Der Intendant verlässt die Bühne

Theo Grütter Foto: Ralf Schultheiß Lizenz: Copyright


Ulrich Borsdorf hatte seinerzeit annonciert: „Das Ende naht“. Für Theo Grütter kommt der Abschied von Ruhr Museum und Zollverein nun Ende März 2026. Noch ist es nicht ganz real, aber Theo verlässt wirklich die Bühne seines bisherigen Wirkens. Und er verabschiedet sich in einer großen Feier, es wird – wie immer bei ihm – ein warmherziges Fest mit mehreren hundert Gästen. Von unserem Gastautor Dieter Nellen.

Wie hat alles begonnen? Zunächst absolvierte Heinrich Theodor Grütter nach dem Abitur ein klassisches Studium für das höhere Lehramt. Aus ihm hätte also ein „ordentlicher“ Studienrat werden können, vielleicht in Gelsenkirchen, seiner Heimatstadt, wo er 1957 geboren wurde und der (zusammen mit Schalke 04) er immer noch emotional verbunden ist. Sein Vater war dort Amtsarzt, Teile der Familie wohnen noch heute dort.

Aber die damals noch junge Ruhr-Universität Bochum mit deren Größen bundesdeutscher Historiographie ließ ihn nicht los. Dem Althistoriker Karl-Wilhelm Welwei dort diente er als studentische Hilfskraft und blieb „Karl-Wilhelm“ zeitlebens – fast wie ein Adoptivsohn – treu verbunden.

Nach dem glanzvollen Staatsexamen folgten Projekte bei den an der RUB residierenden Ausleuchtungsmeistern unterschiedlicher Geschichtsepochen und -cluster wie Ferdinand Seibt, Jörn Rüsen, Reinhard, Lucian Hölscher. Auch Hans Mommsen, der Doyen zur jüngeren deutschen Geschichte, war nah.

Institutionelle Transformation: Vom Ruhrland- zum Ruhr Museum

Theo Grütters eigentliche Zeit – nach kleineren Umwegen – begann dann 1992 am stadthistorischen Ruhrlandmuseum in Essen, wo er mit Ulrich Borsdorf einen kongenialen Vorgesetzten, Kollegen und einen bis heute guten Freund fand. Die Transformation des in städtischer Trägerschaft befindlichen Stadtmuseums (mit dem etwas aus der Zeit gefallenen Namen „Ruhrlandmuseum“) in ein europäisches Haus für die Geschichte des Ruhrgebiets – zudem an spektakulärem Ort in der Kohlenwäsche von Zollverein – ist das Verdienst dieser beiden charismatischen Begabungen der Generation „Ruhr Universitäten“.

Die Bestellung Theo Grütters zu Ulrich Borsdorfs Nachfolger 2012 war deshalb folgerichtig. Epochale Ausstellungen wie „100 Jahre Ruhrgebiet (2020), Das Zeitalter der Kohle (2018), 1914 – Mitten in Europa (2014), 200 Jahre Krupp. Ein Mythos wird besichtigt (2012)“ boten nicht nur Stoff und – neudeutsch gesprochen – Content im besten Präsentationsdesign, sondern historiographische Erzählungen im globalen Zusammenhang.

Bei den glanzvollen Eröffnungsreden von Theo Grütter lauschten die Spitzen aus Politik und Gesellschaft nicht nur dienstbeflissen, sie konnten etwas für sich mitnehmen. Alles in allem realisierte das Team von Theo Grütter über 50 Ausstellungsprojekte zu fast allen Themen der Ruhrgebietsgeschichte, eingebettet immer in ein universales Kommunikationsprogramm.

Das Ruhr Museum spielt mittlerweile in der ersten europäischen Museumsliga, setzt Maßstäbe für aktuelle Neugründungen. Nicht zufällig übertrugen die NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet und Hendrik Wüst Theo Grütter die programmatische Vorbereitung eines Geschichtsmuseums für das ganze Land.

