als Schlüssel für eine neue Leichtigkeit des Seins

Michael Schmidt-Salomons Philosophie der Gelassenheit „Entspannt euch!“ in acht Lektionen.

 Wie findet man zu einem sinnerfüllten, glücklichen Leben? Der Schlüssel dazu ist laut Michael Schmidt-Salomon die Überwindung von Schuld und Scham sowie der Abschied von der Vorstellung des „grandiosen Ich“. Denn um ein gelasseneres Selbst zu entwickeln, muss man von seinem Selbst lassen können. Schmidt-Salomon zeigt auf, wie wir moralische Schuldgefühle überwinden und zu einer neuen Leichtigkeit des Seins finden, wie wir lernen zu ertragen, was wir nicht verändern können, und zu verändern, was wir nicht ertragen müssen. So dass wir die eigenen Fähigkeiten entfalten und einen tragfähigen Lebenssinn finden können.

Autor und Hintergrund

Michael Schmidt-Salomon promovierte 1997 mit dem Dissertationsthema „Erkenntnis aus Engagement. Grundlagen zu einer Theorie der Neomoderne“. Er ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller. Als Vorstandsvorsitzender der Giordano-Bruno-Stiftung, der „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“ verfasste er das 2005 erschienene „Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur.“ Darin skizziert er die Grundpositionen einer zeitgemäßen Kultur in der Tradition von Humanismus und Aufklärung. 2012 brachte er die Streitschrift „Keine Macht den Doofen“ heraus, in der er die Dummheit, als die Geißel der Menschheit durch die Geschichte hinweg als ihr größtes Übel und schlimmste Konstante brandmarkt. Um es mit den Worten von Joseph Beuys zu sagen: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“. Wenn das in der Gesellschaft nur so einfach wäre!
In „Die Grenzen der Toleranz“ warnt er 2016 vor der Bedrohung der offenen Gesellschaft durch die zeitgenössische Debattenkultur, in der Demagogen das gesellschaftliche Klima mit ihren vermeintlich einfachen Wahrheiten vergiften. Eine falsch verstandene Toleranz diesen gegenüber untergräbt die Fundamente der freiheitlich-liberalen Gesellschaft. Gegenüber Demagogen ist die Haltung der Toleranz grundverkehrt und vehemente Gegenwehr tut Not.

Sapere aude – wage zu denken!

Bei aller Verschiedenheit der oben kurz vorgestellten Werke, die wohlgemerkt nur einen subjektiven Ausschnitt aus dem bisherigen Gesamtwerk Schmidt-Salomons darstellen, ist allen das kant’sche „Sapere aude – wage zu denken“ inbegriffen. Selbst denken für eine zeitgemäße, humanistisch aufgeklärte Leitkultur, selbst denken, um offensiv gegen die Dummheit anzudenken und denken im Kampf gegen orthodoxe, fanatische Demagogen. Und jetzt sollen wir uns – so der Titel seines neuen Buches – dabei auch noch entspannen und eine Philosophie der Gelassenheit entwickeln? Wie das denn?

Entspannt euch – die Thesen

Um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, schauen wir uns zunächst seine Grundthesen an:

These 1:
Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelassenes Selbst. Die alternative Sicht auf die Welt macht uns zu entspannteren, humorvolleren und mutigeren Menschen. Diese Perspektive gibt uns das Phlegma, leichter zu ertragen, was wir nicht ändern können und die positive Energie, das zu verändern, was wir nicht ertragen müssen.

These 2:
Scham und Stolz sind Geschwister. Die Scham als Angst vor der Blamage und dem eigenen Versagen hemmt das eigene Leben, das dadurch unter den tatsächlichen Möglichkeiten bleibt. Der Stolz gebiert schnell Überheblichkeit, die wiederum dazu führt, dass der stolze Mensch sich im Überbietungswettbewerb der Leistungsgesellschaft des „Immerschnellerhöherbesserklüger“ misst und humanistische Werte wie Mitgefühl, Empathie und Hilfsbereitschaft vernachlässigt.

Die existentielle Frage lautet indes, „wie wir uns selbst als Menschen verstehen und wie wir uns als bewusstseinsfähige Wesen in dieser Welt verorten.“

These 3:
„Die Ursachen für unseren Erfolg oder Misserfolg liegen nur zu einem sehr geringen Teil in unserer eigenen Fähigkeit oder Unfähigkeit, sondern „in einem chaotischen Netzwerk von Milliarden und Abermilliarden Fakten, über die wir keine Kontrolle haben.“
Das klingt erst mal hinsichtlich der Umsetzung eigener Fähigkeiten desaströs, enthebt uns aber der Kontrollsucht. Das bedeutet eine neue Gelassenheit und damit Freiheit im Denken und Handeln für den Einzelnen.

