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Megastore, Dortmund. Raumaneignung, 1. Versuch: Das schweigende Mädchen

Copyright: Birgit Hupfeld

Copyright: Birgit Hupfeld

Der Megastore ist die Ausweichspielstätte des Schauspiels Dortmund während der anstehenden Renovierung. BVB-Ware wurde hier früher verkauft. Der Megastore ist kein Theater, eher ein Dach über dem Kopf, weiße Wände, ein grau lackierter Fußboden. Eine Tabula rasa aus Betonfertigteilen. Zwei weitläufige Hallen, aber keine Industriekathedrale wie die Bochumer Jahrhunderthalle, sondern nur sehr viel Raum in einer möglichst neutralen Hülle. Da kann man alles mit machen, eine Möglichkeitsfläche.
So einen Raum erstzubespielen ist Fluch und Segen gleichermaßen. Zum einen gibt es noch keinerlei Erfahrungen, was hier funktioniert und was nicht, zum anderen sind aber auch noch keine Ideen verbrannt, alles ist noch offen. Interessanterweise überließ Intendant Kay Voges die Erstbegehung des Megastore 1 dem Regisseur Michael Simon, statt selbst hier eine Marke zu setzen. Der Text freilich könnte besser kaum gewählt sein. Elfriede Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ über Beate Zschäpe hatte am 11.12. nicht nur gerade wieder ungeahnte Aktualität erhalten, sondern bietet mit der jelinekschen Offenheit der Textflächen auch jede Möglichkeit einer szenischen Umsetzung. Nicht Stücke seien ihre Texte, konstatierte die Literaturnobelpreisträgerin einmal, sondern Text-Steinbrüche, aus denen das Stück erst herausgehauen werden muss.
Michael Simon entscheidet sich für eine doppelte Nutzung des Raumes. Er lässt den Abend in einer Art szenischer Installation beginnen. Ein zerdrücktes Polizeiauto steht da, das macht schließlich etwas her, auf Wänden finden sich in riesigen Lettern Worte wie „Angst“ und „Wut“, ein Bergpanorama mit den Städtenamen der NSU-Tatorte, raumgreifendes Schwarz-Rot-Gold, Müllcontainer und zentral ein Leichensack. Ästhetisch bewegt sich das alles irgendwie zwischen Jonathan Meese und IRWIN. Zu letzterem Eindruck trägt sicherlich auch der dräuende Industrial-Soundtrack von Tommy Finke bei. Die sensorische Überforderung der Vorbilder bleibt allerdings aus, dazu ist der Sound zu leise und das Setting nicht assoziationsgetränkt genug oder auch zu gradlinig, zu frei von Irritationen. Die Zuschauer müssen sich stehend ihren Platz suchen und scharen sich bald in Kleingruppen um die Engel, die dort in Altpapiercontainern oder von Wänden herab beginnen, ihre Texte zu sprechen. Schon hier geht die Qualität einer solchen Installation flöten. Die Anforderung an den Zuschauer, selbst zu suchen und zu entscheiden, was ihm wichtig ist, ist weg. Auch die Gefahr, etwas zu verpassen. Viel zu schnell ist klar, dass man am besten bei seinem Engel bleibt, weil wohl alle den gleichen Text sprechen.
Im nächsten Schritt, wird das Zentrum der Installation zur Spielfläche. Ein wenig steht man dort im Kreis, als würde man in der Fußgänger-Zone einem Seifenblasenartisten zuschauen. Gelegentlich kommt etwas Bewegung in die Zuschauer, wenn mal ein Bühnenelement hin- und hergeschoben wird. Wer denkt da nicht an die frühen Arbeiten von La Fura dels Baus, da man noch von Motorsägen und Motorrädern durch die Halle gescheucht wurde. Nein, im Megastore geht es dagegen sehr gesittet zu.
Bemerkenswert an diesem Teil des nur knapp anderthalbstündigen Abends ist, dass der Jelinek-Text in diesem Setting so überhaupt nicht funktioniert. Dabei wirkt es so stimmig auf den ersten Blick, die kunstvolle Vielstimmigkeit des Textes, das Changieren zwischen hohem Ton und plattem Wortspiel, zwischen Gefundenem und Geformtem, die endlosen Wiederholungen und Variationen und die gewollte Überforderung in so eine Installation zu übertragen. Doch Simon wagt nicht den letzten Schritt, viel zu sehr inszeniert er noch eine brave Theateraufführung, stellt sogar Situationen und Szenen. Der Jelinek-Text wird dabei merkwürdig platt und agitprophaft. Erst als der Dortmunder Sprechchor sich dazugesellt, bekommt das Setting für einen kurzen Augenblick den Wumms, den es eigentlich die ganze Zeit haben müsste.
Doch dann geht es schon herum um eine Wand und die Zuschauer werden angetrieben auf einer Tribünen ihre Plätze einzunehmen.
Der zweite Teil ist klassisches Frontaltheater und hält einige bildmächtige Augenblicke bereit. Da ist der schwellköpfige Albtraum des Richters noch der schwächste. Doch als sich die Rückwand öffnet und zum ersten Mal den Blick in die gesamte Tiefe des Raumes frei gibt, als sich dort vor dem riesigen Altarbild die Schauspieler zur Verdoppelung der Kreuzigung formieren, wird zum ersten mal deutlich, wie viel Theater in diesem Raum möglich ist.