In der Region selbst gehört das Ruhr Museum neben dem Museum Folkwang, der Villa Hügel in Essen, dem Baukunstarchiv NRW in Dortmund und dem Museum Küppersmühle in Duisburg zu den gesellschaftlichen Mittelpunkten der kulturell gestaltenden Szene. Wenn Theo Grütter ruft, kommt man dort aus gegebenem Anlass gerne zusammen.

Akademische Würden

Akademische Ehrentitel blieben nicht aus. 2013 verlieh die Universität Essen-Duisburg ihm (dort wie an der Ruhr-Universität Bochum hatte er jahrzehntelang einen Lehrauftrag inne) eine geschichtswissenschaftliche Honorarprofessur. In der Begründung des damals  Freiburger Historikers Franz-Josef Brüggemeier heißt es: „Es dürfte an deutschen Universitäten keine andere Person geben, die das Museums- und Ausstellungsgeschäft – von der Konzeption, über die Auswahl von Themen und Personen, der Präsentation, und technischen Umsetzung, Zusammenarbeit mit Ausstellungsarchitekten, Finanzierung, Öffentlichkeitsarbeit etc. bis zur Leitung einer großen Institution – so gut kennt“. Publizistisch übertrifft er manchen seiner Zunft: Die Anzahl seiner Veröffentlichungen könnte eine eigene Edition füllen. Sein Rat ist in zahllosen Gremien und Projekten gefragt.

Intendanz

Über die Jahre seines Direktoriums und Stiftungsvorstandes für Gesamt-Zollverein ist er vom reinen Museumsdirektor zum Intendanten, zum prägenden Gesicht von Zollverein geworden. Für dessen Bestand und Weiterentwicklung – in seiner Zeit kam auch das grandiose Schaudepot der Sammlungen hinzu – bedurfte und bedarf es eines Meisters wie ihn, und man hätte bei der leider erfolglosen Ansiedlung des Deutschen Fotoinstitutes vielleicht mehr auf seine Appelle für rechtzeitige Kompromisse hören sollen.

Theo Grütter verfügt, wir sind alle ein Teil davon, über ein riesiges Netzwerk, wobei dieser funktionsbezogene Begriff eigentlich nicht die warmherzige Authentizität seiner Freundschaft, Kollegialität und Geselligkeit, seinen Esprit und Humor im Umgang mit Groß und Klein trifft. All das ist weit entfernt von Schickimicki-Getue scheinbarer Nähe und Tiefe.

Wie es weitergeht

Noch ist Grütters Nachfolge nicht verbindlich bestellt, und wir können nur hoffen, dass es mit dem Ruhr Museum in dieser Klasse weitergeht. Eine Lösung zeichnet sich nach Um- und Abwegen an. Manches ist zu tun. Fachliche Expertise, Moderations- und Akquisitionsgeschick, enormer Fleiß sind auch weiterhin gefragt. Für das Ruhrgebiet war es ein Glücksfall, dass Hochbegabte und -motivierte wie Ulrich Borsdorf und Theo Grütter die Geschichte der Region zu ihrem Lebensthema gemacht haben.

Was wünschen wir nun Theo Grütter für die Zukunft: natürlich persönlich das Beste und dass weiterhin von ihm zu hören ist, wir ihm und Doro, seiner großen Liebe und Ehefrau trotz der vielen geplanten Reisen immer wieder begegnen. Vor einigen Jahren sind die beiden nach Essen gezogen, in die Nähe von Museum Folkwang, Kulturwissenschaftlichem Institut, Aalto Theater und Philharmonie.

Das ist eine gute Adresse für einen lebendigen Geist seines Kalibers in ruhigerer Zeit.

Ein Text aus demselben Anlass erscheint in Heft 1/2026 der Zeitschrift „Forum Geschichtskultur Ruhr“.

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