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Das geht doch nie wieder weg…

Von außen sieht das Gebäude nicht besonders beeindruckend aus, Nachkriegsbau, wie in Hagen üblich, Waschbetonfassade, vierstöckig mit Ladenlokal im Erdgeschoß. Auf der großen Glasscheibe, die durch Lamellenvorhänge aus Siebzigerjahre-Arztpraxen gegen neugierige Blicke abgeschirmt wird, prangt in großen, roten Lettern der Schriftzug „Tattoo & Bodypiercing“. Auf dem Weg zum Ganzkörper-Tattoo. Von unserem Gastautor Sascha Bisley.

Wir schreiben das Jahr 1990. Zu dieser Zeit war ein solches Schaufenster noch eine echte Rarität und veranlasste viele Stadtbummler ihre Nase daran platt zu drücken um eine kleine, visuelle Kostprobe der dunklen Seite der Macht zu erhaschen. Eine Zeit ohne Mobilfunkgeräte für Jedermann, ohne „DSDS“ und „Next Top Model“. Eine Zeit, in der Facebook belächelt und ein Alkopop für einen Lutscher mit Fanta-Korn Geschmack gehalten worden wäre. Goldene Zeiten.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Als ich langsam, ja fast zaghaft, die klemmende Metalltür unter einem lauten Quietschen öffnete, kämpften Geräusche und Gerüche um meine Aufmerksamkeit. Das hochfrequente Surren der Tattoomaschine gepaart mit dem Rattern des Ultraschallgerätes machte mich neugierig und der Geruch der Trägerflüssigkeit für die Stencils ist mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Der Raum war recht groß und an Hässlichkeit eigentlich nicht zu überbieten, die Wände über und über bedeckt mit Tattoovorlagen aus vergangenen Zeiten, die heute wahrscheinlich teilweise gegen verschiedene Gesetze verstoßen würden, dazwischen eine Armada an alten Ledersesseln. Durchgefurzt, durchgesessen, durcheinander.

Ein kleiner, an den Ecken abgenutzter Schreibtisch versperrte mir den Durchgang zum zweiten Raum, dem Behandlungszimmer, aus dem mich die seltsamen Geräusche zu sich riefen. Nach einem kurzen „Hallo“ mit Fragezeichen kam hinter der Ecke ein Kopf zum Vorschein, der mir in einem englisch-deutsch Kauderwelsch zu verstehen gab, mich noch etwas zu gedulden. Weltmännisch kniff ich dem Tätowierer ein Auge zu und beschwichtigte meine lockere Reaktion mit einem angedeuteten Kopfnicken. Innerlich vibrierte ich förmlich und ich war mir nicht mehr so sicher was ich hier eigentlich wollte.

Vorgenommen hatte ich mir nur den Laden zu betreten und mich etwas umzusehen. Das hatte ich ja geschafft. Aber irgendwie beschlich mich das Gefühl hier nicht nur kurz einzumarschieren und nach Preisen und Terminen zu fragen. Ich kann es nicht genau beschreiben aber ich wußte, daß dieser Besuch heute mein Leben grundlegend verändern wird.

Als kleiner Junge sah ich bei einem Einkaufsbummel mit meiner Mutter in einem Sauerländer Tengelmann-Markt einen grobschlächtigen Typen mit einer blassgrünen Tätowierung auf seinem Unterarm, der Klassiker der Knast- und Kneipentattoos, ein Kreuz auf einem Hügel mit Strahlen drum herum. Unter einem seiner tiefliegenden, ausgebrannten Augen hatte er drei kleine Tränen tätowiert. Es war um mich geschehen. Eine Art Mischung aus Schock und Begeisterung durchfuhr mich und brachte mich dazu, meiner Mutter auf der Stelle mitzuteilen, daß ich nun den Entschluss gefasst habe, mich tätowieren zu lassen wenn ich groß bin. Und zwar zu 100%, überall, ohne Ausnahme, nur in schwarz statt blassgrün, wenn möglich.

