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Die alltägliche Gefahr für Jüdinnen und Juden in Deutschland wird immer noch nicht ernst genug genommen

Die Neonazis Christian Meyer, Michael Brück und Lukas Bals auf einer antisemitischen Demonstration im Sommer 2014 in Dortmund.

Ein Neonazi versucht schwerbewaffnet in eine Synagoge zu stürmen um 100 Jüdinnen und Juden umzubringen. Er scheitert an den Sicherheitseinrichtungen und erschießt stattdessen eine Frau auf der Straße und einen Mann in einem Dönerimbiss. 100 Juden und Jüdinnen verdanken ihr Leben einer stabilen Tür. Fast wären sie die Opfer des grauenhaftesten antisemitischen Verbrechens in Deutschland seit der Shoah geworden.  Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern nach einem Bericht der Zeit sagte „in einem Land mit dieser Geschichte“ sei ihm das unvorstellbar zeugt von der Ignoranz vieler, auch des Bundespräsident,  gegenüber dem Antisemitismus. Viele jüdische Einrichtungen in Deutschland sind geschützt, was passiert, wenn sie es nicht, sind konnte man gestern sehen. Hätte die Polizei die Synagoge geschützt, der Täter hätte wohlmöglich gestoppt, die Morde verhindert werden können.

Keine Gruppe lebt in Deutschland, in ganz Europa, in vergleichbar großer Gefahr wie die Juden und Jüdinnen. Sie werden bedroht von Antisemiten der unterschiedlichsten Ausrichtungen: Neonazis und Islamisten wollen ihre Vernichtung und bekunden gegenseitig ihre Sympathien füreinander. In Schulen ist „Jude“ ein gängiges Schimpfwort, jüdische Kinder werden bedroht und geschlagen.

Diese Gesellschaft, dieser Staat, dulden es, das Antisemitismus  öffentlich ausgelebt wird:

Dortmund: Nazis ziehen, antisemitische Parolen rufend durch die Straßen.

Bielefeld: Nazi-Kundgebungen am Gedenktag der Reichspogromnacht wie in Bielefeld werden von Gerichten erlaubt, wenn die Polizei sie verhindern will.

Essen: Hetze gegen Israel, das einzige Land, in dem Juden sicher leben können, ist akzeptiert. Organisationen wie die MLPD, welche die antisemitische BDS-Bewegung unterstützen, sind anerkannte Bestandteile linker Bündnisse, bei denen auch SPD und Grüne mitarbeiten.

Hassdemonstrationen: 2014 demonstrierten Nazis, Islamisten und Teile der Linken gemeinsam gegen Israel, als es sich gegen den Terror der Hamas verteidigte. Kirchen geben ihre Räume für antisemitische Veranstaltungen und Ausstellungen her.

Ein Anschlag wie gestern in Halle war unvorstellbar? Steinmeier irrt, wie man nur irren kann. Würden die jüdischen Gemeinden nicht seit Jahrzehnten mit solchen Anschlägen rechnen, die Synagogen wären kaum so gut gesichert – und sie sind immer noch nicht gut genug gesichert.

Die alltägliche Gefahr für Jüdinnen und Juden in Deutschland wird immer noch nicht ernst genug genommen, Antisemitismus oft als „Israelkritik“ verniedlicht und die  Aufforderung zum Mord als Ausdruck der Meinungsfreiheit gewertet. Politik, Staat, Polizei, Gerichte, Staatsanwälte und die viel gelobte Zivilgesellschaft versagen beim Kampf gegen den Antisemitismus, der immer nur ein Ziel kennt: Die Vernichtung der Juden.

Antisemitismus ist eine mörderische Ideologie, die in verschiedensten Ausformungen daherkommt, mal ist sie gut zu erkennen, mal tarnt sie sich. Tödlich ist sie immer. Und sie gehört mit allen Mitteln bekämpft. Wer ihr den öffentlichen Raum überlässt, wer den Kampf  gegen sie nicht führen will, macht sie mitschuldig.

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6 Kommentare zu “Die alltägliche Gefahr für Jüdinnen und Juden in Deutschland wird immer noch nicht ernst genug genommen

  • #1
    Melly Flu

    Steinmeier, der seit Jahrzehnten die Innen- und Außenpolitik des Iran verharmlost und das Regime in Teheran hofiert, weiß sehr wohl, wie Anschläge auf Synagogen aussehen: nämlich wie der vom Iran finanzierte und organisierte Anschlag in Buenos Aires im Jahr 1994. Steinmeier, der Freund des Ajatollahs, ist wirklich der Letzte, der zum Thema "Anschlag auf Synagogen" Entsetzen und Mitgefühl heucheln sollte.

