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Der lange Weg des Hannibal

Image: Rainer Knäpper, License: artlibre

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Die Mieter im Hannibal in Dorstfeld sind Kummer gewöhnt. Nachdem die DOGEWO im Jahr 2004 den markanten Gebäudekomplex verkaufte, kam das Leben dort nicht zur Ruhe:  Insolvenzen, Zwangsverwaltung und -versteigerung. Viele Versprechungen wurden gemacht, nur wenige eingehalten. Ein Mieterstammtisch bündelt nun den Frust der Bewohner die weiterhin auf bessere Zeiten hoffen. Von unserem Gastautor Mirko Kussin.

„Es passiert etwas! Das ist ja schon einmal nicht schlecht“, sagte Dr. Tobias Scholz, wohnungspolitischer Sprecher des Mietervereins Dortmund, beim 2. Mieterstammtisch Mitte Januar. Mehr als 30 Teilnehmer waren gekommen, um sich auszutauschen und gemeinsam den Druck auf ihren Vermieter zu erhöhen. „Aber es fehlt ein schlüssiges Konzept, wie es mit dieser Immobilie weitergehen wird. Sonst bleiben die begonnenen und dringend notwendigen Sanierungsarbeiten nur Stückwerk.“ Ein Appell, der sich direkt an die neue Eigentümerin des Hannibal, die Lütticher 49 Properties GmbH richtete. Ein Appell, der bereits auf einer Mieterversammlung im November 2012 verhallte. Ein Eigentümervertreter erschien trotz vorheriger Zusage nicht. Die beauftragte Hausverwaltung Dairos Property Management aus Berlin konnte ebenfalls kein Sanierungskonzept vorstellen.

 

Schöne Grundrisse

Zu tun gäbe es genug in dem Mammut-Bau aus dem Jahr 1972: Alufenster als Kältebrücken, Heizungen, die nicht warm werden und Aufzüge, die immer wieder ausfallen. Trotzdem wohnen viele der Mieter gern dort, denn, auch wenn man es von außen nicht vermutet, die hellen Wohnungen – auf anderthalb Geschosse angelegt – haben einen schönen Grundriss, große Fensterfronten und die riesigen Balkone bieten von den höheren Stockwerken aus einen überwältigenden Blick auf Dortmunds Wahrzeichen. Stadion, Westfalenhalle, das U, man sieht sie alle.

 

Michaela Schaumann wohnt seit Ende 2008 im Hannibal. Die 23-jährige Psychologiestudentin schätzt die Nähe zur Uni und die günstige Miete. „Also ausziehen will ich erst einmal nicht“, sagt sie kämpferisch. „Aber es kann nicht sein, dass die Mängel nicht behoben werden. Das Fenster ist von außen nicht richtig abgedichtet, Schimmel bildet sich in den Fensterleibungen. Im Bad sickert Wasser hinter die Badewanne ins Mauerwerk. Und immer wieder gibt es Probleme mit den Heizkörpern.“

 

Beim Mieterstammtisch ist die junge Studentin keinesfalls die einzige unter 30 Jahren. Es ist ein bunter Querschnitt durch die Gesellschaft: Rentner, die seit mehr als 20 Jahren im Hannibal wohnen, Singles, junge Paare, die erst vor ein paar Monaten einzogen und Studierende, die aus beruflichen Gründen bald wieder wegziehen. Entsprechend offen und modern ist die Kommunikation: Über eine Facebook-Gruppe tauschen sich die Bewohner auch außerhalb der Stammtischtreffen kurzfristig aus, stimmen sich ab, teilen Dokumente miteinander.

 

Eigenleistungen

Ilona Schaumann, die Mutter von Michaela, wohnt ebenfalls im Hannibal. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie eine Wohnung, oben im 16. Stock, mit viel Eigenleistung in ein Kleinod verwandelt. Naturstein im Bad, Baumwollputz an den Wänden, die Betonblumenwannen auf dem Balkon liebevoll mit zahllosen Mosaikfliesen beklebt. „Mehr als drei Jahre hat es gedauert, bis alles fertig war. Und es hat Tausende von Euros gekostet. Die Wohnung war komplett unrenoviert, als wir sie bezogen haben“, erklärt die staatlich geprüfte Betriebswirtin. Das Hauptproblem in dieser Wohnung: Die alten Alufenster sind eine Kältebrücke. Luftfeuchtigkeit schlägt sich an den Rahmen nieder, sie sind immer nass. „Wir hatten auch schon Raureif an den Rahmen, als es draußen richtig kalt war“, sagt die 50-Jährige und zeigt Fotos von den vereisten Fenstern. „Eigentlich kann man hier bei den Temperaturen gar nicht wohnen. Wärmer als 15°C wird es nicht. Mal heißt es, dass die Pumpe der Heizungsanlage zu schwach sei, dann sind es wieder die Thermostate, die verdreckt sind. Und jetzt sagte man mir, dass man zur Reparatur die komplette Heizungsanlage in diesem Gebäudeteil runterfahren müsse. Das ginge aber erst im März.“ Trotz allem lebt auch das Ehepaar Schaumann gern im Hannibal. „Wir wollten damals unbedingt diese Wohnung haben. Die Aussicht ist toll, und rund ums Haus sind Parks.“

Viele der Bewohner im Hannibal haben eine enge Beziehung zu diesem Moloch aufgebaut und wohnen seit vielen Jahren dort. Trotz aller Probleme. Dass die Situation rund um den 400-Wohneinheiten-Komplex noch nicht komplett gekippt ist, liegt auch an ihnen.

Der Hannibal in Dorstfeld ist ein ganzer Flickenteppich an Problemen. Probleme, die bereits in einem Gutachten zur Zwangsversteigerung dokumentiert waren. Die Höhe der reinen Instandsetzungsmaßnahmen wird dort mit mindestens 9 Millionen € beziffert. „Der Eigentümer wusste um die schwierige Situation des Hannibal. Nun muss er seinen Verpflichtungen auch nachkommen“, so Dr. Scholz. Die Erinnerung daran übernimmt der neue Mieter-stammtisch. Eine Erhebung aller Mängel wurde im Februar gestartet. Eine Pressekonferenz ist geplant.  (mik/ra)

 Crossposting: Der Text erschien bereits in der Zeitschrift MieterForum des  Mietervereins Dortmund.

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Ein Kommentar zu “Der lange Weg des Hannibal

  • #1
    Klaus Lohmann

    In den Achtzigern hatte ich ebenso ein Auge auf die schönen Grundrisse über mehrere Ebenen geworfen, aber da war der Hannibal für unsereinen einfach zu teuer. Würde mich ja brennend interessieren, was die DOGEWO so alles aus diesen nicht schlechten Einnahmen vom Hannibal in die eigenen Tasche bzw. in den Haushalt für völlig unsinnige Dortmunder Großmannssucht gesteckt hatte.

    Nunja, bevor man allgemein merkte, dass ein Alu-Fenster die Bausünde schlechthin für schimmelfreies, klimatechnisch gesundes und heizkosten-senkendes Wohnen ist, hatte die DOGEWO ihren damaligen Goldesel ja schon ohne große Investitionen abgestoßen – wirtschaftlich wäre das ungesund, haha.

    Aber zum Glück für die SPD in dieser Stadt gibt es ja diese „Heuschrecken“, denen man so schlimme, völlig unnötige oder unvorstellbare Sachen wie z.B. eine Heizungssanierung, die mit Dreck verbunden und natürlich nicht im Winter zu erledigen ist, in die Schuhe schieben kann.

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