Meine Mutter pendelte noch zwischen Schnappatmung und drohendem Zeigefinger hin und her als ich schon wieder losrannte um den geheimnisvollen Fremden weiter zu verfolgen, in der Hoffnung etwas mehr von dieser aufregenden Halbwelt geboten zu bekommen. Ich glaube, mir war damals schon bewußt, daß sich diese neu entdeckte Leidenschaft von anderen unterschied. Als Kind fand ich viele Sachen sehr interessant und begehrenswert, diese Tätowierungen allerdings ließen mich nicht mehr los und ich verfolgte seit dieser Zeit den Plan, meinen Körper mit Farbe zu übersäen. Ich war mir noch nie in meinem kurzen Leben sicherer das Richtige zu tun!

An meinem achtzehnten Geburtstag beschenkte ich mich selbst mit meinem ersten Tattoo. Ich wählte nur leider nicht den eben beschriebenen Laden in Hagen sondern entschied mich für die preisgünstigere Variante bei einem Bochumer Hinterhofstecher. Er hatte den Erker seiner siffigen Bude gegenüber des Bergbaumuseums in eine Art Tattoostudio umgebaut und ging dort mit umgebauten Kassettenrekordermotoren, die er mit Nadeln versehen hatte, ans Werk. Hunde liefen überall herum und aus den Boxen seines alten Ghettoblasters knallte schlechter Rechtsrock in meine Ohren.

Während der extrem schmerzhaften Prozedur klingelte es ständig an der Tür und immer dann schrie der Tätowierer laut nach seiner Freundin, die gefälligst die Tür öffnen solle. Gesichtstätowierte Skinheads, Grasdealer und Bochumer Vollzeitalkoholiker gaben sich hier die Klinke in die Hand, ich war eingeschüchtert und begeistert zu gleich. Es schien noch mehr Menschen zu geben, die einen ähnlichen Entschluss wie ich gefasst hatten. Jung und gut versorgt, am Anfang jeglicher Karrieren, ungeschliffene Diamanten und doch bereit einen Weg zu gehen, der nicht mehr revidiert werden kann. Fest entschlossen sich aus dieser sozialen Gemeinschaft auszuschließen, sich genau dort zu positionieren wo man sonst nur durch Schicksalsschläge landen würde. Am Rande der Gesellschaft. Es folgten viele weitere Termine, in denen ich mir die Haut färben ließ, immer das Ziel vor Augen irgendwann mal zu 100% bedeckt zu sein.

Schon verwunderlich wenn man bedenkt, daß in einer schnelllebigen Zeit mit eben solchen Menschen Dauerhaftigkeit eher selten geworden ist. Meine Interessen, Musikrichtungen, Kleidungsstile, Freunde und Wohnorte wechselten. Die Tätowierungen und, was noch viel wichtiger ist, die Leidenschaft dafür, blieben bis heute. Mittlerweile haben sich 26 verschiedene Tätowierer,Künstler, Freunde daran beteiligt meinen Körper zu circa 45% mit Farbpigmenten zu bedecken. Mein Rücken, meine rechte Hand, die Rückseite meiner Oberschenkel und mein Gesicht sind noch unbefleckt und warten auf ihre Bestimmung.

Ich bin 39 Jahre alt und wenn ich das mal hochrechne, dürfte ich mit circa 65 Jahren mein Ziel erreicht haben. Entgegen der Erwartungen meiner Mutter bin ich mehr oder weniger drogenfrei, kein Alkoholiker im medizinischen Sinne, bin berufstätig und in
den Knast wäre ich auch ohne Tätowierungen gekommen. So what?