These 4:
Persönliche Merkmale wie Schönheit oder Intelligenz sind genetisch bedingt und es gibt keinen Grund, sich darauf etwas einzubilden, weil es keine Leistung ist, schön oder klug zu sein.

„Stolz auf Intelligenz ist kein Zeichen von Intelligenz.“

Spätestens jetzt werden viele Intellektuelle aufschreien und fragen: „Moment mal, was ist denn mit meiner intelligiblen Leistung, mir bis zur Halskrause Bildung, Wissen und Erfahrung angeeignet zu haben?“

„Wir sollten begreifen, dass jeder von uns nur der sein kann, der er aufgrund seiner Anlagen und Erfahrungen sein muss.“

Das Selbst wird also im hohen Maße von Faktoren bestimmt, die wir nicht selbst bestimmen konnten. Heißt aber auch, dass es entscheidend ist, „ob man bereit ist, hart genug an sich zu arbeiten, um die Ziele zu erreichen, die man sich gesetzt hat.“, damit sind Bildung, Eifer und Disziplin auf der Suche nach neuen Erfahrungshorizonten gemeint. Es geht nicht so sehr darum, was man von der Natur mitgegeben bekommen hat, sondern, was man daraus macht. Training, Fleiß und Ausdauer sind hierfür die Schlüssel. Oder, wie Edison es einmal sagte:

„Genialität ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“

Man darf sich durchaus darüber freuen, wenn man mit seiner persönlichen Bilanz zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommt, aber man sollte sich eben nichts darauf einbilden, sondern bescheiden bleiben und Dankbarkeit empfinden.

Schmidt-Salomon analysiert den Zusammenhang zwischen Ichbildung und Gehirn und kommt zu dem Schluss:

„Das ‚Ich‘ ist eine Konstruktionsleistung des Gehirns. (…) In Wahrheit aber ist das ‚Ich‘ ein Trugbild, das von Abermillionen kleinster Subprozesse im Gehirn hervorgerufen wird.“

Mein „Ich“ manifestiert sich aus Subprozessen in meinem Gehirn. Das ist natürlich für das individualistisch geschulte Ich ein harter Brocken, schwer zu akzeptieren. Doch diese Erkenntnis beinhaltet auch Chancen: Wenn wir unser Ich nicht mehr so ernst nehmen wie bisher, sondern als „virtuelles Theaterstück“ begreifen, dann müssen wir uns selbst nicht mehr so ernst nehmen. Wenn wir uns bewusst werden, dass wir keine Chance hatten, die Fehler unserer Vergangenheit nicht zu machen, sondern tun mussten, weil wir unter den gegebenen Bedingungen gar keine andere Wahl hatten, dann erlangen wir die „Freiheit des Tuns“:

„Frei zu sein, das bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können, als das, was man will. (…) Wir sind frei, wenn uns weder innere noch äußere Zwänge davon abhalten, unseren Willen in die Tat umzusetzen.“

Mit Schopenhauer gesprochen: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.“, dieses Zitat benennt Schmidt-Salomon als Trost und Quelle der Toleranz. Dieser Haltung der Demut, stellt er die Trumpsche Perspektive gegenüber, in der das eigene Ich unverrückbar und majestätisch im Zentrum der Welt steht. Ich persönlich nenne es mal den frei flottierenden Narzissmus im kolossalen Endstadium. In diesem Trumpiversum sind alle Erfolge auf das eigene grandiose Selbst zurückzuführen. Natürlich unterliegt dieses ‚Ich* dem chronischen Zwang, seiner Mitwelt immer wieder aufs Neue die eigene Brillanz zu beweisen. Kritik von außen hat hier keine Platz, jede Handlung muss mindestens im Triump enden.

Die Einstein’sche Perspektive nimmt das ‚Ich‘ nicht mehr so ernst, schaut nicht auf diejenigen herab, die es nicht soweit gebracht haben und muss auch niemandem mehr die eigene Großartigkeit beweisen. Das ist der Schlüssel dafür, die Mitmenschen nicht als Gefahr, sondern als Chance zu sehen, mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren und Kritik nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern als Geschenk, um sich selbst und den anderen leichter zu vergeben:

„Es kann dir paradoxerweise gerade dadurch zu einem starken Ich verhelfen, dass du das Konzept des starken Ichs überwindest.“

Wer anderen vergeben kann, kann auch sich selbst vergeben, empfindet zwar Reue, aber keine Schuldgefühle, denn diese destruktive Emotion steht der persönlichen Weiterentwicklung diametral entgegen. Sie torpediert nämlich das eigene „Ich“.