  • #2
    discipulussenecae

    Sehr geehrter Herr Laurin? Seit wann verzichten auch Sie "politisch korrekt" auf das generische Maskulinum? Und gibt es für Sie schlußendlich keine Antisemitinnen und Islamistinnen? Oder wollen Sie diesen Damen die Ehre einer "politisch korrekten" Daseinsberechtigung absprechen?

  • #3
    Werntreu Golmeran

    Hallo,

    da bin ich weitgehend mit einverstanden.

    Ich finde es auch gut und richtig, das Steinmeier und heute z. B. auch Laschet klare Worte finden und Zeichen setzen.

    Was bei Ihnen nur am Schluss kurz ankligt ist für mich aber ein zentrales Problem der derzeitigen Berichterstattung und Rezeption des Anschlags. Der Anschlag war nicht nur ein antisemitischer Anschlag. Er war ein Anschlag auf unsere pluralistische freie Gesellschaft, auf MultiKulti und auf alle ausländische Mitbürger, Migranten deren Freunde und auch Kunden.

    Die jetzige Solidarität mit unseren jüdischen Mitbürgern und ihren Gemeinden und Verbänden ist richtig und notwendig, und wenn man z. B. auf Halle sieht, in der Vergangenheit wahrscheinlich zu gering gewesen.

    Aber der gestrige Anschlag war auch der 10. "Döner-Mord". Eines der Opfer war wohl ein Kunde des Kiez Döners in Halle. Es war daher auch ein ausländerfeinlicher Anschlag und wahrscheinlich auch ein antimuslimischer. Die Aussage war klar:

    "Kauft nicht bei Ausländern!
    Kauft nicht bei Muslimen!"

    Das dies fast nirgendwo diskutiert wird, finde ich fatal. Es mag sicherlich medial gut zu verkaufen sein, wenn Herr Laschet heute die neue Synagoge besucht. Wenn er seinen Aufruf der vergangenen Tage, Flüchtlinge sollten sich vermehrt einbürgern lassen, ernst meint, wovon ich eigentlich ausgehe, wäre es von höchster Notwendigkeit, dass er in den nächsten Tagen symbolisch auch einen Dönerladen z. B. in Dortmund oder auf der Keupstrasse in Köln besucht
    Anderenfalls wird bei vielen unserer Mitbürger Mi "undeutschen" Wurzeln und ihren Freunden und Kunden ein bitterer Beigeschmack bleiben.

    Auch wenn es inhaltlich stimmt, dass Teile der AfD solchen Tagen mit Worten die Wege ebnen, darf nicht verschwiegen werden, dass es u. a. Frau Merkel war, die im Jahr 2010 ohne Not das angebliche Ende von MultiKulti verkündete. Von der Hand, mit der die CDU gerade auf die AfD zeigt, weisen mindestens 3 auf sie selbst und ihre Schwesterpartei CSU.

    Vielleicht schaffen es die Ruhrbarone ja eine Solidaritätsveranstaltung anzuleiern. Vielleicht am kommenden Samstag in Dortmund am Mehmet-Kubaşık-Platz. Wenn Herr Laschet kommt, würde ich mich freuen.

  • #4
    Yilmaz

    Klimademonstranten mit antisemitischem Schild:

    https://twitter.com/a_arbilly/status/1182261186022313984

    Unfassbar !

  • #5
    Emscher-Lippizianer

    Und für AKK ist es ja erstmal nur ein Alarmsignal, das man am besten in kohl’scher Manier aussitzt. Herrje, das Aufklärungsversprechen des Mädchens zu den NSU-Morden war nicht den Sauerstoff wert, der dafür verbraucht wurde. Warum sollte sich da etwas ändern?

  • #6
    Stadtzuhörer

    #2 @discipulussenecae

    ¿Antisemiten und Islamisten – Antisemitinnen und Islamistinnen?

    … etwa so wie: Bürgerschaft und Ratsleute!
    → Antisemitenschaft und Islamistenleute?

    Seneca: „Immer wenn ich Dich les, bin ich froh dass es Dich gibt!“

    (Ruhrbarone ist ein Antidot gegen den Völligen Vielfaltsverlust (VVV) in der Parteihochburg sowie Successor/ina/ess und anderen Stressoren und Stressorinnen).

    successoress – Wort mit 5 s

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