Marlena Keil, Merle Wasmuth, Friederike Tiefenbacher (Copyright: Birgit Hupfeld)

Marlena Keil, Merle Wasmuth, Friederike Tiefenbacher (Copyright: Birgit Hupfeld)

Und dann im letzten Drittel des Abends kommt auch Elfriede Jelinek zur Geltung. Frank Genser, Marlene Keil, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Friederike Tiefenbacher und Merle Wasmuth stehen verloren in diesem riesigen Raum und sprechen ganz allein gelassen ihre Texte. Einer nach dem anderen, konzentriert und mit einem tiefen Ernst, der auch die Wortspiele Elfriede Jelineks überlagert und die Dringlichkeit des Themas leuchten lässt. Und zutiefst schmerzlich wird es, wenn Elfriede Jelinek über sich selbst spricht. Darüber, dass dieses Schweigen von Beate Zschäpe für die Autorin, die nichts tut, sondern nur schreibt, eine unerträgliche Provokation darstellt.
„Das schweigende Mädchen“ ist ein erster Versuch, mit den Möglichkeiten, die der Megastore unzweifelhaft bietet, umzugehen, aber es bleibt ein Versuch, der vielleicht auch einfach von der Vielzahl der Möglichkeiten und zu wenig echten theatralen Entscheidungen zunichte gemacht wird.

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2 Kommentare zu “Megastore, Dortmund. Raumaneignung, 1. Versuch: Das schweigende Mädchen

  • #1
    Martin Kaysh

    Lieber Honke,
    richtig, Kay Voges hat die Theaterersatzhalle nicht persönlich erstbespielt. Die Sache am Freitag war aber auch eine schräge Stellvertreter-Arbeit.
    Michael simon ist immerhin jener Regisseur, der das Dortmunder Schauspiel mit seiner "Black Rider"-Inszenierung 1995 zum Berliner Theatertreffen brachte. Black Rider beruht auf dem Freyschütz, auf der Oper, die Kay Voges dann einen Tag nach der Megaeröffnung in Hannover auf die Bühne brachte.

    Michael Simon wiederum hat es hinter sich. sein Freyschütz kam 2013 in Bern raus. Schöne Zusammenhänge.

    Davon ab: Danke für Deine Kritik, habe jetzt viel verstanden von Raum, Jelinek, Tommy. Gern gelesen.

    Und

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