„Wenn du dich nicht mehr schuldig fühlst, der zu sein, der du bist, fällt es dir leichter, der zu werden, der du sein könntest.“

Um es mit Thomas Alva Edison zu sagen (auf den sich Schmidt Salomon ebenfalls bezieht):

„Erfolg ist ein Gesetz der Serie und Misserfolge sind Zwischenergebnisse. Wer weitermacht, kann gar nicht verhindern, dass er irgendwann auch Erfolg hat.“

Wenn man die Sache in den Vordergrund und die persönliche Eitelkeit – samt der Versagensangst – in den Hintergrund rückt, erlangt man die Ausdauer und Lernfähigkeit, die zum Erfolg notwendig ist.

Die Kunst der Vergebung

Der Kunst der Vergebung als dem „Du“ zugewandte Lebenshaltung widmet Schmidt-Salomon die vierte Lektion:

„Wenn wir die Welt mit den Augen des Anderen sehen, begreifen wir seine Motive, verstehen die Gründe und Abgründe seiner Existenz.“

Wer Anderen vergibt, gewinnt selbst, kann die Vergangenheit loslassen und
sich auf das Hier und Jetzt sowie die Zukunft konzentrieren. Die Vergebung gegenüber dem Anderen bedeutet nicht, dass dieser nicht Verantwortung für seine Taten übernehmen oder nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden müsse.

Ein unmoralisches Angebot

In Lektion fünf „Ein unmoralisches Angebot“ differenziert der Autor die Begriffe „Moral“ und „Ethik“

„In der Moral geht es um die subjektive Bewertung von Menschen auf der Grundlage tradierter Vorstellungen von Gut und Böse, Schuld und Sühne; in der Ethik hingegen um die objektive Bewertung von Handlungen anhand des Maßstabs, ob sie die Interessen anderer angemessen berücksichtigen, oder nicht.“

Der Sinn des Lebens

In Lektion sieben kommen wir nun zum Kern der Gelassenheitsphilosophie: Über einen Verweis auf Nietzsches gottloses Universum und der Schlussfolgerung, dass unser Leben für den Kosmos bedeutungslos ist, gelangt der Autor zu dem Ergebnis:

„Es kommt nämlich gar nicht darauf an, ob unser Leben in diesem Universum einen Sinn an sich hat, entscheidend ist vielmehr, ob es einen Sinn für uns hat.“

Sinn meint in diesem Zusammenhang aber gerade nicht den kognitiven Sinn oder intellektuellle Fähigkeiten:

„Sinn entsteht durch Sinnlichkeit. Ohne die sinnliche Wahrnehmung von Wohl und Wehe, Lust und Leid gäbe es gar keinen Sinn.“

Über die Epikuräer und ihre logische Maxime des „Carpe diem“  legt der Autor auf die Menschen, die es in besonderer Weise geschafft haben, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Es gibt drei Strategien, um seinem Leben Sinn zu geben.. Diese benennt der Autor anschließend.

Die Philosophie der Gelassenheit – ein Arbeitsbuch

„Entspannt euch!“ ist ein Arbeitsbuch. Schmidt Salomon erläutert selbst, dass er diese „neue Leichtigkeit des Seins“ bereits in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ geschildert hat. Das ist das philosophische Fundament des Entspannungsbuchs. Ähnlich wie Schopenhauer (auf den sich der Autor dezidiert beruft), der seine Überlegungen zur „Welt als Wille und Vorstellung“ in den allgemein verständlichen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ herunterbrach, stellt „Entspannt euch!“ die Grundaussagen aus „Jenseits von Gut und Böse“ in einer einfach verständlichen und kompakten Form dar.

Acht Lektionen: Man kann diese angenehm kompakte Philosophie der Gelassenheit in einer Woche durcharbeiten. Am besten mit einem kleinen Notizbuch für Memos, Anmerkungen und um sich die Kernaussagen wiederholt aufzuschreiben, sich darin mental zu trainieren, sie zu internalisieren, um praktisch denkend an sich selbst zu arbeiten. Damit wird sich auch die Frage beantwortet, wie „Entspannt euch!“ im Gesamtkontext des bisherigen Werks zu bewerten ist.  Es ist ein praktisches Handbuch für die denkerische Arbeit des philosophisch interessierten Lesers an sich selbst. Dabei ist das Buch in so einer klaren und angenehm unprätentiösen Sprache geschrieben, dass man kein Philosophie-Diplom braucht, um es zu verstehen., Es liest sich angenehm, flüssig und geistig anregend.

Deshalb: Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Michael Schmidt-Salomon: Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit.
Piper 1. März 2019
160 Seiten, gebunden EUR 16,00
ISBN 13: 978-3492059503

RuhrBarone-Logo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.