Sicherlich ist es manchmal nicht gerade hilfreich wenn man eine Wohnungsbesichtigung macht oder einen Kredit bei der Bank möchte, wenn man in Restaurants mit Erwähnung im Guide Michelin oder auf einer Weinverkostung auftaucht aber das sind eher Einschränkungen, die den Rest der Gesellschaft betreffen. Ich fühle mich überall wohl und wer sich durch meine bloße Anwesenheit gestört fühlt hat halt ein Problem für diesen Abend. Es stört mich nicht, ja, ich genieße es manchmal geradezu. Andere kaufen sich ein Auto für 30.000€, eine Wohnung für 200.000€ oder machen eine Kreuzfahrt für zehn Mille bei der sie dann noch an Land schwimmen müssen, weil der Kapitän das letzte Rettungsboot gekapert hat. Ein Unfall, ein Erdbeben und eine Sandbank reichen um diese temporären Träume auszulöschen. Meine Tätowierungen hingegen bleiben bis an mein Lebensende bei mir.

Was kostet schon so wenig und hält so lange in unserer Einweggesellschaft, von Erkrankungen des Immunsystems mal abgesehen…?

Ich liege gerade bei einem Freund unter der Nadel, mein rechtes Bein schmerzt und die Haut ist nach zwei Stunden konstanter Stecherei sichtlich geschwollen und gereizt. Noch einen kleinen Fleck, dann ist es geschafft.

Goran wischt mit einem feuchten Tuch über meine Wade und sieht zufrieden aus. Ich auch. Nachdem er mein Bein in Folie gewickelt, das Geld den Besitzer gewechselt und die obligatorische Umarmung danach stattgefunden hat, verlasse ich glücklich das Tattoostudio. Ich sitze im Wagen, mein Bein brennt als ich die Pedale betätige und lässt mich seltsam lebendig sein. Ich fühle. Ich fühle mich. Ich fühle mich gut.

Nächsten Monat machen wir weiter….

Sascha Bisley betreibt das Blog Dortmund Diary.

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14 Kommentare zu “Das geht doch nie wieder weg…

  • #1
    Mirko

    Schöner Text. Fühlt sich lebendig an und nach einem Ziel. Und ich weiß aus Erfahrung, Herr Bisley ist eine Bereicherung für jede Guide-Michelin-Gesellschaft. Denn im Gegensatz zu vielen Menschen, hat er etwas zu sagen. Über das Leben und wie sich das anfühlt, das Leben. Das ist ein Geschenk!

  • #2
  • #3
  • #4
  • #5
    Nick

    Genial geschrieben, Fettes Kompliment an den halter der Feder…und der Nadel!!Bitte mehr davon, B E S T E !!!

  • #6
  • #7
    bangleb

    Das macht das Warten auf eine Veröffntlichung in Buchform von Mr. Bisley nicht einfacher! Meeeehr davon!!! Immer wieder wird man nicht enttäuscht, etwas von Dir zu lesen, die Vorfreude belohnt…

  • #8
    Arnold Voss

    Oooohmann, da kommt man sich ohne irgendein Tattoo geradezu erbärmlich vor. Geschmacklos, sinnlos, gefühllos ja geradezu leblos, um nicht zu sagen mausetot. 😉

  • #9
    Dietrich

    Müsste man beim Lesen die Augen schliessen, um sich alles vorzustellen wärs bei Bisley nicht nötig. Lesen und fühlen. Bin immer wieder überrascht.

  • #10
  • #11
    Andrea

    Selten hat es jemand geschafft, die Gefühlswelt bzgl. des Tätowierens so punktgenau in Worte zu fassen! Ich bin beeindruckt … mal wieder!

  • #12
    Ännsn

    Was soll ich sagen, es ist einfach interessant was und wie du schreibst. Bring endlich ein Buch raus, das wird ein Hit!

  • #13
    Thomas

    „gefühlsecht“ gibt’s nicht nur in Toilettenautomaten, sondern auch in Textform. Wie Mr. Bisley eindrucksvoll beweist. Große Klasse!!!

  • #14
    she_core

    Das waren noch Zeiten, in denen das Wort Respekt Bedeutung hatte. Vorbei, die Zeiten. Heute verwechseln pöbelnde Teens, Modepunks und PlugFleshtunnelhippster schonmal schnell ein Tattoostudio mit nem Billigbrötchenbetrieb. Ich habe 20 Euro und will billig. Los mach!

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